Dazu wollte es Skar nicht kommen lassen. Während er sich noch immer an Esanna klammerte, versuchte er sein Tschekal zu ziehen. Es schien ihm die einzige noch verbleibende Chance zu sein, das Mädchen zu retten: Ein schneller Schnitt vermochte die Halterung der Strickleiter zu durchtrennen und sie damit herabpurzeln zu lassen, bevor der Frarr in die Lüfte entschwand.
Die heftigen Bewegungen der Strickleiter machten es ihm allerdings unmöglich, den Schwertgriff rechtzeitig zu erreichen; stattdessen musste er sich mit beiden Händen an Esanna festhalten, um nicht abgeschüttelt zu werden. Der Drache erzitterte und stieß sich mit einem monströsen Beben ab, hinein in den Himmel und damit weg von der Möglichkeit, ihn noch irgendwie unter Kontrolle zu bringen. In diesem Moment gaben die Stricke der Leiter unter der doppelten Belastung nach. Während der Drache mit phantastischer Geschwindigkeit in den grauen Himmel hineinjagte, stürzten Esanna und Skar zu Boden wie zwei Puppen, die von einem unartigen Kind in die Ecke geschleudert wurden. Der Aufprall schlug Skar die Luft aus den Lungen, als dann auch noch Esanna an ihm vorbeischrammte und dabei mit ihrem Fuß genau zwischen seine Beine traf, brach die Welt um ihn herum in einem bunten Farbwirbel zusammen.
3.2
Mit dem Morgen war auf dieser Seite des Berges der Nebel aus dem Boden gekrochen und mit dem Nebel Kälte und ein Hauch alles durchdringender, unangenehmer Feuchtigkeit, die durch seine Kleidung kroch und geradewegs in seine Knochen einzudringen schien. Skars Gaumen war so trocken und ausgedörrt, dass er kaum sprechen konnte, und seinen Beinen schien die Kraft zu fehlen das Gewicht seines Körpers zu tragen. Doch immerhin hatte der Schmerz zwischen seinen Beinen nachgelassen und kurz danach waren auch seine Gedanken zur Ruhe gekommen. Das leise innerliche Wispern, das ihn selbst während des Kampfes gegen die Khtaám nicht vollständig in Ruhe gelassen hatte, war einem Gefühl entspannter Erschöpfung gewichen; von der Ausgeglichenheit, in die er früher mit Leichtigkeit hineingeglitten war, war er dennoch meilenweit entfernt. Aber alles war besser als der rastlose, unwirkliche Zustand, den er so oft in den letzten Tagen empfunden hatte und der ihm wie eine gleichermaßen bedrohliche wie penetrante Verbindung mit etwas Gefährlichem und ungemein Fremdem erschien, von der nichts Gutes zu erwarten war.
Der Himmel über ihnen, in dem der Drache vor einer knappen halben Stunde verschwunden war, war innerhalb der diesigen Glocke nicht mehr zu erkennen und je mehr sich das Tal zuzog, umso kälter wurde es. Aber vielleicht war es auch nur die zunehmende Entspannung und das Nachlassen des Schmerzes an seiner empfindlichsten Stelle, die ihn die Kälte deutlicher spüren ließ. Skar rieb sich schaudernd die Hände und drückte sich so tief wie möglich in die windgeschützte Ecke in dem Gewirr herabgefallener morscher Äste und zusammengeklaubter Blätter, das ihm, Esanna und dem Nahrak halbwegs Schutz vor der unangenehmen Witterung bot.
»Das nicht hätte passieren dürfen«, sagte Kama kläglich. Der Nahrak starrte zum wiederholten Mal auf das Ding in seinen Händen, das er Steuerung genannt hatte und das jetzt nur noch wie ein besonders glänzendes Stück Eisen aussah; von einem irisierenden Licht war keine Spur mehr zu erkennen.
»Was?«, fragte Esanna einsilbig. Das Mädchen hatte sich erstaunlich schnell erholt. Sein eingerissenes, besudeltes Gewand war zwar nicht mehr als ein dreckiger Lumpen und es hatte mehr Prellungen, Abschürfungen und Bissverletzungen abbekommen als eine ganze Thekenmannschaft, die in eine Wirtshausschlägerei verwickelt gewesen war - aber dass sie sich nach ihrem gemeinsamen, etwas rauen Sturz von dem Frarr überhaupt wieder so weit aufgerappelt hatte, dass sie jetzt auf Kamas Worte reagieren konnte, war mehr als erstaunlich.
»Dass mir sein der Frarr entwischt«, sagte Kama. »Ohne ihn wir nicht kommen rechtzeitig zu den Satai.«
»Von den Satai habe ich die Schnauze voll«, murmelte Skar.
