«Dywen und Hake sind gestern abend heimgekehrt«, sagte der Alte Bär.»Sie haben keine Spur von deinem Onkel gefunden, ebensowenig wie die anderen.«
«Ich weiß. «Jon hatte sich in den Gemeinschaftssaal geschleppt, um mit seinen Freunden zu speisen, und die ergebnislose Suche der Grenzwachen war das einzige gewesen, worüber sich die Männer unterhalten hatten.
«Du weißt es«, grummelte Mormont.»Wie kommt es, daß hier immer jeder alles weiß?«Er schien keine Antwort zu erwarten.»Offensichtlich waren nur zwei dieser… dieser Kreaturen hier, was immer sie gewesen sein mögen, ich will sie nicht als Menschen bezeichnen. Und den Göttern sei Dank dafür! Noch mehr davon und… nun, es wäre gar nicht auszudenken. Aber es werden noch mehr von ihnen kommen. Ich kann es in meinen alten Knochen spüren, und Maester Aemon gibt mir recht. Kalter Wind kommt auf. Der Sommer geht zu Ende, und ein Winter steht bevor, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.«
Der Winter naht. Nie zuvor hatten die Worte der Starks in Jons Ohren so bitter und unheilvoll geklungen wie jetzt.»Mylord«, fragte er zögerlich,»es heißt, gestern abend sei ein Vogel eingetroffen… «
«Das stimmt. Was ist damit?«
«Ich hatte gehofft, er hätte Nachricht von meinem Vater gebracht.«
«Vater«, höhnte der alte Rabe und nickte mit dem Kopf, während er auf Mormonts Rücken von einer Schulter zur anderen lief.»Vater.«
Der Lord Commander langte nach oben, um dem Vogel den Schnabel zu schließen, doch der Rabe hüpfte ihm auf den Kopf, flatterte mit den Flügeln, flog durch die Kammer und landete über einem Fenster.»Kummer und Lärm«, murmelte Mormont.»Das ist alles, wozu sie gut sind, Raben. Was gebe ich mich mit diesem abscheulichen Vogel ab… wenn es Nachricht von Lord Eddard gäbe, glaubst du nicht, ich hätte dich rufen lassen? Bastard oder nicht, schließlich bist du sein Fleisch und Blut. Die Nachricht betraf Ser Barristan Selmy. Anscheinend hat man ihn aus der Königsgarde entlassen. Seinen Posten haben sie diesem schwarzen Hund Clegane gegeben, und nun wird Selmy wegen Hochverrats gesucht. Die Narren haben ein paar Wachleute geschickt, ihn zu ergreifen, aber er hat zwei von ihnen erschlagen und ist entkommen. «Mormont schnaubte, ließ keinen Zweifel an seiner Meinung zu Leuten, die Goldröcke gegen einen so berühmten Ritter wie Barristan den Kühnen aussandten.»Wir haben weiße Schatten in den Wäldern, rastlose Tote schleichen durch unsere Hallen, und ein kleines Kind sitzt auf dem Eisernen Thron«, sagte er angewidert.
Der Rabe lachte schrill.»Kind, Kind, Kind, Kind.«
Ser Barristan war die große Hoffnung des Alten Bären gewesen, wie sich Jon erinnerte. Wenn er gestürzt war, welche Hoffnung gab es noch, daß man Mormonts Brief Beachtung schenken würde? Jon ballte die Hand zur Faust. Schmerz fuhr durch seine verbrannten Finger.»Was ist mit meinen Schwestern?«
«In der Nachricht wurden weder Lord Eddard noch die Mädchen erwähnt. «Verärgert zuckte er mit den Schultern.»Vielleicht haben sie meinen Brief niemals bekommen. Aemon hat zwei Abschriften geschickt mit seinen besten Vögeln, aber wer kann es schon sagen? Wahrscheinlicher ist, daß Pycelle sich nicht dazu herabgelassen hat zu antworten. Es wäre nicht das erste Mal, und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Ich fürchte, in King's Landing sind wir weniger als nichts wert. Sie teilen uns mit, was sie uns wissen lassen wollen, und das ist wenig genug.«
Und Ihr sagt mir, was Ihr mich wissen lassen wollt, und das ist noch weniger, dachte Jon ärgerlich. Sein Bruder Robb hatte zu den Fahnen gerufen und war nach Süden in den Krieg geritten, doch hatte man ihm kein Wort davon gesagt… nur Samwell Tarly, der Maester Aemon den Brief vorgelesen hatte, hatte Jon dessen Inhalt noch am selben Abend heimlich zugeraunt, wobei er die ganze Zeit über beteuerte, er sollte das eigentlich nicht tun. Zweifellos meinten sie, seines Bruders Krieg sei nicht seine Sache. Es besorgte ihn mehr, als er zu sagen vermochte. Robb marschierte und er nicht. Sooft sich Jon auch einredete, sein Platz sei jetzt hier bei seinen neuen Brüdern auf der Mauer, fühlte er sich dennoch wie ein Feigling.
