«Stannis Baratheon ist Roberts wahrer Erbe«, sagte Ned.»Der Thron gehört rechtmäßig ihm. Seinen Aufstieg würde ich willkommen heißen.«
Varys schnalzte mit der Zunge.»Das wird Cersei nicht gern hören, das kann ich Euch versichern. Stannis mag den Thron erstreiten, doch nur Euer modernder Kopf wird dann noch darüber jubeln, wenn Ihr nicht Eure Zunge hütet. Sansa hat so süß gebettelt, daß es eine Schande wäre, wenn Ihr alles wegwerfen würdet. Man gibt Euch das Leben zurück, sofern
Ihr es haben wollt. Cersei ist nicht dumm. Sie weiß, daß ein zahmer Wolf mehr Nutzen bringt als ein toter.«
«Ihr wollt, daß ich der Frau diene, die meinen König ermordet, meine Leute geschlachtet und meinen Sohn verkrüppelt hat?«
«Ich möchte, daß Ihr dem Reich dient«, sagte Varys.»Sagt der Königin, daß Ihr Euren bösartigen Verrat gesteht, Eurem Sohn befehlt, sein Schwert niederzulegen, und Joffrey zum wahren Erben erklärt. Bietet an, Stannis und Renly als treulose Thronräuber zu denunzieren. Unsere grünäugige Löwin weiß, daß Ihr ein Mann von Ehre seid. Wenn Ihr Cersei den Frieden gebt, den sie braucht, und die Zeit, mit Stannis fertig zu werden, und schwört, ihr Geheimnis mit in Euer Grab zu nehmen, wird Sie Euch, glaube ich, erlauben, das Schwarz zu tragen und den Rest Eurer Tage auf der Mauer zu verleben, mit Eurem Bruder und Eurem Sohn von niedriger Geburt.«
Der Gedanke an Jon erfüllte Ned mit einem Gefühl von Scham, einer Trauer, für die es keine Worte gab. Wenn er den Jungen nur wiedersehen könnte, bei ihm sitzen und mit ihm reden… Schmerz durchfuhr sein gebrochenes Bein unter dem dreckigen, grauen Gips. Er zuckte zusammen, und seine Finger öffneten und schlossen sich unwillkürlich.»Ist das Euer eigener Plan«, keuchte er Varys entgegen,»oder macht Ihr mit Littlefinger gemeinsame Sache?«
Das schien den Eunuchen zu amüsieren.»Eher würde ich den Schwarzen Ziegenbock von Qohor ehelichen. Littlefinger ist der zweitverlogenste Mensch in den Sieben Königslanden. Oh, ich trage ihm ausgewählte Gerüchte zu, gerade so viele, daß er glaubt, ich wäre auf seiner Seite… ganz wie ich Cersei glauben lasse, ich wäre auf der ihren.«
«Und ganz, wie Ihr mich glauben macht, Ihr wäret auf der meinen. Sagt mir, Lord Varys, wem dient Ihr in Wahrheit?«
Varys lächelte leise.»Nun, dem Reich, mein guter Herr, wie konntet Ihr das je bezweifeln? Ich schwöre es bei meiner verlorenen Männlichkeit. Ich diene dem Reich, und das Reich braucht Frieden. «Er nahm den letzten Schluck Wein und warf den Schlauch beiseite.»Wie also lautet Eure Antwort, Lord Eddard? Gebt mir Euer Wort, daß Ihr der Königin sagt, was sie hören will, wenn sie Euch besucht.«
«Wenn ich es täte, wäre ich so hohl wie eine leere Rüstung. Soviel ist mein Leben mir nicht wert.«
«Schade. «Der Eunuch stand auf.»Und das Leben Eurer Tochter, Mylord? Wie wertvoll ist das?«
Kalt fuhr es durch Neds Herz.»Meine Tochter…«
«Ihr dachtet doch wohl nicht, ich hätte Eure süße Unschuld vergessen, Mylord. Die Königin hat es ganz sicher nicht.«
«Nein«, flehte Ned, und seine Stimme überschlug sich.»Varys, bei allen Göttern, tut mit mir, was Ihr wollt, aber laßt meine Tochter aus Euren Plänen. Sansa ist doch noch ein Kind.«
