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»Es sein kein Mist«, sagte Kama sanft. »Es sein die Wahrheit. Du können die Augen verschließen. Aber haben du nicht gesehen die Wucherungen, die Kaol bei vielen Diggern auslöst, haben du nicht bemerkt die Veränderung in ihrem Verhalten, die Gleichgültigkeit, ihre Kälte und Grausamkeit?«

»Hör auf!«, schrie Skar. »Ich will davon nichts wissen.«

»Du aber müssen davon wissen«, beharrte Kama und so, wie er es sagte, schien er es fast zu bedauern, ihn weiter zu bedrängen. »Du müssen der Wahrheit ins Gesicht schauen. Die Digger bauen Kaol ab und mit jedem Stück schädigen sie das, was alles zusammenhält. Die Digger können nicht anders; sie immer müssen machen weiter, weil sie sind abhängig von Kaol. Die Satai spielen ihr eigenes Spiel, glauben, die Digger sein nur Werkzeug in ihren Händen. Sie glauben mit diesem Werkzeug die Quorrl ausschalten zu können, glauben Enwor in ihre Gewalt zu bekommen. Aber das sein ein Irrtum.«

Er beugte sich ein Stück vor und sah Skar geradewegs in die Augen. »Es ist das Khtaám, was hinter allem steht. Es sein gut für dich, sehr gut, dass du hast gesehen, wie grausam und mächtig das Khtaám ist. So du wirst verstehen, was es wird bedeuten, wenn diese Kreatur übernehmen die Macht über Enwor.«

Skar hätte bestürzt und verwirrt sein sollen, aber das Gegenteil war der Fall. Ganz langsam wich die Angst von ihm und der innere Aufruhr legte sich, wenn auch nicht vollständig, dann doch so weit, dass er wieder sprechen konnte. »Ich nehme an, das ist noch nicht alles«, sagte er kalt.

»In der Tat«, antwortete der Nahrak und diesmal sah er verwundert aus. »Es sein noch nicht alles. Aber es reichen für den Augenblick.«

»Allerdings reicht es für den Augenblick«, fuhr ihn Esanna an. »Das ist doch alles platt getretene Kuhscheiße, kleiner Mann! Was haben wir mit diesen Viechern zu tun, die uns in der Höhle überfallen haben? Glaubst du etwa, die würden uns Befehle geben? Glaubst du wirklich, die könnten uns beherrschen?«

Kama sah sie sehr lange an und wandte dann den Kopf ab. »Ich wünschen, es wäre anders«, sagte er schließlich fast entschuldigend. »Und es sein auch nicht so einfach, wie du glaubst. Es sein alles sehr schwer zu verstehen.«

»Ach, ja? Das ist doch nur eine billige Entschuldigung dafür, dass du uns Unsinn erzählst, durch den du selbst nicht mehr durchblickst.«

»Nein, nein«, Kama schüttelte den Kopf, »keine Entschuldigung. Aber es sein vielleicht besser ... wenn du auf dich aufpassen. Auf deine innere Stimme. Es könnten sein, dass sich ... dass sich etwas in dir verändert.«

Obwohl ihn Kama gar nicht angesprochen hatte, fühlte sich Skar doch durch seine Worte bloßgestellt... Er schloss die Augen und kämpfte gegen den heftigen Druck hinter seinen Lidern an und gegen die Übelkeit, die sich in seinem Magen zusammenballte und nach seiner Kehle griff.... Es war etwas in ihm, das ihn immer mehr in seine Gewalt zu bekommen versuchte, etwas, das sich ihm immer dann entzog, wenn er es glaubte fassen zu können, um dann, beim nächsten Mal, mit doppelter Macht wieder über ihn herzufallen.

Bislang war er noch nicht einmal auf die Idee gekommen, dass es Esanna ganz ähnlich gehen könnte.

3.3

Jeder einzelne Muskel in Skars Körper schmerzte, ihm war übel und er war mittlerweile so durchgefroren, dass seine immer noch unverhüllten Beine zwei Eiszapfen glichen, die gleichermaßen zerbrechlich und gefühllos über den aufgeweichten Boden staksten. Aber alles war besser, als auf dem feuchten Boden zu hocken und mitzuerleben, wie Kama Dinge aussprach, die er wohl für die Wahrheit hielt, die aber in erster Linie dazu gedacht waren, ihn und Esanna unter Druck zu setzen. Ganz nebenbei hatte er dabei begonnen, ihrer beider Leben zu sezieren und einen Bezug zwischen ihnen beiden herzustellen, eine Gemeinsamkeit anzudeuten, die Skar zwar selber unterschwellig die ganze Zeit über gespürt hatte, über die nachzudenken er aber nicht bereit war.

»Wenn ich nicht in mein Dorf zurückkehre, werde ich nie wissen, ob nicht doch noch jemand lebt«, sagte Esanna, die einen halben Schritt hinter ihm ging und ihm doch so nah war, dass er ihre Anwesenheit auch mit geschlossenen Augen gespürt hätte.

