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Eine der Blutfliegen landete auf der nackten Schulter des khal. Eine andere kreiste, landete an seinem Hals und lief zu seinem Mund. Khal Drogo schwankte in seinem Sattel, die Glöckchen klingelten, während sein Hengst mit stetem Schritt vorantrabte. Dany drückte ihrem Silbernen die Hacken in die Flanken und ritt näher heran.»Mylord«, sagte sie sanft.»Drogo. Meine Sonne, meine Sterne.«

Er schien sie nicht zu hören. Die Blutfliege kroch unter seinen hängenden Schnauzbart und ließ sich auf seiner Wange nieder, in der Falte neben seiner Nase. Dany stöhnte:»Drogo. «Unbeholfen streckte sie eine Hand aus und berührte seinen Arm.

Khal Drogo drehte sich auf seinem Sattel, kippte langsam und sackte schwer von seinem Pferd. Einen Herzschlag lang zerstreuten sich die Fliegen, und dann ließen sie sich wieder auf ihm nieder, wo er lag.

«Nein«, rief Dany und hielt an. Ungeachtet ihres Bauches kletterte sie von ihrem Silbernen und lief zu ihm.

Das Gras unter ihm war braun und trocken. Drogo schrie vor Schmerz. Dany kniete neben ihm. Der Atem rasselte scharf in seiner Kehle, und er sah sie an, ohne sie zu erkennen.»Mein Pferd«, keuchte er. Dany strich die Fliegen von seiner Brust, zerdrückte eine, wie er es getan hätte. Seine Haut glühte unter ihren Fingern.

Die Blutreiter des khal waren unterwegs zu ihnen. Sie hörte Haggo etwas rufen, als sie herangaloppierten. Cohollo sprang vom Pferd.»Blut von meinem Blut«, sagte er, indem er auf die Knie sank. Die beiden anderen blieben im Sattel.

«Nein«, stöhnte Khal Drogo und wehrte sich in Danys Armen.»Muß reiten. Reiten. Nein.«

«Er ist vom Pferd gefallen«, sagte Haggo stieren Blickes. Sein breites Gesicht war ungerührt, doch seine Stimme bleiern.

«Das darfst du nicht sagen«, wies Dany ihn zurecht.»Für heute sind wir weit genug geritten. Hier schlagen wir unser Lager auf.«

«Hier?«Haggo sah sich um. Das Land war braun und verdorrt, ungastlich.»Hier ist kein Ort zum Lagern.«

«Es steht einer Frau nicht zu, uns Halt zu gebieten«, sagte Qotho,»auch nicht einer Khaleesi.«

«Hier schlagen wir unser Lager auf«, wiederholte Dany.»Haggo, sag ihnen, Khal Drogo hätte den Halt befohlen. Falls jemand fragt, wieso, sag ihnen, daß meine Zeit gekommen ist und ich nicht weiterreiten konnte. Cohollo, hol die Sklaven her, sie müssen das Zelt des khal so schnell wie möglich aufbauen. Qotho…«»Ihr gebt mir keine Befehle, Khaleesi«, beharrte Qotho.»Suche Mirri Maz Duur«, erklärte sie ihm. Sicher ging das Gottesweib unter den anderen Lämmermenschen, in der langen Reihe der Sklaven.»Bring sie zu mir, mit ihrer Truhe.«

Qotho funkelte sie an, die Augen hart wie Feuerstein.»Die maegi. «Er spuckte aus.»Das werde ich nicht tun.«

«Das wirst du doch«, sagte Dany,»oder wenn Drogo erwacht, wird er davon erfahren, warum du dich mir verweigert hast.«

Wutentbrannt riß Qotho seinen Hengst herum und galoppierte zornig davon… doch wußte Dany, daß er mit Mirri Maz Duur zurückkommen würde, so wenig es ihm auch gefallen mochte. Die Sklaven errichteten Khal Drogos Zelt unter einem schwarzen Felsvorsprung, dessen Schatten etwas Schutz vor der Hitze der Nachmittagssonne bot. Dennoch war es erstickend heiß unter dern Seidentuch, als Irri und Doreah Dany dabei halfen, Drogo hineinzugeleiten. Dicke Teppiche waren auf der Erde ausgebreitet, und in den Ecken lagen Kissen. Eroeh, das furchtsame Mädchen, das Dany draußen vor den Lehmmauern der Lämmermenschen gerettet hatte, stellte einen Kohlenrost auf. Gemeinsam streckten sie Drogo auf einer geflochtenen Matte aus.»Nein«, murmelte er in der Gemeinen Zunge.»Nein, nein. «Das war alles, was er sagte, alles, was er zu sagen in der Lage schien.

Doreah löste seinen Gürtel mit den Medaillons, während Jhiqui zu seinen Füßen kniete, um die Senkel seiner Reitsandalen zu lösen. Irri wollte die Zeltklappen offenlassen, damit der Wind hereinwehen konnte, doch Dany verbot es ihr. Sie wollte nicht, daß irgend jemand Drogo so sah, schwach und im Fieberwahn. Als ihr khas kam, postierte sie die Männer draußen vor dem Eingang.»Laßt ohne meine Erlaubnis niemanden herein«, erklärte sie Jhogo.»Niemanden.«

Furchtsam starrte Eroeh Drogo an, wie er dort vor ihr lag.»Er stirbt«, flüsterte sie.