«Auch Rhaenys war ein Kind. Prinz Rhaegars Tochter. Ein hübsches, kleines Ding, jünger noch als Eure Mädchen. Sie hatte ein kleines, schwarzes Kätzchen, das sie Balerion nannte, wußtet Ihr das? Ich habe mich immer gefragt, was wohl aus ihm geworden ist. Rhaenys tat gern so, als sei er der wahre Balerion, der Schwarze Schrecken aus alten Zeiten, doch denke ich, die Lannisters haben sie den Unterschied zwischen einem Kätzchen und einem Drachen bald genug gelernt, an jenem Tag, als sie ihre Tür einbrachen. «Varys stieß einen langen, müden Seufzer aus, den Seufzer eines Mannes, der alle Trauer dieser Welt in einem Sack auf seinen Schultern trägt.»Der Hohe Septon hat mir einmal gesagt: Wie wir sündigen, so leiden wir. Falls das stimmen sollte, Lord Eddard, sagt mir… warum sind es immer die Unschuldigen, die am meisten leiden, wenn Ihr hohen Herren Euer Spiel um Throne spielt? Seid so gut und denkt darüber nach, während Ihr auf die Königin wartet. Und gestattet Euch auch einen Gedanken zu folgendem: Der nächste Mensch, der Euch in dieser Zelle besucht, könnte Euch Brot und Käse und Mohnblumensaft für Eure Schmerzen bringen… oder er bringt Euch Sansas Kopf. Die Wahl, mein lieber Lord Hand, liegt ganz allein bei Euch.«
Catelyn
Als das Heer den Damm entlangmarschierte, durch das schwarze Moor am Neck, und in das Flußland jenseits davon strömte, wuchsen Catelyns böse Vorahnungen. Sie verbarg ihre Befürchtungen hinter einer stillen, ernsten Miene, doch waren sie dennoch da, wuchsen mit jeder Stunde des Weges, den sie zurücklegten. Ihre Tage waren voller Sorge, die Nächte ruhelos, und bei jedem Raben, der über sie hinwegflog, biß sie die Zähne fest zusammen.
Sie fürchtete um ihren Hohen Vater und wunderte sich über diese unheilvolle Stille. Sie fürchtete um ihren Bruder Edmure und betete, daß die Götter auf ihn achten sollten, falls er dem Königsmörder in der Schlacht gegenüberstand. Sie fürchtete um Ned und ihre Mädchen und um die süßen Söhne, die sie auf Winterfell zurückgelassen hatte. Und trotzdem gab es nichts, was sie für irgendeinen von ihnen tun konnte, und so zwang sie sich dazu, den Gedanken an sie alle zu verdrängen. Du mußt dir deine Kraft für Robb aufsparen, sagte sie sich selbst. Er ist der einzige, dem du helfen kannst. Sei grimmig und hart wie der Norden, Catelyn Tully. Jetzt mußt du wirklich und wahrhaftig eine Stark sein, ganz wie dein Sohn ein Stark ist.
Robb ritt dem Heer voraus, unter dem flatternden Banner von Winterfell. Jeden Tag bat er einen seiner Lords, ihn zu begleiten, damit sie während des Marsches konferieren konnten. Diese Ehre wurde den hohen Herren abwechselnd zuteil, er hatte keine Favoriten, lauschte, wie sein Vater stets gelauscht hatte, wägte ein Wort gegen das andere ab. Er hat so viel von Ned gelernt, dachte sie, während sie ihn beobachtete, aber hat er schon genug gelernt?
Blackfish hatte hundert handverlesene Männer und hundert schnelle Pferde mitgenommen und war vorausgestürmt, um den Weg zu erkunden und zu sichern. Die Meldungen, die Ser Bryndens Reiter brachten, trugen nur wenig zu ihrer Beruhigung bei. Lord Tywins Heer war noch viele Tage südlich… doch Walder Frey, der Lord über den Kreuzweg, hatte eine Armee von fast viertausend Mann bei seinen Burgen am Grünen Arm versammelt.
«Wieder zu spät«, murmelte Catelyn, als sie davon hörte. Wieder war es wie am Trident, verdammt sei der Mann! Ihr Bruder Edmure hatte zu den Fahnen gerufen. Von Rechts wegen hätte sich Lord Frey dem Heer der Tullys in Riverrun anschließen sollen, doch hier hockte er nun.
«Viertausend Mann«, wiederholte Robb eher staunend denn verärgert.»Lord Frey kann nicht hoffen, allein gegen die Lannisters anzutreten. Sicher will er sich mit seinem Heer dem unseren anschließen.«
«Will er?«fragte Catelyn. Sie war nach vorn geritten, um sich zu Robb und Robett Glover zu gesellen, seinem Gefährten dieses Tages. Die vorderste Reihe breitete sich hinter ihnen aus, ein langsam wandernder Wald aus Lanzen und Speeren.»Ich weiß nicht. Erwarte nichts von Walder Frey, und er wird dich niemals überraschen.«