Catelyn hatte ihren Bruder in der Gewalt, sie würde nicht wagen, ihn zu töten, sonst wäre auch das Leben des Gnoms in Gefahr.
Von draußen vor seiner Zelle war das Rasseln eiserner Ketten zu hören. Als die Tür sich knarrend öffnete, legte Ned eine Hand an die feuchte Wand und schob sich zum Licht. Das Flackern einer Fackel ließ ihn blinzeln.»Essen«, krächzte er.
«Wein«, antwortete eine Stimme. Es war nicht der rattengesichtige Mann. Dieser Wärter war dicker, kleiner, wenn er auch den gleichen, kurzen Umhang mit dem spießbesetzten Stahlhelm trug.»Trinkt, Lord Eddard. «Er drückte Ned einen Weinschlauch in die Hände.
Die Stimme war seltsam vertraut, doch brauchte Ned Stark einen Augenblick, sie einzuordnen.»Varys?«fragte er benommen, als er sie erkannte.»Ich… ich träume nicht. Ihr seid hier. «Die runden Wangen des Eunuchen waren von dunklen Stoppeln überzogen. Ned befühlte das rauhe Haar mit seinen Fingern. Varys hatte sich in einen ergrauten Schließer verwandelt, der nach Schweiß und saurem Wein roch.»Wie habt Ihr… was für ein Zauberer seid Ihr?«
«Ein durstiger«, sagte Varys.»Trinkt, Mylord.«
Neds Hände betasteten den Schlauch.»Ist es dasselbe Gift, das man Robert gegeben hat?«
«Ihr tut mir Unrecht«, sagte Varys traurig.»Wahrlich, niemand liebt einen Eunuchen. Gebt mir den Schlauch. «Er trank, und etwas Rot lief aus dem Winkel seines feisten Mundes.»Nicht derselbe edle Tropfen, den Ihr mir am Abend des Turniers geboten habt, doch auch nicht giftiger als die meisten«, schloß er und wischte seine Lippen.»Hier.«
Ned versuchte zu schlucken.»Scheußlich. «Ihm war, als müsse er den Wein gleich wieder von sich geben.
«Alle Menschen müssen das Säure mit dem Süßen schlucken. Hohe Herren und Eunuch gleichermaßen. Eure
Stunde ist gekommen, Mylord.«
«Meine Töchter… «
«Das jüngere Mädchen ist Ser Meryn entkommen und geflohen«, erzählte Varys.»Ich habe sie noch nicht finden können. Die Lannisters desgleichen nicht. Das ist gut. Unser neuer König liebt sie nicht eben. Euer älteres Mädchen ist noch mit Joffrey verlobt. Cersei hält sie in ihrer Nähe. Vor einigen Tagen war sie bei Hofe und hat gefleht, man möge Euch verschonen. Schade, daß Ihr nicht dabei wart, es hätte Euch gerührt. «Er beugte sich weit vor.»Ich nehme an, Ihr wißt, daß Ihr ein toter Mann seid, Lord Eddard?«
«Die Königin wird mich nicht töten«, sagte Ned. In seinem Kopf drehte es sich, der Wein war stark, und es war zu lange her, seit er gesessen hatte.»Cat.. Cat hat Cerseis Bruder..«
«Den falschen Bruder«, seufzte Varys.»Und ohnehin hat sie ihn verloren. Sie hat den Gnom entwischen lassen. Ich denke, er müßte inzwischen tot sein, irgendwo in den Bergen des Mondes.«
«Wenn das stimmt, schneidet mir die Kehle durch und bringt es zu Ende. «Er war vom Wein benebelt, müde und verzweifelt.
«Euer Blut ist das letzte, was ich mir wünsche.«
Ned sah ihn fragend an.»Als meine Garde gemetzelt wurde, standet Ihr hinter der Königin und habt zugesehen, kein Wort gesagt.«
«Und ich würde es wieder tun. Ich meine mich zu erinnern, daß ich unbewaffnet war, ungepanzert und von Soldaten der Lannisters umgeben. «Der Eunuch blickte ihn seltsam an, neigte den Kopf.»Als ich ein kleiner Junge war, bevor man mich beschnitt, bin ich mit einer Truppe von Komödianten durch die Freien Städte gezogen. Sie haben mich gelehrt, daß jeder Mensch eine Rolle spielen muß, im Leben wie im Mummenschanz. Genauso verhält es sich bei Hofe. Des Königs
Henker muß entsetzen, der Meister der Münze bescheiden sein, der Lord Commander der Königsgarde kühn… und der Herr der Ohrenbläser muß verschlagen und unterwürfig und ohne Skrupel sein. Ein couragierter Informant wäre so nutzlos wie ein feiger Ritter. «Er nahm den Weinschlauch an sich und trank.
