«… willst doch den Drachen wecken…«
Geister säumten den Korridor, bekleidet mit verblaßten Gewändern von Königen. In ihren Händen hielten sie Schwerter von fahlem Feuer. Sie hatten silbernes Haar und goldenes Haar und platinweißes Haar, und ihre Augen waren Opal und Amethyst, Turmalin und Jade.»Schneller«, riefen sie,»schneller, schneller. «Sie rannte, und ihre Füße schmolzen den Stein, wo immer sie ihn betrat.»Schneller!«riefen die Geister wie aus einem Mund, und sie schrie und warf sich nach vorn. Ein mächtiges Messer aus Schmerz schnitt an ihrem Rücken herab, und sie fühlte, wie ihre
Haut aufriß, roch den Gestank von brennendem Blut und sah den Schatten von Flügeln. Und Daenerys Targaryen flog.
«… den Drachen wecken…«
Vor ihr ragte die Tür auf, die rote Tür, so nah, so nah, daß der Korridor um sie herum verschwamm und die Kälte in ihrem Rücken sich zurückzog. Und dann war der Stein fort, und sie flog über das Dothrakische Meer, hoch und immer höher, unter sich das grüne Wogen, und alles, was lebte und atmete, floh erschrocken vor dem Schatten ihrer Flügel. Sie konnte die Heimat riechen, sie konnte sie sehen, dort, gleich hinter dieser Tür, grüne Felder und große, steinerne Häuser und Arme, die sie wärmten, dort. Sie warf die Tür auf.
«… Drachen…«
Und sah ihren Bruder Rhaegar auf einem Hengst sitzen, der so schwarz wie seine Rüstung war. Feuer glimmte rot durch den schmalen Augenschlitz in seinem Helm.»Der letzte Drache«, flüsterte Ser Jorahs Stimme schwach.»Der letzte, der letzte. «Dany hob sein poliertes, schwarzes Visier nach oben. Das Gesicht dahinter war ihr eigenes.
Danach folgte lange Zeit nur noch der Schmerz, das Feuer in ihr und das Flüstern der Sterne.
Mit dem Geschmack von Asche im Mund erwachte sie.»Nein«, stöhnte sie,»bitte nicht.«»Khaleesi?«Jhiqui stand über sie gebeugt wie ein verschrecktes Reh.
Das Zelt war von Schatten durchtränkt, still und eng. Flocken von Asche trieben vom Kohlenrost auf, und Dany folgte ihnen mit den Augen durch das Rauchloch in der Decke. Geflogen, dachte sie. Ich hatte Flügel. Ich bin geflogen. Doch es war nur ein Traum.»Hilf mir«, flüsterte sie und rang darum, sich aufzurichten.»Bring mir…«Ihre Stimme war rauh wie eine Wunde, und ihr fiel nicht ein, was sie wollte. Warum hatte sie solche Schmerzen? Es war, als wäre ihr Körper in Stücke gerissen und aus den Fetzen wieder zusammengesetzt worden.»Ich möchte… «
«Ja, Khaleesi. «Augenblicklich war Jhiqui fort, stürmte aus dem Zelt und rief etwas. Dany brauchte… etwas… jemanden… was? Es war wichtig, das wußte sie. Es war das einzige auf der Welt, das zählte. Sie drehte sich auf die Seite und brachte einen Ellenbogen unter sich, trat die Decke fort, die sich um ihre Beine gewickelt hatte. Es fiel ihr so schwer, sich zu bewegen. Die Welt um sie verschwamm. Ich muß unbedingt…
Sie fanden sie auf dem Teppich, als sie zu ihren Dracheneiern kroch. Ser Jorah Mormont nahm sie in die Arme und trug sie auf ihre seidenen Laken zurück, während sie sich kraftlos dagegen wehrte. Über seine Schulter hinweg sah sie ihre drei Dienerinnen, und Jhogo mit seinem kleinen Büschel von einem Bart und das breite Gesicht von Mirri Maz Duur.»Ich muß«, versuchte sie, ihm zu sagen,»ich muß unbedingt… «
«… schlafen, Prinzessin«, sagte Ser Jorah.
«Nein«, widersprach Dany.»Bitte. Bitte.«
«Ja. «Er deckte sie mit Seide zu, obwohl sie glühte.»Schlaft und werdet groß und stark, Khaleesi. Kommt zu uns zurück. «Und dann war Mirri Maz Duur da, die maegi, und sie hielt ihr einen Becher an die Lippen. Sie schmeckte saure Milch und etwas anderes, etwas Dickes, Bitteres. Warme Flüssigkeit lief an ihrem Kinn herab. Irgendwie schluckte sie. Das Zelt wurde unscharf, und wieder umfing sie der Schlaf. Diesmal träumte sie nicht. Heiter und friedlich trieb sie auf einem schwarzen Meer, das keine Küste kannte.
