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Während sie das sagte, glomm in ihren Augen ein Feuer, das er nicht zu deuten vermochte. »Ich sehe schon, du machst das nicht zum ersten Mal«, sagte er, während er zu dem Felsvorsprung herüberging und sorgsam nach Schlangen, Echsen oder anderem Getier Ausschau hielt.

»Wir Digger bleiben nicht allzu lange an einem Ort«, erklärte sie. »Wenn wir irgendwo wieder von vorne anfangen, müssen wir uns in den ersten Tagen mit dem Allernötigsten versorgen. Da bleibt nicht viel Zeit, um gleich genug Hütten für alle Dorfbewohner zu bauen.«

»Ein wanderndes Dorf also«, sagte Skar. Er raffte Moos und Blätter zusammen, die im Schutze des Felsvorsprungs so gut wie trocken geblieben waren, und häufte sie auf dem deutlich feuchteren Blätterwerk Esannas auf.

»Das immer weiter wandert - wenn es nicht mit Gewalt daran gehindert wird.« Esannas Stimme klang nun wieder so erstickt, dass Skar sie am liebsten in den Arm genommen hätte, um sie zu trösten. »Oh ... verdammt.«

»Was ist?«, fragte Skar alarmiert und sah zu ihr herüber. Es war ein seltsamer Anblick. Sie war sehr groß für eine junge Frau, fast so groß wie er selbst, aber von schlankem, fast zerbrechlich anmutendem Wuchs. Es war gleichzeitig eine Trauer und eine Erregung in ihr, ein Mischmasch verschiedener Gefühle, die er nicht zu deuten verstand.

»Es ist... nichts«, sagte sie. »Ich muss nur lernen, dass alles irgendwann ein Ende hat.« Sie lachte humorlos auf. »Mein Leben ist zu Ende, weißt du das? Es war in dem Moment zu Ende, als du gesagt hast, dass du Geräusche hörst - Geräusche, wie sie nur von heranschleichenden Quorrl stammen konnten. Und dann ...« Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. »Ich verstehe nicht, warum dir mein Vater nicht glauben wollte. Vielleicht hätte es keinen Unterschied mehr gemacht. Vielleicht hätten uns die Quorrl dennoch überrannt. Aber ... wir hätten wenigstens eine Chance gehabt!«

Skar sagte nichts darauf. Auf vor Erschöpfung unsicheren Beinen ging er zu dem herüber, was ihr gemeinsames Lager sein sollte. Es gab keine Worte, die sie jetzt erreichen würden, nicht wirklich. Er hätte ihr etwas davon erzählen können, dass jedes Ende auch einen neuen Anfang in sich barg. Er hätte ihr von anderen Schicksalen berichten können, von Männern und Frauen, die nach verheerenden Schlägen wieder zu neuer Kraft gefunden hatten. Aber nichts von alldem war wirklich wahr, weil das alles nicht Esanna betraf und den Schmerz über einen Verlust, dessen ganze Bedeutung sie erst in ein paar Wochen, vielleicht sogar erst in ein paar Monaten erfassen würde - wenn sie selbst noch so lange lebte.

Er ließ sich auf dem Laub nieder, lehnte sich an den moosbewachsenen Felsen und starrte in den Regen hinaus. Nach all der Hetze, all dem Töten, all dem Verwirrenden, das ihn in einen alles vernichtenden Strudel hatte ziehen wollen, kam ihm dieser Augenblick fast wie eine Erlösung vor. Es war eine Gelöstheit in ihm, ein leichtes Schweben, so als würde er sich trennen und befreien von dem, was Kama eine Verantwortung genannt hatte und was für ihn nur eine Last war, die ihn zu erdrücken drohte.

Die Zeit hatte scheinbar aufgehört zu existieren. Er hätte später nicht mehr zu sagen vermocht, wie lange Esanna noch so vor ihm gestanden hatte, durchsichtig fast in ihrem Schmerz, so als wäre sie gar nicht mehr von dieser Welt. Er hätte nicht sagen können, wie lange sein Blick auf ihr geruht hatte, um dann wieder hinabzuwandern, die Anhöhe hinunter, die sie weiter und immer weiter führen würde, bis sie Mama, den Satai mit der Goldmaske, erreichten und dann das tun würden, was auch immer getan werden musste - vereint wieder mit Kama, der so sicher zu ihnen stoßen würde, wie er Esanna jetzt sah, als sie langsam auf ihn zukam, um sich neben ihm niederzulassen, Seite an Seite mit ihm und mit angewinkelten Knien.

»Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll«, sagte sie. Sie sah blass aus, gefangen in tiefer Trauer, aber auch auf eine erschreckende Weise erwachsen und selbstbewusst.

