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Doch hatte er letzte Nacht von Rhaegars Kindern geträumt. Lord Tywin hatte die Leichen unter den Eisernen Thron gelegt, in rote Umhänge seiner Leibgarde gewickelt. Das war klug von ihm. Das Blut war auf dem roten Tuch nicht so gut zu sehen. Die kleine Prinzessin war barfuß gewesen, noch in ihrem Schlafhemd, und der Junge… der Junge…

Ned durfte es nicht noch einmal geschehen lassen. Noch einen irren König, noch einen Tanz von Blut und Rache würde das Reich nicht überleben. Er mußte eine Möglichkeit finden, die Kinder zu retten.

Robert konnte gnädig sein. Ser Barristan war nicht der einzige, den er je begnadigt hatte. Grand Maester Pycelle, die Spinne Varys, Lord Balon Greyjoy, sie alle hatte Robert einst zu seinen Feinden gezählt, und alle waren in Freundschaft aufgenommen worden und durften für ihren Treueeid in Amt und Ehren bleiben. Solange ein Mann mutig und ehrlich war, behandelte Robert ihn mit allem Respekt, der einem tapferen Feind zustand.

Dieses hier war etwas anderes: Gift im Dunkeln, ein Messer, das in die Seele stach. Solches konnte er niemals verzeihen, ebenso wie er Rhaegar nicht vergeben konnte. Er wird sie alle töten, dachte Ned.

Und dennoch wußte er, daß er nicht schweigen durfte. Er hatte eine Pflicht Robert gegenüber, dem Reich, dem Schatten Jon Arryns… und Bran, der offenbar über einen Teil der Wahrheit gestolpert war. Warum sonst hatten sie versuchen sollen, ihn zu ermorden?

Am späten Nachmittag rief er Tomard, den beleibten Wachmann mit dem ingwerfarbenen Backenbart, den seine Kinder Fat Tom nannten. Da Jory tot war und Alyn fort, hatte Fat Tom das Kommando über seine Leibwache bekommen. Der Gedanke erfüllte Ned mit einiger Unruhe. Tomard war ein guter Mann: umgänglich, loyal, unermüdlich, in begrenztem Rahmen fähig, aber er war fast fünfzig und selbst in seiner Jugend nie energisch gewesen. Vielleicht hätte Ned nicht so voreilig die Hälfte seiner Garde fortschicken sollen, und mit ihr seine besten Streiter.

«Ich werde Eure Hilfe brauchen«, sagte Ned, als Tomard erschien und dabei etwas ängstlich wirkte wie immer, wenn er vor seinen Herrn trat.»Bringt mich zum Götterhain.«

«Ist das klug, Lord Eddard? Mit Eurem Bein?«

«Vielleicht nicht. Trotzdem notwendig.«

Tomard rief Varly. Mit den Armen um die Schultern der beiden Männer schaffte es Ned, die steile Turmtreppe hinabzusteigen und über den Burghof zu humpeln.»Ich möchte, daß die Wache verdoppelt wird«, erklärte er Fat Tom.»Niemand betritt oder verläßt den Turm der Hand ohne meine Erlaubnis.«

Tom blinzelte.»M'lord, da Alyn und die anderen fort sind, stehen wir schon jetzt unter größtem Druck…«

«Es wird nicht ewig dauern. Verlängert die Schichten.«

«Wie Ihr meint, M'lord«, antwortete Tom.»Darf ich fragen, wieso… «

«Lieber nicht«, antwortete Ned knapp.

Der Götterhain war leer wie stets in diesem Bollwerk der südlichen Götter. Neds Bein schien zu schreien, als sie ihn auf dem Gras neben dem Herzbaum absetzten.»Danke. «Er zog ein Blatt Papier aus dem Ärmel, versiegelt mit dem Wappen seines Hauses.»Seid so gut, dieses hier sofort zu überstellen.«

Tomard betrachtete den Namen, den Ned auf das Papier geschrieben hatte, und leckte furchtsam über seine Lippen.»My-lord…«

«Tut, was ich Euch aufgetragen habe, Tom«, sagte Ned.

Wie lange er in der Stille des Götterhains gewartet hatte, konnte er nicht sagen. Hier war es friedlich. Die dicken Mauern sperrten den Lärm der Burg aus, und er hörte Vögel singen, das Zirpen der Grillen, das Rascheln der Blätter im sanften Wind. Der Herzbaum war eine Eiche, braun und ohne Gesicht, und dennoch spürte Ned seine Götter. Sein Bein schien nicht mehr so sehr zu schmerzen.

