Выбрать главу

In der Abenddämmerung des zweiten Tages wurde eine große Glocke geschlagen. Sie klang tief und tönte voll, und das lange, langsame Geläut erfüllte Sansa mit Furcht. Das Läuten ging immer weiter, und nach einer Weile hörten sie, wie andere Glocken in der Großen Septe von Baelor auf Visenyas Hügel antworteten. Wie Donner rumpelten sie über die Stadt und warnten vor einem kommenden Sturm.

«Was ist los?«fragte Jeyne und hielt sich die Ohren zu.»Wieso läuten sie die Glocken?«

«Der König ist tot. «Sansa konnte nicht sagen, woher sie es wußte, und dennoch war sie dessen gewiß. Das langsame, endlose Läuten erfüllte ihre Kammer, traurig wie ein Klagelied. Hatte ein Feind die Burg erstürmt und König Robert ermordet? War das jener Kampf gewesen, den sie gehört hatten?

Verwundert, rastlos und verängstigt schlief sie ein. War ihr hübscher Joffrey jetzt König? Oder hatten sie auch ihn gemeuchelt? Sie sorgte sich um ihn und ihren Vater. Wenn sie nur wüßte, was vor sich ging.

In dieser Nacht träumte Sansa von Joffrey auf dem Thron und von sich selbst neben ihm, in einem Kleid aus gewebtem Gold. Sie trug eine Krone auf dem Kopf, und alle, die sie je gekannt hatte, traten vor sie, um auf die Knie zu fallen und ihr die Aufwartung zu machen.

Am nächsten Morgen, dem Morgen des dritten Tages, erschien Ser Boros Blount von der Königsgarde, um sie zur Königin zu eskortieren.

Ser Boros war ein häßlicher Mann mit breiter Brust und kurzen Säbelbeinen. Seine Nase war platt, seine Wangen hingen durch, sein Haar war grau und spröde. Heute trug er weißen Samt, und sein schneeweißer Umhang wurde von einer Löwenbrosche gehalten. Das Tier besaß den weichen Schimmer von Gold, und seine Augen waren winzige Rubine.»Prächtig und prunkvoll seht Ihr heut morgen aus, Ser Boros«, erklärte Sansa. Eine Dame vergaß nie ihre Umgangsformen, und sie war entschlossen, eine Dame zu sein, komme da, was wolle.

«Ganz wie Ihr, Mylady«, sagte Ser Boros mit toter Stimme.»Ihre Majestät erwartet Euch. Folgt mir.«

Draußen vor ihrer Tür standen Wachen, bewaffnete Männer der Lannisters mit roten Umhängen und Löwenhelmen. Sansa zwang sich, sie freundlich anzulächeln, und wünschte ihnen einen guten Morgen, während sie vorüberging. Es war das erste Mal, daß man sie aus ihrer Kammer ließ, seit Ser Arys Oakheart sie vor zwei Tagen hergebracht hatte.»Damit du in Sicherheit bist, mein süßes Kind«, hatte Königin Cersei ihr erklärt.»Joffrey würde es mir nie verzeihen, wenn seiner Liebsten etwas zustieße.«

Sansa hatte erwartet, daß Ser Boros sie zu den königlichen Gemächern begleiten würde, doch statt dessen führte er sie aus Maegor's Holdfast hinaus. Die Brücke war wieder unten. Arbeiter ließen einen Mann an Seilen in die Tiefen des trockenen Grabens hinab. Als Sansa hinunterblickte, sah sie eine Leiche, die am Grund auf den riesenhaften Eisenspitzen gepfählt war. Hastig wandte sie die Augen ab, fürchtete sich zu fragen, fürchtete sich, zu lange hinzusehen, fürchtete, es könne jemand sein, den sie kannte.

Sie fanden Königin Cersei in den Ratsgemächern vor, wo sie am Kopfende eines langen Tisches voller Papiere, Kerzen und Blöcken von Siegelwachs saß. Der Raum war prunkvoller als alles, was Sansa je gesehen hatte. Staunend starrte sie die Schnitzereien und die beiden Sphinxe an, die neben der Tür kauerten.

«Majestät«, grüßte Ser Boros, nachdem ein anderer Mann der Königsgarde, Ser Mandon mit dem seltsam toten Gesicht, sie hereingeschoben hatte.»Ich bringe das Mädchen.«

Sansa hatte gehofft, Joffrey wäre bei ihr. Statt ihres Prinzen waren nur drei Ratsherren des Königs anwesend. Lord Petyr Baelish saß linker Hand der Königin, Grand Maester Pycelle am Ende des Tisches, während Lord Varys über ihnen thronte und nach Blumen roch. Sie alle waren schwarz gekleidet, wie sie ängstlich bemerkte. Trauerkleider…

