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Osha lehnte Bran an Lord Rickards steinernen Wolf, dann eilte sie, dem Maester beizustehen. Im Licht der tropfenden Fackel kämpften zwanzig Fuß hohe Schattenwölfe an Mauern und Decken.

«Shaggy«, rief eine leise Stimme. Als Bran aufblickte, stand sein kleiner Bruder in der Öffnung von Vaters Grab. Mit einem letzten Schnappen nach Summers Gesicht ließ Shaggydog von ihm ab und sprang an Rickons Seite.»Laßt meinen Vater in Frieden«, warnte Rickon Luwin,»laßt ihn in Frieden.«

«Rickon«, sagte Bran sanft.»Vater ist nicht hier.«»Ist er doch. Ich habe ihn gesehen. «Tränen glänzten auf Rikkons Gesicht.»Ich habe ihn letzte Nacht gesehen.«

«Im Traum..?«

Rickon nickte.»Laßt ihn. Laßt ihn in Ruhe. Jetzt kommt er heim, wie er es versprochen hat. Er kommt nach Hause.«

Nie zuvor hatte Bran Maester Luwin derart verunsichert gesehen. Blut tropfte von seinem Arm, wo Shaggydog die Wolle seines Ärmels und das Fleisch darunter zerfetzt hatte.»Osha, die Fackel«, sagte er, biß vor Schmerz die Zähne zusammen, und sie hob sie auf, bevor sie erlosch. Rußflecken schwärzten beide Beine vom Ebenbild seines Onkels.»Dieses… dieses Biest«, fuhr Luwin fort,»sollte im Zwinger angekettet sein.«

Rickon tätschelte Shaggydogs Schnauze, die feucht vom Blut war.»Ich hab ihn rausgelassen. Er mag keine Ketten.«

«Rickon«, sagte Bran,»würdest du gern mit mir kommen?«

«Nein. Es gefällt mir hier.«

«Hier ist es so dunkel. Und kalt.«

«Ich fürchte mich nicht. Ich muß auf Vater warten.«

«Du kannst bei mir warten«, sagte Bran.»Wir warten gemeinsam, du und ich und unsere Wölfe. «Beide Schattenwölfe leckten nun ihre Wunden, und man würde auf

sie achten müssen.

«Bran«, sagte der Maester mit fester Stimme,»ich weiß, daß du es gut meinst, aber Shaggydog ist zu wild, als daß er frei herumlaufen könnte. Ich bin schon der dritte, den er angefallen hat. Laß ihn in der Burg frei laufen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er jemanden tötet. Die Wahrheit ist hart, aber der Wolf muß angekettet werden, oder…«Er zögerte.

… oder getötet, dachte Bran, doch was er sagte, war:»Er ist nicht für Ketten gemacht. Wir werden in Eurem Turm warten, wir alle.«

«Das ist ganz unmöglich«, sagte Maester Luwin.

Osha grinste.»Der Junge ist hier der kleine Lord, wenn ich mich recht erinnere. «Sie gab Luwin seine Fackel zurück und nahm Bran wieder in ihre Arme.»Dann also zum Turm des Maesters.«

«Kommst du mit, Rickon?«

Sein Bruder nickte.»Wenn Shaggy auch mit darf«, sagte er, indem er Osha und Bran nachlief, und Maester Luwin blieb nur, ihnen zu folgen und ein wachsames Auge auf die Wölfe zu haben. In Maester Luwins Turm herrschte ein solches Durcheinander, daß es Bran wie ein Wunder vorkam, wie er überhaupt je etwas fand. Schwankende Bücherstapel standen auf Tischen und Stühlen, verstöpselte Flaschen reihten sich auf den Regalen aneinander, Kerzenstummel und ganze Teiche von getrocknetem Wachs überzogen die Möbel, das bronzene, myrische Linsenrohr stand auf einem Dreifuß an der Terrassentür, Sternenkarten hingen an den Wänden, Schattenkarten lagen zwischen den Binsen verstreut, Papiere, Federn und Tintenfässer überall, und das alles war vom Kot der Raben im Gebälk befleckt. Deren schrilles Geschrei kam von oben herab, während Osha die Wunden des Maesters wusch, reinigte und verband, unter Luwins präziser Anleitung.

«Das ist verrückt«, sagte der kleine, graue Mann, als sie die

Wolfsbisse mit einer brennenden Salbe abtupfte.»Zugegebenermaßen ist es merkwürdig, daß ihr Jungen beide denselben Traum hattet, doch wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es nur natürlich. Euer Hoher Vater fehlt Euch, und ihr wißt, daß er gefangen ist. Angst kann einen Menschen fiebrig machen und ihm seltsame Gedanken einflößen. Rickon ist zu jung, das zu verstehen.«

«Ich bin schon vier«, sagte Rickon. Er spähte durch das Linsenrohr zu den Wasserspeiern am First Keep hinüber. Die Schattenwölfe hatten sich an gegenüberliegenden Seiten des runden Raumes niedergelassen, leckten ihre Wunden und kauten an Knochen herum.

