Wenn Jon nicht kam, um das Frühstück des Alten Bären aus der Küche zu holen, würden sie in seiner Zelle nachsehen und Longclaw auf dem Bett vorfinden. Es fiel ihm schwer, es dort zurückzulassen, indes mangelte es ihm nicht derart an Ehrgefühl, daß er es mitnehmen wollte. Nicht einmal Jorah Mormont hatte — das getan, als er in Schande geflohen war. Ohne jeden Zweifel würde Lord Mormont jemanden finden, der dieser Klinge eher wert war. Jon fühlte sich schlecht, wenn er an den alten Mann dachte. Er wußte, daß seine Fahnenflucht Salz auf die offenen Wunden des Bären wären. Es schien ihm ein kläglicher Lohn für das Vertrauen, nur konnte er es nicht ändern. Was er auch tat, stets fühlte sich Jon, als verriete er jemanden.
Selbst jetzt wußte er nicht, ob er das Ehrenhafte tat. Die Südländer hatten es leichter. Sie konnten mit ihrem Septon sprechen, der ihnen den Götterwillen erklärte und half, zu erkunden, was falsch war und was richtig. Die Starks huldigten den alten Göttern, den Namenlosen, und wenn die Herzbäume auch lauschten, so sprachen sie doch nicht.
Als die letzten Lichter von Castle Black hinter ihm vergingen, bremste Jon seine Stute. Er hatte eine lange Reise vor sich und nur das eine Pferd. Es gab Festungen und Bauerndörfer entlang der Straße in den Süden, wo er die Stute gegen ein frisches Pferd eintauschen konnte, wenn er eines brauchte, nur nicht, wenn sie zuschanden geritten war.
Bald schon würde er sich neue Kleider suchen müssen, höchstwahrscheinlich mußte er sie stehlen. Er war vom Scheitel bis zur Sohle schwarz gekleidet: hohe, lederne Reitstiefel, grobgewebte Hosen und Rock, ärmelloses Lederwams und ein schwerer Wollumhang. Langschwert und Dolch waren in schwarzes Moleskin gehüllt und Ringkragen und Haube in seiner Satteltasche aus schwarzen Ketten. Jedes dieser Teile konnte seinen Tod bedeuten, wenn er gefangen wurde. Einen schwarzgekleideten Fremden betrachtete man in jedem Dorf und jeder Festung nördlich des Neck mit kaltem Argwohn, und bald schon würden die Männer nach ihm suchen. Waren Maester Aemons Raben erst ausgeflogen, wußte Jon, daß er nirgendwo mehr sicher wäre. Nicht einmal auf Winterfell. Bran mochte ihn einlassen wollen, doch Maester Luwin war dafür zu klug. Er würde die Tore verriegeln und Jon fortschicken, wie es sein sollte. Besser wäre es, wenn er gar nicht erst dorthin ginge.
Er sah die Burg deutlich vor seinem inneren Auge, als hätte er sie erst gestern hinter sich gelassen, die hohen, granitenen Mauern, die Große Halle mit ihrem Geruch nach Rauch und Hund und Braten, das Solar seines Vaters, die Turmkammer, in der er geschlafen hatte. Etwas in ihm wollte nichts so sehr, wie Bran noch einmal lachen hören, einen von Gages Schinkenaufläufen verspeisen oder Old Nan bei ihren Geschichten von den Kindern des Waldes und dem Narren Florian lauschen.
Deshalb jedoch hatte er die Mauer nicht hinter sich gelassen. Er war fortgeritten, weil er schließlich seines Vaters Sohn und Robbs Bruder war. Ein geschenktes Schwert, selbst ein so wertvolles wie Longclaw machte ihn nicht zu einem Mormont. Ebensowenig war er Aemon Targaryen. Dreimal hatte der alte Mann die Wahl gehabt, und dreimal hatte er die Ehre gewählt, aber er war ein anderer Mensch. Auch jetzt noch konnte Jon sich nicht entscheiden, ob der Maester geblieben war, weil er schwach und feige oder stark und treu war. Wohl verstand er, was der alte Mann gemeint hatte, die Qual der Wahl. Das alles verstand er nur allzu gut.
Tyrion Lannister hatte behauptet, daß die meisten Menschen eine schwere Wahrheit eher leugnen würden, als sich ihr zu stellen. Jon wollte nichts mehr leugnen. Er war, wer er war, Jon Snow, Bastard und Eidbrecher, mutterlos, ohne Freunde, ja, und verdammt. Denn für den Rest seines Lebens — wie lange es auch dauern mochte — wäre er dazu verdammt, ein Ausgestoßener zu sein, der schweigende Mann im Schatten, der nicht wagt, seinen wahren Namen zu nennen. Wohin er in den Sieben Königslanden auch gehen mochte, würde er mit der Lüge leben müssen, so daß nicht jedermann seine Hand gegen ihn erhob. Doch war es ihm egal, solange er seinen Platz an der Seite seines Bruders einnehmen und helfen konnte, seinen Vater zu rächen.
