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«Wohin siehst du?«sagte Joffrey.»Das hier wollte ich dir zeigen, da vorn.«

Eine dicke, steinerne Brüstung schützte den Außenrand der Wehranlage, reichte bis an Sansas Kinn, mit Zinnen, die alle fünf Fuß weit für die Bogenschützen hineingemeißelt waren. Die Köpfe befanden sich zwischen den Zinnen, oben auf der Mauer, auf Eisenstangen aufgespießt, so daß sie auf die Stadt hinausblicken konnten. Sansa hatte sie in dem Moment bemerkt, als sie auf den Gang hinausgetreten war, doch der Fluß und die geschäftigen Straßen waren so viel schöner. Er kann mich zwingen, einen Blick auf die Köpfe zu werfen, sagte sie sich, aber er kann mich nicht zwingen, sie zu sehen.

«Das hier ist dein Vater«, sagte er.»Der hier. Hund, dreh ihn um, damit sie ihn betrachten kann.«

Sandor Clegane nahm den Kopf bei den Haaren und drehte ihn um. Man hatte den abgeschlagenen Schädel in Teer getaucht, damit er sich länger hielt. Ruhig warf Sansa einen Blick darauf, doch sah sie ihn nicht. Er sah nicht wirklich wie Lord Eddard aus, dachte sie. Er sah nicht einmal echt aus.»Wie lange muß ich ihn mir anschauen?«

Joffrey schien enttäuscht.»Willst du die anderen sehen?«Es war eine ganze Reihe davon.

«Wenn es Euch beliebt, Majestät.«

Joffrey geleitete sie den Gang hinunter, an einem Dutzend weiterer Köpfe und zwei leeren Spießen vorüber.»Die hier spare ich mir für meinen Onkel Stannis und meinen Onkel Renly«, erklärte er. Die anderen Köpfe waren schon viel länger tot und aufgespießt als der ihres Vaters. Trotz des Teers waren die meisten schon lange nicht mehr zu erkennen. Der König deutete auf einen und sagte:»Das da ist deine Septa«, aber Sansa hätte nicht sagen können, ob es eine Frau war oder nicht. Der Unterkiefer war aus dem Gesicht gefault, und Vögel hatten ein Ohr und den Großteil ihrer Wange ausgepickt.

Sansa hatte sich schon gefragt, was mit Septa Mordane geschehen war, obwohl sie vermutete, daß sie es insgeheim lange schon gewußt hatte.»Warum habt Ihr sie getötet?«fragte sie.»Sie war eine götterfürchtige…«

«Sie war eine Verräterin. «Joffrey schien zu schmollen. Irgendwie verärgerte sie ihn.»Du hast noch nicht gesagt, was du mir zu meinem Namenstag schenken willst. Vielleicht sollte ich statt dessen dir etwas schenken, was meinst du?«»Wenn es Euch beliebt, Majestät«, sagte Sansa. Als er lächelte, wußte sie, daß er sie verspottete.»Dein Bruder ist auch ein Verräter, weißt du. «Er drehte Septa Mordanes Kopf wieder zurück.»Ich erinnere mich an deinen Bruder noch von Winterfell. Mein Hund hat ihn den Lord vom hölzernen Schwert genannt. War es nicht so, Hund?«

«Habe ich?«erwiderte der Bluthund.»Ich erinnere mich nicht. «Joffrey zuckte verdrießlich mit den Schultern.»Dein Bruder hat meinen Onkel Jaime besiegt. Meine Mutter sagt, es sei Verrat und Hinterlist gewesen. Sie hat geweint, als sie es hörte. Alle Frauen sind schwach, selbst sie, obwohl sie vorgibt, es nicht zu sein. Sie sagt, wir müssen in King's Landing bleiben für den Fall, daß mein anderer Onkel angreift, aber es ist mir egal. Nach meinem Namenstagsfest werde ich ein Heer zusammenstellen und deinen Bruder höchstpersönlich töten. Das will ich Euch schenken, Lady Sansa. Den Kopf Eures Bruders.«

Es kam wie eine Art von Wahnsinn über sie, und sie hörte sich sagen:»Vielleicht schenkt mir mein Bruder Euren Kopf.«

Finster blickte Joffrey sie an.»Nie sollst du mich so verspotten. Ein wahres Eheweib verspottet seinen Herrn nicht. Ser Meryn, züchtigt sie.«

Diesmal nahm der Ritter sie unter dem Kinn und hielt ihren Kopf still. Zweimal schlug er zu, von links nach rechts und fester noch von rechts nach links. Ihre Lippe platzte auf, und Blut lief über ihr Kinn, vermischte sich mit dem Salz ihrer Tränen.

