Ser Flement Brax schob sein Visier nach oben.»Tyrion«, sagte er voller Erstaunen.»Mylord, wir alle fürchteten, Ihr wäret tot, oder…«Unsicher betrachtete er die Stammesbrüder.»Diese… Eure Begleiter…«
«Busenfreunde und treue Gefolgsmänner«, antwortete Tyrion.»Wo finde ich meinen Hohen Vater?«
«Er hat das Gasthaus am Kreuzweg zu seinem Quartier gemacht.«
Tyrion lachte. Das Gasthaus am Kreuzweg! Vielleicht waren die Götter am Ende doch gerecht.»Ich möchte sofort zu ihm.«
«Wie Ihr wünscht, Mylord. «Ser Flement riß sein Pferd herum und rief einige Kommandos. Drei Pfahlreihen wurden aus der Erde gezogen, um einen Durchgang zu ermöglichen. Tyrion führte seinen Trupp hindurch.
Lord Tywins Lager erstreckte sich über mehrere Wegstunden. Chellas Schätzung von etwa zwanzigtausend Mann konnte nicht so falsch gewesen sein. Das einfache Volk lagerte draußen im Freien, doch die Ritter hatten Zelte aufgebaut, und einige der hohen Lords hatten Pavillons errichtet, die groß wie Häuser waren. Tyrion fand den roten Ochsen der Presters, Lord Crakehalls gestreiften Keiler, den brennenden Baum von Marbrand, den Dachs von Lydden. Ritter grüßten ihn, als er im leichten Galopp vorüberkam, und Soldaten starrten die Stammesbrüder mit offenem Erstaunen
an.
Shagga erwiderte das Starren. Ganz sicher hatte er in seinem ganzen Leben noch nie so viele Menschen, Pferde und Waffen gesehen. Der Rest der Bergbanditen hütete seine Mienen weit besser, obschon Tyrion nicht daran zweifelte, daß sie ebenso sehr staunten. Es wurde immer besser. Je beeindruckter sie von der Macht der Lannisters waren, desto leichter wären sie zu kommandieren.
Das Gasthaus und seine Ställe waren so, wie er sie in Erinnerung hatte, wenn auch kaum mehr als Geröll und schwarze Fundamente übrig waren, wo einst der Rest des Dorfes gestanden hatte. Auf dem Hof war ein Galgen errichtet worden, und an der Leiche, die dort hing, drängten sich die Raben. Als Tyrion näher kam, schwangen sie sich in die Luft, kreischten und flatterten mit ihren schwarzen Flügeln. Er stieg ab und sah zu dem auf, was von der Leiche übrig war. Die Vögel hatten ihre Lippen und Augen und das meiste ihrer Wangen gefressen, so daß ihre rotgefleckten Zähne ein abstoßendes Lächeln zeigten.»Ein Zimmer, eine Mahlzeit und eine Karaffe Wein, das war alles, was ich wollte«, rief er dem Toten mit vorwurfsvollem Seufzer in Erinnerung.
Zögernd kamen Jungen aus den Ställen und wollten sich um ihre Pferde kümmern. Shagga weigerte sich, das seine aus der Hand zu geben.»Der Knabe will deine Mähre nicht stehlen«, versicherte ihm Tyrion.»Er will dem Tier nur etwas Hafer und Wasser geben und sein Fell striegeln. «Auch Shaggas Fell hätte ordentlich gestriegelt werden sollen, doch wäre es taktlos gewesen, solches anzudeuten.»Du hast mein Wort, dem Pferd wird nichts geschehen.«
Finsteren Blickes ließ Shagga die Zügel los.»Dieses ist das Pferd von Shagga, Sohn des Dolf«, brüllte er den Stalljungen an.
«Wenn er es dir nicht wiedergibt, schneid ihm seine
Männlichkeit ab und verfüttere sie an die Ziegen«, schlug Tyrion ihm vor.»Vorausgesetzt, du findest welche.«
Zwei Mann der Leibgarde mit roten Umhängen und löwenbesetzten Helmen standen unter dem Tavernenschild zu beiden Seiten der Tür. Tyrion erkannte ihren Hauptmann.»Mein Vater?«
«Im Schankraum, M'lord.«
«Meine Männer werden Speis und Trank wollen«, erklärte Tyrion.»Sorgt dafür, daß sie solches bekommen. «Er betrat das Gasthaus, und dort war sein Vater.
Tywin Lannister, Lord von Casterly Rock und Hüter des Westens, war Mitte Fünfzig, doch hart wie ein Mann von zwanzig. Selbst im Sitzen war er groß, mit langen Beinen, breiten Schultern und flachem Bauch. Seine dünnen Arme waren muskulös. Als sein einst dickes, goldenes Haar seinerzeit zurückwich, hatte er seinem Barbier befohlen, ihm den Schädel zu scheren. Lord Tywin glaubte nicht an halbe Sachen. Er rasierte auch Oberlippe und Kinn, doch behielt er seinen Backenbart, zwei mächtige Dickichte von drahtigem, goldenem Haar, die den Großteil seiner Wangen vom Ohr zum Unterkiefer bedeckten. Seine Augen waren hellgrün mit goldenen Flecken. Ein Narr, närrischer als die meisten, hatte einst im Scherz gesagt, selbst Lord Tywins Scheiße sei goldgefleckt. Es hieß, der Mann sei noch am Leben, tief unten im Bauch von Casterly Rock.
