Eine Weile herrschte ein fast bedrohliches Schweigen. Der Nahrak hatte mit solcher Intensität gesprochen, dass seine Worte wie ein gewaltiges Vermächtnis wirkten - ein Vermächtnis allerdings, das Skar nicht bereit war anzunehmen. »Und das ist alles?«, fragte er spöttisch. »Mehr Anweisungen hast du für uns nicht, kleiner Mann?«
»Nicht zurzeit«, antwortete Kama ernsthaft. »Aber später... vielleicht.«
»Und du glaubst wirklich, ich werde das tun, was mir ein dahergelaufener Nahrak sagt?«, fragte Skar ruhig. »Wie kommst du darauf?«
»Ich dich nicht verstehen«, sagte Kama. »Du doch müssen begreifen, was es heißen, Verantwortung zu tragen.« Skar lachte humorlos auf. »Wenn das ein Witz sein soll, ist es ein geschmackloser«, sagte er. »Ich habe keine Verantwortung mehr. Für nichts und niemanden. Mein Enwor existiert sowieso schon seit drei Jahrhunderten nicht mehr. Für wen sollte ich mich also verantwortlich fühlen?«
»Wärst du nicht gewesen, Enwor hätte sich anders entwickelt«, sagte Kama. »Die Quorrl hätten nicht erfolgreich greifen können nach der Freiheit, nicht abschütteln können die Fesseln der alten Überlieferung, wärst nicht du gewesen. Die Satai nicht hätten können das Chaos überstehen, wärst nicht du gewesen. Enwor war auf dem Weg zum Untergang und du haben das Ruder herumgerissen. Und da du mich fragen, Hoher Satai, was für eine Verantwortung du haben? Das sein lächerlich.«
Ob Skar wollte oder nicht - die Worte des Nahrak berührten etwas tief in ihm. Er wusste, dass er ihm damit hatte schmeicheln wollen. Aber das war nicht der entscheidende Punkt; entscheidend war vielmehr, dass Skar tief in seinem Innersten wusste, dass der Nahrak Recht hatte.
Kama schien zu spüren, dass er gewonnen hatte - wenn auch nur teilweise - und dass es klüger war, das Thema zu wechseln. »Esanna wollte etwas wissen von dir«, sagte er. »Sie wollte wissen, was es mit den Diggern auf sich haben.«
»Ja genau«, ging Esanna dem Nahrak auf den Leim. »Was soll dieses blöde Gequatsche, dass wir kein Volk sind? Was sollen diese Vorwürfe, dass wir an allem Übel dieser Welt schuld sind?«
Skar starrte einen Moment lang schweigend Kama an, der seinen Blick ungerührt erwiderte mit der stummen Aufforderung auf Esannas Vorstoß einzugehen.
»Ich bin wohl kaum der richtige Fachmann für die Angelegenheiten der Digger«, sagte er schließlich.
»Oh doch, das du sein«, sagte Kama ungerührt und so schnell, als habe er sich die Antwort schon vorher zurechtgelegt. »Du wissen aus eigener Anschauung mehr über den Werdegang, die Geburt und die Vernichtung ganzer Königreiche und Volksgruppen als irgendein anderer Mensch. Und du wissen, was sie unterscheidet von einer solchen Gruppe wie die der Digger.«
»Was sollte schon mit diesem wirren Haufen los sein?«, fragte Skar gereizt. »Als ich noch in voller Blüte stand, gab es weit und breit keine Digger. Von allen Bewohnern Enwors bin ich wahrscheinlich derjenige, der die Geschichte der Digger am wenigsten kennt.«
»Siehst du«, sagte Kama triumphierend. »Er euch nicht kennen.«
»Und was soll das beweisen?«, fragte Esanna.
»Das beweist, dass nach meinem Abgang irgendjemand auf eine besonders schlaue Idee kam und mit ein paar Getreuen die Gemeinschaft der Digger gegründet hat: mit klar umrissenen Zielen und der Anweisung, wie die Idee weiter verbreitet werden sollte«, sagte Skar in einem Tonfall, der zeigte, wie sehr ihm dieses Gespräch auf die Nerven ging. »Aus dieser Keimzelle entwickelte sich schließlich eine mächtige Bewegung, die immer mehr Einfluss auf Enwor gewann.«
»Woher weißt du das?«, fragte Esanna überrascht.
