»Digger seien die Werkzeuge des Todes«, wiederholte Kama leise, während er seine Hände wieder sinken ließ - und mit ihnen das Stück Eisen, das er sicherlich weitaus effizienter als Waffe hätte einsetzen können als Esanna ihr Messer.
Ein paar Sekunden lang herrschte absolutes Schweigen. »Jetzt reicht es«, sagte Esanna dann sehr leise, aber mit so viel Hass in ihrer Stimme, dass Skar in seiner Wachsamkeit nicht nachließ. »Ich halte es deiner Verwirrung zugute, dem Schmerz um den Tod deiner Freunde, der dich so sprechen lässt. Aber ich rate dir eins«, sie schob ihren Oberkörper fast unmerklich nach vorne und in Richtung des Nahrak, »rede nie wieder solch einen Unsinn.«
Obwohl ihre Stimme vor mühsam unterdrückter Wut zitterte, atmete Skar erleichtert auf. Esanna mochte jetzt noch so erregt sein: Die Gefahr, dass sie sich noch einmal auf den Nahrak stürzen würde, war so gut wie gebannt; zumal sie jetzt wissen musste, dass der Nahrak auf der Hut war und keinesfalls bereit sich von ihr überraschen zu lassen.
»Du solltest dein Messer wieder einstecken«, sagte Kama ruhig. »Vielleicht du noch werden es brauchen.«
Das Mädchen funkelte den Nahrak an, streckte dann langsam die Hand vor, nahm die Klinge und ließ sie wieder unter ihrem Gewand verschwinden. »Die Quorrl sind Monster«, stieß sie dann hervor. »Bestien. Sie töten ohne Sinn und Verstand.«
»Sie töten aus ganz ähnlichen Gründen wie Menschen«, sagte Kama fast sanft.
»Ach ja?«, höhnte Esanna. »Und warum ermorden sie dann sogar Kleinkinder und alte Leute? Warum verwüsten sie ganze Landstriche und schrecken vor nichts zurück, um uns zu vertreiben?«
Kama blickte sie offen an. »Ich nicht wissen, warum Quorrl und Menschen diese schrecklichen Dinge immer wieder tun. Aber in diesem einen, in diesem ganz speziellen Fall es gehen um mehr als nur um Barbarei und Kampf zwischen verfeindeten Völkern.«
Esanna beugte sich wieder ein Stück vor und ihre Stimme wurde schärfer; nachdem es ihr misslungen war, Kama ihren Dolch ins Herz zu stoßen, schien sie ihn mit Worten vernichten zu wollen: »Wenn du es nicht weißt, dann beantworte mir doch diese Fragen: Warum richten die Quorrl ein Massaker nach dem anderen unter den Diggern an? Warum brennen sie unsere Hütten nieder und nehmen uns die Luft zum Atmen, bis wir nicht mehr anders können, als uns zu wehren und sogar mit den Satai gemeinsame Sache machen müssen? Warum bringen sie uns dazu, sie auslöschen zu wollen, wenn sie doch angeblich so friedliebend sind?« In Skars gespannte und dennoch halb benommene Aufmerksamkeit mischte sich so etwas wie Entsetzen: Esanna verfügte über eine beachtliche Wortwahl und sie setzte die Worte so aggressiv zusammen wie jemand, der sich eher in der Waffenkunst auskannte als mit einfachem Grabungsgerät und der Routine eines stinklangweiligen Dorflebens. Das war in der augenblicklichen Situation alles andere als ungefährlich, denn jedes erregte und wie ein treffsicherer Pfeil abgeschossene Wort konnte eine übersteigerte Reaktion provozieren. Wenn die beiden nicht aufhörten, einander mit Worten in die Enge treiben zu wollen, würde es früher oder später zu einer Katastrophe kommen; die Anspannung und der Schrecken der Nacht drängten danach, sich in einer Bluttat zu entladen.
Es musste ein Ende haben.
