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Das Erschreckendste aber waren relativ frisch aussehende Einbrüche nicht weit unter ihnen, die Gerölllawinen und Schneeabgänge nach sich gezogen hatten; mehrere beängstigend große und überraschend tiefe Senken, in die das Digger-Dorf mehrfach hineingepasst hätte und die irgendwie ... künstlich aussahen. Skar erinnerte sich daran, dass er Ähnliches bereits gesehen hatte, als er neben Roun zum Dorf der Digger geritten war. Es sah fast so aus, als ob sich der Berg selbst auflöste, als bräche er ein, als würde er immer weiter unterhöhlt, bis er schließlich irgendwann nachgeben und vollständig in sich zusammenfallen würde. »Das ist... unheimlich«, sagte Esanna fröstelnd. Sie wirkte mit einem Mal wieder wie ein kleines, hilfloses Mädchen und nicht wie die junge, selbstbewusste Frau, die soeben beschlossen hatte allen Widerständen zum Trotz ihre Familie zu suchen, um mit ihr einen Neuanfang zu wagen. Ihre Hand berührte wie von selbst Skars Arm, Schutz suchend und vielleicht in einem der wenigen Reflexe, die allen Lebewesen zu eigen ist, um sich des gegenseitigen Beistands zu versichern, wenn sie etwas über alle Maßen erschütterte. Die kurze und kaum spürbare Berührung tat Skar seltsam gut und zerriss den Bann des unglaublichen Schauspiels, gab ihm die Kraft sich von dem Wispern und Raunen um sich herum abzuwenden und eine bewusste Entscheidung zu treffen. »Wir sollten sehen, dass wir so schnell wie möglich von hier verschwinden«, sagte er leise. Es lag ihm auf der Zunge mehr zu sagen, von dem Grauen zu erzählen, das ihn beim Anblick der gigantischen Senken überkommen hatte, von der Vorstellung, dass sich die Khtaám-Höhle wie ein bösartiges Unkraut wuchernd immer weiter unter den Berg grub, ihm seine uralte Stabilität raubte und ihn hinabstürzen ließ, in die wirbelnde unfassbare Tiefe des Strudels, der sich unter ihm auftat, in den vielfachen Tod, der auch ihn und Esanna verschlingen wollte.

»Ja«, flüsterte Esanna, als habe sie Angst belauscht zu werden, »aber wohin?«

»Das dürfte nicht so schwer sein«, sagte Skar. Er deutete mit der Hand hinab in die schroffe Tiefe, die sich vor ihnen auftat. »Die Auswahl an Wegen ist eher zu mager als zu groß. Aber keine Sorge: So wie es uns Kama erklärt hat, müssen wir hier richtig sein.«

Das Brausen war noch immer zu hören und der frische Luftzug wieder zum Sturm angewachsen, der mit Esannas Haar spielte, als sie sich zu ihm umwandte, und sie blinzeln ließ, als sie ihn ansah. »Woher?«, fragte sie heiser. »Woher sind wir gestern gekommen?«

Skar zuckte mit den Schultern und deutete dann nach unten, in die Schlucht mit ihrem kärglichen Bewuchs aus verkrüppelten Bäumen und dürren Sträuchern, den unwirtlichen, durch Wind und Wasser abgeschliffenen Felsen und dem kaum sichtbaren Pfad, der sich seltsam unwirklich durch das unwegsame Gelände schlängelte, dicht vorbei an den Ausläufern einer Senke, die wie ein brutaler Fremdkörper in die ansonsten unberührte Landschaft schnitt.

»Von dort, soviel ich weiß.«

»Was heißt das: soviel du weißt?«, fragte Esanna verwirrt. »Das heißt, dass wir nicht auf dem Weg in dein Dorf sind und es deswegen auch nicht wichtig ist, den Weg dorthin zu kennen.«

»Für dich vielleicht nicht«, fauchte Esanna. »Aber für mich schon. Denn ich weiß immer noch nicht, ob es richtig ist, mit dir zu kommen.«

Skar blickte schweigend so weit in den Horizont hinein, wie er konnte. Das sonderbare, graugrüne Halblicht ließ nur die Dinge genau erkennen, die sich in unmittelbarer Nähe von ihnen befanden. Alles dahinter Liegende war verschwommen, große finstere Umrisse mit halb aufgelösten Konturen, unwirklich und drohend zugleich. Und auch der Regen, der jetzt fast unmerklich auf sie niederging, war sonderbar: fein wie sprühende Gischt und so warm, dass er seine Berührung kaum spürte, bis er bis auf die Haut durchnässt war. Zusammen mit dem unwirklichen graugrünen Licht gab es ihm fast das Gefühl sich unter Wasser zu befinden statt in den Bergen.

