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Die Worte trafen Esanna wie eine schallende Ohrfeige. »Was für einen unglaublichen Schwachsinn redest du da?« Ihre Augen glitzerten vor Wut, aber da war auch noch etwas anderes in ihnen, ein verräterisches Glitzern wie von mühsam unterdrückten Tränen. »Die Tiere haben die Digger abgeschlachtet, bevor die Satai ihnen in letzter Sekunde zur Hilfe gekommen sind, um sie zu retten.«

»Wohl kaum«, sagte Skar leise. »Es war ein Hinterhalt, glaube mir.«

»Woher willst du das überhaupt wissen? Du warst doch nicht dabei.«

»Ich war nicht dabei, aber ich sehe die Spuren des Kampfes«, antwortete Skar. »Dort, von den Felsen nahe am Waldrand bis zum Wasser, liegen mehrere tote Digger, auf der anderen Seite des Flusses sind es tote Satai...«

»Also könnte es doch genauso gewesen sein, wie ich gesagt habe: Die Quorrl haben die Digger angegriffen und wurden dann später von den Satai gerettet.«

Skar drehte sich einmal auf seinem Absatz um die eigene Achse, darauf gefasst, irgendein Anzeichen eines bevorstehenden Angriffs zu sehen. Aber da war einfach nichts - nichts bis auf die Toten, die nun schon tagelang schutzlos der Witterung ausgesetzt waren. »Nein«, widersprach er dann. »Nicht so, wie die Quorrl von Bolzen, Pfeilen und Lanzen geradezu zerstückelt wurden. Wären sie die Angreifer gewesen, wären die Digger kaum noch zu einem Schuss gekommen...«

»Und wenn schon! Was macht es für einen Unterschied, Skar, was für einen? Erklär mir das mal bitte!« Bevor sie Skar daran hindern konnte, rannte Esanna ein paar Schritte auf einen toten Digger zu und zog den Mann, der halb im Wasser gelegen hatte, ein Stück hoch und drehte ihn vom Rücken auf die Seite. Es war kein schöner Anblick: Der Hieb eines Zackenschwertes hatte ihn zwischen Schulter und Hals erwischt und war mit schier unglaublicher Gewalt bis übers Brustbein eingedrungen. Hätte der Quorrl, der den tödlichen Hieb geführt hatte, noch etwas weiter ausgeholt, hätte er den Digger wahrscheinlich regelrecht gespalten. »Da!«, schrie sie vollkommen außer sich. »Siehst du es nicht? Es war eines dieser Monster und es hat diesen Mann umgebracht! Es hat ihn einfach in zwei Stücke gehauen! Und da kommst du und willst mir irgendetwas erzählen von ...« Der Rest des Satzes ging in Schluchzen unter. Skar wandte betroffen den Kopf ab. Wie er diese Gewaltspirale hasste, das Töten, die Rachsucht, die auf allen beteiligten Seiten immer mehr Angst, Schrecken und Grauen verursachte, aber auch den brennenden Wunsch jedem eigenen Toten mindestens einen, wenn nicht mehrere Gegner folgen zu lassen, den Willen zur Vergeltung, der schon in kleine Kinder versenkt wurde mit dem Ziel, aus ihnen perfekte Tötungsmaschinen zu machen, wenn die Zeit gekommen war: Und wieder einmal war diese Zeit gekommen.

Wahrscheinlich war das der Grund, warum Kama - und das, was hinter ihm stand - ihn für fähig hielt dem sinnlosen Sterben ein Ende zu bereiten. Er, der selber hunderten von Menschen und dutzenden von Quorrl das Leben genommen hatte, der als Befehlshaber tausender Krieger für mannigfaltigen Tod verantwortlich war, war auch einer der erbittertsten, weil erfahrensten Gegner von Vernichtungsfeldzügen. Er wusste wie kaum einer anderer Mensch, dass neun von zehn Kämpfen vermeidbar und im höchsten Maße überflüssig waren, dass es nur wenige Gründe gab einander zu hassen und zu töten.

Aber das war noch nicht alles. Hier, im Angesicht des sinnlosen Todes viel zu vieler Krieger und Digger, wurde ihm zum ersten Mal klar, dass er alles daransetzen musste, um diesem fürchterlichen Kampf zwischen Menschen und Quorrl ein Ende zu bereiten. Er musste, falls ihm das Schicksal wirklich dazu die Macht in die Hände gespielt hatte, Menschen wie Esanna vor dem Schrecken weiterer sinnloser Massaker bewahren.