Esanna schien das auch so zu sehen, wenn auch aus vollkommen anderen Gründen. »Unsere Wege werden sich jetzt trennen«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte und ihr Blick war voller Wut. »Ich muss zurück in mein Dorf. Vielleicht haben die Quorrl nicht alle getötet. Vielleicht kann ich heute noch helfen meinen Clan wieder zusammenzuführen.«
Skar konnte ihren Wunsch verstehen - aber das hieß nicht, dass er ihn billigte. Zerstückelte Leichen, klaffende Wunden, blutverschmierte Gewänder, abgerissene Gliedmaßen, niedergestreckte Frauen und Kinder und über allem der Gestank von Blut, Urin, Schweiß und Verwesung: Das alles war wahrlich nichts, was sich Esanna antun sollte; weder jetzt noch zu einem späteren Zeitpunkt. »Es tut mir Leid«, sagte er deshalb. »Aber ich fürchte, du wirst niemanden mehr antreffen.«
»Ach ja?«, fragte Esanna bitter. »Und deswegen soll ich es nicht zumindest probieren? Deswegen soll ich mir irgendwelchen Unsinn anhören, von ihm, der uns Diggern die Schuld gibt, dass wir von den Quorrl gejagt und erschlagen werden, als wären wir ein paar giftige Nattern?«
»Nein«, sagte Skar hilflos. »Niemand gibt dir oder den Diggern die Schuld an irgendetwas.«
»Na wunderbar«, giftete Esanna. »Dann kann ich jetzt also gehen?«
Skar schwieg. Wenn er Esanna laufen ließ, würde er vielleicht nie herausbekommen, was mit ihr nicht stimmte. Aber wenn er ehrlich war, war das nicht der entscheidende Grund, warum er nicht wollte, dass sie ging. Es war etwas an ihr, das ihn auf eine unerklärliche Art anzog. Vielleicht weil sie ein ähnliches Gefühl in ihm auslöste wie Kiina, in diesen letzten Monaten ihres gemeinsamen Kampfes, bevor Del versucht hatte ihn umzubringen.
Dann fiel ihm auf, was er gerade gedacht hatte: Bevor Del versucht hatte ihn umzubringen. War es das, was er die ganze Zeit über hatte wegschieben wollen? Dass er eigentlich tot war? Oder dass er nie tot gewesen war, sondern nur in einer absonderlichen Art von Tiefschlaf Jahrhunderte überdauert hatte, bevor ihn der See ausgespuckt hatte wie einen unverdauten Bissen?
»Es wäre schön, wenn du mich wenigstens mit einer Antwort beehren würdest«, sagte Esanna säuerlich.
»Was?«
Esanna presste die Zähne so fest aufeinander, dass es knirschte. »Du überspannst den Bogen, Skar«, sagte sie schließlich. »Du kannst mich nicht behandeln wie eine dahergelaufene Bauerngöre.«
»Schön«, sagte Skar und presste sich etwas näher an den Baum, an dessen mächtigem, aber modrigem Stamm sich der auffrischende Wind brach. Seine Augen fielen wie von selbst immer wieder zu, aber seine Müdigkeit war in diesem Moment halb gespielt. Esanna war eine dahergelaufene Bauerngöre. Das Mädchen mit der klaffenden Gesichtswunde und den zerrissenen, besudelten Lumpen, die es nur sehr unvollständig vor der Feuchtigkeit und der Kälte schützten, hätte eigentlich vor Erschöpfung längst zusammenbrechen müssen. Die Energie, die es vorantrieb, hatte etwas Übermenschliches an sich. Aber im Grunde genommen passte es nur zum Gesamtbild, zu der durch und durch unpassenden Art, wie sie das Gespräch an sich gerissen hatte, und zu dem herausfordernden Blick, mit dem sie ihn jetzt maß.
»Der Abstieg alleine und bei diesem Wetter - es ist zu gefährlich. Es ist vielleicht besser, wenn ich dich begleite.«
»Nach allem, was wir erlebt haben, kann mich nichts mehr schrecken«, sagte Esanna verächtlich. »Und schließlich habe ich noch mein Messer. Wenn jemand glaubt leichtes Spiel mit mir zu haben, wird er sich wundern.«
Skar atmete tief durch. So, wie sie sich aufführte, war ihm danach, sie anzuschreien; sie zu packen und so lange zu schütteln, bis sie zur Vernunft kam. Aber er wusste, dass er damit nur das Gegenteil von dem erreichen würde, was er wollte - und deshalb ließ er es. »Es dürfte nicht gerade einfach sein, den Weg zurück zu finden«, sagte er so ruhig wie möglich. »Es ist kein Spaß, sich bei diesem Wetter zu verirren. Wenn du nicht bis zur Dunkelheit einen sicheren Unterschlupf gefunden hast, wirst du erfrieren.«
»Bis dahin ist es noch lange hin«, sagte Esanna leichthin. »Das mag sein. Aber denk daran, wie ungemütlich es war, als du heute Nacht die Höhle verlassen hast.«
»Daran denke ich lieber nicht«, sagte Esanna wütend. »Schließlich warst du daran schuld, dass ich mir in der Kälte fast den Tod geholt habe.«
Skar wusste nicht, ob er über diese Bemerkung lachen oder einfach losbrüllen sollte. »In dieser Nacht ist so viel passiert: Lassen wir es im Moment dabei«, sagte er schließlich so leise, dass seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern war. »Aber überleg es dir gut, ob du nicht besser mein Angebot annehmen willst.«