Sie hätte weinen sollen, das wußte sie, doch waren ihre
Augen trocken wie Asche. Im Traum hatte sie geweint, und die Tränen waren auf den Wangen zu Dampf geworden. Alle Trauer in mir ist ausgebrannt, sagte sie sich. Zwar war sie traurig, ja, und doch… sie spürte, wie Rhaego von ihr wich, als hätte es ihn nie gegeben.
Einen Moment später traten Ser Jorah und Mirri Maz Duur ein und fanden Dany über die Dracheneier gebeugt, zwei davon noch in ihrem Kasten. Sie schienen sich ebenso heiß anzufühlen wie das eine, mit dem sie geschlafen hatte, was höchst seltsam war.
«Ser Jorah, kommt her«, sagte sie. Sie nahm seine Hand und legte sie auf das schwarze Ei mit der roten Maserung.»Was fühlt ihr?«
«Schale, hart wie Stein. «Der Ritter war vorsichtig.
«Hitze?«
«Nein. Kalter Stein. «Er zog die Hand zurück.»Prinzessin, geht es Euch gut? Solltet Ihr auf den Beinen sein, schwach, wie Ihr seid?«
«Schwach? Ich bin stark, Jorah. «Ihm zuliebe zog sie sich auf ein paar Kissen zurück.»Sagt mir, wie mein Kind gestorben ist.«
«Es hat gar nicht gelebt, meine Prinzessin. Die Frauen sagen…«Er zögerte, und Dany sah, daß die Haut lose an ihm hing und er hinkte, wenn er sich bewegte.
«Sagt es mir. Sagt mir, was die Frauen gesagt haben.«
Er wandte sich ab. Seine Augen waren voller Qual.»Sie sagen, das Kind war…«
Sie wartete, doch Ser Jorah brachte es nicht heraus. Seine Miene verfinsterte sich vor Scham. Er sah selbst halbwegs aus wie eine Leiche.
«Mißgestaltet«, beendete Mirri Maz Duur für ihn den Satz. Der Ritter war ein kräftiger Mann, in diesem Augenblick jedoch erkannte Dany, daß die maegi stärker war und grausamer und unendlich viel gefährlicher.»Verdreht. Ich habe ihn selbst herausgeholt. Er war geschuppt wie eine Echse, blind, mit einem Stummelschwanz und kleinen, ledernen Flügeln wie von einer Fledermaus. Als ich ihn berührte, fiel das Fleisch von seinen Knochen, und innerlich war er voller Grabeswürmer und dem Gestank von Verwesung. Er war seit Jahren schon tot.«
Finsternis, dachte Dany. Schreckliche Finsternis tat sich hinter ihr auf, um sie zu verschlingen. Wenn sie zurückblickte, wäre sie verloren.»Mein Sohn hat gelebt und war kräftig, als Ser Jorah mich ins Zelt getragen hat«, sagte sie.»Ich konnte fühlen, wie er getreten hat, daß er geboren werden wollte.«
«Mag es sein, wie es will«, antwortete Mirri Maz Duur,»doch die Kreatur, die aus Eurem Schoß kam, war so, wie ich sagte. Der Tod war in diesem Zelt, Khaleesi.«
«Nur Schatten«, sagte Ser Jorah heiser, und Dany konnte den
Zweifel in seiner Stimme hören.»Ich habe es gesehen, maegi. Ich habe Euch gesehen, allein, und Ihr habt mit den Schatten getanzt.«
«Das Grab wirft lange Schatten, Eisenlord«, sagte Mirri.»Lang und finster, und am Ende kann kein Licht sie aufhalten.«
Ser Jorah hatte ihren Sohn getötet, Dany wußte es. Was er getan hatte, war aus Liebe und Treue geschehen, dennoch hatte er sie an einen Ort gebracht, an dem kein Lebender sich aufhalten sollte, und dann ihr Kind an die Finsternis verfüttert. Er wußte es selbst, das graue Gesicht, die ausgehöhlten Augen, das Hinken.
«Auch Euch haben die Schatten berührt, Ser Jorah«, sagte sie. Der Ritter gab keine Antwort. Dany wandte sich dem Götterweib zu.»Du hast mich gewarnt, daß nur der Tod für das Leben bezahlen könnte. Ich dachte, du meintest das Pferd.«
«Nein«, sagte Mirri Maz Duur.»Damit habt Ihr Euch selbst
belogen. Ihr kanntet den Preis.«
War es so? War es so gewesen? Wenn ich mich umsehe, bin ich verloren.»Ich habe den Preis gezahlt«, sagte Dany.»Das Pferd, mein Kind, Quaro und Qotho, Haggo und Cohollo. Ich habe den Preis gezahlt und gezahlt und gezahlt. «Sie erhob sich von ihren Kissen.»Wo ist Khal Drogo? Zeig ihn mir, Götterweib, maegi, Blutzauberin, was immer du bist. Zeig mir Khal Drogo. Zeig mir, was ich mir mit dem Leben meines Sohnes erkauft habe.«
«Wie Ihr befehlt, Khaleesi«, sagte die alte Frau.»Kommt, ich werde Euch zu ihm bringen.«
Dany war schwächer, als sie gedacht hatte. Ser Jorah legte einen Arm um sie und stützte sie.»Dafür ist später noch Zeit genug, meine Prinzessin«, sagte er leise.