Die Königin trug ein ebenfalls schwarzes Seidenkleid mit hohem Kragen und hundert dunkerroten Rubinen, die sie vom Hals bis zur Brust bedeckten. Sie waren in Tropfenform geschnitten und wirkten, als weinte die Königin Blut. Cersei lächelte sie an, als sie sie sah, und für Sansa war es das hübscheste und traurigste Lächeln, das sie je gesehen hatte.»Sansa, mein süßes Kind«, sagte sie,»ich weiß, du hast nach mir gerufen. Es tut mir leid, daß ich nicht früher nach dir schicken konnte. Die Lage war sehr unklar, und ich konnte keinen Augenblick erübrigen. Ich hoffe, meine Untergebenen haben gut für dich gesorgt?«

«Alle waren nett und freundlich, Majestät, danke der freundlichen Nachfrage«, erwiderte Sansa höflich.»Nur, na ja, niemand will uns verraten, was geschehen ist… «

«Uns?«Cersei schien überrascht.

«Wir haben das Mädchen vom Haushofmeister mit bei ihr untergebracht«, sagte Ser Boros.»Wir wußten nicht, was wir sonst mit ihr machen sollten.«

Die Königin legte die Stirn in Falten.»Beim nächsten Mal werdet Ihr fragen«, sagte sie mit scharfer Stimme.»Allein die Götter wissen, mit welchen Geschichten sie Sansa beunruhigt hat.«

«Jeyne fürchtet sich«, sagte Sansa.»Sie hört gar nicht auf zu weinen. Ich habe ihr versprochen zu fragen, ob sie ihren Vater

sehen darf.«

Der alte Grand Maester Pycelle senkte den Blick.

«Ihrem Vater geht es doch gut, oder?«fragte Sansa bange. Sie wußte, daß es Kämpfe gegeben hatte, doch einem Haushofmeister würde sicher niemand etwas zuleide tun. Vayon Poole trug nicht mal ein Schwert bei sich.

Königin Cersei blickte jeden der Ratsherren einzeln an.»Ich möchte nicht, daß sich Sansa solche Sorgen macht. Was sollen wir mit ihrer kleinen Freundin anfangen, Mylords?«

Lord Petyr beugte sich vor.»Ich werde einen Platz für sie suchen.«

«Nicht in der Stadt.«

«Haltet Ihr mich für einen Narren?«

Die Königin überging das.»Ser Boros, bringt das Mädchen in Lord Petyrs Gemächer und weist seine Leute an, sich dort um sie zu kümmern, bis er sie holt. Sagt ihr, daß Littlefinger kommt, um sie zu ihrem Vater zu bringen, das sollte sie beruhigen. Ich möchte, daß sie fort ist, wenn Sansa wieder in ihre Kammer zurückkehrt.«

«Wie Ihr wünscht, Majestät«, sagte Ser Boros. Er verneigte sich tief, machte auf dem Absatz kehrt und ging, wobei sein langer, weißer Umhang die Luft in seinem Rücken aufwirbelte.

Sansa war verdutzt.»Ich verstehe nicht«, sagte sie.»Wo ist Jeynes Vater? Wieso kann Ser Boros sie nicht anstelle von Lord Petyr zu ihm bringen?«Sie hatte sich vorgenommen, ganz die Dame zu spielen, sanft wie die Königin und stark wie ihre Mutter, die Lady Catelyn, aber plötzlich erfüllte sie wieder große Furcht. Eine Sekunde lang glaubte sie, weinen zu müssen.»Wohin schickt man sie? Sie hat nichts Falsches getan, sie ist ein gutes Mädchen.«

«Sie hat dich aufgeregt«, sagte die Königin sanft.»Das dürfen wir nicht dulden. Und jetzt kein Wort mehr. Lord

Baelish wird veranlassen, daß man sich um Jeyne kümmert, das verspreche ich dir. «Sie strich über einen Stuhl neben sich.»Setz dich, Sansa, ich möchte mit dir reden.«

Sansa nahm neben der Königin Platz. Abermals lächelte Cersei, doch konnte diese Geste Sansa die Sorge nicht nehmen. Varys knetete seine weichen Hände, Grand Maester Pycelle hielt seine müden Augen auf die Papiere vor sich gerichtet, und sie spürte, wie Littlefinger sie anstarrte. Etwas am Blick des kleinen Mannes gab Sansa das Gefühl, als hätte sie keine Kleider an. Das verursachte ihr eine Gänsehaut.

«Süße Sansa«, sagte Königin Cersei und legte ihr eine Hand auf den Unterarm.»Solch ein hübsches Kind. Ich hoffe, du weißt, wie sehr Joffrey und ich dich lieben.«

«Ja?«sagte Sansa atemlos. Littlefinger war vergessen. Ihr Prinz liebte sie. Nichts anderes zählte.

Die Königin lächelte.»Du bist mir fast eine Tochter. Und ich weiß auch um die Liebe, die du für Joffrey hegst. «Müde schüttelte sie den Kopf.»Ich fürchte, was deinen Vater betrifft, gibt es einige sehr ernste Neuigkeiten. Du mußt tapfer sein, Kind.«