Sie kam in der Abenddämmerung, als sich die Wolken über den Mauern und Türmen schon röteten. Sie kam allein, worum er sie gebeten hatte. Ausnahmsweise war sie schlicht gekleidet, mit Lederstiefeln und grünem Jagdzeug. Als sie die Kapuze ihres braunen Umhangs zurückzog, sah er die Prellung, wo der König sie geschlagen hatte. Die böse Pflaumenfarbe war zu Gelb verblaßt und die Schwellung abgeklungen, doch konnte kein Zweifel daran bestehen, worum es sich dabei handelte.

«Warum hier?«fragte Cersei Lannister, die über ihm aufragte.

«Damit die Götter uns sehen können.«

Sie setzte sich neben ihn ins Gras. Jede ihrer Bewegungen war voller Anmut. Ihr blondgelocktes Haar wehte leicht im

Wind, und ihre Augen waren grün wie sommerliche Blätter. Es war lange her, daß Ned ihre Schönheit wahrgenommen hatte, jetzt allerdings fiel sie ihm auf.»Ich weiß um die Wahrheit, für die Jon Arryn gestorben ist«, erklärte er.

«Tatsächlich?«Die Königin betrachtete sein Gesicht, argwöhnisch wie eine Katze.»Deshalb habt Ihr mich rufen lassen, Lord Stark? Um mir Rätsel aufzugeben? Oder habt Ihr die Absicht, mich als Geisel zu nehmen, wie Eure Frau es mit meinem Bruder getan hat?«

«Wenn Ihr solches wirklich glauben würdet, wäret Ihr nie gekommen. «Sanft strich Ned über ihre Wange.»Hat er Euch so etwas schon früher zugefügt?«

«Ein- oder zweimal. «Sie wich vor seiner Hand zurück.»Nie ins Gesicht. Jaime hätte ihn umgebracht, selbst wenn es ihn das Leben gekostet hätte. «Herausfordernd blickte Cersei ihn an.»Mein Bruder ist hundertmal mehr wert als Euer Freund.«

«Euer Bruder?«sagte Ned.»Oder Euer Liebhaber?«

«Beides. «Sie schreckte vor der Wahrheit nicht zurück.»Seit wir Kinder waren. Und warum auch nicht? Bei den Targaryen heiraten Bruder und Schwester seit dreihundert Jahren, um das Blut rein zu halten. Und Jaime und ich sind mehr als Bruder und Schwester. Wir sind ein und derselbe Mensch in zwei Körpern. Wir haben uns den Mutterschoß geteilt. Als er auf die Welt kam, hielt er sich an meinem Fuß fest, wie unser alter Maester sagte.

Wenn er in mir ist, fühle ich mich… ganz. «Der Hauch eines Lächelns zuckte über ihre Lippen.

«Mein Sohn Bran…«

Es ehrte Cersei, daß sie sich nicht von ihm abwandte.»Er hatte uns gesehen. Ihr liebt Eure Kinder, nicht?«

Robert hatte ihm genau dieselbe Frage gestellt am Morgen des Buhurts. Er gab ihr dieselbe Antwort.»Von ganzem

Herzen.«

«Nicht weniger, als ich die meinen liebe.«

Ned dachte: Wenn es darauf ankäme… das Leben irgendeines Kindes, das ich nicht kenne, gegen Robb und Sansa und Arya und Rickon, was würde ich tun? Mehr noch: Was würde Catelyn tun, wenn es um Jons Leben ginge, gegen das Leben der Kinder aus ihrem Leib? Er wußte es nicht. Er betete darum, daß er es nie erfahren würde.

«Alle drei sind Jaimes«, sagte er. Das war keine Frage.

«Den Göttern sei Dank.«

Die Saat ist stark, hatte Jon Arryn auf seinem Sterbebett ausgerufen, und das war sie in der Tat. All diese Bastarde, allesamt mit pechschwarzem Haar. Grand Maester Malleon listete die letzte Paarung zwischen Hirsch und Löwe auf, vor etwa neunzig Jahren, als Tya Lannister Gowen Baratheon ehelichte, den dritten Sohn des herrschenden Lords. Ihre einzige Nachkommenschaft, ein namenloser Junge, der in Malleons Wälzer als ein großer und kräftiger Knabe mit dichtem, schwarzem Haar beschrieben wurde, starb noch als Kind. Dreißig Jahre zuvor hatte ein männlicher Lannister eine Maid der Baratheons zur Frau genommen. Sie hatte ihm drei Töchter und einen Sohn geschenkt, sie alle schwarzhaarig. So weit Ned auch auf den brüchigen, vergilbten Seiten in die Vergangenheit schweifen mochte, fand er doch stets, daß das Gold der Kohle wich.

«Ein Dutzend Jahre«, sagte Ned.»Wie kommt es, daß Ihr keine Kinder vom König habt?«