Schließlich zuckte Skar mit den Schultern. »Ich glaube, wir müssen dort lang«, sagte er und deutete irgendwo in das diffuse Nichts. »Und nun komm schon, bevor du Wurzeln schlägst.«

Esanna machte keine Anstalten ihm zu folgen, und als er sich zu ihr umdrehte, strich sie sich gerade eine Strähne ihres nass gewordenen Haars aus dem Gesicht und sah ihn nur schweigend an. Sie hatte sich nur wenige Armlängen von ihm entfernt gegen den Stamm eines alten, bereits abgestorbenen Baumes gelehnt, den nur noch die Gewohnheit an seinem Platz zu halten schien. Trotzdem konnte er ihr Gesicht nicht richtig erkennen. Es war nur ein heller Schemen in dem wogenden Etwas, in dem sich die Wirklichkeit aufzulösen begann.

»Ich weiß nicht, ob ich noch weitergehen kann«, sagte sie hilflos. »Meine Beine ... sie fühlen sich ... so taub an.« Skar nickte. Die Müdigkeit schlug wie eine lähmende Woge über ihm zusammen und er spürte, wie aus der Schwäche in seinem Magen so etwas wie Übelkeit wurde - offensichtlich war ihm die Mischung aus Beeren, Wurzeln und Pilzen, die sie vor ihrem Abmarsch gesammelt und verzehrt hatten, nicht besonders gut bekommen. »Das ist schon in Ordnung«, sagte er. »Wir werden hier rasten. Siehst du da drüben den Felsvorhang?«

Esanna folgte der Richtung, die seine ausgestreckte Hand vorgab, und nickte. »Du meinst...«

»Ich meine, wir sammeln jetzt an Blättern und Moos, was wir finden können, und richten uns unter dem Felsvorsprung eine Lagerstatt ein. In ein paar Stunden wird es sowieso dunkel und es ist fraglich, ob wir noch einmal einen so idealen Platz zum Rasten finden.«

»Sollten wir nicht... weitergehen?«, fragte Esanna zweifelnd. »Je weiter wir die Höhle hinter uns lassen, umso besser.«

»Das ist richtig«, gab Skar zu. »Aber wenn wir irgendwann vor Erschöpfung nicht mehr weiterkönnen ...«

»Du meinst, wenn ich irgendwann zusammenbreche«, unterbrach ihn Esanna bitter.

»Nein.« Skar schüttelte den Kopf und lächelte leicht. »Ich fürchte, du überschätzt meine Kräfte. Ich bin nicht weniger erschöpft als du - vielleicht sogar noch mehr. Außerdem liegen mir ein paar von Kamas Pilzen ganz schön schwer im Magen. Was ist, wenn ich plötzlich umkippe: Wirst du mich dann weiterschleppen können? Oder lässt du mich dann irgendwo liegen und gehst alleine weiter?«

In dem verwaschenen Etwas, als das er bei der Entfernung ihr Gesicht erkannte, glommen zwei Punkte auf, dort, wo die Augen saßen. »Das sagst du doch nur, um mich zu beruhigen.«

»Ich wünschte, es wäre so«, brummte Skar. »Und nun mach schon. Hilf mir dabei, ein Bett zu bauen. Oder willst du etwa auf dem nassen, kalten Boden schlafen?«

Statt einer Antwort stieß sich Esanna ab und kam zu ihm herüber. Unterwegs bückte sie sich bereits und sammelte so viel Laub auf, wie sie zu tragen vermochte. »Das können wir als Unterbau nehmen«, sagte sie. »Aber wir brauchen noch trockenes Laub, das wir als Oberschicht nehmen und auf das wir uns legen können.«