«… zu jung, und… ooh, bei allen sieben Höllen, das brennt, nein, hör nicht auf, mehr. Zu jung, wie ich sage, aber du, Bran, du bist alt genug, um zu wissen, daß Träume nur Träume sind.«

«Manche sind es, manche nicht. «Osha goß hellrote Feuermilch in einen langen Schnitt. Luwin stöhnte.»Die Kinder des Waldes könnten Euch das eine oder andere über Träume erzählen.«

Tränen liefen dem Maester übers Gesicht, doch schüttelte er verbissen den Kopf.»Die Kinder.. leben nur in Träumen. Heute. Tot und begraben. Genug, es reicht. Jetzt den Verband. Polstern und dann umwickeln, und zieh es fest, ich werde bluten.«

«Old Nan sagt, die Kinder des Waldes kannten die Lieder der Bäume, so daß sie wie Vögel fliegen und wie Fische schwimmen und mit den Tieren sprechen konnten«, erzählte Bran.»Sie sagt, sie haben Musik gemacht, die so schön war, daß man wie ein kleines Kind weinen mußte, wenn man sie nur hörte.«

«Und das alles haben sie mit Zauberkraft getan«, sagte Maester Luwin.»Ich wünschte, sie wären jetzt hier. Ein Zauber würde meinen Arm mit weniger Schmerz heilen, und sie könnten mit Shaggydog sprechen und ihm sagen, daß er nicht beißen soll. «Er warf dem großen, schwarzen Wolf aus dem Augenwinkel einen bösen Blick zu.»Laß es dir eine Lehre sein, Bran. Wer auf Zauberkraft vertraut, duelliert sich mit gläsernem Schwert. Wie die Kinder. Hier, ich will dir etwas zeigen. «Abrupt stand er auf, durchquerte den Raum und kehrte mit einem grünen Gefäß in seiner heilen Hand zurück.»Sieh dir die hier an«, sagte er, als er den Korken herauszog und eine Handvoll schimmernder, schwarzer Pfeilspitzen hervorschüttelte.

Bran sammelte eine davon auf.»Sie ist aus Glas. «Neugierig kam Rickon näher, um einen Blick auf den Tisch zu werfen.

«Drachenglas«, nannte Osha es, als sie sich neben Luwin setzte, das Verbandszeug noch in der Hand.

«Obsidian«, beharrte Maester Luwin und streckte seinen verwundeten Arm aus.»In den Feuern der Götter geschmiedet, tief unter der Erde. Die Kinder des Waldes haben damit gejagt, vor Tausenden von Jahren. Die Kinder haben kein Metall bearbeitet. Anstelle von Kettenhemden trugen sie lange Gewänder aus verwobenen Blättern und banden Borke um ihre Beine, so daß sie mit dem Wald verschmolzen. Anstelle von Schwertern trugen sie Klingen aus Obsidian.«

«Und sie tun es noch. «Osha legte weiche Polster auf die Bißwunden am Unterarm des Maesters und band sie mit langen Leinenstreifen fest.

Bran betrachtete die Pfeilspitze eingehend. Das schwarze Glas war glatt und glänzend. Er fand es schön.»Darf ich eine behalten?«

«Wenn du möchtest«, sagte der Maester.»Ich möchte auch eine«, sagte Rickon.»Ich möchte vier. Ich bin vier.«

Luwin ließ ihn zählen.»Vorsichtig, sie sind noch scharf. Schneid dich nicht.«

«Erzählt mir von den Kindern«, sagte Bran. Es war wichtig.

«Was willst du wissen?«

«Alles.«

Maester Luwin zupfte an seiner Kette, wo sie am Hals scheuerte.»Sie waren ein Volk aus Urzeiten, das allererste, vor Königen und Königreichen«, sagte er.»In jenen Tagen gab es weder Burgen noch Fesrungen, keine Städte, nicht mal so etwas wie Marktflecken fanden sich zwischen hier und dem Dornischen Meer. Es gab überhaupt keine Menschen. Nur die Kinder des Waldes wohnten in den Ländern, die wir heute die Sieben Königslande nennen.

Sie waren ein dunkles Volk, hübsch anzusehen, klein von Statur, selbst ausgewachsen nicht größer als Kinder. Sie lebten in den Tiefen der Wälder, in Höhlen und Pfahlbauten und geheimen Baumdörfern. Schlank, wie sie waren, bewegten sie sich schnell und voller Anmut. Männlein und Weiblein jagten gemeinsam mit Wehrholzbögen und fliegenden Schlingen. Ihre Götter waren die Götter von Wald, Fluß und Stein, die alten Götter, deren Namen geheim sind. Ihre weisen Männer nannten sich Grünseher und schnitzten seltsame Gesichter in die Wehrholzbäume, damit diese auf die Wälder achtgaben. Wie lange die Kinder hier gelebt haben oder woher sie gekommen waren, weiß niemand.