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Der Kerker lag unter dem Red Keep, tiefer, als er sich vorzustellen wagte. Alte Geschichten von Maegor dem Grausamen fielen ihm ein, der sämtliche Maurer, die ihm seine Burg erbaut hatten, ermordet hatte, damit sie deren Geheimnisse nicht preisgeben konnten.

Er verfluchte sie alle: Littlefinger, Janos Slynt und seine Goldröcke, die Königin, den Königsmörder, Pycelle und Varys und Ser Barristan, sogar Lord Renly, Roberts eigen Blut, der geflohen war, als er am dringendsten gebraucht wurde. Doch am Ende gab er sich selbst die Schuld.»Dummkopf«, rief er in die Finsternis,»dreimal vermaledeiter, blinder Narr!«

Cersei Lannisters Gesicht schien vor ihm in der Dunkelheit zu schweben. Ihr Haar war voller Sonnenlicht, in ihrem Lächeln jedoch lagen Hohn und Spott.»Wenn man das Spiel um Throne spielt, gewinnt man oder stirbt«, flüsterte sie. Ned hatte gespielt und verloren, und seine Männer hatten seine Torheit mit ihrem Leben bezahlt.

Wenn er an seine Töchter dachte, hätte er gern geweint, doch wollten die Tränen nicht kommen. Selbst jetzt noch war er ein Stark von Winterfell; Trauer und Zorn erstarrten in ihm zu Eis.

Wenn er ganz stillhielt, schmerzte sein Bein nicht so sehr, also tat er sein Bestes, sich nicht zu bewegen. Wie lange, konnte er nicht sagen. Es gab keine Sonne, keinen Mond. Er konnte keine Wände sehen. Ned schloß die Augen und schlug sie wieder auf. Es machte keinen Unterschied. Er schlief und wachte auf und schlief dann wieder ein. Er wußte nicht, was schmerzlicher war, aufzuwachen oder einzuschlafen. Wenn er schlief, träumte er: düstere, verstörende Träume von Blut und gebrochenen Versprechen. Wenn er erwachte, gab es für ihn nichts zu tun als denken, und das war schlimmer als die Alpträume. Der Gedanke an Cat brannte schmerzlich wie ein Nesselbeet. Er fragte sich, wo sie sein mochte, was sie tat. Er fragte sich, ob er sie jemals wiedersehen würde.

Stunden wurden zu Tagen, so zumindest schien es. Er fühlte dumpfen Schmerz in seinem zertrümmerten Bein, ein Zucken unter dem Gips. Wenn er seinen Oberschenkel berührte, fühlte sich die Haut an seinen Fingern heiß an. Hören konnte er nur seinen Atem. Nach einiger Zeit fing er an, laut zu reden, nur um eine Stimme zu hören. Er schmiedete Pläne, um nicht den Verstand zu verlieren, baute Schlösser der Hoffnung in der Finsternis. Roberts Brüder waren draußen unterwegs, sammelten Armeen auf Dragonstone und in Storm's End. Alyn und Harwin würden mit dem Rest seiner Leibgarde nach King's Landing zurückkehren, wenn sie sich erst um Ser Gregor gekümmert hätten. Catelyn würde dafür sorgen, daß sich der Norden erhob, wenn sie erst Nachricht erhielt und die Lords von Fluß und Berg und Grünem Tal würden sich ihr anschließen.

Er merkte, daß er mehr und mehr an Robert dachte. Er sah den König, wie er in der Blüte seiner Jugend stand, groß und ansehnlich, mit seinem gehörnten Helm auf dem Kopf, den Streithammer in der Hand, auf seinem Pferd wie ein Gott mit Hörnern. Er hörte sein Gelächter in der Dunkelheit, sah seine Augen, blau und klar wie Bergseen.»Sieh uns an, Ned«, sagte Robert.»Bei allen Göttern, wie konnte es so weit kommen? Du hier und ich von einem Schwein ermordet. Wir haben gemeinsam einen Thron erstritten… «

Ich habe dich im Stich gelassen, Robert, dachte Ned. Er konnte die Worte nicht aussprechen. Ich habe dich belogen, die Wahrheit vertuscht. Ich habe zugelassen, daß sie dich töten.

Der König hörte ihn.»Du steifnackiger Narr«, murmelte er,»zu stolz, um zuzuhören. Kann man Stolz essen, Stark? Schützt Ehre deine Kinder?«Risse gingen durch sein Gesicht, Furchen, die die Haut sprengten, und er griff nach oben und riß die Maske fort. Es war nicht Robert, es war Littlefinger, grinsend, höhnend. Als er den Mund aufmachte, um zu sprechen, wurden seine Lügen zu fahlen, grauen Motten und flogen davon.

Ned war im Halbschlaf, als Schritte durch den Gang hallten. Anfangs glaubte er, er träumte sie. Es war so lange her, daß er etwas anderes als seine eigene Stimme vernommen hatte. Inzwischen war Ned fiebrig, sein Bein nur dumpfe Qual, seine Lippen ausgetrocknet und gesprungen. Die schwere Holztür öffnete sich knarrend, das plötzliche Licht brannte schmerzlich in den Augen.

