«Die Pferde«, antwortete er ohne Zögern. Wieder wie sein Vater. Stets hätte Ned die gefährlichere Aufgabe selbst übernommen.
«Und der andere?«
«Der Greatjon sagt ständig, wir sollten Lord Tywin zerschmettern. Ich dachte, ich sollte ihm die Ehre überlassen.«
Es war sein erster Fehler, aber wie sollte sie es ihm vermitteln, ohne sein eben flügge werdendes Selbstvertrauen zu verletzen?» Dein Vater hat mir einmal gesagt, der Greatjon sei furchtlos wie niemand sonst, dem er je begegnet sei.«
Robb grinste.»Grey Wind hat ihm zwei Finger abgebissen, und er hat darüber gelacht. So gibst du mir also recht?«
«Dein Vater ist nicht ohne Furcht«, erklärte Catelyn.»Er ist mutig, doch das ist etwas anderes.«
Darüber kam ihr Sohn einen Moment ins Grübeln.»Das östliche Heer wird alles sein, was zwischen Lord Tywin und Winterfell steht«, sagte er nachdenklich.»Nun, das und die wenigen Bogenschützen, die ich hier im Moat zurücklasse. Also möchte ich niemanden, der furchtlos ist, wie?«
«Nein. Du brauchst jemanden mit kaltem Kalkül, würde ich sagen, nicht jemanden mit Mut.«
«Roose Bolton«, sagte Robb sofort.»Dieser Mann flößt mir Angst ein.«
«Dann laß uns beten, daß er auch Tywin Lannister angst macht.«
Robb nickte und rollte die Karte zusammen.»Ich gebe die Befehle aus und stelle eine Eskorte zusammen, die dich nach Winterfell geleitet.«
Catelyn hatte darum gerungen, stark zu sein, um Neds willen und für diesen, ihren halsstarrigen gemeinsamen Sohn. Sie hatte Verzweiflung und Furcht abgelegt, als seien sie Kleider,
die sie nicht tragen wollte… und nun sah sie, daß sie diese am Ende doch übergeworfen hatte.
«Ich gehe nicht nach Winterfell«, hörte sie sich sagen, überrascht von den plötzlich aufsteigenden Tränen, die ihren Blick verschwommen machten.»Es könnte sein, daß mein Vater hinter den Mauern von Riverrun im Sterben liegt. Mein Bruder ist von Feinden umzingelt. Ich muß zu ihnen.«
Tyrion
Chella, Tochter des Cheyck von den Black Ears, war vorausgelaufen, um zu spähen, und sie war es, die Nachricht von der Armee am Kreuzweg brachte.»Nach ihren Feuern schätze ich sie auf zwanzigtausend Mann«, sagte sie.»Ihre Banner sind rot, mit einem goldenen Löwen.«
«Dein Vater?«fragte Bronn.
«Oder mein Bruder Jaime«, sagte Tyrion.»Wir werden es noch früh genug erfahren. «Er betrachtete seine zerlumpte Räuberbande: fast dreihundert Stone Crows, Moon Brothers, Black Ears und Burned Men, und das war nur die Saat der Armee, die er aufzustellen hoffte. Gunthro, Sohn des Gurn, war in diesem Augenblick dabei, die anderen Clans aufzuwiegeln. Er fragte sich, was sein Hoher Vater von ihnen halten sollte, in ihren Fellen und den gestohlenen Waffen. Wenn er die Wahrheit sagen sollte, wußte er selbst nicht, was er von ihnen hielt. War er ihr Anführer oder ihr Gefangener? Die meiste Zeit schien er beides zu sein.»Vielleicht wäre es das beste, wenn ich allein hinunter reiten würde«, schlug er vor.
«Das Beste für Tyrion, Sohn des Tywin«, erwiderte Ulf, der für die Moon Brothers sprach.
Shagga warf ihm einen finsteren Blick zu, beängstigend.»Shagga, Sohn des Dolf, gefällt das nicht. Shagga geht mit dem Kindmann, und wenn der Kindmann lügt, schneidet Shagga ihm seine Männlichkeit ab…«
«… und verfüttert sie an die Ziegen, ja«, sagte Tyrion müde.»Shagga, ich gebe dir mein Wort als Lannister, daß ich zurückkomme.«
«Warum sollten wir auf dein Wort vertrauen?«Chella war eine kleine, harte Frau, flach wie ein Junge und kein Dummkopf.»Flachlandlords haben die Clans schon früher
belogen.«
«Du verletzt mich, Chella«, sagte Tyrion.»Ich dachte, wir wären Freunde geworden. Aber wie du willst. Du reitest mit mir, und Shagga und Conn für die Stone Crows, Ulf für die Moon Brothers und Timett, Sohn des Timett, für die Burned Men. «Die Stammesbrüder wechselten argwöhnische Blicke, als er sie mit Namen nannte.»Ihr anderen wartet hier, bis ich euch rufen lasse. Versucht, euch nicht gegenseitig zu erschlagen und zu verstümmeln, solange ich weg bin.«
Er stieß seinem Pferd die Hacken in die Flanken und trottete davon, ließ ihnen nur die Wahl, ihm nachzureiten oder zurückzubleiben. Beides war ihm recht, solange sie nicht einen Tag und eine Nacht lang redeten. Das war das Problem mit den Clans. Sie hingen der absurden Vorstellung an, daß jedermanns Stimme im Rat gehört werden solle, daher stritten sie endlos über alles. Selbst ihren Frauen gab man das Wort. Kein Wunder, daß es hundert Jahre her war, seit sie im Grünen Tal eine größere Bedrohung dargestellt hatten, abgesehen von gelegentlichen Überfällen. Das wollte Tyrion ändern.