Doch er zweifelte stark daran, dass er wirklich den Schicksalsfaden Enwors in eine andere Richtung spinnen konnte. Er war ja schon kaum in der Lage, dieses Kind zu bändigen, das jetzt mit rot geweinten Augen auf ihn zukam und ihm trotz seiner Trauer mit einer Mischung aus Trotz und Hass entgegenstarrte. »Und was jetzt, großer Skar?«, fragte Esanna herausfordernd. »Willst du jetzt immer noch behaupten, alles sei nur ein großes Missverständnis?«

»Kein Missverständnis«, sagte Skar hilflos, »jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Sondern ein Irrtum. Ein verdammter Irrtum, weil nicht die Quorrl...« Er brach seinen Satz abrupt ab. Es waren die Erlebnisse der letzten Nacht und das Gespräch mit Kama, die ihn fast hätten sagen lassen: »Weil nicht die Quorrl eure Gegner sind.« Aber doch, das waren sie. Die Quorrl waren die Gegner der Digger, aber sie waren, so hatte es zumindest Kama behauptet, nicht die Gegner der Menschen und übrigen Bewohner Enwors, sondern, ganz im Gegenteil, ihre wertvollsten Verbündeten. »Dir gehen die Argumente aus, Satai«, sagte Esanna schroff. »Du weißt nicht mehr, was du sagen sollst angesichts dessen, was du hier siehst.«

»Das mag sein«, gab Skar zu, »weil ich deinen Schmerz verstehen kann und das Gefühl Rache nehmen zu müssen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass du im Recht bist.«

»Du verdammter, eingebildeter Narr!«, schrie Esanna. »Bist du nur in die Welt zurückgekommen, um mich mit diesen Sprüchen zu quälen? Bist du nur wieder geboren worden, um das Unglück der Menschen zu verspotten?«

Es hätte vieles gegeben, was Skar darauf hätte erwidern können, aber nichts, was wirklich bis zu dem Mädchen durchgedrungen wäre. Einen Moment lang sah er es noch an, dann wandte er sich wortlos um und machte sich daran, die Furt zu durchschreiten, diesen einzigen Übergang weit und breit, der sie zurückbringen würde in das, was die meisten Menschen Zivilisation nannten. Die Strömung war schnell und tückisch, aber das Flussbett an dieser Stelle so breit, dass sich das Wasser ausladend über viele Felsen und Kieselansammlungen ergießen konnte und deshalb auch an der tiefsten Stelle höchstens hüfthoch war.

In der Mitte des Flusses lagen zwei Quorrl, die von mehreren Pfeilen regelrecht aufgespießt worden waren; einer von ihnen war noch nicht einmal dazu gekommen, sein Schwert zu ziehen. Das und die Lage der anderen Toten bestätigten seine Annahme über den Ablauf des Kampfs. Aber Esanna hatte zumindest in diesem einen Punkt Recht: Es machte keinen Unterschied, wer hier wem aufgelauert hatte. Jetzt nicht mehr und vielleicht sogar schon lange nicht mehr. Zu viel war mittlerweile geschehen und nichts würde den Lauf der Ereignisse mehr ändern können - wenn sich nicht jemand dagegenstemmte, der schon gezwungenermaßen über den Dingen stand.

Während er die Mitte des Stroms erreichte und das Wasser spürte, das seine Beine gleichsam sacht und fordernd umspielte, so als wollte es austesten, ob es ihn mitreißen konnte, erwartete er jeden Moment einen harten Aufprall zu spüren, von einem oder mehreren Pfeilen durchbohrt zu werden. Aber mehr noch fürchtete er dunkle Schatten im Wasser und bei jedem größeren Fisch, den er die Strömung durchschneiden sah, durchzuckte es ihn eiskalt: Auch wenn ihre Form weit weniger schnittig war und ihre Bewegungen an Eleganz vermissen ließen, erinnerten sie ihn an die Khtaám und es hätte ihn nicht verwundert, wenn plötzlich ein Schwarm der schwarzen Nachtmahre durchs Wasser geglitten wäre, um wie eine Schar Piranhas direkt auf ihn zuzuhalten und über ihn herzufallen.

Mittlerweile fürchtete er die Manifestationen des Khtaám mehr als den Tod; er hatte nicht vergessen, was in ihm vorgegangen war, als er am Rande des Schlunds gestanden hatte, wie stark und verlockend der Sog der Tiefe gewesen war und zu welcher Tat er fähig gewesen war angesichts der Unendlichkeit, die sich unter ihm aufgetan hatte. Aber er war es sich und dem Mädchen schuldig, als Erster die Furt zu durchschreiten. Wenn ihm die Überquerung unbeschadet gelang, dürfte das Risiko für Esanna weitaus geringer ausfallen - falls ihnen nicht am anderen Ufer eine böse Überraschung drohte.