Ser Kevan Lannister, der einzige lebende Bruder seines Vaters, teilte sich eben einen Krug Bier mit Lord Tywin, als Tyrion den Schankraum betrat. Sein Onkel war stämmig und bald kahl, mit kurzgeschorenem, gelbem Bart, welcher der Linie seines Unterkiefers folgte. Ser Kevan erblickte ihn zuerst.»Tyrion«, sagte er überrascht.
«Onkel«, antwortete Tyrion und verneigte sich.»Und mein Hoher Vater. Welch Freude, Euch hier anzutreffen!«
Lord Tywin rührte sich nicht, warf seinem Sohn nur einen langen, durchdringenden Blick zu.»Ich sehe, daß die Gerüchte über dein Ableben unzutreffend waren.«
«Es tut mir leid, Euch zu enttäuschen, Vater«, sagte Tyrion.»Kein Grund aufzuspringen und mich zu umarmen, ich möchte nicht, daß Ihr Euch überanstrengt. «Er durchmaß den Raum zu ihrem Tisch, war sich der Art und Weise, wie seine verkümmerten Beine ihn bei jedem Schritt watscheln ließen, aufs schärfste bewußt. Immer, wenn die Augen seines Vaters auf ihn gerichtet waren, wurde er sich auf unangenehme Weise all seiner Mißbildungen und Unzulänglichkeiten bewußt.»Nett von Euch, für mich in den Krieg zu ziehen«, sagte er, als er einen Stuhl erklomm und sich zu einem Becher vom Bier seines Vaters verhalf.
«Meiner Ansicht nach hast du das alles angezettelt«, erwiderte Lord Tywin.»Dein Bruder Jaime hätte sich niemals feige von einer Frau gefangennehmen lassen.«
«Das ist einer der Punkte, in denen ich mich von Jaime unterscheide. Und er ist auch größer als ich, wie Euch aufgefallen sein dürfte.«
Sein Vater überhörte den Seitenhieb.»Die Ehre unseres Hauses stand auf dem Spiel. Ich hatte keine Wahl. Niemand vergießt straflos Blut der Lannisters.«
«Hört mich brüllen«, erwiderte Tyrion grinsend. Die Worte der Lannisters.»Wenn ich die Wahrheit sagen soll, ist von meinem Blut im Grunde nichts vergossen worden, auch wenn ich ein-, zweimal kurz davor stand. Morrec und Jyck sind tot.«
«Ich vermute, du willst neue Männer haben.«
«Macht Euch keine Mühe, Vater. Ich habe mir ein paar eigene Leute besorgt. «Er probierte einen Schluck vom Bier. Es war braun und hefig, so dickflüssig, daß man es fast kauen konnte. Sehr gut, wirklich und wahrhaftig. Eine Schande, daß sein Vater die Wirtin gehängt hatte.»Was macht Euer Krieg?«
Sein Onkel antwortete.»Einstweilen geht es gut. Ser Edmure hatte kleine Trupps an seinen Grenzen verteilt, die unsere Überfälle unterbinden sollten, und dein Hoher Vater und ich waren in der Lage, die meisten von ihnen allmählich aufzureiben, bevor sie sich vereinigen konnten.«
«Dein Bruder hat sich bisher mit Ruhm und Ehre überhäuft«, berichtete sein Vater.»Er hat die Lords Vance und Piper am Golden Tooth zerschlagen und der versammelten Macht der Tullys unter den Mauern von Riverrun standgehalten. Die Lords vom Trident wurden in die Flucht geschlagen. Ser Edmure Tully wurde gefangengenommen, dazu viele seiner Ritter und Bundesgenossen. Lord Blackwood hat einige Überlebende zurück nach Riverrun geführt, wo Jaime sie belagert. Der Rest ist in die eigenen Festungen geflohen.«
«Dein Vater und ich haben sie uns abwechselnd vorgenommen«, sagte Ser Kevan.»Nachdem Lord Blackwood nicht mehr da war, fiel Raventree sofort, und Lady Whent hat Harrenhal aufgegeben, da ihr die Leute fehlten, es zu verteidigen. Ser Gregor hat die Pipers und die Brackens niedergebrannt… «
«So daß Ihr keine Gegner mehr habt?«sagte Tyrion.
«Nicht ganz«, sagte Ser Kevan.»Die Mallisters halten noch immer Seagard, und Walder Frey läßt seine Truppen an den Twins aufmarschieren.«