Sie verstand ihn.
Richard überlegte nicht etwa, ob er sie töten sollte, sondern ob er es riskieren konnte, sie am Leben zu lassen.
Die Ältesten hielten ihre Versammlung ab. Konnte er diesen Männern seine Chance anvertrauen, Darken Rahl aufzuhalten? Sein Leben? Oder sollte er einen neuen Ältestenrat einberufen lassen, einen, dem mehr an seinem Erfolg lag? Wenn er diesen Männern nicht trauen konnte, sich nicht darauf verlassen konnte, daß sie ihm den richtigen Weg im Kampf gegen Rahl wiesen, mußte er sie töten und durch andere ersetzen, die auf seiner Seite standen. Nur der Erfolg zählte, Darken Rahl aufzuhalten. Das Leben dieser Männer mußte geopfert werden, bestand auch nur die geringste Möglichkeit, daß sie den Erfolg gefährden konnten. Kahlan wußte, Richard würde das Richtige tun. Sie würde nicht anders handeln, und der Sucher durfte nicht anders handeln.
Sie sah, wie er über den Ältesten stand. Der Regen hatte aufgehört. Schweiß rann über sein Gesicht. Sie mußte an die Qualen denken, die er durchlitten hatte, nachdem er den letzten Mann des Quadrons getötet hatte. Sie hoffte, sie wäre stark genug zu verhindern, was er gerade imstande war zu tun.
Kahlan verstand jetzt, warum ein Sucher so gefürchtet war. Dies war kein Spiel. Ihm war es ernst. Er verlor sich in sich selbst, in der Magie. Wollte irgend jemand versuchen, ihn jetzt zu bremsen, er würde ihn ebenfalls umbringen. Vorausgesetzt, derjenige kam an ihr vorbei.
Richard hob die Klinge vor sein Gesicht. Er warf den Kopf nach hinten. Er schloß die Augen. Er bebte vor Zorn. Die fünf rührten sich nicht, knieten noch immer vor dem Sucher.
Kahlan mußte an den Mann denken, den Richard umgebracht hatte. Wie das Schwert durch seinen Kopf gekracht war. Das Blut überall. Richard hatte ihn getötet, weil er ihn unmittelbar bedroht hatte. Töten oder getötet werden. Auch wenn die Drohung ihr galt, und nicht ihm. Dies jedoch war eine indirekte Bedrohung. Eine andere Art des Tötens. Dies war eine Hinrichtung. Und Richard war gleichzeitig Richter und Henker.
Das Schwert senkte sich wieder. Richard funkelte die Ältesten wütend an, dann ballte er eine Faust und zog die Klinge in langsamem Bogen über die Innenseite seines linken Unterarms. Er drehte die Klinge, wälzte beide Seiten in seinem Blut, bis es herunterlief und von der Spitze tropfte.
Kahlan warf einen raschen Blick in die Runde. Alles stand wie gebannt da, ergriffen von dem tödlichen Drama, das sich vor ihren Augen abspielte. Niemand wollte hinsehen, doch den Blick abwenden war ebenso möglich. Keiner sagte etwas. Niemand rührte sich. Keiner zuckte auch nur mit der Wimper.
Alle Augen folgten Richard, als er das Schwert erneut hob und seine Stirn berührte.
»Klinge, tue recht an diesem Tag«, flüsterte er.
Seine linke Hand glänzte vor Blut. Sie sah, daß er vor Gier erzitterte. Inmitten des Rot blitzte die Klinge auf. Er blickte auf die Männer hinunter.
»Sieh mich an«, sagte er zu Caldus. Der Älteste rührte sich nicht. »Sieh mich an, während ich dies tue!« brüllte er. »Sieh mir in die Augen!« Caldus rührte sich noch immer nicht.
»Richard«, sagte sie. Er sah sie wütend an. Mit Augen wie aus einer anderen Welt. Die Magie tanzte in ihnen. »Er versteht dich nicht.«
»Dann sag du es ihm!«
»Caldus.« Sie sah in sein leeres Gesicht. »Der Sucher möchte, daß du ihm in die Augen siehst, wenn er dies tut.«
Er antwortete nicht, sondern sah Richard einfach an, hielt dessen wütendem Blick stand.
Richard sog scharf die Luft ein, und riß das Schwert in die Luft.
Sie beobachtete die Spitze, die nur einen winzigen Augenblick zögerte. Einige Leute drehten sich um. Manche drehten ihre Kinder weg. Kahlan hielt den Atem an, drehte den Kopf zur Seite und machte sich auf die blutigen Fetzen gefaßt.
Der Sucher schrie und brachte das Schwert mit aller Wucht nach unten. Die Spitze verursachte in der Luft ein pfeifendes Geräusch. Der Menge stockte der Atem. Caldus rührte sich nicht.