Ned musterte das Gesicht des Eunuchen und suchte unter den Narben und dem falschen Bart des Komödianten nach der Wahrheit. Er probierte noch etwas vom Wein. Diesmal ging er leichter herunter.»Könnt Ihr mich aus diesem Loch befreien?«
«Ich könnte… aber will ich? Nein. Man würde Fragen stellen, und die Antworten würden zu mir führen.«
Ned hatte nichts anderes erwartet.»Ihr seid grob.«
«Ein Eunuch hat keine Ehre, und eine Spinne kann sich den Luxus von Skrupeln nicht erlauben, Mylord.«
«Würdet Ihr dann wenigstens einwilligen, eine Nachricht für mich zu übermitteln?«
«Das hinge von der Nachricht ab. Gern will ich Euch Papier und Tinte bringen. Und wenn Ihr geschrieben habt, was Ihr zu schreiben gedenkt, werde ich den Brief nehmen und ihn lesen und ihn überbringen oder auch nicht, wie es meinen eigenen Zwecken am ehesten dient.«
«Euren eigenen Zwecken. Was sind diese Zwecke, Lord Varys?«
«Friede«, erwiderte Varys, ohne zu zögern.»Wenn es eine Seele in King's Landing gab, die verzweifelt versucht hat, Robert Baratheon am Leben zu erhalten, dann war es meine. «Er seufzte.»Fünfzehn Jahre lang habe ich ihn vor seinen Feinden beschützt, nur konnte ich ihn vor seinen Freunden nicht bewahren. Welch seltsamer Anfall von Torheit hat Euch dazu geführt, der Königin zu erzählen, daß Ihr die Wahrheit über Joffreys Geburt erfahren habt?«
«Die Torheit des Erbarmens«, gab Ned zu.
«Ah«, sagte Varys.»Sicherlich. Ihr seid ein ehrlicher und ehrenhafter Mann, Lord Eddard. Was ich zu oft vergesse. Ich bin so wenigen davon in meinem Leben begegnet. Wenn ich sehe, was Ehrlichkeit und Ehre Euch gebracht haben, verstehe ich, wieso.«
Ned Stark lehnte seinen Kopf an den feuchten Stein zurück und schloß die Augen. Schmerz pochte in seinem Bein.»Der Wein des Königs… habt Ihr Lancel befragt?«
«Oh, in der Tat. Cersei hat ihm die Weinschläuche gegeben und gesagt, es sei Roberts liebster Tropfen. «Der Eunuch zuckte mit den Achseln.»Jäger führen ein gefahrvolles Leben. Hätte nicht der Keiler Robert niedergemacht, wäre es ein Sturz vom Pferd gewesen, der Biß einer Waldnatter, ein fehlgelenkter Pfeil… der Wald ist das Schlachthaus der Götter. Nicht der Wein hat den König getötet. Es war Euer Erbarmen.«
Ned hatte es befürchtet.»Die Götter mögen mir vergeben.«
«Falls es Götter gibt«, sagte Varys,»werden sie es wohl tun. Denn die Königin hätte dem zum Trotz nicht mehr lange gewartet. Robert wurde widerspenstig, und sie mußte sich seiner entledigen, um freie Hand zu haben, damit sie sich um seine Brüder kümmern konnte. Die beiden sind ein echtes Paar, Stannis und Renly. Der eiserne Fäustling und der seidene Handschuh. «Er wischte sich den Mund mit dem Handrücken.»Ihr seid dumm gewesen, Mylord. Ihr hättet auf Littlefinger achten sollen, als er Euch drängte, Joffreys Nachfolge zu unterstützen.«
«Woher… woher hätte ich das wissen sollen?«
Varys lächelte.»Ich weiß, das ist alles, was für Euch von Belang sein sollte. Darüber hinaus weiß ich, daß die Königin Euch morgen früh einen Besuch abstatten will.«
Langsam hob Ned den Blick.»Wozu?«
«Cersei fürchtet Euch, Mylord… doch hat sie andere Feinde, die sie noch stärker fürchtet. Ehr geliebter Jaime tritt im Augenblick gegen die Flußlords an. Lysa Arryn sitzt auf der Eyrie, von Stein und Stahl umringt, und zwischen ihr und der Königin ist keine Liebe mehr. In Dorne brüten die Martells noch immer über dem Mord an Prinzessin Elia und ihren Kindern. Und nun marschiert Euer Sohn den Neck hinab, mit einer Nordarmee im Rücken.«
«Robb ist ein kleiner Junge«, entfuhr es Ned erschrocken.
«Ein kleiner Junge mit einer Armee«, sagte Varys.»Und dennoch nur ein kleiner Junge, wie Ihr sagt. Die Brüder des Königs sind es, die Cersei schlaflose Nächte bereiten… besonders Lord Stannis. Sein Anspruch ist der wahre, er ist für seine Gabe als Befehlshaber in der Schlacht berühmt, und er ist zutiefst gnadenlos. Auf der ganzen Welt gibt es kein Lebewesen, das nur halb soviel Angst und Schrecken verbreitet wie ein wahrlich gerechter Mann. Niemand weiß, was Stannis auf Dragonstone treibt, aber ich würde die Vermutung wagen, daß er mehr Recken als Muscheln gesammelt hat. Und das ist Cerseis Alptraum: Während Vater und Bruder ihre Kraft darauf verwenden, gegen Starks und Tullys anzutreten, landet Lord Stannis, macht sich zum König und schlägt ihrem Sohn den blonden Lockenkopf vom Hals… und ihren eigenen dazu, obwohl ich wirklich glaube, daß sie sich mehr um ihren Jungen sorgt.«