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Doch das war nicht das, was ihm im Augenblick Sorge bereitete. Der wenig Vertrauen erweckende Frarr verhielt sich durch Kamas spezielle Kontrollmöglichkeit zahm wie ein Schoßhündchen, aber er hatte trotz seiner gewaltigen Schwingen offensichtlich Probleme seine drei Reiter sicher durch die jetzt zunehmenden Luftturbulenzen zu transportieren. Hin und wieder ging ein Ruck durch seinen mächtigen Körper und sie sausten ein Stück in die Tiefe, bevor der Drache seinen Flug wieder stabilisieren konnte. Skar, der bereits früher nicht immer die Gelegenheit hatte ausschlagen können mit einer Daktyle zu fliegen, kannte das Verhalten der großen Flugdrachen und wusste, wie unberechenbar sie waren, wenn sie von mehr als einem gewohnten Reiter durch die Lüfte bewegt wurden. Er hatte sich nie ganz mit dieser Art der Fortbewegung anfreunden können, aber er empfand mittlerweile auch kaum mehr als ein leichtes Unbehagen, wenn die Flugechse für ein paar Sekunden von der idealen Flugbahn abwich.

Esanna erging es da wesentlich schlechter. Sie hatte die Hände in die harten Schuppen der Echse gekrallt, die so ineinander griffen, dass dadurch fast so etwas wie natürliche Haltegriffe entstanden, und sie saß so fest eingeklemmt zwischen zwei Höckern, dass sie selbst bei einem abrupten Abkippen zur Seite nicht hätte herunterfallen können.

Zudem hielt sie der hinter ihr sitzende Skar in solch festem Griff umklammert, dass er sie selbst dann nicht hätte loslassen müssen, wenn der Drache plötzlich einen Salto geschlagen hätte.

Doch solch gefährliche Flugmanöver waren nicht zu erwarten. Während der Drache mit schwerfälligen, durch seine ungewohnte Reitlast erschwerten Flugbewegungen sein Gleichgewicht zu halten versuchte, schlug die Anstrengung und Erschöpfung mit unbarmherziger Macht und von einem Moment auf den anderen über Skar zusammen, und es hätte nicht viel gefehlt und er wäre in einen unruhigen Dämmerschlaf gefallen. Der unsichtbare Folterknecht in seinem Geist gestattete es jedoch nicht, dass ihn wohlige Umnachtung umfing; stattdessen hielt eine Unruhe in ihm an, die er normalerweise als überdreht empfunden hätte - was sie letztlich wohl auch war -, die ihm andererseits aber als Nachhall nicht nur der Geschehnisse allgemein, sondern vor allem der monströsen Begegnung mit Kiina erschien. Selbst, nachdem er gesehen hatte, in was sich das mannigfaltige Abbild seiner Tochter verwandelt hatte, glaubte irgendein Teil in ihm immer noch, dass er der über den Abgrund der Zeit verschollenen Kiina gegenübergestanden hatte; so verrückt und sinnlos es auch war.

Die Flugechse machte plötzlich eine scharfe Linkskurve und Skar verstärkte automatisch den Druck, mit dem er Esanna festhielt, während er hinabspähte und die Ursache der Richtungsänderung zu erkennen versuchte. Kama, der immer noch mit einer Selbstverständlichkeit direkt vorne hinter dem Kopf der fliegenden Bestie hockte, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan, drehte sich zu ihm herum und schrie ihm etwas zu.

Skar verstand nur die Worte nicht und steuern und schüttelte den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass er die vom auffrischenden Wind zerrissene Botschaft nicht komplett verstanden hatte.

»Ich ihn nicht mehr lange kann steuern«, rief Kama nochmals.

Eine Bö schlug ihm fast die Worte aus dem Mund. Sie mussten in heftige Aufwinde gekommen sein, denn obwohl der Drache jetzt den Kopf vornüber und ein Stück nach unten gebeugt hatte und offensichtlich tiefer gehen wollte, drückten ihn die Turbulenzen wieder ein Stück nach oben. Esanna stieß einen Schrei aus und krümmte sich in die Schuppen hinein, als fürchtete sie, dass sie jeden Moment abstürzen könnten.

Vollkommen abwegig war diese Vorstellung nicht.