Bronn ritt mit ihm. Hinter ihnen — nach kurzem Murren — folgten die fünf Stammesbrüder auf ihren kleinwüchsigen Kleppern, knochigen Viechern, die wie Ponys aussahen und Felswände wie Ziegen erklommen.
Die Stone Crows ritten zusammen, und auch Chella und Ulf blieben nahebei, da die Moon Brothers und Black Ears eng miteinander verbunden waren. Timett, Sohn des Timett, hielt sich etwas abseits. Jeder Clan in den Bergen des Mondes fürchtete die Burned Men, die ihre Haut mit Feuer brandig machten, um ihren Mut zu beweisen und (wie die anderen sagten) bei ihren Festen kleine Kinder grillten. Und selbst die anderen Burned Men fürchteten Timett, der sich sein linkes Auge selbst mit einem glühend heißen Messer ausgestochen hatte, als er zum Manne wurde. Tyrion vermutete, es sei für einen Jungen üblicher, sich eine Brustwarze, einen Finger oder (wenn er wirklich mutig war — oder wirklich verrückt) ein Ohr abzuschneiden. Timetts Stammesbrüder der Burned Men waren derart verblüfft gewesen, daß er ein Auge gewählt hatte, daß sie ihn prompt zur Roten Hand machten, was so eine Art Kriegsherr zu sein schien.
«Ich frage mich, was sich ihr König weggebrannt hat«, meinte Tyrion zu Bronn, als er die Geschichte hörte. Grinsend zupfte der Söldner an seinem Schritt… doch in Timetts Nähe hütete selbst Bronn respektvoll seine Zunge. Wenn ein Mann verrückt genug war, sich sein eigenes Auge auszustechen, wäre es höchst unwahrscheinlich, daß er mit seinen Feinden freundlicher verfuhr.
Ferne Wachen spähten von Türmen aus unvermörtelten Steinen herab, während der Trupp über die Hügel herabstieg, und einmal sah Tyrion, wie ein Rabe davonflog. Wo sich die Bergstraße zwischen zwei Felsvorsprüngen wand, kamen sie zum ersten Stützpunkt. Ein flacher Erdwall von vier Fuß Höhe versperrte die Straße, und ein Dutzend mit Armbrust bemannte Männer die Anhöhe. Tyrion ließ seine Gefolgsleute außer Schußweite warten und ritt allein dem Wall entgegen.»Wer hat hier das Kommando?«rief er hinauf.
Der Hauptmann erschien eiligst, und noch eiliger gab er ihnen eine Eskorte, als er den Sohn seines Lords erkannte. Sie trabten an schwarzen Feldern und niedergebrannten Festungen vorbei, ins Flußland und zum Grünen Arm des Trident hinab. Tyrion sah keine Leichen, dennoch war die Luft von Raben und Aaskrähen erfüllt. Hier hatte es Kämpfe gegeben, vor kurzem erst.
Eine halbe Stunde vom Kreuzweg entfernt hatte man eine Barrikade aus angespitzten Pfählen errichtet, mit Pikenieren und Bogenschützen bemannt. Dahinter erstreckte sich das Lager bis weit in die Ferne. Dünne Rauchfinger stiegen über Hunderten von Lagerfeuern auf, Männer in Rüstungen saßen unter Bäumen und wetzten ihre Klingen, und vertraute Banner flatterten von Stöcken, die man in den schlammigen Boden gerammt hatte.
Ein Trupp Reiter kam ihnen entgegen, während sie sich den Pfählen näherten. Der Ritter, der sie anführte, trug eine silberne Rüstung mit eingearbeiteten Amethysten und einen gestreiften, rotsilbernen Umhang. Auf seinem Schild war ein Einhorn zu erkennen, und ein Spiralhorn von zwei Fuß Länge ragte an der Stirnseite seines Pferdehelmes auf. Tyrion brachte sein Pferd zum Stehen, um ihn zu begrüßen.»Ser Flement.«