Aus diesem Grund habe ich all denen einen Riegel vorgeschoben, die uns bloß deswegen in einen Krieg mit unseren Brüdern und Schwestern stürzen wollen, weil eines Tages die Grenzen fallen werden. Eure Verantwortung als Räte des Westlandes ist es, diese Kunde im ganzen Land zu verbreiten! Bringt allen guten Menschen unsere Botschaft vom Frieden. Sie werden die Wahrheit in euren Herzen entdecken. Bitte, unterstützt mich. Ich will, daß das, wofür wir hier den Grundstein legen, unseren Kindern und Enkeln zugute kommt. Ich will, daß wir selbst den Weg in den Frieden und in die Zukunft beschreiten, damit zukünftige Generationen ihren Nutzen daraus ziehen können.«
Michael stand mit gebeugtem Kopf da und preßte sich die geballten Fäuste auf die Brust. Das Sonnenlicht ließ ihn erglühen. Die Zuhörer schwiegen ergriffen. Richard entdeckte Männer mit Tränen in den Augen und Frauen, die offen weinten. Alle Augen waren auf Michael gerichtet, der so regungslos dastand, als sei er aus Stein.
Richard war verblüfft. Noch nie hatte er seinen Bruder so gewandt und mit solcher Überzeugung reden hören. Alles schien so sinnvoll. Denn schließlich stand er hier mit einer Frau von jenseits der Grenze, aus den Midlands, und schon heute war sie seine Freundin.
Andererseits hatten vier Männer versucht, sie beide umzubringen. Nein, ganz so war es nicht. Eigentlich wollten sie nur die Frau, und er hatte im Weg gestanden. Sie hatten angeboten, ihn ziehen zu lassen. Es war sein Entschluß gewesen, zu bleiben und zu kämpfen. Er hatte immer Angst vor den anderen jenseits der Grenze gehabt, und jetzt hatte er sich mit einer von ihnen angefreundet, genau wie Michael gesagt hatte.
Er begann, seinen Bruder in einem neuen Licht zu sehen. Michaels Worte hatten die Menschen bewegt. Auf eine Art, wie Richard es noch nicht gesehen hatte. Michael trat für Frieden und Freundschaft mit anderen Völkern ein. Was sollte daran verkehrt sein?
Warum war ihm so unbehaglich dabei zumute?
»Und nun zu dem anderen Problem«, fuhr Michael fort, »dem wahren Leiden, das uns umgibt. Während wir uns um die Grenzen gesorgt haben, die keinem von uns je ein Leid zugefügt haben, mußten viele aus unseren Familien, von unseren Freunden und Nachbarn, leiden und sterben. Tragische und sinnlose Tote, die im Feuer ums Leben gekommen sind. Ja, genau das habe ich gesagt. Im Feuer.«
Einige murmelten verwirrt. Michael verlor seine Bindung zur Menge. Er schien es erwartet zu haben. Er blickte von Gesicht zu Gesicht, sah, wie die Verwirrung wuchs. Dann streckte er dramatisch seine Hand aus und zeigte mit dem Finger auf jemanden.
Auf Richard.
»Seht!« schrie er. Alles drehte sich um wie ein Mann. Hunderte von Augen sahen auf Richard. »Dort steht mein geliebter Bruder!«
Richard wäre am liebsten im Boden versunken. »Mein geliebter Bruder, der«, und dabei schlug er sich mit der Faust auf die Brust, »mit mir die Trauer um unsere Mutter teilt, die wir an das Feuer verloren haben! Das Feuer nahm uns unsere Mutter, als wir noch jung waren, und wir mußten alleine, ohne ihre Liebe und Fürsorge, aufwachsen, ohne ihre Hilfe. Nicht etwa irgendein eingebildeter Feind von jenseits der Grenze war es, der sie raubte, sondern ein anderer Feind: das Feuer! Sie war nicht da, um uns in unserem Schmerz zu trösten, wenn wir nachts weinten. Und am meisten schmerzt es mich, weil es nicht hätte sein müssen.«
Tränen, die im Licht der Sonne glitzerten, liefen Michael über die Wangen. »Tut mir leid, Freunde, bitte vergebt mir.« Er wischte sich die Tränen mit einem Taschentuch fort, das er in der Hand hatte. »Nur: erst heute morgen habe ich wieder von einem Feuer gehört, das prächtige junge Eltern geraubt und eine Tochter zum Waisenkind gemacht hat. Da spürte ich auf einmal meinen eigenen Schmerz wieder, und ich konnte nicht schweigen.« Jetzt hatte er die Menge abermals fest im Griff. Man ließ den Tränen freien Lauf. Eine Frau legte den Arm um Richard, der wie betäubt dastand. Flüsternd gestand sie ihm, wie leid es ihr täte.