Skar hatte schon oft beobachtet, dass große Flugechsen empfindlicher als Raubvögel auf Aufwinde reagierten und einmal hatte er sogar beobachtet, wie ein mächtiger Staubdrache von einer thermischen Turbulenz an einen Felsen geschmettert wurde; die gigantische Echse hatte dabei ihren Reiter verloren und selbst so schwere Verletzungen bei dem Aufprall davongetragen, dass ihr danach nur noch mit Mühe und Not eine Landung gelungen war. Skar hatte keine Lust auszuprobieren, wie sicher das Flugverhalten des Frarr unter ähnlichen Bedingungen war. Er konnte nur hoffen, dass Kama wusste, was er tat. Seine Befürchtung, die Echse nicht mehr lange steuern zu können, trug dabei allerdings nicht gerade zu seiner Beruhigung bei.

Es war ein großer Felsen, den die Echse jetzt umrundete, und hier schienen Winde aus verschiedenen Richtungen förmlich aufeinander zu prallen; sie wurden so heftig durchgeschüttelt, dass sich jetzt auch Skar mit aller Gewalt in den Halt der Schuppen duckte, um nicht von einer Bö heruntergerissen zu werden.

»Warum landen wir nicht?«, brüllte er Kama zu, aber wahrscheinlich hörte ihn der Nahrak gar nicht; er war vollständig damit beschäftigt, den Drachen durch die tobenden Winde zu steuern.

Es war Skar ein Rätsel, was Kama vorhatte. Eben noch hatte sie eine nicht allzu weit entfernte liebliche Waldlandschaft angelockt, nahe an einem Plateau gelegen, das wie für eine Landung gemacht schien. Von dort aus hätten sie ohne ihren speziellen und nicht ganz geheuren Rettungsengel zu Fuß weitergehen können - nach einer ausgiebigen Rast und nachdem sie ihre Wunden versorgt hatten. Doch nun ließ der Nahrak die Echse in die entgegengesetzte Richtung fliegen, mitten hinein in gefährliche Turbulenzen und damit in die sonnenabgewandte Seite des Berges, aus dessen Schoß sie gerade erst entflohen waren.

Vor ihnen tat sich jetzt eine karge und düstere Landschaft auf; Schnee bedeckte die Wipfel weniger, krank aussehender oder sogar abgestorbener Bäume, Nebelschwaden zogen über feuchtes, finsteres Buschwerk und schroffe Felsen bildeten eine natürliche Barriere, die zu überwinden dem Drachen sichtlich schwer fiel. Es war dies die Seite, über die sie zur Höhle hinaufgestiegen waren - und Skar wäre es lieber gewesen, sie nie wieder zu sehen.

»Warum fliegen wir weiter?«, schrie er gegen den Flugwind an. »Wir hätten doch auf der anderen Seite niedergehen können.«

Kama drehte sich kurz zu ihm um. Er wirkte irritiert.

»Wir müssen weiter weg«, brüllte er. »Weg vom Fluss.« Zu seiner eigenen Verblüffung löste diese Antwort des Nahrak in ihm eine tiefe Resonanz aus, so als würde etwas in ihm verstehen, warum der Fluss eine Bedrohung für ihn war. Doch auch wenn ihr Schwenk in die kalten, unfreundlichen Regionen begründet sein mochte, war er doch höchst unerfreulich und raubte ihm die Illusion, dass sie nach der Landung in einer sonnendurchwärmten, friedlichen Landschaft Ruhe und Entspannung finden könnten. Dabei, hatten sie das bitter nötig. Sie alle hatten grauenvolle Stunden hinter sich, hatten Dinge erlebt, die selbst seinen nicht gerade geringen Erfahrungshorizont mühelos gesprengt hatten, und sie konnten das nicht so einfach wegstecken, ohne früher oder später dafür bezahlen zu müssen.

Die Kälte kroch schon jetzt seine nackten Beine empor und ließ ihn frösteln. Doch trotz der kalten, frischen Luft und dem durchaus nicht gerade Vertrauen erweckenden Gelände, auf das sie zusteuerten, fiel es ihm zunehmend schwerer, seiner Umgebung die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Immer wieder fiel er in einen Sekundenschlaf, tauchte nur kurz wieder an der Oberfläche seines Bewusstseins auf, um dann wieder in die Dämmerung kurzen Vergessens hinabzugleiten.

Der Flug dauerte nur noch wenige Minuten, aber Skar war so müde, dass er innerhalb dieser Zeitspanne beinahe eingeschlafen wäre. So entscheidend wichtig es ihm auch erschien, bekam er von der Landung der Riesenechse kaum etwas mit. Erst als der Frarr auf einem halb eingeschneiten, halb matschigen Plateau niedergehen wollte, ruckte sein Kopf wieder hoch.