«In Pentos bereite ich sie aus Schweinefleisch«, sagte die alte Frau,»aber alle meine Schweine sind auf dem Dothrakischen Meer verendet. Diese sind aus Pferdefleisch, Khaleesi, nur würze ich sie wie gewohnt.«
«Oh. «Dany war enttäuscht, doch Quaro mochte seine Wurst so gern, daß er sich entschloß, noch eine zu nehmen, und Rakharo mußte ihn übertreffen und laut rülpsend drei weitere verschlingen. Dany kicherte.
«Ihr habt nicht gelacht, seit Euer Bruder, der Khal Rhaggat von Drogo, gekrönt wurde«, sagte Irri.»Es tut gut, Euch so zu sehen, Khaleesi.«
Dany lächelte scheu. Es tat wirklich gut zu lachen. Halbwegs fühlte sie sich wieder wie ein Mädchen.
Den halben Morgen wanderten sie umher. Sie sah einen wunderschönen, gefiederten Umhang von den Sommerinseln und bekam ihn als Geschenk. Im Gegenzug ließ sie dem Händler ein Silbermedaillon von ihrem Gürtel. So war es unter den Dothraki üblich. Ein Vogelhändler lehrte einen grünroten Papageien, ihren Namen zu sagen, und wieder lachte Dany, weigerte sich jedoch trotzdem, ihn zu kaufen. Was sollte sie mit einem grünroten Papagei in einem khalasar? Dennoch nahm sie ein Dutzend Fläschchen mit Duftölen, den Parfüms ihrer Kindheit. Sie mußte nur die Augen schließen und daran riechen, und sie konnte das große Haus mit der roten Tür wieder sehen. Als Doreah an einem Zauberstand sehnsüchtig ein Fruchtbarkeitsamulett betrachtete, erwarb Dany auch dieses, schenkte es der Dienerin und dachte, sie müsse auch etwas für Irri und Jhiqui finden.
Sie bogen um eine Ecke und kamen zu einem Weinhändler, der Passanten fingerhutgroße Schälchen mit seiner Ware anbot.»Süßer Roter«, rief er in fließendem Dothrakisch,»ich habe süßen Roten aus Lys und Volantis und vom Arbor. Weißen aus Lys, Birnenbranntwein von den Tyroshi, Feuerwein, Pfefferwein, den hellen, grünen Nektar von Myr.
Rauchbeerenkekse und andalischen Sauerbrand, ich habe alles, ich habe alles. «Er war ein kleiner Mann, schlank und gutaussehend, sein flachsblondes Haar gelockt und nach der Mode von Lys parfümiert. Als Dany vor seiner Bude stehenblieb, verneigte er sich tief.»Eine Probe für die khaleesi? Ich habe süßen Roten aus Dorne, Mylady, er singt von Pflaumen und Kirschen und reifer, dunkler Eiche. Ein Fäßchen, einen Kelch, einen Schluck? Einmal nur probieren, und Ihr werdet Euer Kind nach mir benennen.«
Dany lächelte.»Mein Sohn hat schon einen Namen, aber ich werde Euren Sommerwein versuchen«, sagte sie auf valyrisch, dem Valyrisch, wie man es in den Freien Städten sprach. Die Worte fühlten sich seltsam auf der Zunge an nach so langer Zeit.»Nur ein wenig probieren, wenn Ihr so freundlich wärt.«
Der Händler schien sie für eine Dothraki gehalten zu haben, mit ihren Kleidern, dem geölten Haar und der sonnengebräunten Haut. Als sie sprach, glotzte er sie erstaunt an.»Mylady, seid Ihr eine.. Tyroshi? Kann es sein?«
«Meine Sprache mag Tyroshi sein, und meine Kleidung Dothrakisch, doch stamme ich aus Westeros in den Königreichen der Abendländer«, erklärte ihm Dany.
Doreah trat neben sie.»Ihr habt die Ehre, mit Daenerys aus dem Hause Targaryen zu sprechen, Daenerys Stormborn, khaleesi des Reitenden Volkes und Prinzessin der Sieben Königslande.«
Der Weinhändler fiel auf die Knie.»Prinzessin«, sagte er und verneigte sich.
«Erhebt Euch«, befahl Dany.»Ich würde dennoch gern diesen Sommerwein probieren, von dem die Rede war.«
Der Mann sprang auf.»Den? Dornischer Fusel. Der ist einer Prinzessin nicht wert. Ich habe trockenen Roten vom Arbor, frisch und köstlich. Bitte laßt mich Euch ein Fäßchen schenken.«
Bei seinen Besuchen in den Freien Städten hatte Khal Drogo guten Wein schätzen gelernt, und Dany wußte, daß ein solch edler Tropfen ihm gefallen würde.»Ihr ehrt mich, Ser«, murmelte sie anmutig.