»Ich frage mich, wie viele von euch den Schmerz teilen, mit dem mein Bruder und ich jeden Tag leben. Bitte, wer von euch einen seiner Lieben oder einen Freund hat, der vom Feuer verletzt oder gar getötet wurde, der hebe die Hand.« Eine ganze Menge Hände gingen in die Höhe, und manche in der Menge begannen zu klagen.
»Seht ihr, meine Freunde«, sagte er mit brechender Stimme, die Arme ausbreitend, »das Leid ist mitten unter uns. Wir brauchen nicht weiter zu suchen, es ist hier in diesem Raum.«
Richard schluckte, als die Erinnerung an das Entsetzen in ihm aufstieg. Ein Mann, der ihren Vater für einen Betrüger gehalten hatte, war in Wut geraten und hatte eine Lampe vom Tisch gestoßen: Richard und sein Bruder hatten im Hinterzimmer geschlafen. Während der Mann auf den Vater eindrosch und ihn nach draußen zerrte, schleppte seine Mutter Richard und seinen Bruder aus dem brennenden Haus und lief dann wieder nach drinnen, um noch etwas herauszuholen. Was, hatten sie nie erfahren. Dabei war sie bei lebendigem Leibe verbrannt. Ihre Schreie brachten den Mann wieder zur Vernunft, und er und ihr Vater versuchten vergeblich, sie zu retten. Voller Schuldgefühle und Abscheu vor dem, was er getan hatte, lief der Mann weinend davon, immer wieder beteuernd, wie leid es ihm täte.
Solche Dinge, das hatte ihr Vater ihnen tausendmal erzählt, passierten, wenn ein Mann außer sich vor Wut geriet. Michael hatte es auf die leichte Schulter, Richard hatte es sich zu Herzen genommen. Es hatte ihm die Angst vor seinem eigenen Zorn eingeimpft, und wann immer der auszubrechen drohte, würgte er ihn hinunter.
Michael irrte. Nicht Feuer hatte ihre Mutter getötet, sondern Zorn.
Michael senkte den Kopf, ließ die Arme schlaff an den Seiten hinunterhängen. Seine Stimme wurde sanfter. »Was können wir gegen die Gefahr unternehmen, die unseren Familien durch das Feuer droht?« Traurig schüttelte er den Kopf. »Ich weiß es nicht, meine Freunde. Ich bilde gerade eine Kommission zu diesem Problem, und ich bitte jeden betroffenen Bürger eindringlich, seine Vorschläge zu unterbreiten. Meine Tür steht euch immer offen. Zusammen sind wir stark. Zusammen können wir etwas erreichen.
Und nun, meine Freunde, erlaubt mir bitte, meinen Bruder zu trösten. Ich fürchte, die Erwähnung dieser Tragödie kam überraschend für ihn, und ich möchte ihn um Vergebung bitten.«
Er sprang von dem Podest. Die Menge teilte sich, ließ ihn durch. Einige streckten die Hände aus, um ihn im Vorübergehen zu berühren. Er ignorierte sie.
Richard verfolgte starren Blicks, wie sein Bruder auf ihn zukam. Die Menge rückte von ihm ab. Nur Kahlan blieb an seiner Seite und berührte ihn am Arm. Die Leute machten sich wieder über das Essen her und unterhielten sich aufgeregt. Er war vergessen. Richard richtete sich auf und würgte seinen Zorn hinunter.
Michael schlug ihm lächelnd auf die Schulter. »Großartige Rede!« gratulierte er sich selbst. »Was meinst du?«
Richard senkte den Blick und betrachtete das Muster des Marmorbodens. »Warum hast du von Mutters Tod angefangen? Warum hast du das vor allen Leuten erzählen müssen? Wieso hast du sie so mißbraucht?«
Michael legte Richard den Arm um die Schulter. »Ich weiß, es schmerzt, und es tut mir leid, aber es war für einen guten Zweck. Hast du die Tränen in ihren Augen gesehen? Was ich hier beginne, wird uns allen eine bessere Zukunft bringen. Ich glaube an das, was ich gesagt habe. Wir müssen den Herausforderungen der Zukunft mit Begeisterung entgegensehen, nicht mit Angst.«
»Und was hast du mit den Grenzen gemeint?«
»Die Dinge verändern sich, Richard. Ich muß ihnen immer ein Stück voraus sein.« Das Lächeln war verschwunden. »Mehr wollte ich damit nicht sagen. Die Grenzen werden nicht ewig bestehen. Dazu waren sie nie angelegt. Wir alle werden darauf gefaßt sein müssen.«