«Ich möchte ihn jetzt sehen, Ser Jorah. «Nach dem trüben Licht im Zelt war die Welt draußen blendend hell. Die Sonne brannte wie geschmolzenes Gold, und das Land war leer und versengt. Ihre Dienerinnen warteten mit Obst und Wein und Wasser, und Jhogo kam heran, um Ser Jorah dabei zu helfen, sie zu stützen. Aggo und Rakharo traten zurück. Das grelle Licht der Sonne auf dem Sand machte es ihr schwer, mehr zu erkennen, bis Dany eine Hand hob, um ihre Augen zu beschatten. Sie sah die Asche eines Feuers, ein paar Pferde, die herumirrten auf der Suche nach einem Büschel Gras, einige verstreute Zelte und Schlafstellen. Ein paar Kinder hatten sich versammelt, um sie zu betrachten, und hinter ihnen sah sie Frauen, die ihrer Arbeit nachgingen, und faltige, alte Männer, die mit müden Augen in den leeren, blauen Himmel starrten und matt nach Blutfliegen schlugen. Sie zählten nicht mehr als hundert Leute, nicht mehr. Wo die anderen vierzigtausend ihr Lager gehabt hatten, lebten jetzt nur noch Wind und Staub.»Drogos khalasar ist fort«, sagte sie.
«Ein khal, der nicht reiten kann, ist kein khal«, erwiderte
Jhogo.»Die Dothraki folgen nur den Starken«, sagte Ser Jorah.»Es tut mir leid, meine Prinzessin. Sie waren nicht zu halten. Ko Pono ging zuerst, nannte sich Khal Pono, und viele folgten ihm. Es dauerte nicht lange, bis Jhaqo es ihm nachmachte. Der Rest schlich sich Nacht für Nacht davon, in großen Gruppen und in kleinen. Es gibt ein Dutzend neue khalasars auf dem Dothrakischen Meer, wo einst nur Drogos war.«
«Die Alten sind geblieben«, sagte Aggo.»Die Ängstlichen, die Schwachen und die Kranken. Und wir, die wir es geschworen haben. Wir bleiben.«
«Sie haben Khal Drogos Herden mitgenommen«, sagte Rakharo.»Wir waren zu wenige, als daß wir sie daran hätten hindern können. Es ist das Recht des Starken, von den Schwachen zu nehmen. Sie haben auch viele Sklaven mitgenommen, vom khal und auch von Euren, nur wenige haben sie zurückgelassen.«
«Eroeh?«fragte Dany, als sie an das verängstigte Kind dachte, das sie draußen vor der Stadt der Lämmermenschen gerettet hatte.
«Mago hat sie sich geholt, der jetzt Khal Jhaqos Blutreiter ist«, berichtete Jhogo.»Er hat sie von allen Seiten bestiegen und dann seinem khal geschenkt, und Jhaqo hat sie an seine anderen Blutreiter weitergereicht. Sie waren zu sechst. Als sie mit ihr fertig waren, haben sie ihr die Kehle durchgeschnitten.«
«Es war ihr Schicksal, Khaleesi«, sagte Aggo.
Wenn ich mich umsehe, bin ich verloren.»Es war ein grausames Schicksal«, sagte Dany,»und doch nicht so grausam, wie Magos werden wird. Das verspreche ich Euch, bei den alten Göttern und den neuen, beim Lämmergott und Pferdegott und allen Göttern, die es gibt. Ich schwöre es bei der Mutter aller Berge und beim Schoß der Welt. Wenn ich mit ihnen fertig bin, werden Mago und Ko Jhaqo um die Gnade winseln, die sie Eroeh haben angedeihen lassen.«
Die Dothraki tauschten unsichere Blicke.»Khaleesi«, erklärte die Dienerin Irri, als spräche sie mit einem Kind,»Jhaqo ist jetzt khal, mit zwanzigtausend Mann in seinem Rücken.«
Sie hob den Kopf.»Und ich bin Daenerys Stormborn, Daenerys aus dem Hause Targaryen, vom Blute Aegons, des Eroberers, und Maegors, des Grausamen, und des alten Valyria vor ihnen. Ich bin die Tochter des Drachen, und ich schwöre Euch: Diese Männer werden sterben. Jetzt bringt mich zu Khal Drogo.«
Er lag auf der nackten, roten Erde und starrte zur Sonne hoch.
Ein Dutzend Blutfliegen hatten sich auf ihm niedergelassen, er schien sie nicht zu spüren. Dany verscheuchte sie und kniete neben ihm. Seine Augen standen weit offen, doch sahen sie nichts, und sie wußte, daß er blind war. Als sie seinen Namen flüsterte, hörte er sie nicht. Die Wunde an seiner Brust war so gut verheilt, wie sie jemals verheilen würde, die Narbe grau und rot und abscheulich.