»Ich will aber nicht über sie reden!«, schrie Esanna mit erschreckender Heftigkeit. Sie wandte ihren Kopf ab und barg ihr Gesicht in den Händen und ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren Körper, das so ganz im Gegensatz zu ihren vorherigen schroffen Worten stand und doch genauso dazu passte wie eine kalte Nacht, die auf einen strahlenden Tag folgte.
Skar wollte sich zu ihr herüberbeugen, aber Kama schüttelte den Kopf. »Lass sie«, sagte er. »Ich kann dir erklären, was du willst wissen.«
»Na schön«, sagte Skar wenig überzeugt. Bislang hatte er noch nicht einmal die Hälfte von dem verstanden, was ihm der Nahrak auf die Nase hatte binden wollen. Vielleicht war ja tatsächlich etwas Wahres daran, vielleicht war aber auch einfach alles ein wirrer Mischmasch alter Überlieferungen und allzu freizügiger Interpretation.
»Die Satai haben sich verändert in den letzten drei Jahrhunderten«, begann der Nahrak. »Sie nicht mehr dieselben sind. Früher sie standen für ...«
»Ich weiß, wofür sie früher gestanden haben«, knurrte Skar. »Falls du es nicht wissen solltest: Ich selber habe viele Jahre den Mantel des Hohen Satai getragen.«
»Ja, ich weiß«, seufzte Kama. »Und wenn du ihn noch heute würdest tragen, vieles wäre anders. Doch jetzt ist alles ... viel schwieriger geworden.«
»Inwiefern?«
»Die alten Ideale - sie wurden abgewaschen durch die Zeit. Darunter es kam zum Vorschein Habgier und Selbstsucht.«
»Die Satai waren noch nie ein Verein hilfsbereiter junger Männer«, sagte Skar schroff. »Wir haben uns verdingt, haben dem gedient, der unseren Lohn hat zahlen können. Wir haben Könige gestürzt und andere auf den Thron gehoben ...«
»Ihr hattet einen Ehrenkodex«, beharrte Kama. »Ihr seid gewesen mehr als ein paar Strauchbanditen, die nur zufällig konnten kämpfen besser als alle anderen. Ihr seid gewesen ein Garant für Stabilität. Ihr habt geschnitten faule Stellen aus dem Fleisch - das war alles.«
»Das ist eine sehr freie Interpretation«, sagte Skar. »Es mag sein, dass es in gewisser Weise sogar zutraf. Aber es hat auch immer Satai gegeben, die gegen den Kodex verstoßen haben - oder schlimmer noch, die die Interessen Enwors verraten haben.«
Kama machte eine wegwerfende Bewegung. »Überall, wo Licht ist, sein auch Schatten. Aber ich nicht das meinen. Jetzt die Schatten haben bei den Satai die Überhand gewonnen und das Licht fast ganz verdrängt. Wenn sie erst haben vollständig die Macht, alles ist zu spät.«
»Das ist ja alles schön und gut«, sagte Skar. »Aber was geht es mich an? Dreihundert Jahre sind eine sehr lange Zeit. Viele Generationen sind mittlerweile vergangen. Selbst, wenn ich noch Nachfahren hätte - sie haben nicht mehr mit mir gemein als ein See mit einer seiner Quellen gemein hat, wenn ihn doch gleichzeitig mehrere hundert Quellen speisen. Nein«, er schüttelte entschieden den Kopf, »dieses Enwor ist nicht mein Enwor. Ich bin ihm zu nichts verpflichtet.«
»Und wenn nun nicht nur die Existenz der Satai auf dem Spiel stehen, sondern auch die ganz Enwors?«
Skar starrte schweigend vor sich auf den matschigen Boden, der unweit ihres Lagers aus morschen Ästen und zusammengehäuften Blättern leicht abschüssig verlief und nur von spärlichem, grün geflecktem Moos und kargen, dünnen Gräsern zusammengehalten wurde. Schon die nur wenige Schritte entfernten nächsten Bäume waren nichts als dunkle Schatten in diesem merkwürdig grauen Nebel, der sich feucht und erstickend auf die Atmungsorgane legte, als wollte er ihn und seine beiden Begleiter mit einem Leichentuch bedecken.