Ein Wärter hielt ihm einen Krug entgegen. Der Ton war kühl und feucht. Ned nahm ihn mit beiden Händen und trank gierig. Wasser lief von seinem Mund und tropfte durch seinen Bart. Er trank, bis er glaubte, gleich würde ihm übel werden.»Wie lange…?«fragte er schwach, als er nicht mehr trinken konnte.

Der Wärter war eine Vogelscheuche von einem Mann, mit Rattengesicht und fransigem Bart, im Kettenhemd mit kurzem, ledernem Umhang.»Nicht sprechen«, sagte er und riß Ned den Krug aus der Hand.

«Bitte«, sagte Ned,»meine Töchter…«Krachend fiel die Tür ins Schloß. Er blinzelte, als das Licht verging, ließ das Kinn auf die Brust sinken und rollte sich auf dem Stroh zusammen. Es stank nicht mehr nach Urin und Kot. Es roch nach überhaupt nichts mehr.

Er merkte keinen Unterschied zwischen Wachen und Schlafen. In der Dunkelheit kam die Erinnerung über ihn, so lebendig wie ein Traum. Es war das Jahr des falschen Frühlings, und er war wieder achtzehn Jahre alt, von der Eyrie zum Turnier auf Harrenhal herabgestiegen. Er sah das dunkelgrüne Gras und roch die Pollen im Wind. Warme Tage und kühle Nächte und der süße Geschmack von Wein. Er dachte an Brandons Lachen und Roberts blinde Wut im Turnier, wie er lachte, als er zur Linken und zur Rechten Männer von den Pferden stieß. Er dachte an Jaime Lannister, den güldenen Jüngling in weißer Rüstung, wie er auf dem Gras vor dem Zelt des Königs kniete und seinen Eid ablegte, daß er König Aerys schützen und verteidigen wollte. Danach half Ser Oswell Whent Jaime auf die Beine, und der Weiße Bulle höchstselbst, Lord Commander Ser Gerold Hightower, legte ihm den schneeweißen Umhang der Königsgarde um die Schultern. Alle sechs Weißen Schwerter waren dort, um ihren neuen Bruder zu begrüßen.

Doch als das Turnier begann, gehörte der Tag Rhaegar Targaryen. Der Kronprinz trug die Rüstung, in der er sterben sollte: einen schimmernden, schwarzen Panzer mit dem dreiköpfigen Drachen in Rubinen auf seiner Brust. Eine Fahne von roter Seide flatterte in seinem Rücken, wenn er ritt, und es schien, als könne keine Lanze ihn auch nur berühren. Brandon fiel ihm zum Opfer, und Bronze Yohn Royce, und selbst der

glorreiche Ser Arthur Dayne, das Schwert des Morgens.

Robert hatte mit Jon und dem alten Lord Hunter gescherzt, während der Prinz seine Ehrenrunde um den Platz drehte, nachdem er Ser Barristan im letzten Versuch, die Siegerkrone zu erringen, zu Fall gebracht hatte. Ned erinnerte sich an den Augenblick, da alles Lächeln erstarb, als Prinz Rhaegar Targary en sein Pferd an seiner eigenen Frau, der dornischen Prinzessin Elia Martell, vorüberzwang, um den Lorbeer der Schönheitskönigin Lyanna auf den Schoß zu werfen. Noch heute sah er sie: eine Krone von Winterrosen, blau wie der Frost.

Ned Stark streckte die Hand aus, um nach der Blumenkrone zu greifen, doch unter den blaßblauen Blättern lagen Dornen verborgen. Er fühlte, wie sie an seiner Haut rissen, scharf und unerbittlich, sah das Blut langsam an seinen Fingern heruntertropfen und erwachte zitternd in der Dunkelheit.

Versprich es mir, Ned, hatte seine Schwester auf ihrem Bett aus Blut geflüstert. Sie hatte den Duft der Winterrosen so geliebt.

«Ihr Götter, rettet mich«, weinte Ned.»Ich verliere den Verstand.«

Die Götter ließen sich nicht zu einer Antwort herab.

Jedesmal, wenn der Wärter ihm Wasser brachte, sagte er sich, ein weiterer Tag sei nun verstrichen. Anfangs flehte er den Mann um ein paar Worte über seine Töchter und die Welt jenseits der Zelle an. Als Antwort kamen nur Gegrunze und Tritte. Später, als sich sein Magen zu verkrampfen begann, bettelte er statt dessen um Nahrung. Es machte keinen Unterschied. Er bekam nichts zu essen. Vielleicht wollten die Lannisters ihn verhungern lassen.»Nein«, sagte er zu sich. Wenn Cersei Lannister seinen Tod wollte, hätte sie ihn im Thronsaal zusammen mit seinen Männern niedermachen lassen. Sie wollte ihn lebend, verzweifelt zwar, aber lebend.