«Gibt es denn gar keine andere Möglichkeit, um…«
«Leider nein. Die junge Dame macht einen sehr überzeugenden Eindruck.«
«Nur die Angehörigen sind nicht überzeugt.«
«Korrekt.«
«Und Sie — halten Sie diese Frau für eine Betrügerin, Simon?«
«Offen gesagt — ich weiß es nicht, aber meine persönliche Meinung spielt keine Rolle. In dieser Sache ist jede subjektive Meinung belanglos. Vor Gericht kommt es nur auf Beweise an, und einen Beweis kann hier nur der DNS-Test bringen.«
Der Direktor des Leichenbeschauamts schüttelte traurig den Kopf.»Ich habe den alten Harry Stanford persönlich gekannt, und das wäre ihm sicher nicht recht gewesen. Ich sollte es nicht…«
«Sie werden aber.«
Der Beamte seufzte gequält.»Ich werde wohl müssen. Würden Sie mir wenigstens einen Gefallen tun?«
«Selbstverständlich.«
«Halten Sie diese Angelegenheit unter der Glocke. Sorgen Sie dafür, daß es nicht in die Medien kommt.«
«Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Absolute Geheimsache. Bei der Exhumierung werden nur die nächsten Familienangehörigen zugegen sein und sonst niemand.«
«Und wann soll die Exhumierung durchgeführt werden?«
«Wir würden es gern am Montag hinter uns bringen.«
Der Beamte seufzte noch einmal.»Also gut. Ich werde das
Bestattungsunternehmen anrufen. Aber damit stehen Sie jetzt in meiner Schuld, Simon.«
«Ich werde es Ihnen nie vergessen.«
Am Montag um neun Uhr früh war auf dem Mount Auburn Cemetery der Friedhofsteil mit Harry Stanfords Grab wegen» Instandsetzungsarbeiten «vorübergehend abgesperrt — Zutritt streng verboten. Am Grabe Harry Stanfords waren Woody, Peggy, Tyler, Kendall, Marc, Julia, Simon Fitzgerald, Steve Sloane sowie Dr. Collins als Vertreter des Leichenbeschauamts und beobachteten, wie vier Friedhofsangestellte den Sarg aus der Erde hoben. Perry Winger stand abseits.
Als der Sarg herausgehoben worden war, fragte der Vorarbeiter die Gruppe der Wartenden:»Und jetzt? Was soll ich tun?«
«Öffnen Sie bitte den Sarg«, wies ihn Fitzgerald an und erkundigte sich dann bei Perry Winger:»Wie lange werden Sie brauchen?«
«Höchstens eine Minute. Ich werde nur rasch eine Hautprobe entnehmen.«
«In Ordnung. «Fitzgerald gab dem Vorarbeiter ein Zeichen.»Fangen Sie an. «Die Friedhofsarbeiter begannen damit, die Sargversiegelung zu öffnen.
«Ich möchte mir das eigentlich nicht ansehen«, sagte Kendall.»Ist es denn wirklich nötig, daß wir…«
«Jawohl!«erklärte Woody.»Es ist wirklich nötig, daß wir es mit unseren eigenen Augen sehen und bezeugen.«
Aller Augen verfolgten gebannt, wie mit äußerster Behutsamkeit der Deckel des Sargs entfernt und zur Seite gelegt wurde, und spähten neugierig ins Sarginnere.
«O mein Gott!«rief Kendall.
Der Sarg war leer.
Kapitel 14
In Rose Hill hatte Tyler gerade den Hörer aufgelegt.»Fitzgerald meint, daß die Sache wasserdicht ist und nichts an die Medien gelangen wird. Der Friedhofsverwaltung könne an negativer Reklame nicht gelegen sein, Dr. Collins sei von seinem Chef im Amt des Leichenbeschauers zu Stillschweigen verpflichtet worden, und Perry Winger könne man vertrauen, der werde sowieso nicht reden.«
Woody hörte überhaupt nicht zu.»Ich weiß nicht, wie sie das hingekriegt hat! Das Miststück!«schimpfte er.»Aber damit kommt sie mir nicht durch!«Seine Augen glühten, er versuchte die anderen herauszufordern, Position zu beziehen.»Ihr teilt meine Meinung wohl nicht, daß es ihr Werk war?«
«Ich muß dir beipflichten, Woody, leider. «Tyler sprach langsam, gedehnt, als wenn es ihm schwerfiele, es zuzugeben.»Ich wüßte wirklich niemanden außer ihr, der ein Motiv gehabt haben könnte. Die Frau ist äußerst raffiniert, sie hat Ideen, und sie arbeitet mit Sicherheit nicht allein. Wenn ich nur wüßte, mit wem oder was wir es hier zu tun haben!«
«Und was machen wir jetzt?«fragte Kendall.