«Ihr solltet nicht dauernd heulen«, erklärte Joffrey.»Ihr seid hübscher, wenn Ihr lacht und lächelt.«

Sansa zwang sich zum Lächeln, fürchtete, Ser Meryn würde sie wieder schlagen, wenn sie es nicht täte, doch nützte es nichts, der König schüttelte den Kopf.»Wischt Euch das Blut ab, Ihr seid ganz schmutzig.«

Die äußere Balustrade reichte bis an ihr Kinn, doch an der Innenseite des Ganges war nichts, nur ein langer Weg von siebzig, achtzig Fuß bis in den Hof hinunter. Nur ein kleiner Stoß war nötig, sagte sie sich. Er stand genau da, genau richtig, grinste sie höhnisch mit seinen feisten Wurmlippen an. Du könntest es tun, sagte sie sich. Du könntest es. Tu es gleich jetzt. Es wäre sogar ganz egal, wenn sie mit ihm zusammen hinunterstürzte. Es war ihr vollkommen egal.

«Hier, Mädchen. «Sandor Clegane kniete vor ihr, zwischen ihr und Joffrey. Mit einem Zartgefühl, das bei einem derart großen Mann nur überraschen konnte, tupfte er das Blut von ihrer aufgeplatzten Lippe.

Der Augenblick war vorüber. Sansa senkte den Blick.»Danke«, sagte sie, als er fertig war. Sie war ein braves Mädchen und wußte sich stets zu benehmen.

Daenerys

Flügel überschatteten ihre Fieberträume.

«Du willst doch nicht den Drachen wecken, oder?«Sie lief einen langen Gang unter hohen Steinbögen entlang. Sie konnte sich nicht umsehen, durfte sich nicht umsehen. Vor ihr befand sich eine Tür, aus der Ferne winzig, aber selbst von weitem sah sie, daß sie rot gestrichen war. Sie ging schneller, und ihre nackten Füße ließen blutige Abdrücke auf dem Stein zurück.»Dw willst doch nicht den Drachen wecken, oder?«Sie sah das Licht der Sonne auf dem Dothrakischen Meer, dieser lebenden Ebene voller Gerüche von Erde und Tod. Wind verwehte die Gräser, und sie wogten wie Wasser. Drogo hielt sie in starken Armen, und seine Hand streichelte ihr Geschlecht und öffnete sie und weckte diese süße Feuchte, die ihm allein gehörte, und die Sterne lächelten auf sie herab, Sterne am Himmel voller Tageslicht.»Heimat«, flüsterte sie, als er in sie eindrang und ihr seinen Samen gab, doch plötzlich waren die Sterne verschwunden, große Schwingen zogen über den blauen Himmel, und die Welt stand in Flammen.

«… willst doch nicht den Drachen wecken, oder?«Ser Jorahs Miene war ausgezehrt und voller Trauer.»Rhaegar war der letzte Drache«, erklärte er ihr. Er wärmte durchscheinende Hände über einer glühenden Kohlenpfanne, in der steinerne Eier, rot wie Kohlen, glühten. Im einen Augenblick war er noch da, im nächsten verblaßte er schon, seine Haut farblos, weniger ein Körper noch als der Wind.»Der letzte Drache«, flüsterte er und war schon nicht mehr da. Sie spürte die Finsternis in ihrem Rücken, und die rote Tür schien weiter fort als je zuvor.»… willst doch nicht den Drachen wecken, oder?«

Viserys stand schreiend vor ihr.»Der Drache bittet nicht, Hure. Man gibt dem Drachen keine Befehle. Ich bin der

Drache, und ich werde gekrönt. «Das geschmolzene Gold tropfte wie Wachs an seinem Gesicht herab, brannte tiefe Furchen in seine Haut.»Ich bin der Drache, und ich werde gekrönt!«kreischte er, und seine Finger schnappten wie Schlangen, bissen nach ihren Brustwarzen, kniffen, drehten, während seine Augen platzten und wie Gelee über schwarze, versengte Wangen liefen.

«… willst den Drachen doch nicht wecken…«

Die rote Tür lag so weit vor ihr, und sie konnte spüren, wie der eisige Atem hinter ihr sie einholte. Wenn er sie fing, würde sie eines Todes sterben, der mehr war als der Tod, und auf ewig in der Finsternis heulen. Sie fing an zu rennen.

«… willst den Drachen doch nicht wecken…«

Sie konnte die Hitze in sich spüren, ein schreckliches Brennen in ihrem Schoß. Ihr Sohn war groß und stolz, besaß Drogos Kupferhaut und ihr weißgoldenes Haar, die veilchenblauen Augen waren wie Mandeln geformt. Und er lächelte sie an und hob die Hand der ihren entgegen, doch als er den Mund öffnete, schoß Feuer hervor. Sie sah, wie ihm das Herz durch seine Brust brannte, und einen Augenblick später war er verschwunden, versengt wie eine Motte im Kerzenlicht, zu Asche verbrannt. Sie weinte um ihr Kind, um das Versprechen eines süßen Mundes an ihrer Brust, doch ihre Tränen wurden zu Dampf, wenn sie ihre Haut berührten.