»Weil das die übliche Art ist, wie Spinner ihre Ideen in die Welt hinaustragen«, murrte Skar. »Und wenn du es genau wissen willst: Auch die Satai sollen sich so in ihrer Gründungsphase verhalten haben - allerdings ist das schon ein paar Jährchen her.«
»Das klingt so, als würdest du neben den Diggern auch die Satai verachten.«
»Und wenn das so wäre?«, fragte Skar. »Würde es dich wundern?«
Esanna starrte ihn mit einer Mischung aus Trauer und Entsetzen an und nickte dann. »Aber ja«, sagte sie. »Du bist die Legende, die Leitfigur, fast ein Gott für die Satai. Wie kannst du es dann wagen ...«
»Schlecht über die zu reden, die in meinem Namen morden und Machtpolitik treiben?«, fauchte Skar. »Ja, wie kann ich nur? Hast du denn nichts begriffen, Esanna?« Aber dann schüttelte er den Kopf und trat wütend ein paar Äste beiseite, die im hohen Bogen wegflogen und irgendwo im Nebel gegen einen Baum klatschten. »Ich tue dir Unrecht, verzeih«, fuhr er gefasster fort. »Du kannst sie nicht kennen, die dunklen Regeln der alles verschlingenden Macht.«
»Was meinst du damit?«, fragte Esanna stockend.
»Es ist wie eine wütende Krankheit, die selbst die Besten befällt«, sagte Skar bitter und dachte an Del. »Und wenn es sie erst einmal gepackt hält und sie Dinge tun lässt, die sie zuvor verachtet haben, werden sie dir noch hohnlachend ins Gesicht schreien, dass sie im Recht gewesen sind.« Esanna schwieg lange. Als sie dann den Kopf zu Skar wandte, waren ihre Augen voller Tränen. »Ist es dir auch so gegangen?«
»Was?«, fragte Skar fassungslos.
»Bist du auch der Macht erlegen, alter Mann? Hast du sie missbraucht, als du den Mantel des Hohen Satais getragen hast?«
Skar starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. »Ich verstehe ... deine Frage nicht.«
»Doch. Du verstehst sie sehr gut.«
»Ich weiß nicht...«
»Ach nein.« Esannas Gesicht verzog sich zu einer höhnischen Grimasse. »Du weißt wirklich nicht, was ich meine? Du hast dich selber noch nie gefragt, ob du deine Tochter nur deshalb verloren hast, weil du zu beschäftigt warst mit deinen ... mit deinen Machtspielchen, statt dich zur Zeit um sie zu kümmern.«
»Ich ... was soll das.« Skar verspürte plötzlich ein Flattern in der Brust. »Das bringt doch alles nichts. Außerdem geht es dich gar nichts an!«
Die letzten Worte hatte er fast geschrien. Der seelische Druck, der auf ihm lastete, seit er nackt an Land gekrochen war, kam wieder, jenes Wühlen im Gedärm und das Kribbeln in Armen und Beinen - und es wurde schlimmer. Er kämpfte dagegen an, wusste jedoch nicht, welches Kampfmittel er einsetzen sollte, da der Feind ihm unbekannt war. Er kämpfte gegen die Verzerrung seines Mundes an und zwang einen möglichst gleichgültigen Ausdruck auf sein Gesicht.
»Mit den Diggern es haben noch eine Besonderheit«, sagte Kama. »Sie sind geschaffen worden als Werkzeug. Sie bauen Kaol ab.«
»Ja - und?«, fragte Esanna. »Was ist verkehrt daran? Kaol ist die Kraft, die alles zusammenhält. Kaol ist die Essenz des Lebens. Kaol ist das Rückgrat unserer Gemeinschaft.« Es klang wie ein vor ewiger Zeit auswendig gelernter Text. Und das war er wahrscheinlich auch - das Glaubensbekenntnis, das die Gemeinschaft der Digger zusammenhielt und sie immer weiter vorantrieb bei ihrem Ziel, so viel Kaol abzubauen wie möglich.
»Kaol befähigen euch zu besonderen Leistungen«, stellte Kama fest. »Es wärmt euch und geben euch Kraft.«
»Ja ... natürlich«, sagte Esanna misstrauisch. »Ohne Kaol könnten wir gar nicht existieren.«
»Es sein das Rückgrat eurer Gemeinschaft«, sagte Kama. »Ich wissen. Es sein aber noch mehr. Es sein euer Verderben. Es verändert jeden Einzelnen von euch wie eine Droge. Es machen euch zu Sklaven ...«
»Verdammt noch mal«, fuhr Skar dazwischen. »Könnt ihr nicht aufhören mit dem Mist!« Seit ihn Esanna an Kiina erinnert hatte, fühlte er sich miserabel, aufgewühlt, und das nicht nur, weil es um seine Tochter ging, sondern auch wegen etwas anderem und dieses andere stand in direktem Zusammenhang mit dem, was Kama gerade versuchte in Esannas Worte zu legen ... Er kämpfte mit aller Kraft dagegen an, aber es gelang ihm nicht, sich zu beherrschen. Der innere Kampf und das mit Kiina und den beiden toten Nahrak und diesem ganzen Blödsinn vom Ende der Welt zusammenhängende Schuldgefühl bereitete ihm Übelkeit.