Anstelle des Hochverräters Stannis Baratheon ist es der Wunsch und Wille Seiner Majestät, daß seine Hohe Mutter, die Königinregentin Cersei Lannister, die stets seine treueste Stütze war, einen Platz im Kleinen Rat erhält, damit sie ihm helfe, weise und gerecht zu regieren. Solches hat der König erlassen. Der Kleine Rat stimmt damit überein.«
Sansa hörte leises Murmeln von den Lords um sie herum, doch wurde es schnell wieder still. Pycelle fuhr fort.
«Weiterhin ist es der Wunsch und Wille Seiner Majestät, daß sein getreuer Diener Janos Slynt, Kommandant der Stadtwache von King's Landing, mit sofortiger Wirkung in den Stand eines Lords erhoben wird, daß man ihm den alten Herrensitz von Harrenhal mit allen Ländereien und Einkommen überträgt und daß seine Söhne und Enkel diese Ehren bis ans Ende aller Zeiten innehaben sollen. Darüber hinaus lautet sein Befehl, daß Lord Slynt mit sofortiger Wirkung einen Sitz im Kleinen Rat erhält, um bei der Führung des Reiches zu helfen. Der Kleine Rat stimmt damit überein.«
Sansa nahm eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Janos Slynt trat ein. Diesmal war das Gemurmel lauter und wütender. Stolze Lords, deren Häuser Tausende von Jahren zurückreichten, machten dem halbwegs kahlen, froschgesichtigen Bürgerlichen nur widerwillig Platz, als er an ihnen vorbeimarschierte. Goldene Schuppen waren auf den schwarzen Samt seines Wamses genäht und klingelten bei jedem Schritt. Sein Umhang war aus schwarzgold kariertem Satin. Zwei häßliche Burschen, die wohl seine Söhne sein mußten, liefen ihm voraus, kämpften — groß, wie sie waren — mit dem Gewicht eines schweren Metallschildes. Als Wappen hatte er einen blutigen Speer gewählt, golden auf nachtschwarzem Grund. Der bloße Anblick jagte Sansa eine Gänsehaut über die Arme.
Als Lord Slynt seinen Platz einnahm, fuhr Grand Maester Pycelle fort:»Schließlich, in diesen Zeiten von Verrat und Aufruhr, nachdem unser geliebter Robert nun tot ist, neigt der Rat zur Ansicht, daß das Leben und die Sicherheit König Joffreys von allerwichtigster Bedeutung ist…«Er sah zur Königin hinüber.
Cersei stand auf.»Ser Barristan Selmy, tretet vor.«
Ser Barristan hatte am Fuß des Eisernen Thrones gestanden, still wie eine Statue, doch nun sank er auf ein Knie und neigte den Kopf.»Majestät, ich stehe zu Eurer Verfügung.«
«Erhebt Euch, Ser Barristan«, sagte Cersei Lannister.»Ihr dürft Euren Helm abnehmen.«
«Mylady?«Stehend nahm der alte Ritter seinen hohen, weißen Helm ab, obwohl er nicht verstand, wieso.
«Ihr habt dem Reich lang und treu gedient, guter Herr, und jeder Mann und jede Frau in den Sieben Königslanden schuldet Euch Dank. Doch fürchte ich, daß Eure Dienste nun ein Ende finden. Es ist der Wunsch des Königs und des Rates, daß Ihr Eure schwere Bürde von Euch legt.«
«Meine.. Bürde? Ich.. ich verstehe nicht.. «
Der neu ernannte Lord Janos Slynt meldete sich zu Wort mit schwerer, schroffer Stimme.»Ihre Majestät versucht Euch mitzuteilen, daß Ihr als Lord Commander der Königsgarde entlassen seid.«
Der große, weißhaarige Ritter schien zu schrumpfen, als er dort stand, und er atmete kaum.»Majestät«, sagte er schließlich.»Die Königsgarde ist eine Bruderschaft. Unser Eid gilt lebenslang. Nur der Tod kann einen Lord Commander von seinem heiligen Eid befreien.«
«Wessen Tod, Ser Barristan?«Die Stimme der Königin war weich wie Seide, dennoch erfüllten ihre Worte den ganzen Saal.»Eurer oder der Eures Königs?«
«Ihr habt meinen Vater sterben lassen«, sagte Joffrey anklagend vom Eisernen Thron her.»Ihr seid zu alt, um irgend jemanden zu schützen.«
Sansa sah, wie der Ritter zu seinem neuen König aufblickte. Nie zuvor hatte sie sein Alter so bewußt wahrgenommen.»Majestät«, sagte er.»Ich wurde in meinem dreiundzwanzigsten Jahr für die Weißen Schwerter auserwählt. Es war alles, was ich mir je erträumt hatte, vom ersten Augenblick an, als ich ein Schwert ergriff. Ich habe allen Anspruch auf den Besitz meiner Vorfahren aufgegeben. Das Mädchen, mit dem ich vermählt werden sollte, heiratete statt dessen meinen Vetter, ich hatte keine Verwendung für Land oder Söhne, mein Leben sollte dem Reich gewidmet sein. Ser Gerold Hightower selbst hat meinen Eid gehört… den König mit all meiner Kraft zu schützen… mein Blut für das seine zu geben. Ich habe neben dem Weißen Bullen und Prinz Lewyn von Dorn gekämpft… neben Ser Arthur Dayne, dem Schwert des Morgens. Bevor ich Eurem Vater gedient habe, half ich, König Aerys zu schützen, und vor ihm dessen Vater Jaehaerys… drei Könige…«
«Und alle sind sie tot«, erklärte Littlefinger.