Tyler zuckte mit den Schultern.»Offen gesagt, ich weiß es auch nicht. Und das macht mich sehr unglücklich, weil ich nämlich davon überzeugt bin, daß sie gerichtliche Schritte unternehmen wird, um ihr Erbteil einzuklagen.«
«Und hat sie eine Chance, den Prozeß zu gewinnen?«fragte Peggy schüchtern.
«Ich fürchte, ja. Sie hat große Überzeugungskraft. Sie hat es ja sogar geschafft, einige von uns zu überzeugen.«
«Aber wir müssen etwas unternehmen «rief Marc.»Warum schalten wir eigentlich nicht die Polizei ein?«»Wie Fitzgerald vorhin am Telefon erwähnte, ist die Polizei bereits wegen des Verschwindens der Leiche eingeschaltet worden, sie kommt aber auch nicht weiter. Im übrigen will die Polizei die Sache möglichst geheimhalten, weil sie befürchtet, daß sonst alle möglichen Verrückten mit einer Leiche anrücken.«
«Aber wir könnten die Polizei doch bitten, diese Hochstaplerin unter die Lupe zu nehmen.«
Tyler schüttelte heftig den Kopf.»Das ist nichts für die Polizei. Das ist eine Privat…«Er hielt inne und wurde auf einmal nachdenklich:»Moment mal. Wißt Ihr, was…«
«Was?«
«Wir könnten doch einen Privatdetektiv mit ihrer Entlarvung beauftragen!«
«Keine schlechte Idee. Kennst du jemanden?«
«Nicht in Boston. Es wäre natürlich möglich, Fitzgerald zu bitten, jemanden für uns zu finden. Oder…«Er zögerte.»Ich bin ihm zwar nie persönlich begegnet, ich weiß aber von einem Privatdetektiv in Chicago, den der Staatsanwalt häufig einsetzt und der einen ausgezeichneten Ruf hat.«
«Warum bemühen wir uns dann nicht um ihn?«schlug Marc vor.
Tylers Blick wanderte über die Anwesenden.»Seid ihr damit einverstanden?«
«Was haben wir schon zu verlieren?«meinte Kendall.
«Die Sache könnte teuer werden«, warnte Tyler.
Woody schnaubte verächtlich.»Was redest du da von teuer? Es geht um Millionen!«
«Natürlich. «Tyler nickte.»Du hast völlig recht.«
«Wie heißt der Privatdetektiv?«
Tyler überlegte.»Ich kann mich nicht genau erinnern. Simpson… Simmons… Nein, das ist nicht sein Name. Aber so ähnlich — ich könnte beim Staatsanwalt in Chicago nachfragen.«
Alle beobachteten Tyler, als er den Hörer des Telefons auf dem Wandtisch abhob, wählte und zwei Minuten später einen Staatsanwalt an der Leitung hatte.»Hier Richter Tyler Stanford. Ihr Amt setzt meines Wissens gelegentlich einen Privatdetektiv ein, der ausgezeichnete Arbeit leistet. Der Name lautet so ähnlich wie Simmons oder…«
«Ach so«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.»Sie meinen wohl Frank Timmons.«
«Timmons! Ja, genau.«Über Tylers Gesicht zog das Lächeln eines Menschen, der erleichtert feststellt, daß auf sein Gedächtnis doch noch einigermaßen Verlaß ist.»Ob Sie mir wohl freundlicherweise seine Telefonnummer geben könnten, damit ich mich mit ihm in Verbindung setzen kann?«
Tyler notierte eine Nummer und legte auf.
«Also gut«, meinte Tyler.»Wenn ihr damit einverstanden seid, will ich versuchen, ihn zu erreichen.«
Alle nickten.
Am darauffolgenden Nachmittag saßen sie in der Bibliothek zusammen, als Clark Mr. Timmons ankündigte.
Er war ein Mann in den Vierzigern, blaß, der Körper gedrungen und stämmig wie bei einem Boxer. Er hatte eine gebrochene Nase und helle, forschende Augen, die von Tyler über Marc zu Woody wanderten, fragend:»Richter Stanford?«
«Der bin ich«, sagte Tyler.
«Frank Timmons«, stellte er sich vor.
«Nehmen Sie doch bitte Platz.«
«Danke. «Timmons setzte sich.»Das waren Sie, mit dem ich am Telefon gesprochen habe, nicht wahr?«
«Ja.«
«Um ganz ehrlich zu sein — ich weiß nicht so recht, ob ich Ihnen sehr nützlich sein kann. Hier in Massachusetts habe ich zu den Behörden keinerlei Beziehungen.«