Skar spürte den Ernst ihrer Worte, aber auch die Verzweiflung dahinter. Aber er bemerkte gleichzeitig auch etwas anderes: eine zuerst kaum spürbare Veränderung, die sich über sie beide und das Tal legte, eine Veränderung in dem frostig kalten Luftzug, der nun plötzlich kleine Wirbel zu bilden schien, die sie wie Derwische umtanzten, und dann ein leises Säuseln, das von überall und nirgends zu kommen schien wie der Vorbote der Ankunft von irgendetwas, das sich ihnen auf eine vollkommen unbegreifliche Art zu nähern versuchte.

Das Auffälligste aber war das Zurückweichen des Nebels. Es war so, als flöhe das feuchte Grau vor ihnen, als wiche es zurück wie vor einem Feind, dem es sich nicht gewachsen wusste und den es erst wieder zu attackieren gedachte, wenn es sich seiner Sache sicher war. Der Nebel glitt geradezu zurück, rasch und mit fast bewusst wirkender Zielstrebigkeit machte er den Blick frei auf das Tal, durch das sie gestern Abend gekommen waren und das sie nun auch heute wieder zu durchschreiten gedachten.

»Der Nebel«, stotterte Esanna. »Wo ist er hin?«

»Das«, sagte Skar, »ist eine wirklich gute Frage. Vielleicht hat ihn ja Kama gestohlen.«

Esanna warf ihm einen Blick zu, als habe er den Verstand verloren. »Mir ist nicht nach dummen Scherzen zumute«, sagte sie dann, und es lag so viel Zerrissenheit in ihrer Stimme, dass sich Skar für seine unbedachte Antwort schämte.

Obwohl ihr Skar erst vorgestern zum ersten Mal begegnet war - war es tatsächlich erst vor zwei Tagen gewesen? Ihm kam es wie Jahre vor -, erkannte er die vielen kleinen Zeichen in ihrer Art zu reden und sich zu bewegen deutlich genug, um zu wissen, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stand. Äußerlich wirkte sie ruhig, aber hinter der Maske aus Gelassenheit und Ruhe brodelte es; dessen war er sich sicher.

Vielleicht auch deshalb, weil es ihm selber nicht viel besser ging.

»Ich finde es nicht gut, dass Kama alleine aufgebrochen ist, um den Frarr zu suchen«, sagte Esanna. »Es wäre mir lieber, er wäre mit uns gekommen.«

Obwohl ihre Worte etwas seltsam klangen angesichts der Tatsache, dass sie noch heute Morgen alleine hatte aufbrechen wollen und wiederum kurz davor ihr Messer gegen den Nahrak gezogen hatte, nickte Skar. »Das kann ich verstehen. Ich habe zwar immer noch nicht so richtig begriffen, warum er uns hilft. Aber wenn er nicht gewesen wäre...«

Er ließ den Rest seines Satzes unbeendet. Aber Esanna schien ihn auch so zu verstehen. »Es ist schon merkwürdig, dass die Nahrak gerade im richtigen Moment gekommen sind«, sagte sie leise. Der frische Wind riss ihre Worte auseinander, sodass sie nur bruchstückhaft an Skars Ohr drangen.

»Ja«, sagte er nach einer Weile. »Aber das ist nicht das Einzige, was merkwürdig ist.« Und mehr zu sich selbst murmelte er: »Ich habe immer noch nicht im Geringsten begriffen, was das alles soll.«

»Du meinst, dass Kama dir die Verantwortung für ganz Enwor aufhalsen will?«, fragte Esanna.

Wieder nickte Skar. »Ja. So ähnlich.«

»Und du verstehst auch nicht, wie ich da ins Bild passe?«

»Ja. Auch das.« Skar deutete nach vorne. »Sieh dir das an. Ausgerechnet jetzt, zum Abend hin, klart es so schnell auf, als hätte der Frarr mit seinem Höllenfeuer die Feuchtigkeit aus der Luft gebrannt.«

Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis die plötzliche Veränderung so weit fortgeschritten war, dass sie mehr als nur ein paar verwaschene Schemen in der Entfernung zu entdecken vermochten. Was Skar gestern nur erahnt hatte, was er nach all den Strapazen und frischen Eindrücken des Kampfes lediglich mit dem Instinkt des Kriegers wahrgenommen hatte, der ihn auf der Suche nach einem sicheren Ruheplatz mit geradezu verblüffender Präzision zur Höhle geführt hatte - dem wahrscheinlich einzigen sicheren Schutz in dieser Nacht vor den Naturgewalten und allen den anderen Dingen, die dort draußen vorgegangen waren -, das wurde nun Gewissheit: Sie befanden sich in einer vollkommen unwirtlichen Einöde. Die Selbstverständlichkeit dieser lebensverneinenden und menschenfeindlichen Gegend erschreckte ihn gleichermaßen wie sie ihn auch faszinierte. Sein Blick tastete über die schroffen und steilen Abhänge, die wohl kaum je ein Mensch erklommen hatte, und über das Graubraun der wenigen spärlich bewachsenen Felsen, auf denen hier und da einzelne verwaschene weiße Flecke von dem Schnee kündeten, der heute Nacht gefallen war und an den meisten Stellen mittlerweile schon längst wieder vom Sturm weggetragen worden war.