»Was ist denn so erhaltenswert an Enwor?«, fragte er. »Du das fragen im Ernst?« Der Nahrak wirkte nicht empört, sondern eher - betroffen. »Du wirklich fragen, warum tausende von Kindern haben ein Recht auf ein Leben? Warum es ist wichtig, Kulturen zu erhalten ...?«
»Was für Kulturen?«, fragte Skar bitter. »Enwor fällt immer mehr der Zerstörung anheim. Die Errish und Elay - zerstört. Ausgelöscht vom Sternenfeuer. Die reiche Hafenstadt Grandiosa - bis auf die Grundfesten verbrannt. Und mit ihr nicht nur viele tausend Menschen, sondern auch unersetzliche Gemälde, Schriftstücke und Kostbarkeiten. Die Tempel der Ehrwürdigen Frauen, die Städte des Hochlands, die alten Königtümer... soll ich wirklich weitermachen und dir all das aufzählen, was bereits während meiner begrenzten Lebensspanne alles unwiederbringlich verloren ging?«
»Die Geschichte sein ein fortwährendes Auf und Ab«, sagte Kama. »Auf der Asche verbrannter Erde wächst wieder Neues. Nichts sein auf ewig verloren. Der Wandel wird neue Blüten hervorbringen.«
»Nein«, sagte Skar schroff. »Das wird er nicht. Und wenn einer die Zusammenhänge kennt, dann du.« Er wusste nicht, woher er diese plötzliche Sicherheit nahm, er wusste einfach, in diesem einen, unheimlich kostbaren Moment, dass er die Wahrheit sprach, und er konnte es nicht verhindern, dass sie weiter aus ihm heraussprudelte. »Enwor stirbt, Kama. Es geht unter. Was vor dreihundert Jahren in der Vernichtung der Errish gipfelte, hat sich weiter ausgebreitet. Möglich, dass die Digger damit etwas zu tun haben, möglich, dass sich Errish und Digger in so vielem unterscheiden, aber nicht in der fundamentalen Bedeutung, die sie für Enwor haben: Die einen zu seinem Erhalt, die anderen zu seiner Zerstörung.«
Der Nahrak runzelte die Stirn und sagte etwas so leise, dass ihn Skar nicht verstand. Dabei war er sich nicht sicher, ob das wütende Funkeln in seinen Augen ihm oder seinen Worten galt.
»Was hackt ihr beide immer wieder auf uns Diggern herum?«, fuhr Esanna dazwischen. »Wir sind kein kriegerisches Volk. Wir wollen einfach nur in Ruhe unserer Beschäftigung nachgehen...«
Skar reagierte nicht auf ihre Worte, obwohl sie den Kopf drehte und ihn fragend ansah. Er wollte nicht antworten. Er wollte überhaupt nicht reden, sondern einfach nur dasitzen und das vage Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit genießen, das ihm die Müdigkeit vorgaukelte, vielleicht zum letzten Mal für sehr lange Zeit.
»Ihr sein überhaupt kein Volk«, brach Kama endlich das eisige Schweigen. »Ihr sein nur ein Haufen zerlumpter Gestalten im Dienst des Khtaám.«
Esannas Augen wurden schmal. »Was soll denn das heißen? Sind wir dir vielleicht nicht gut genug, du komischer Waldhüter, weil wir keinen Wert auf Prunk und Pomp legen?«
»Darum es nun gehen wirklich nicht«, sagte Kama. »Ihr seid kein Volk, weil ihr euch erst vor drei Jahrhunderten zusammengetan habt. Frag Skar. Der dir können sagen, was ich damit meinen.«
»Also?«
Skar hatte keine Lust, sich auf irgendwelche Spielchen einzulassen. »Macht das bitte untereinander aus«, sagte er. »Aber wenn ihr mich schon fragt: Wir sollten uns so schnell wie möglich auf den Weg machen. Bevor die nächste Nacht hereinbricht, will ich eine gehörige Distanz zwischen mir und der Höhle wissen. Außerdem wäre es nicht schlecht, wenn ich mich unterwegs neu einkleiden könnte. Mir friert nämlich langsam was weg.«
»Ich verstehen«, sagte Kama. »Du auch können gleich aufbrechen mit dem Mädchen - wenn ihr euch fühlen dazu stark genug. Den Hügel hinab, in Richtung des Pojoaque. Ihr müsst sein dort sehr vorsichtig. Dieser Fluss ist... gefährlich.«
»Du scheinst ja schon alles sehr genau geplant zu haben«, brummte Skar.
»Ich nur wissen, was zu tun ist«, fuhr der Nahrak ruhig fort. »Darum ich werden gehen den Frarr suchen. Sobald ich ihn haben gefunden - und wenn ich ihn wieder haben unter Kontrolle -, ich kommen zu euch.«
»Und wenn dir das nicht gelingt?«
»Dann«, der Nahrak brach ab und schluckte hart. »Dann ihr müsst machen alleine weiter. Ohne Kama und ohne Frarr. Du dich einfach müssen halten an Marna ...«
»Den Satai mit der Goldmaske?«, unterbrach ihn Skar überrascht.
»Ja«, nickte Kama. »Du müsst nach ihm suchen - und nach dem Elften Buch. Alles andere werden sich dann schon ergeben von selbst.«