»Ich auch nicht«, sagte Skar leise. »Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich weiß nicht, was mich erwartet.«

Esanna schwieg lange und tausende von Tropfen gingen währenddessen nieder, benetzten die Erde, ganz leise und fast vorsichtig prasselnd, mehr ein Nieseln als ein ausgewachsener Regen. »Ich bin so entsetzlich müde«, sagte sie. »Ich weiß«, sagte Skar, »es ist eine Müdigkeit, die viel tiefer geht als alles, was nur durch zu wenig Schlaf entstehen kann...«

Nach einer Zeit, die nur eine Ewigkeit sein konnte, wandte Esanna den Kopf zu ihm um und er hatte das Gefühl, als betrachte sie ihn so intensiv, als sähe sie ihn zum ersten Mal. »Wie alt bist du?«, fragte sie.

»Ich weiß es nicht«, murmelte Skar und dachte an den Wächter. Es war nicht so, dass er es jemals wirklich verstanden hatte. Er war der Wächter gewesen - oder der Erbe des Wächters; derjenige, der über Enwor wachen sollte und es doch nur sehr unvollkommen tat. Er war Ewigkeit und doch so sterblich, wie man nur sein konnte. Er hatte die Unsterblichkeit angeboten bekommen und sie ausgeschlagen - vielleicht hatte er sie gerade dadurch gewonnen.

»Das ist keine Antwort«, sagte Esanna sachte.

»Nein, das ist es nicht«, antwortete er. »Aber es ist die Wahrheit. Ich habe es vergessen ...«

»Wie meinst du das?«, fragte Esanna nach der nächsten Ewigkeit mit diesem ewigen Prasseln des leichten Regens, der keinen Anfang und kein Ende kannte.

»Ich weiß es nicht.« Er schloss die Augen und blendete die Welt damit aus; aber immer noch war da das Prasseln, Prasseln, Prasseln und der Körpergeruch Esannas, eine verwirrende Mischung aus Tod und Jugend, aus Blut, Schweiß und Jungfräulichkeit.

Er streckte die Hand nach ihr aus und fand die ihre.

»Wenn ich es nur wüsste«, murmelte er. »Ich habe mich verloren im Strudel der Zeit...«

Er hatte das Gefühl, dass die Welt ihm immer mehr entglitt. Es war nicht mehr als das Prasseln des Regens und dieses sanfte, ziehende Gefühl von Esannas Hand, das ihn vor dem völligen Abgleiten in eine dunkle Wirklichkeit bewahrte.

»Werden wir weiter zusammenbleiben?«, fragte Esanna und zu seiner Verblüffung klang keine Erwartung und keine Angst in ihrer Frage mit; es war einfach nur eine Frage. »Wie meinst du das?«, fragte er.

Es dauerte diesmal sehr lange, bis sie antwortete. »Ich habe niemanden mehr«, sagte sie. »Und ich weiß auch nicht mehr, was ich glauben soll. Ich weiß nicht, was Kama mir sagen wollte...«

»Vergiss Kama.«

»Ja. Nein. Er ist ein bemerkenswerter Mann. Und ich glaube, dass er davon überzeugt ist, was er sagt.«

»Das steht zu befürchten«, seufzte Skar. »Aber wenn es dir recht ist: Lass uns jetzt nicht von Kama sprechen.«

»Und doch müssen wir das«, sagte Esanna. »Es sind Dinge passiert...«

»Ja?«

»Es ist... als ob sich ein Abgrund vor uns eröffnet hätte, der die ganze Welt verschlingen wollte.«

Skars Nackenhaare stellten sich auf. »Der Schlund«, flüsterte er. »Er hat versucht uns zu verschlingen. Aber vielleicht hat er es ja auch irgendwie geschafft. Und vielleicht will er sich nun andere holen, mit unserer Hilfe ...«

»Ist dir nicht kalt?«, fragte sie unvermittelt. »Ohne Beinkleider ... du holst dir noch den Tod.«

»Ich habe mir schon den Tod geholt«, murmelte er.

Es änderte nichts an dem, was sie vorhatte. Seine Müdigkeit machte vagem Schrecken und einer kabbelnden Anspannung Platz, als sie ihre Hände weiter zu ihm schob und ihn langsam aber beharrlich zu sich herüberzog. Er wehrte sich nicht, er ließ es einfach geschehen, ohne die Augen zu öffnen, ohne etwas anderes zu hören als das stete Prasseln und das leise Rascheln von Stoff auf nackter Haut. Dann erst begriff er, was sie vorhatte: Sie schlang ihre langen Beine um die seinen. »Ich muss dich doch wärmen«, sagte sie. »Wir werden gleich einschlafen und bis morgen früh durchschlafen... ich kann nicht zulassen, dass du erfrierst.«