Nach einer Weile — einer Nacht, einem Tag, sie konnte es nicht sagen — wachte sie abermals auf. Das Zelt war dunkel, die Seidenwände flatterten wie Flügel, wenn draußen Wind aufkam. Diesmal versuchte Dany aufzustehen.»Irri«, rief sie,»Jhiqui. Doreah. «Sogleich waren sie da.»Meine Kehle ist trocken«, rief sie,»so trocken«, und sie brachten ihr Wasser. Es war warm und schal, trotzdem trank Dany es gierig und schickte Jhiqui, mehr davon zu holen. Irri tränkte ein weiches Tuch und tupfte ihre Stirn.
«Ich war krank«, stellte Dany fest. Das dothrakische Mädchen nickte.»Wie lange?«Das Tuch war lindernd, doch wirkte Irri so traurig, daß es sie ängstigte.
«Lange«, flüsterte sie. Als Jhiqui mit mehr Wasser kam, trat Mirri Maz Duur zu ihr, die Lider schwer vorn Schlaf.»Trinkt«, sagte sie und hob Danys Kopf wieder zum Becher, nur diesmal war es Wein. Süßer, süßer Wein. Dany schluckte, lehnte sich zurück und lauschte dem sanften Klang ihres eigenen Atems. Sie spürte die Schwere in ihren Gliedern, als der Schlaf herankroch, um sie erneut zu umfangen.»Bringt mir…«, flüsterte sie benommen.»Bringt… ich möchte es halten…«»Ja?«fragte die maegi.»Was wünscht Ihr, Khaleesi?«»Bringt mir… Ei… Drachenei… bitte…«Ihre Lider wurden zu Blei, und sie war zu erschöpft, sie offenzuhalten.
Als sie zum dritten Mal erwachte, fiel ein Stab von goldenem Sonnenlicht durchs Rauchloch im Zelt, und ihre Arme waren um ein Drachenei geschlungen. Es war das helle, die Schuppen wie Buttercreme gefärbt, von goldenen und bronzenen Adern durchzogen, und Dany konnte seine Hitze spüren. Unter dem Seidenlaken war die nackte Haut von einem feinen Schweißfilm überzogen. Drachentau, dachte sie. Ihre Finger fuhren sanft über die Oberfläche der Schale, folgten den goldenen Adern, und sie spürte, wie sich tief im Stein etwas wie zur Antwort wand und streckte. Sie fürchtete sich nicht. Alle Furcht war vergangen, verbrannt.
Dany berührte ihre Stirn. Unter dem Schweißfilm war ihre Haut ganz kalt, das Fieber abgeklungen. Sie setzte sich auf. Einen Moment lang war sie benommen, spürte einen tiefen Schmerz zwischen ihren Schenkeln. Und dennoch fühlte sie sich stark. Ihre Mädchen kamen gelaufen, sobald sie ihre Stimme hörten.»Wasser«, erklärte sie ihnen,»eine Flasche Wasser, so kalt wie möglich. Und Früchte, glaube ich. Datteln.«
«Ganz nach Eurem Wunsch, Khaleesi.«
«Holt mir Ser Jorah«, sagte sie und stand auf. Jhiqui brachte einen Mantel aus roher Seide und legte ihn um ihre Schultern.»Und ein warmes Bad, und Mirri Maz Duur, und…«Da fiel ihr alles mit einem Mal wieder ein, und sie taumelte.»Khal Drogo«, brachte sie hervor und blickte voller Furcht in ihre Gesichter.»Ist er…?«
«Der khal lebt«, antwortete Irri leise… doch sah Dany die Finsternis in ihren Augen, als sie die Worte sagte, und kaum hatte sie diese ausgesprochen, eilte sie schon davon, um Wasser zu holen.
Sie wandte sie Doreah zu.»Sag es mir.«»Ich… ich hole Euch Ser Jorah«, erwiderte das Mädchen aus Lys, verneigte sich und lief aus dem Zelt.
Auch Jhiqui wäre fortgerannt, nur hielt Dany sie beim Handgelenk, daß sie ihr nicht entkommen konnte.»Was ist los? Ich muß es wissen. Drogo… und mein Kind. «Warum hatte sie noch gar nicht an ihr Kind gedacht?» Mein Sohn… Rhaego… wo ist er? Bring ihn mir.«
Ihre Dienerin blickte zu Boden.»Der Junge… er hat nicht überlebt, Khaleesi. «Ihre Stimme war ein ängstliches Flüstern.
Dany ließ ihr Handgelenk los. Mein Sohn ist tot, dachte sie. Jhiqui verließ das Zelt. Irgendwie hatte sie es gewußt. Sie hatte es schon gewußt, als sie das erste Mal aufwachte und Jhiqui weinen sah. Nein, sie hatte es gewußt, bevor sie erwacht war. Der Traum fiel ihr wieder ein, plötzlich und lebhaft, und sie erinnerte sich an den großen Mann mit Kupferhaut und langem, silbergoldenem Zopf, der dort in Flammen stand.