Der Saft lief an Sansas Nase hinab und brannte in den Augen. Sie wischte ihn mit einer Serviette ab. Als sie sah, was die Frucht auf ihrem Schoß dem hübschen Seidenkleid angetan hatte, kreischte sie abermals.»Du bist gräßlich«, schrie sie ihre Schwester an.»Dich hätten sie töten sollen, nicht Lady.«
Septa Mordane sprang auf.»Euer Hoher Vater wird davon erfahren! Geht auf Eure Zimmer, sofort. Sofort!«
«Ich auch?«Tränen stiegen Sansa in die Augen.»Das ist nicht fair.«
«Die Frage steht nicht zur Debatte. Hinaus!«
Sansa stolzierte erhobenen Hauptes davon. Sie würde
Königin sein, und Königinnen weinten nicht. Zumindest nicht vor den Augen anderer. In ihrer Kammer angekommen, verriegelte sie die Tür und zog das Kleid aus. Die Blutorange hatte einen roten Fleck auf der Seide zurückgelassen.»Ich hasse sie!«schrie sie. Sie knüllte das Kleid zusammen und warf es in den kalten Kamin, auf die Asche vom gestrigen Abend. Als sie sah, daß der Fleck auf ihr Unterkleid durchgefärbt hatte, fing sie unwillkürlich an zu schluchzen. Wild riß sie sich den Rest ihrer Kleider vom Leib, warf sich aufs Bett und weinte sich wieder in den Schlaf.
Gegen Mittag klopfte Septa Mordane an ihre Tür.»Sansa, dein Hoher Vater will dich sehen.«
Sansa setzte sich auf.»Lady«, flüsterte sie. Einen Augenblick lang glaubte sie, der Schattenwolf wäre bei ihr im Zimmer und sähe sie mit seinen goldenen Augen an, traurig und wissend. Sie merkte, daß sie geträumt hatte. Lady war bei ihr, und sie rannten gemeinsam, und… und… der Versuch, sich zu erinnern, war, als wollte sie Regen mit den Händen fangen. Der Traum verblaßte, und Lady war wieder tot.
«Sansa. «Erneut klopfte es, diesmal scharf.»Hörst du mich?«
«Ja, Septa«, rief sie.»Durfte ich mich bitte zuerst anziehen?«Ihre Augen waren rot vom Weinen, doch gab sie sich alle Mühe, sich hübsch herzurichten.
Als Septa Mordane sie ins Solar führte, saß Lord Eddard über ein mächtiges ledergebundenes Buch gebeugt, sein gipsumwandetes Bein unter dem Tisch.»Komm her, Sansa«, sagte er nicht unfreundlich, als die Septa gegangen war, um ihre Schwester zu holen.»Setz dich neben mich. «Er schloß das Buch.
Septa Mordane kam mit Arya zurück, die sich ihr entwinden wollte. Sansa trug ein hübsches, hellgrünes Kleid und ihr Blick war voller Reue, ihre Schwester hingegen trug nach wie vor das verlotterte Leder und das grobe Leinen, das sie schon zum Frühstück angehabt hatte.»Hier ist die andere«, verkündete die Septa.
«Mein Dank, Septa Mordane. Ich würde gern mit meinen Töchtern allein sprechen, wenn Ihr so freundlich wäret. «Die Septa verneigte sich und ging.
«Arya hat angefangen«, sagte Sansa eilig, eifrig darauf bedacht, als erste zu sprechen.»Sie hat mich eine Lügnerin geschimpft und eine Orange nach mir geworfen und mein Kleid ruiniert, die elfenbeinfarbene Seide, die Königin Cersei mir geschenkt hat, als ich mit Prinz Joffrey verlobt wurde. Sie will nicht, daß ich den Prinzen heirate. Sie versucht, alles zu verderben, Vater. Sie kann es nicht ertragen, daß irgend etwas schön oder hübsch oder prunkvoll ist.«
«Genug, Sansa. «Aus Lord Eddards Stimme klang scharf seine Ungeduld heraus.
Arya hob den Blick.»Es tut mir leid, Vater. Ich hatte unrecht und bitte meine Schwester um Verzeihung.«
Einen Moment lang war Sansa so verblüfft, daß ihr die Worte fehlten. Schließlich fand sie ihre Stimme wieder.»Was ist mit meinem Kleid?«
«Vielleicht… könnte ich es waschen«, sagte Arya unsicher.
«Waschen wird nichts nützen«, sagte Sansa.»Nicht mal, wenn du Tag und Nacht schrubben würdest. Die Seide ist ruiniert.«
«Dann… mache ich dir ein neues«, schlug Arya vor.
Voller Verachtung warf Sansa den Kopf in den Nacken.»Du? Du könntest nicht mal ein Kleid nähen, das gut genug wäre, damit einen Schweinestall auszukehren.«
Ihr Vater seufzte.»Ich habe euch nicht rufen lassen, um über Kleider zu streiten. Ich schicke euch beide nach Winterfell zurück.«
Zum zweiten Mal war Sansa so verblüfft, daß ihr die Worte fehlten. Sie merkte, wie ihre Augen wieder feucht wurden.