«Korn«, schrie der Rabe.»Korn, Korn.«
«Ach, sei still«, erwiderte der Alte Bär.»Snow, was sagt Maester Aemon, wann du deine Hand wieder benutzen kannst?«»Bald«, gab Jon zurück.
«Gut. «Auf den Tisch zwischen ihnen legte Lord Mormont ein großes Schwert in einer schwarzen silbereingefaßten Scheide aus Metall.»Hier. Dann wirst du dafür bald bereit sein.«
Der Rabe flatterte herab und landete auf dem Tisch, stakste zu dem Schwert, den Kopf neugierig geneigt. Jon zögerte. Er hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte.»Mylord?«
«Die Flammen haben das Silber vom Knauf geschmolzen und Handschutz und Griff versengt. Na ja, trockenes Leder und altes Holz, was kann man da erwarten? Die Klinge, nun… man brauchte ein Feuer, das hundertmal so heiß wäre, damit es der
Klinge etwas anhaben könnte. «Mormont schob die Scheide über die groben Eichenplanken.»Den Rest habe ich erneuern lassen. Nimm es.«
«Nimm es«, tönte sein Rabe und putzte sich.»Nimm es, nimm es.«
Unbeholfen ergriff Jon das Schwert. Mit der Linken. Seine bandagierte Hand war noch zu wund. Vorsichtig zog er das Schwert aus seiner Scheide und hob es auf Augenhöhe.
Der Knauf war ein großes Stück von hellem Stein, mit Blei beschwert, um die lange Klinge auszubalancieren. Ein knurrender Wolf war hineingeschnitzt, Granatsplitter bildeten die Augen. Der Griff war mit unberührtem Leder bezogen, weich und schwarz und noch unbefleckt von Schweiß oder Blut. Die Klinge selbst war einen guten halben Fuß länger als jene, mit denen Jon vertraut war, so zugespitzt, daß man stoßen wie auch schlagen konnte. Wenn Ice ein wahres, beidhändiges Großschwert war, dann war dieses ein Anderthalbhänder, was man manchmal als» Bastardschwert «bezeichnete. Trotzdem wirkte es leichter als alle Klingen, die er je geschwungen hatte. Jon wendete sie seitlich und konnte die Wellen im dunklen Stahl erkennen, wo das Metall wieder und wieder mit sich selbst gefaltet worden war.»Es ist valyrischer Stahl, Mylord«, sagte er verwundert. Oft genug hatte sein Vater ihn Ice halten lassen. Er wußte, wie es aussah, wie es sich anfühlte.
«Das stimmt«, erklärte der Alte Bär.»Es war das Schwert meines Vaters und dessen Vaters vor ihm. Die Mormonts tragen es seit fünf Jahrhunderten. Ich habe es zu meiner Zeit geschwungen und an meinen Sohn weitergereicht, als ich das Schwarz anlegte.«
Er gibt mir das Schwert seines Sohnes. Jon konnte es kaum fassen. Die Klinge war wunderbar ausgewogen. Die Schneiden glitzerten leicht, als das Licht sie küßte.»Euer Sohn…«
«Mein Sohn hat dem Hause Mormont Schande gemacht, aber zumindest hatte er Anstand genug, das Schwert zurückzulassen, als er geflohen ist. Meine Schwester hat es in meine Obhut zurückgegeben, aber der bloße Anblick hat mich stets an Jorahs Schande erinnert, also habe ich es beiseite gelegt und nicht mehr daran gedacht, bis wir es in der Asche meiner Schlafkammer fanden. Ursprünglich war der Knauf ein Bärenkopf aus Silber, wenn auch so abgewetzt, daß seine Züge kaum noch zu erkennen waren. Für dich fand ich einen weißen Wolf weit passender. Einer unserer Baumeister ist ein ganz guter Steinschnitzer.«
Als Jon in Brans Alter gewesen war, hatte er — wie alle Jungen — davon geträumt, große Taten zu vollbringen. Die Einzelheiten seiner Heldentaten wechselten mit jedem Traum, doch oft genug stellte er sich vor, er würde seinem Vater das Leben retten. Danach würde Lord Eddard erklären, daß sich Jon als wahrer Stark erwiesen habe, und Ice in seine Hände legen. Selbst damals schon hatte er gewußt, daß es kindisch war. Kein Bastard konnte je erhoffen, das Schwert seines Vaters zu schwingen. Der bloße Gedanke daran beschämte ihn. Was war das für ein Mann, der seinem eigenen Bruder das Geburtsrecht nahm? Ich habe kein Recht darauf, dachte er, ebensowenig wie auf Ice, Er zuckte mit seinen verbrannten Fingern, spürte den Schmerz tief unter seiner Haut pulsieren.»Mylord, Ihr ehrt mich, aber…«