Die Landung gestaltete sich kaum weniger abenteuerlich als der Start. Der Frarr donnerte mit der Wucht einer Gerölllawine auf eine kleine Lichtung zu, die kaum groß genug war, um ihm genug Platz zum Landeanflug zu lassen. Das schien ihn jedoch nicht weiter zu kümmern, im Gegenteiclass="underline" Inmitten eines ungeheuren Luftsogs ließ er sich geradezu auf die Lichtung fallen, eher einem Stein ähnlich als einem Vogel, der federsanft aufsetzen wollte.
Esanna stieß einen spitzen Schrei aus und Skar verstärkte den Griff, mit dem er sie hielt, bis er begriff, dass es des Guten vielleicht ein wenig zu viel war, und ihn erschrocken wieder lockerte.
Erst im allerletzten Moment breitete der Drache die Schwingen fast senkrecht aus und nutzte so eine Luftturbulenz, die er wohl als Einziger schon von weitem zu spüren im Stande gewesen war. Die ganze, ungeheuerliche Flugechse erbebte, als das Monstrum mit einem harten Ruck auf dem Boden aufkam, die Schwingen halb angezogen, damit sie eine möglichst große Fläche bildeten, um Geschwindigkeit abzubauen, und den Hals grotesk nach vorne gestreckt, als wollte es ganz bewusst seine Reiter nach vorne und über seinen Kopf schießen lassen, damit sie sich möglichst allesamt das Genick brachen.
Skar hatte nicht vor, ihm diesen Gefallen zu tun. Seine blanken Beine krampften sich um den Rückenwulst zusammen und seine Arme schlangen sich so fest um Esanna, als wollte er ihr jetzt endgültig das Rückgrat brechen. Trotzdem prellte ihm der Aufprall fast das Mädchen aus den Händen und er selbst wurde ein Stück nach oben geschleudert und krachte mit solcher Gewalt wieder auf den Rückenwulst, dass er das Gefühl hatte, seine ungeschützte Männlichkeit würde zu Brei zerstampft.
Er stieß ein kraftloses Röcheln aus und hätte Esanna um ein Haar losgelassen - und damit zu früh, denn die gewaltige Echse schob ihre Klauen so tief und fest in den relativ weichen Boden, dass sie sich - bedingt durch die plötzliche Bremswirkung - beinahe überschlug; sie tippte mit ihrem mächtigen Schädel kurz auf dem Boden auf und riss den Schwanz und damit ihr ganzes Hinterteil in die Höhe, als wollte sie ihre Reiter nun endgültig abschütteln.
Skar hätte später nicht mehr zu sagen vermocht, wie er es in diesem Moment geschafft hatte, dem explosionsartigen Ruck zu widerstehen. Der Schmerz in seinem Unterleib brachte ihn fast um den Verstand und ließ bunte Flecken vor seinen Augen tanzen. Er klammerte sich gleichzeitig an den Körper der gigantischen Echse und an Esanna und spürte eine schreckliche Übelkeit in sich hämmern, die ihn zwang sich erneut vornüberzukrümmen und sich verzweifelt mit beiden Händen an ihr festzuklammern, da alles in ihm und um ihn herum sich wirbelnd drehte und der Schmerz in seinem Kopf und in seinem Körper eins waren.
Aber er schaffte es; als die Echse endlich zum Stillstand kam, saß er noch immer hinter Esanna auf dem unbequemen Rücken des Drachen, fast besinnungslos zwar, aber dennoch erleichtert, dass die Landung für ihn und das Mädchen noch einmal glimpflich abgelaufen war. Eine andere Frage war, was aus dem Nahrak geworden war ...
»Kama!«, stieß Esanna hervor.
Skar riss die Augen so weit er konnte auf und versuchte den Schmerz zurückzudrängen, was ihm allerdings nur sehr unvollkommen gelang. Dann begriff er, was das Mädchen gemeint hatte: Der Nahrak hatte nicht so viel Glück wie sie beide gehabt und war durch den Aufprall der Landung von der Echse geschleudert worden. Ein paar verzweifelte Sekunden vermochte Skar keine Spur von ihm auszumachen, doch dann entdeckte er ihn.
»Da ist er«, stöhnte er.