«Eure Zeit ist um«, verkündete Cersei Lannister.»Joffrey braucht Männer um sich, die jung und stark sind. Der Rat hat beschlossen, daß Ser Jaime Lannister Euren Platz als Lord Commander der Bruderschaft der Weißen Schwerter einnimmt.«
«Der Königsmörder«, entfuhr es Ser Barristan, die Stimme hart vor Verachtung.»Der falsche Ritter, der seine Klinge mit dem Blut des Königs entweiht hat, den zu schützen er geschworen hatte.«
«Hütet Eure Zunge, Ser«, warnte die Königin.»Ihr sprecht von unserem geliebten Bruder, des Königs eigen Blut.«
Lord Varys ergriff das Wort, milder als die anderen.»Es ist nicht so, als wären wir Eurer Dienste uneingedenk, guter Herr. Lord Tywin Lannister hat großzügig eingewilligt, Euch ein hübsches Stück Land nördlich von Lannisport zu geben, direkt am Meer, mit Gold und genügend Männern, Euch eine ordentliche Festung zu errichten, und Dienern, die Euren Wünschen entsprechen.«
Harsch blickte Ser Barristan auf.»Eine Halle, in der ich sterben soll, und Männer, mich zu begraben. Ich danke Euch, edle Lords… aber ich spucke auf Euer Mitleid. «Er griff nach oben und löste die Spangen, die seinen Urnhang hielten. Der schwere, weiße Stoff glitt von seinen Schultern und sank zu einem Haufen auf dem Boden. Sein Helm landete klirrend daneben.»Ich bin ein Ritter«, erklärte er ihnen. Er öffnete die silbernen Befestigungen an seiner Brustplatte und ließ auch diese fallen.»Ich werde wie ein Ritter sterben.«
«Ein nackter Ritter, wie mir scheint«, spottete Littlefinger.
Da lachten alle, Joffrey auf seinem Thron und die Lords, die daneben standen, Janos Slynt und Königin Cersei und Sandor Clegane und sogar die anderen Männer der Königsgarde, die fünf, die bis vor einem Augenblick noch seine Brüder gewesen waren. Oh, muß das schmerzen, dachte Sansa. Sie fühlte mit dem edlen, alten Mann, der nun beschämt und rotgesichtig dastand, zu wütend, um ein einziges Wort hervorzubringen. Schließlich zog er sein Schwert.
Sansa hörte jemanden aufstöhnen. Ser Boros und Ser Meryn traten vor, um sich ihm zu stellen, doch Ser Barristan ließ sie mit einem Blick erstarren, der vor Verachtung triefte.»Fürchtet Euch nicht, Sers, Euer König ist in Sicherheit… nicht Euretwegen allerdings. Selbst jetzt noch könnte ich Euch fünf in Stücke schneiden, so wie ein Dolch durch Käse geht. Wenn Ihr unter dem Königsmörder dienen wollt, ist keiner von Euch noch wert, das Weiß zu tragen. «Er warf sein Schwert vor den Eisernen Thron.»Hier, Junge. Schmelz es ein und leg es zu den anderen, wenn du willst. Es wird dir mehr nützen als die Schwerter in den Händen dieser fünf. Vielleicht bekommt Lord Stannis Gelegenheit, darauf zu sitzen, wenn er dir den Thron nimmt.«
Er wählte den langen Weg hinaus, und seine Schritte knallten laut am Boden und hallten von den nackten Steinmauern zurück. Lords und Ladys machten Platz, ihn durchzulassen. Erst als die Pagen die großen Türen aus Eiche und Bronze hinter ihm geschlossen hatten, hörte Sansa wieder anderes: leise Stimmen, unruhiges Scharren, das Rascheln von Papier am Ratstisch.»Er hat mich Junge genannt«, klagte Joffrey übellaunig und klang dabei jünger, als er nach Jahren war.»Er hat auch von meinem Onkel Stannis gesprochen.«