Über Kamas Züge huschte so etwas wie ein flüchtiges Lächeln. »Da du sein nicht der Einzige«, sagte er. »Viele Menschen und Quorrl empfinden so.«
Skar nickte nur und schlang die Arme enger um die Beine. Die Anstrengungen des vergangenen Tages und der verrückten Nacht forderten ihren Tribut - jetzt, wo er zur Ruhe kam, und seinen gröbsten Hunger und Durst durch die hauptsächlich von Kama zusammengesammelten wasserreichen Roten Beeren, Schmerling-Pilze und Alarcon-Wurzeln gestillt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er das Kämpfen wirklich leid. Hätte sich in diesem Augenblick vor ihm der Nebel gelichtet und ein Dutzend Khtaám ausgespuckt, hätte er sich nicht mehr gewehrt. Es war ein Gefühl, das ihm fremd war, gegen das er aber nicht anzukämpfen versuchte. Vielleicht war es der Einfluss der lebendigen Höhle und dieses abscheulichen Schlunds, der ihn dazu gebracht hatte, zwei Nahrak in die Tiefe zu stoßen; eine Tat, die er nicht einzuordnen vermochte und die er so weit es ging an den Rand seines Bewusstseins drängte.
»Auch viele Digger hassen die Satai«, fügte Esanna hinzu. »Obwohl sie andererseits auf ihren Schutz angewiesen sind.«
Skar sah flüchtig zu ihr hoch. Während sie mit einem wenig begeisterten Gesichtsausdruck auf einem der kleinen braunen Schmerling-Pilze herumkaute, die hier überall wuchsen und die ihnen Kama als besonders nahrhaft angepriesen hatte, erschien sie ihm auf eine schwer zu bestimmende Art gleichzeitig aufgeregt und vollkommen erschöpft, und dabei so angespannt, dass sie sich ganz anders als ein junges Digger-Mädchen verhielt, eher wie eine junge Kriegerin. Vor allem aber wirkte sie wie ein Mensch, der über einer schwerwiegenden Entscheidung brütet und sich noch nicht ganz sicher ist, zu welcher Seite das Pendel für ihn ausschlagen wird.
»Die Satai sein ein sehr zweifelhafter Schutz«, sagte Kama. »Mir sein der Frarr viel lieber.«
»Wo ist er denn jetzt hin, dein famoser Frarr?«, fragte Esanna verächtlich, betrachtete misstrauisch den Pilz, den sie gerade in der Hand hielt, und schnippte ihn dann weg. »Warum beschützt er uns nicht weiterhin?«
Kama zögerte. Dann überzog ein trauriges Lächeln seine Züge. »Er ist entwischt«, gestand er. »Er hat etwas ... etwas in seinem Hals.«
»Er hat etwas in seinem Hals«, echote Esanna fassungslos. »Was meinst du damit? Dass er Halsschmerzen hat - oder was?«
»Keine Halsschmerzen«, sagte Kama unglücklich. »Etwas ... etwas, das mir geben die Macht ihn zu steuern.« Esanna deutete auf das Metallteil in seinen Händen. »Ich denke, dieses Ding da steuert den Frarr.«
»Ja. Schon. Aber es brauchen einen ... einen Widerpart. Der Frarr sein eine sehr wilde Kreatur. Es geben nur noch sehr, sehr wenige seiner Art. Man sie nicht kann zähmen.« Esanna starrte den Nahrak verblüfft an. »Aber ... wie hast du es dann geschafft? Verfügst du über einen mächtigen Zauber?«
»So etwas ... in der Art.« Kama ließ das Metallteil in seinen Händen kreisen, warf dann einen unglücklichen Blick darauf und legte es auf seinem Schoß ab. »Es sein der Bestandteil der spirituellen Kultur der Twuorth. Etwas, was auf die Tradition der großen Alten gehen zurück.«
»Twuorth?«, fragte Esanna. »Was soll das sein?«
»Die Twuorth waren unsere Vorfahren, Digger-Mädchen«, sagte Kama leise. »Wir nicht immer waren die Hüter des Waldes. Unsere Geschichte reichen viel weiter zurück. Die Twuorth waren sehr mächtig, haben gehabt großen Einfluss auf Enwor. Ihre mächtigste Waffen sein gewesen Geschöpfe wie der Frarr.«
»Oh«, machte Esanna, während sie gleichzeitig eine der erstaunlich saftigen Alarcon-Wurzeln in die Hand nahm und damit vor ihrem Gesicht hin und her wedelte. »Dann gibt es also nicht nur diese Drachen, sondern auch noch andere... Geschöpfe. Aber warum hast du sie dann nicht beim Kampf gegen die Khtaám zu Hilfe gerufen?«