«Das darfst du nicht«, sagte Arya.
«Bitte, Vater«, brachte Sansa schließlich hervor.»Bitte nicht.«
Eddard Stark schenkte seinen Töchtern ein müdes Lächeln.»Zumindest seid ihr euch diesmal einig.«
«Ich hab nichts Unrechtes getan«, flehte Sansa ihn an.»Ich will nicht dorthin zurück. «Sie liebte King's Landing, den Prunk bei Hofe, die hohen Lords und Ladys in Samt und Seide und Edelsteinen, die große Stadt mit all den Menschen. Das Turnier war die magischste Zeit in ihrem ganzen Leben gewesen, und es gab so vieles, was sie noch nicht gesehen hatte, Erntefeste und Maskenbälle und Mummenschanz. Den Gedanken, das alles zu verlieren, konnte sie nicht ertragen.»Schick Arya fort, sie hat damit angefangen, Vater, ich schwöre es. Ich werde brav sein, du wirst sehen, laß mich nur bleiben, und ich verspreche, ich werde so fein und edel und höfisch wie die Königin selbst sein.«
Vaters Mund zuckte eigentümlich.»Sansa, ich schicke euch nicht fort, weil ihr gestritten habt, auch wenn allein die Götter wissen, wie satt ich euren ständigen Streit habe. Ich wünsche zu eurer eigenen Sicherheit, daß ihr nach Winterfell geht. Drei meiner Männer wurden wie Hunde niedergemacht, keine Wegstunde von hier. Und was macht Robert? Er geht auf die Jagd.«
Arya kaute an ihrer Lippe herum wie stets auf diese abstoßende Art und Weise.»Können wir Syrio mitnehmen?«
«Wen interessiert dein dämlicher Tanzlehrer?«fuhr Sansa sie an.»Vater, eben fällt mir ein, daß ich nicht fahren kann. Ich soll Prinz Joffrey heiraten. «Sie gab sich alle Mühe, ihn tapfer anzulächeln.»Ich liebe ihn, Vater, ich liebe ihn wirklich. Ich liebe ihn so sehr, wie Königin Naerys Prinz Aemon, den
Drachenritter, geliebt hat, so sehr, wie Jonquil Ser Florian geliebt hat. Ich will seine Königin sein und seine Kinder bekommen.«
«Meine Süße«, sagte ihr Vater zärtlich,»hör mir zu. Wenn du volljährig bist, werde ich dich mit einem Lord zusammenbringen, der deiner wert ist, mit jemandem, der tapfer und sanft und stark ist. Diese Verlobung mit Prinz Joffrey war ein schrecklicher Fehler. Dieser Junge ist kein Prinz Aemon, das mußt du mir glauben.«
«Ist er doch!«beharrte Sansa.»Ich will niemanden, der tapfer und sanft ist, ich will ihn. Wir werden so glücklich sein, genau wie in den Liedern, du wirst es sehen. Ich schenke ihm einen Sohn mit goldenem Haar, und eines Tages wird der König über das ganze Reich sein, der größte König, den es je gegeben hat, so mutig wie der Wolf und so stolz wie der Löwe.«
Arya verzog das Gesicht.»Nicht solange Joffrey der Vater ist«, entgegnete sie.»Er ist ein Lügner und ein Feigling, und außerdem ist er ein Hirsch, kein Löwe.«
Sansa spürte Tränen in ihren Augen.»Ist er nicht! Er ist kein bißchen wie der alte Säuferkönig«, schrie sie ihre Schwester an und vergaß sich ganz in ihrer Trauer.
Vater blickte sie seltsam an.»Bei allen Göttern«, fluchte er leise,»aus dem Mund von Kindern…«Er rief nach Septa Mordane. Zu den Mädchen sagte er:»Ich suche eine schnelle Handelsgaleere, die euch nach Hause bringt. In diesen Zeiten ist die See sicherer als die Kingsroad. Ihr fahrt, sobald ich ein geeignetes Schiff finde, mit Septa Mordane und einem Trupp Gardisten… und, ja, mit Syrio Forel, falls er bereit ist, in meine Dienste zu treten. Nur behaltet es für euch. Es ist besser, wenn niemand von unseren Plänen weiß. Morgen reden wir weiter.«'
Sansa weinte, als Septa Mordane sie die Treppe hinunterführte. Man würde ihr alles nehmen, die Turniere und den Hof und ihren Prinzen, alles, man würde sie hinter die grauen Mauern von Winterfell schicken und für alle Zeiten einsperren. Ihr Leben war zu Ende, bevor es auch nur begonnen hatte.
«Hör auf zu weinen«, sagte Septa Mordane streng.»Ich bin mir sicher, daß dein Hoher Vater weiß, was für dich am besten ist.«