Mitten in der Luft vor seinem Gesicht hielt das Schwert plötzlich an, genau wie beim ersten Mal, als Richard es benutzt hatte, als Zedd wollte, daß er den Baum fällte.
Scheinbar eine Ewigkeit stand Richard regungslos da, die Muskeln in seinen Armen hart wie Stahl. Dann endlich entspannten sie sich, er zog die Klinge zurück und löste seinen brennenden Blick.
Ohne sich zu ihr umzudrehen, fragte er: »Wie sagt man in ihrer Sprache ›Ich gebe dir dein Leben und deine Ehre zurück‹?«
Sie sagte es ihm leise.
»Caldus, Surin, Arbrin, Breginderin, Hajanlet«, verkündete er laut genug, daß alle es hören konnten, »ich gebe euch euer Leben und eure Ehre zurück.«
Für einen Moment war es still, dann brachen die Schlammenschen in lautes Jubeln aus. Richard ließ das Schwert zurück in die Scheide gleiten und half den Ältesten auf die Beine. Sie lächelten ihn blaß an, froh über das, was er getan hatte, und ohne Zweifel auch über das Ergebnis. Sie wandten sich an den Vogelmann.
»Wir bitten dich einstimmig, verehrtester Ältester. Was willst du uns sagen?«
Der Vogelmann stand mit verschränkten Armen da. Er sah von den Ältesten zu Richard, zu Kahlan. Sein Blick spiegelte die Anstrengung der schweren Prüfung wider, deren Zeuge er gerade geworden war. Er senkte die Arme und kam näher. Richard wirkte verbraucht, erschöpft. Der Vogelmann legte den beiden einen Arm um die Schultern, so als wollte er sie zu ihrem Mut beglückwünschen, anschließend legte er den Ältesten die Hand auf die Schulter, zum Zeichen, daß alles gerichtet sei. Er wandte sich um und gab den anderen einen Wink, sie sollten ihm folgen. Kahlan und Richard gingen hinter ihm. Savidlin und die anderen Ältesten folgten als königliche Eskorte.
»Richard«, fragte sie leise, »hast du erwartet, das Schwert würde anhalten?«
Er ging weiter, starrte nach vorn und seufzte tief. »Nein.«
Das hatte sie sich gedacht. Sie versuchte sich vorzustellen, was dies in seinem Innenleben anrichtete. Er hatte die Ältesten zwar nicht hingerichtet, war aber fest dazu entschlossen gewesen. Mit der Tat brauchte er nicht zu leben, aber mit der Absicht. Sie fragte sich, ob er richtig gehandelt hatte, sie nicht umzubringen. Was sie an seiner Stelle getan hätte, wußte sie. Die Möglichkeit der Gnade hätte sie nicht zugelassen. Es stand zuviel auf dem Spiel. Andererseits hatte sie mehr gesehen als er. Vielleicht zuviel, vielleicht war sie zu sehr bereit, zu töten. Man konnte nicht jedesmal töten, wenn es ein Risiko gab. Das Risiko gab es immer. Irgendwann mußte Schluß sein.
»Wie geht es deinem Arm?« fragte er.
»Er schmerzt wie verrückt«, gab sie zu. »Der Vogelmann meint, er müsse genäht werden.«
Richard sah angestrengt geradeaus, als er neben ihr ging. »Ich brauche meinen Führer«, sagte er ruhig, ohne jedes Gefühl. »Du hast mir einen Schrecken eingejagt.«
Einen schärferen Vorwurf würde er ihr nie machen. Ihr Gesicht glühte. Sie war froh, daß er es nicht bemerkte. Er hatte keine Ahnung, zu was sie fähig war, aber er wußte, sie hatte gezögert. Er wußte auch, beinahe hätte sie einen tödlichen Fehler begangen und sie alle in Gefahr gebracht, nur weil sie nicht wollte, daß er es sah. Er hatte sie nie gedrängt, obwohl er die Gelegenheit und das Recht gehabt hatte. Sie glaubte, ihr würde das Herz brechen.
Die kleine Gruppe trat auf die Plattform des Pfahlbaus. Die Ältesten hielten sich im Hintergrund. Der Vogelmann stand zwischen den beiden, als sie sich zur Menge umdrehten.
Der Vogelmann betrachtete sie aufmerksam. »Bist du bereit?«
»Wie meinst du das?« fragte sie argwöhnisch.
»Ich meine, wenn ihr beide Schlammenschen werden wollt, dann müßt ihr tun, was von Schlammenschen verlangt wird. Ihr müßt unsere Gesetze beachten. Unsere Sitten.«
»Ich allein weiß, was uns bevorsteht, und ich erwarte, dabei zu sterben.« Sie ließ ihre Stimme absichtlich hart klingen. »Ich bin dem Tod schon häufiger entkommen, als es jemandem ansteht. Wir wollen euer Volk retten. Das haben wir bei unserem Leben geschworen. Was kann man mehr verlangen?«