Als sie in Schwindel erregende Höhe aufgestiegen waren, drehte der Frarr in einer atemberaubenden Kurve ab, legte sich wie ein Segelflieger in den Aufwind und gab damit Skar die Gelegenheit zu fühlen, was passierte, wenn Arme, an denen ein ganzes Körpergewicht hing, erbarmungslos überdehnt wurden. Die Luft rauschte hörbar an ihnen vorbei und überdeckte den erstickten Laut, mit dem Skar seine letzten Kraftreserven mobilisierte, um sich endgültig hochzuziehen.
Kaum auf dem Rücken des fliegenden Ungeheuers angekommen, kämpfte er einen verzweifelten Moment lang um sein Gleichgewicht. Die glatten Schuppen des Drachen boten ihm kaum Halt und seine Stiefel rutschten ab, als er sich von der an einer Zacke befestigten Strickleiter auf den Rücken zu schwingen versuchte. Einen fürchterlichen Augenblick hing er fast frei in der Luft, zwischen Höhlendach und dem Schlund tief unter ihnen. Ein Sturz aus dieser Höhe würde absolut tödlich sein, doch die Vorstellung, in das schwarze Gewimmel unter ihnen hinabzustürzen, erschien ihm noch erschreckender.
Schließlich schaffte er es, sich auszubalancieren und sein rechtes Bein so weit zu überdehnen, dass er hinter dem Digger-Mädchen in einen Spalt zwischen zwei der scharfen Zacken auf dem Wulst des fliegenden Ungeheuers rutschen konnte. Esanna hatte sich mittlerweile so weit wie möglich nach vorne gelehnt und krallte sich bebend und zitternd in den Drachenschuppen fest; offenbar vermied sie es krampfhaft, in die Tiefe zu schauen. Bei Skar hingegen siegte die Neugier. Er legte Esanna beruhigend eine Hand auf die Schulter und starrte über die giftgrün glänzenden Drachenschuppen hinab in die Unendlichkeit.
Sie waren jetzt genau über dem Schlund. Für einen Moment nur hatte Skar freie Sicht in die schier unermessliche Tiefe des senkrecht nach unten verlaufenden Lochs, das wie ein gewaltiger Krater das Zentrum der Höhle ausfüllte. Aus dieser Höhe konnte er nicht das hektische Treiben auf den kreuz und quer laufenden Steinadern beobachten, aber er hatte dafür freien Blick in das Zentrum des Khtaám. Zuerst verstand er nicht, was er da sah; dann stieg ein leises Flüstern in ihm hervor und wurde immer lauter, bis er seine Botschaft verstand: Es sah aus wie das Auge eines Zyklopen, ein gigantisches, ovales Gebilde viele Meilen unter ihm, das ihn geradewegs zu beobachten und zu durchbohren schien. In seiner Mitte glitzerte es schwarz und böse, während es zum Rand hin heller und verwaschener wurde.
Aber es war kein Auge. Es war Wasser. Ein verfluchtes unterirdisches Meer, ein Strudel, der sich in wahnsinniger Geschwindigkeit drehte, Gischt schlagend am Rand und vom Sog im Zentrum in die Tiefe gedrückt; ein wie verrückt kreisendes Ding, aufgeputscht von Gewalten, die er nicht verstand, aufgewühlt von Strömungen, die er nicht sah - und doch war er sich sicher: Dieses Ding beobachtete ihn, dieses Etwas kreiste von Sekunde zu Sekunde schneller, voller Schmerz und Entsetzen, dass ihm sein sicher geglaubtes Opfer im letzten Moment entwischte.
