Der Nahrak lächelte flüchtig und schenkte ihr ein anerkennendes Nicken. »Das hätten gemacht Sinn«, gab er zu. »Nur, leider: Wir nicht haben die Macht unserer Ahnen.« Ein flüchtiger Schatten glitt über sein Gesicht. »Es kostet... sehr viel Kraft... sehr viel Opfer einen Frarr zu rufen. Und es sein ungewiss, ob wir je wieder bekommen ihn unter Kontrolle - danach.«
Esanna wurde - so weit das möglich war - noch etwas bleicher. »Heißt das etwa, dieses Vieh fliegt hier jetzt unkontrolliert herum und kann uns jederzeit angreifen?«
Kamas Gesichtsausdruck verdüsterte sich. »So ähnlich«, brummte er. »Aber auch nicht ganz richtig.« Er schwieg einen Moment und als er weitersprach, wirkte er wie ein Mensch, der mehr zugab, als er eigentlich wollte. »Es sein für mich sehr schwer, den Frarr zu steuern. Aber es muss getan werden. Ich euch nicht kann begleiten, ich muss suchen den Frarr und ...«
»Und was?«, fragte Esanna, als er nicht weitersprach. »Und ... dann ...« Sein Gesicht war grau vor Schrecken. Allein die Vorstellung, die er mit seinen Gedanken heraufbeschwor, schien beinahe über seine Kräfte zu gehen. »Ich muss sehen, dass ich ihn wieder unter Kontrolle bringen.«
»Hast du solche Angst, dass er uns angreifen könnte?«, fragte Esanna, während sie begann die Wurzel abzulutschen und so das Wasser aus ihr herauszupressen; ganz wie es ihnen der Nahrak gezeigt hatte.
»Nein.« Kama gab sich einen Ruck und widersprach sich dann schon im nächsten Satz: »Nicht nur. Aber wir brauchen seine Hilfe. Unbedingt.«
»Wozu?«
Der Nahrak schwieg wieder eine ganze Weile. »Um uns beizustehen im Kampf gegen den Khtaám«, sagte er dann. »Und wenn wir den Frarr noch hätten, wir könnten bequem Weiterreisen. Aber so wir hängen in dieser Einöde hier fest. Es sein eine Schande.«
»Mir ist nicht ganz klar, was du damit meinst«, sagte Esanna mühsam beherrscht und ein leichtes Zittern lief über ihren Körper, das ihre Hände wie selbstständige Wesen wirken ließ. »Ich hatte nicht vor eine weite Strecke zurückzulegen.«
»Was du hattest vor, ist jetzt nicht mehr wichtig«, sagte Kama. »Es haben sich alles geändert.«
»Ja, es hat sich alles geändert«, sagte Esanna. Sie sprach jetzt ruhig und ihre Hände zitterten nicht mehr. Aber ihre Stimme war kalt wie Eis und selbst die nüchterne Wahl ihrer Worte klang wie eine Herausforderung. »Meine Familie ist tot. Meine Freunde sind tot. Die Quorrl haben alle erschlagen.«
»Ja.« Kama sah kurz auf und wandte dann den Kopf ab, als wäre es ihm unangenehm weiterzureden. »Die Dinge ... haben sich geändert... über Nacht. Nicht nur für dich und Skar. Nicht nur für die Männer, die mit mir sein aufgewachsen und die nun alle tot sind. Zehn gute Männer.«
Zehn gute Männer. Der Satz hämmerte in Skars Kopf, als wollte er ihn um den Verstand bringen. Wieder, wieder und immer wieder hörte er den Schrei der beiden Nahrak, die herabgestürzt waren - nein, die er meuchlings hinabgestoßen hatte - und er spürte, wie eiskalte Verachtung in ihm hochkroch und die Frage nach dem Warum in seinen Schläfen pochte, als wollte sie ihn endgültig um den Verstand bringen, ihm zuflüstern, dass er überall Tod und Vernichtung über die Menschen in seiner Nähe brachte. Und trotz der wispernden Stimme in ihm, trotz der vielen Ahnungen, die ihn mit ihrem düsteren Inhalt übergossen, trotz des wild pochenden Schmerzes, der bei dem Anblick Kiinas aufgerissen war, wusste er immer noch nicht, wohin das alles führen würde - und welche Rolle er in diesem außer Kontrolle geratenen Spiel spielte, bei dem eine erbarmungslose und erschreckend unbegreifliche Macht alle Fäden in der Hand hielt.
»Es tut mir Leid um deine Freunde«, sagte Esanna mitten in seine Verwirrung hinein. »Ich kann ... ich kann ... dich verstehen.« Ihre großen dunklen Pupillen starrten irgendwo ins Nichts.