Er erinnerte sich an den Moment, als er Robb zuletzt gesehen hatte, wie er auf dem Hof stand, mit Schnee in seinem kastanienbraunen Haar. Jon würde im geheimen zu ihm gehen müssen, verkleidet. Er versuchte, sich Robbs Miene vorzustellen, wenn er sich ihm offenbarte. Sein Bruder würde den Kopf schütteln und lächeln, und er würde sagen… er würde sagen…
Er konnte das Lächeln nicht sehen. Sosehr er sich bemühte, er konnte es nicht sehen. Er merkte, wie er an den Deserteur dachte, den sein Vater an jenem Tag enthauptet hatte, als sie die Schattenwölfe fanden.»Du hast den Eid gesprochen«, hatte Lord Eddard zu ihm gesagt.»Du hast einen Schwur geleistet, vor deinen Brüdern, vor den alten und den neuen Göttern. «Desmond und Fat Tom hatten den Mann zum Baumstumpf gezerrt. Brans Augen waren groß wie Untertassen geworden, und Jon hatte ihn ermahnt, die Zügel seines Ponys festzuhalten. Er erinnerte sich an den Blick auf Vaters Gesicht, als Theon Greyjoy Ice herantrug, den Blutregen im Schnee, wie Theon nach dem Kopf getreten hatte, als der vor seinen Füßen liegenblieb.
Er fragte sich, was Lord Eddard getan hätte, wenn der Fahnenflüchtige statt dieses zerlumpten Fremden sein Bruder Ben gewesen wäre. Hätte es einen Unterschied gemacht? Das mußte er doch, sicher, sicher… und Robb würde ihn willkommen heißen, ganz gewiß. Das mußte er, sonst…
Es wäre nicht auszudenken. Schmerz pulsierte tief in seinen Fingern, als er die Zügel hielt. Jon drückte seine Fersen in das Pferd und ließ es galoppieren, stürmte die Kingsroad hinab, als wollte er seinen Zweifeln entkommen. Jon fürchtete sich nicht vor dem Tod, doch auf diese Weise wollte er nicht sterben, gefesselt und verschnürt und enthauptet wie ein gemeiner Soldat. Wenn er sterben mußte, dann mit einem Schwert in der Hand im Kampf gegen die Mörder seines Vaters. Er war kein echter Stark, war nie einer gewesen… trotzdem konnte er wie einer sterben. Sie sollten sagen, daß Eddard Stark vier Söhne
hatte, nicht drei.
Ghost hielt fast eine halbe Meile mit ihnen Schritt, die rote Zunge hing ihm aus dem Maul. Der Wolf wurde langsamer, beobachtete sie, die Augen glühend rot im Mondlicht. Er blieb zurück, doch wußte Jon, daß er ihm folgen würde, in seiner eigenen Geschwindigkeit.
Vor ihm flackerten verstreute Lichter durch die Bäume, zu beiden Seiten der Straße: Mole's Town. Ein Hund bellte, als er hindurchritt, und er hörte den heiseren Schrei eines Esels aus dem Stall, ansonsten blieb das Dorf ganz still. Hier und dort leuchteten Kaminfeuer hinter verriegelten Fenstern, drangen durch hölzerne Schlitze, doch nur wenige.
Mole's Town war größer, als es den Anschein hatte, denn drei Viertel davon lagen unter der Erde, in tiefen, warmen Kellern, die durch ein Labyrinth von Tunneln miteinander verbunden waren. Selbst das Hurenhaus befand sich dort unten, nichts weiter an der Oberfläche als eine Holzhütte, kaum größer als ein Abort, mit einer roten Laterne über der Tür. Auf der Mauer hatte er gehört, wie Männer die Huren» vergrabene Schätze «nannten. Er fragte sich, ob von seinen Brüdern heute abend welche dort unten waren und gruben. Auch das war Eidbruch, daran schien sich allerdings niemand zu stören.
Erst als er weit hinter dem Dorf war, wurde Jon wieder langsamer. Inzwischen war er, wie auch sein Pferd, schweißnaß. Zitternd stieg er ab, und seine verbrannte Hand schmerzte. Unter den Bäumen schmolz der Schnee, erstrahlte hell im Mondlicht, Wasser tropfte und bildete kleine, flache Teiche. Jon hockte sich hin und machte seine Hände hohl, fing die Tropfen auf. Der geschmolzene Schnee war eisig kalt. Er trank und warf sich von dem Wasser ins Gesicht, bis seine Wangen brannten. In seinen Fingern pochte der Schmerz schlimmer als seit Tagen, und auch in seinem Kopf hämmerte es. Ich tue das Richtige, sagte er sich, warum also fühle ich mich so elend?