DRITTER TEIL: Das elfte Buch
DRITTER TEIL
Das elfte Buch
3.1
Nachdem sie den Höhlenausgang hinter sich gelassen hatten, schraubte sich der Drache mit gewaltigen Bewegungen seiner Riesenschwingen immer höher und hielt auf die dünne Wolkendecke zu, als wolle er etwaige Verfolger abschütteln. Einen gewaltigen Flügelschlag später durchstieß er das feuchte Nass und dann breiteten sich die Wolken unter ihnen auch schon aus; ein flockiges Meer aus Zuckerwatte, durch dessen Lücken es grün und braun schimmerte. Nach Minuten, die Skar wie Stunden vorkamen, breitete der Frarr seine ledernen Flügel so breit wie möglich aus und vertraute sich den Aufwinden an, die ihn erst noch ein Stück höher gleiten ließen, bis sie ein entgegengerichteter Luftwirbel sanft und dann immer schneller hinab drückte. Sie durchstießen für einen kurzen Moment die Wolkendecke und schossen in eine beeindruckende frühmorgendliche Landschaft hinaus; doch bevor Skar Einzelheiten ausmachen konnte, tauchten sie erneut zwischen zwei Wolkenschichten ein - so als ob der Frarr ihren Schutz suchte, um sich möglichst unauffällig in eine friedvolle und unberührt wirkende Welt hineinzuschwingen Es war ein unglaublich erhabenes Gefühl, auf dem Rücken des jetzt friedlich gleitenden Drachens zu sitzen und das hinter sich zu wissen, was schlimmer als der schlimmste Alptraum war, der je einen Menschen aus dem Schlaf hochgeschreckt hatte. Sie durchstießen eine dichtere Wolkenschicht, die träge vor sich hin trieb und stießen hinauf in einen Bereich, in dem nichts war außer Sonne: Die flirrenden Strahlen spielten mit Esannas Haar, verliehen ihren dunklen, von Schweiß und Blut verklebten Haaren eine lichtdurchflutete Aura, die etwas Unwirkliches und Friedliches hatte wie der erste Frühlingstag nach einem harten Winter. Skar spürte den Wind auf seinen nackten Beinen und Esannas Wärme an seinen Armen und er fragte sich, warum sie nicht ewig so weitergleiten konnten durch die Unendlichkeit dieses frühen Morgens, um für immer alles hinter sich zu lassen, was mit Gewalt, Grausamkeit und Tod zu tun hatte.
Skar umklammerte Esanna instinktiv fester, als eine mächtige Wellenbewegung durch den Drachenkörper lief und sie noch ein Stück höher stiegen. Viele Meter über ihnen wob das Sonnenlicht ein verwirrendes Netz aus flirrenden Rechtecken in die Luft, das nach den endlosen Stunden in dem lebenden Tunnel- und Höhlensystem geradezu wie eine Verheißung auf ihn wirkte. Die vor ihm sitzende Esanna eng umklammernd, deren Zittern sich eher noch verstärkt hatte als nachzulassen, starrte er hinein in das ihm entgegenschlagende, gleißende Lichtspiel, das seine Augen mit einer wahren Woge von Helligkeit überflutete, sodass er sie für ein paar Sekunden fast vollständig schloss, bevor er sie vorsichtig wieder zu schmalen Schlitzen öffnen konnte. Dann hatten sie die Ausläufer der Wolkendecke erreicht und um sie herum war nichts als strahlend blauer Himmel. Trotz seiner Erschöpfung konnte Skar die Augen nicht vor dem phantastischen Anblick verschließen, der sich ihm bot. Es war ein gigantischer Canon, der sich unter ihnen auftat, eine tiefe Schlucht, eingeschnitten von einem brausenden Fluss, der weit unter ihnen in wildem Lauf das steinerne Land durchpflügte, irgendwo, weit weg, nahe am Horizont einen See durchquerte und fast direkt unter ihnen mit seiner tobenden Gischt ein unberührt wirkendes, weitläufiges Waldgebiet speiste. Zerklüftete, vom Regen und der Witterung abgewaschene und wie der Rücken einer alten Frau gebogene Steinmassive ragten ihnen entgegen und schimmerten im Licht der aufgehenden Sonne hell und weiß, als läge auf ihnen frischer Schnee.
Der Kontrast hätte kaum großer sein können: Hinter ihnen lag das Reich dunkler, unbegreiflicher Schatten, eine nicht nur düstere und gefährliche Welt für sich, sondern auch die Quelle der vielleicht unheimlichsten und grausamsten Bedrohung, der Enwor je ausgesetzt gewesen war. Vor ihnen eröffnete sich dagegen eine taufrische, unschuldig wirkende Landschaft, die in ihrer Großartigkeit nicht nur beeindruckend war, sondern auch tiefen Frieden versprach - und damit auch die Erholungspause, die sie alle so dringend brauchten.
Das erste Hochgefühl bei diesem idyllischen Anblick und die Erleichterung, ihrer lebenden Falle entkommen zu sein, währte jedoch nicht lange an. So harmonisch und erhaben die gewaltige Landschaft auch wirkte, berührte sie Skar fast zwiespältig. Es war der Fluss, der weit unter ihnen im Berg verschwand, der in ihm unangenehmes, fast hartnäckiges Kribbeln auslöste. Er konnte sich nur allzu gut vorstellen, wo die gischtende Flut verschwand und was sie nährte: Das unterirdische Meer am Boden des Schlunds, diesen Pfuhl sich windender, unvorstellbarer Kreaturen, die einen ganz eigenen Eroberungsfeldzug gestartet hatten, ohne dass die Bewohner Enwors auch nur im Entferntesten die Gefahr ahnten, die von ihnen ausging ...