Skar überlief es eiskalt, als er in den Blick Esannas geriet. Es war eine Leere in ihr, die gewaltiger war als jeder Schmerz, als jedes Entsetzen und die viel schlimmer war, als wenn sie geweint oder geschrien hätte; es war gleichzeitig kein Gefühl in ihr und doch der ganze Abgrund, in den ein Mensch stürzte, wenn er alles verloren hatte.
»Auch ich habe ... sie sind alle ...«
»Sie sind alle tot«, führte Kama den Satz fort, nachdem sie längere Zeit verstummt war.
»Ich kann das einfach nicht... hinnehmen.« Esannas Stimme klang immer noch kalt, aber es schwang etwas anderes mit, eine Entschlossenheit und ein Hass, die alles beiseite wischten, was sonst in ihr vorgehen mochte.
»Ich verstehe«, murmelte Kama. »Rache ist eine Speise, die man am besten kalt genießt.«
»Was?«, fragte Esanna fassungslos.
»Du willst Rache«, sagte Kama. »Du willst, dass die Menschen und Quorrl bestraft werden, die dir das angetan haben. Das ist verständlich. Aber es nicht richtig.«
»Warum sollte es wohl nicht richtig sein?«, fragte Esanna leise. »Warum sollte es nicht richtig sein, die Quorrl auszulöschen, die die meinen wie eine räudige Hundemeute niedergemacht haben?«
Kama starrte auf die Stelle im verhangenen Himmel, in der der Frarr verschwunden war. »Weil es einen größeren Zusammenhang gibt. Weil der Vogel den Wurm frisst.« Esannas Kopf fuhr so abrupt zu dem Nahrak herum, dass Skar schon fürchtete sie wollte sich auf ihn stürzen. »Was haben denn Vögel und Würmer mit diesen Untieren zu tun?«, schrie sie. »Was hat ein Quorrl mit einem Wurm gemeinsam?«
Der Nahrak schwieg ein paar Sekunden, und als er zu einer Antwort ansetzte, klang seine Stimme so leise, dass ihn Skar kaum noch verstehen konnte. »Die Quorrl seien die Vögel. Die Digger...«
»Ja?«, fragte Esanna, nachdem er nicht weitersprach. »Was ist mit uns Diggern?«
Kamas Blick irrte unstet zwischen Skar und Esanna hin und her und Skar hatte das Gefühl, dass er etwas ganz Bestimmtes sagen wollte. Aber stattdessen blickte er plötzlich zu Boden und murmelte: »Die Quorrl sein die wertvollsten Verbündeten der Menschen.«
»Wenn man dich so reden hört, könnte man glauben, die Quorrl sind frommer als eine Schar Heiliger Männer«, schnaubte Esanna. Sie schob den Saum ihres Gewands zurück und Skar wusste, was jetzt kommen würde; trotzdem war er wie gelähmt, unfähig einzugreifen oder Kama eine Warnung zuzuschreien.
»Die Quorrl nicht sein unschuldig. Aber die Digger seien ...«, der Nahrak breitete die Arme aus und das glänzende Stück Eisen in seinen Händen sah in diesem Moment aus wie ein Stein, den er in die Unendlichkeit werfen wollte, »sie seien die Werkzeuge des Todes.«
»Ich habe dich also recht verstanden«, sagte Esanna in einem vor Erregung heiser und gepresst klingenden Tonfall, »du hältst die Quorrl für deine Verbündeten und uns Digger für die Werkzeuge des Todes?«
»So ich haben das nicht gesagt«, behauptete er. »Ich versuchen nur zu erklären...«
»Fahr zur Hölle mit deinen Erklärungen!«, schrie Esanna. Mit einer gleichermaßen fließenden wie schnellen Bewegung riss sie das Messer unter ihrem Gewand hervor, um es dem Nahrak ins Herz zu stoßen, getrieben von einem Zorn, von einer Verwirrung der Sinne, wie sie Skar dazu gebracht hatte, zwei Nahrak in die Tiefen des Schlunds zu stoßen ... Kama ließ seinen Oberkörper im Sitzen vorschnellen, schlug ihre Hand beiseite und schien nachsetzen zu wollen, aber er führte die Bewegung nicht zu Ende, sondern atmete nur hörbar ein, starrte Esanna noch einen Herzschlag lang eisig an und riss dann das glänzende Eisen, die Drachensteuerung, so abrupt hoch, dass Skars Hand automatisch zum Gürtel fuhr und sich um den Griff seines Tschekals legte.
Esanna starrte fassungslos vor sich auf den Boden, wo sich ihr Messer in einen Ast gebohrt hatte, halb verdeckt durch ein paar Blätter, die sich um die im Feuer fleckig gewordene Klinge wie ein Kleidungsstück schmiegten. »Ich ... ich«, stammelte sie.