»Wo?«
»Na, da!« Skar streckte eine zitternde Hand nach vorne und deutete auf einen Baum, an dem eine kleine, grünbraun gekleidete Gestalt in sehr unglücklicher Haltung klebte. »Hoffentlich ist ihm nichts passiert.«
Eine Bewegung des Nahrak ließ ihn Hoffnung schöpfen. Kamas merkwürdig verdrehter Arm wischte ein paar Blätter beiseite und winkte ihnen dann. »Weg«, rief er mit heiserer Stimme. »Macht dass ihr runterkommt! Ich hab die Steuerung verloren!«
Skar und der Drache schienen gleichzeitig zu begreifen, was das hieß. Während der Satai das Mädchen am Kragen packte, aufsprang und sie mit zur Strickleiter schleifte, durchlief das grün geschuppte Untier ein Zittern und dann schwang sein mächtiger Kopf nach hinten. Mit tückischen Augen beobachtete er, wie Esanna mit zitternden Händen die oberste Sprosse der Leiter ergriff, dann schüttelte er sich, einmal kurz und heftig, aber so gewaltsam, dass sich unter normalen Umständen kein Mensch mehr auf seinem Rücken hätte halten können.
Esanna flog samt Strickleiter ein, zwei Manneslängen von dem gigantischen Leib weg und krachte dann wieder mit voller Wucht gegen den geschuppten Körper. Skar war weitaus weniger glücklich dran: Er verlor das Gleichgewicht, ruderte noch einmal hilflos mit den Armen und stürzte dann zu Boden. Wäre er nicht so angeschlagen gewesen, hätte er sich gekonnt abgerollt, um dann sofort wieder auf den Beinen zu sein. Doch so misslang die Rolle und er prallte hart auf dem Rücken auf. Mühsam rappelte er sich wieder auf - und hüpfte gleich mit ein paar raschen Sprüngen zur Seite. Dabei hatte der Drache offenbar keineswegs vor, ihn oder Esanna mit einer beiläufigen Bewegung zu töten. Er schien vielmehr seine wiedererlangte Freiheit zur Flucht nutzen zu wollen; möglicherweise hatte er so viel Respekt vor dem Teil, mit dem ihn der Nahrak beherrschen konnte, dass sein ganzer Trieb einzig und allein darauf ausgerichtet war, so schnell wie möglich seinem Einfluss zu entkommen.
Mit einem ganz und gar nicht schwerfälligen Tapsen schwang sich der Drache herum und jagte damit auch Skar zwangsläufig vor sich her, der sich mit einem schnellen Ausweichmanöver in Sicherheit zu bringen suchte. Das Mädchen hing währenddessen noch immer an der Strickleiter und schrie voller Entsetzen.
»Spring«, rief ihr Skar zu. »Nun mach schon!«
Esanna dachte offensichtlich gar nicht daran. Ihre gellenden Schreie zeugten davon, dass sie vollkommen in Panik geraten war. Statt einfach loszulassen, klammerte sie sich nur noch fester an das Untier.
Das war ein fataler Fehler, denn der Frarr donnerte bereits los, mit wuchtigen und schnellen Schritten, die den Boden erzittern ließen. Skar blieb nichts anderes übrig, als hinter ihm herzuhetzen. Der gnadenlose Schmerz zwischen seinen Beinen ließ jede Bewegung zur Qual werden und kostete ihm damit nicht nur Mühe, sondern auch Zeit; dabei kam es gerade jetzt auf jeden Sekundenbruchteil an, denn er wollte weder mit den gefährlichen Klauen der Echse Bekanntschaft machen noch Esanna ihrem Schicksal überlassen, die eine unfreiwillige Flugreise sicherlich nicht unbeschadet überstehen würde.
Mit Riesensätzen und schmerzverzerrtem Gesicht hetzte er dem Frarr hinterher. Es war erstaunlich, wie schnell der Gigant an Geschwindigkeit gewann; seine Sprungbeine verfügten über eine schier unglaubliche Elastizität und Kraft, die ihn vorwärts katapultierten, mit nichts vergleichbar, was Skar bislang auf Enwor kennen gelernt hatte. Skar holte das letzte aus seinem Körper heraus, um den Anschluss nicht zu verlieren. Dennoch glaubte er zuerst, dass er es nicht mehr schaffen würde - der Frarr hätte mittlerweile mühelos eine flüchtende Pferdeherde niederrennen können -, doch dann wich der Drache von der Ideallinie ab, wahrscheinlich um eine für ihn geeignete Luftströmung auszunutzen, und büßte dabei einen Teil seines Vorsprung ein.
Skar ließ sich diese Chance nicht entgehen. Er sprang mit einem zugleich verzweifelten und gewaltigen Satz hoch und erwischte Esannas Füße. Durch den Körper des Mädchens ging ein Ruck und ihr Schrei wurde noch um eine Spur schriller. Dennoch war sie immer noch nicht bereit loszulassen. Dem Drachen schien das egal zu sein: Er war offenbar willens mitsamt seiner menschlichen Last aufzusteigen. Wahrscheinlich glaubte er sie dann in der Luft mit Leichtigkeit abschütteln zu können.