«Die Ehre ist ganz meinerseits. «Der Händler rumorte hinten in seiner Bude herum und holte ein kleines Eichenfäßchen hervor. Ins Holz gebrannt sah man eine Rebe.»Das Siegel von Redwyne «sagte er und zeigte darauf,»für den Arbor. Es gibt kein edleres Getränk.«
«Khal Drogo und ich werden es gemeinsam trinken. Aggo, sei so gut und bring es zu meiner Sänfte. «Der Weinhändler strahlte, während der Dothraki das Fäßchen hochhob.
Sie merkte erst, daß Ser Jorah wieder da war, als sie den Ritter sagen hörte:»Nein. «Seine Stimme klang merkwürdig barsch.»Aggo, stell das Faß ab.«
Aggo sah Dany an. Zögernd nickte sie.»Ser Jorah, stimmt etwas nicht?«
«Ich habe Durst. Mach auf, Weinhändler.«
Der Kaufmann legte seine Stirn in Falten.»Der Wein ist für die khaleesi, nicht für Euresgleichen, Ser.«
Ser Jorah trat näher an den Stand heran.»Wenn Ihr das Faß nicht öffnet, werde ich es mit Eurem Kopf aufschlagen. «Er trug hier in der heiligen Stadt keine Waffen bei sich, nur seine Hände — doch diese Hände genügten: groß, hart, gefährlich, seine Knöchel von borstigem Haar bewachsen. Der Weinhändler zögerte einen Moment, dann nahm er seinen Hammer und schlug den Korken aus dem Faß.
«Schenkt ein«, befahl Ser Jorah. Die vier jungen Krieger von Danys khas bauten sich hinter ihm auf, stirnrunzelnd, beobachteten ihn mit dunklen, mandelförmigen Augen.
«Es wäre ein Verbrechen, einen derart vollmundigen Wein zu trinken, ohne daß man ihn vorher ahnen ließe. «Der
Weinhändler hatte seinen Hammer noch nicht fortgelegt.
Jhogo griff nach der Peitsche, die sich an seinem Gürtel rollte, aber Dany hielt ihn mit einer leichten Berührung am Arm zurück.»Tut, was Ser Jorah sagt«, sagte sie. Leute blieben stehen und sahen zu.
Der Mann warf ihr einen kurzen, verdrossenen Blick zu.»Wie die Prinzessin befiehlt. «Er mußte den Hammer beiseite legen, um das Faß hochzuheben. Zwei fingerhutgroße Becher schenkte er voll, so geschickt, daß er keinen Tropfen vergeudete.
Ser Jorah hob einen Becher an, roch am Wein und legte die Stirn in Falten.
«Süß ist er, nicht?«sagte der Weinhändler lächelnd.»Könnt Ihr die Frucht riechen, Ser? Der Duft vom Arbor. Probiert ihn, Mylord, und sagt mir, ob er der feinste, vollmundigste Wein ist, der je Eure Zunge gekitzelt hat.«
Ser Jorah bot ihm den Becher an.»Ihr probiert zuerst.«
«Ich?«Der Mann lachte.»Ich bin diesen edlen Tropfen nicht wert, Mylord. Und ich wäre ein armer Weinhändler, wenn ich meine eigene Ware tränke. «Sein Lächeln war freundlich, doch sah sie den Schweiß auf seiner Stirn.
«Trinkt«, sagte Dany, kalt wie Eis.»Leert den Becher, oder ich werde ihnen sagen, sie sollen Euch auf den Boden drücken, während Ser Jorah das ganze Faß in Eure Kehle gießt.«
Der Weinhändler zuckte mit den Achseln, griff nach dem Becher… nahm statt dessen das Faß und schleuderte es mit beiden Händen nach ihr. Ser Jorah warf sich vor sie, stieß sie aus dem Weg. Das Fäßchen prallte an seiner Schulter ab, fiel zu Boden und barst. Dany taumelte und verlor das Gleichgewicht.»Nein«, schrie sie, streckte die Arme aus, um den Sturz zu bremsen… und Doreah hielt sie am Arm und riß sie zurück, so daß sie auf den Beinen und nicht auf dem Bauch landete.
Der Händler sprang über seinen Stand, schoß zwischen Aggo und Rakharo hindurch. Quaro griff nach einem arakh, doch der blonde Mann stieß ihn beiseite. Er stürmte in die Gasse hinunter. Dany hörte Jhogos Peitsche knallen, sah, wie das Leder zuckte und sich um das Bein des Weinhändlers rollte. Der Mann fiel, Gesicht voran, in den Dreck.
Ein Dutzend Karawanenwachen kamen angelaufen. Unter ihnen fand sich der Oberste selbst, Handelskommandant Byan Votyris, ein winzig kleiner Norvoshi mit Haut wie altes Leder und borstigem, blauem Schnauzbart, der sich bis an seine Ohren schwang. Er schien zu erfassen, was geschehen war, ohne daß ein Wort gesprochen wurde.»Bringt den Mann hier fort, damit er sich schon auf den khal freuen kann«, befahl er und deutete auf den Mann am Boden. Zwei Wachen rissen den Weinhändler auf die Beine.»Seine Waren sind die Euren, Prinzessin«, fuhr der Kommandant fort.»Ein kleiner Ausdruck des Bedauerns, daß einer der Meinen zu so etwas fähig ist.«