Dany schlug sie.»Der khal darf nicht sterben. Er ist der Vater des Hengstes, der die Welt besteigt. Nie wurde sein Haar geschnitten. Noch immer trägt er die Glöckchen, die sein Vater ihm gegeben hat.«

«Khaleesi«, sagte Jhiqui,»er ist von seinem Pferd gefallen.«

Zitternd, die Augen plötzlich voller Tränen, wandte sich Dany von ihnen ab. Er ist von seinem Pferd gefallen! So war es, sie hatte es gesehen, und die Blutreiter und ohne Zweifel ihre Dienerinnen und auch die Männer ihres khas. Und wie viele noch? Sie konnten es nicht geheimhalten, und Dany wußte, was das bedeutete. Ein Khal, der nicht reiten konnte, konnte nicht regieren, und Drogo war von seinem Pferd gefallen.

«Wir müssen ihn baden«, sagte sie stur. Sie durfte ihre Verzweiflung nicht zulassen.»Irri, laß sofort die Wanne bringen. Doreah, Eroeh, sucht Wasser, kühles Wasser, ihm ist heiß. «Er war ein Feuer in Menschenhaut.

Die Sklavinnen stellten die schwere Kupferwanne in der Ecke des Zeltes auf. Als Doreah den ersten Krug mit Wasser brachte, tränkte Dany ein Stück Seide, um es Drogo auf die Stirn zu legen, auf die brennende Haut. Seine Augen blickten sie an, erkannten nichts. Er öffnete den Mund, brachte jedoch statt Worten nur ein Stöhnen zustande.»Wo ist Mirri Maz Duur?«wollte sie wissen. Aus Angst verlor sie langsam die Geduld.

«Qotho wird sie finden«, sagte Irri.

Ihre Dienerinnen füllten die Wanne mit lauwarmem Wasser, das nach Schwefel stank, süßten es mit Bitteröl und einigen Handvoll Minzeblättern. Während das Bad bereitet wurde, kniete Dany unbeholfen neben ihrem Hohen Gatten, ihr Bauch prall von ihrem Kind darin. Mit zittrigen Fingern löste sie seinen Zopf, wie sie es in der Nacht getan hatte, in der er sie zum ersten Mal genommen hatte, unter den Sternen. Seine Glöckchen legte sie ordentlich beiseite, eines nach dem anderen. Er würde sie wiederhaben wollen, wenn er gesund war, sagte sie sich.

Ein Windhauch wehte in das Zelt, als Aggo seinen Kopf durch die Seide schob.»Khaleesi«, sagte er,»der Andale ist gekommen und bittet, eintreten zu dürfen.«

«Der Andale«, so nannten die Dothraki Ser Jorah.»Ja«, sagte sie und erhob sich umständlich,»schickt ihn herein. «Sie vertraute dem Ritter. Wenn irgendwer wußte, was zu tun war, dann er.

Ser Jorah duckte sich durch die Türklappe und wartete einen Moment, bis sich seine Augen an das trübe Licht gewöhnt hatten. In der sengenden Hitze des Südens trug er weite Hosen aus farbenprächtiger Rohseide und Reitsandalen mit offener Spitze, die bis zum Knie geschnürt wurden. Sein Schwert hing von einem gedrehten Gurt aus Pferdehaar. Unter der weißgebleichten Weste sah man seine nackte Brust, die Haut von der Sonne gerötet.»Es geht von Mund zu Mund, im ganzen khalasar«, sagte er.»Es heißt, Khal Drogo sei vom Pferd gefallen.«

«Helft ihm«, flehte Dany.»Im Namen der Liebe, die Ihr, wie Ihr sagt, für mich empfindet, helft ihm sogleich.«

Der Ritter kniete neben ihr. Lang und eindringlich betrachtete er Khal Drogo, und dann ging sein Blick zu Dany.»Schickt Eure Dienerinnen fort.«

Wortlos, die Kehle vor Angst wie zugeschnürt, machte Dany eine Geste. Irri scheuchte die anderen Mädchen aus dem Zelt.

Als sie allein waren, zückte Ser Jorah seinen Dolch. Flink, mit einem Geschick, das sie an einem derart großen Mann überraschte, begann er, die schwarzen Blätter und den getrockneten, blauen Lehm von Drogos Brust zu kratzen. Das Pflaster war so hart wie die Mauern der Lämmermenschen geworden, und wie die Mauern brach es leicht. Ser Jorah brach den trockenen Lehm mit seinem Messer, löste die Brocken von der Haut, schälte die Blätter eines nach dem anderen ab. Ein süßer, fauliger Geruch stieg von der Wunde auf, so streng, daß sie fast würgen mußte. Die Blätter waren von Blut und Eiter verkrustet, Drogos Brust schwarz und glänzend vor Fäulnis.