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Der Vogelmann bemerkte, wie sie auswich und hatte nicht die Absicht, sie damit durchkommen zu lassen. »Das fällt mir gewiß nicht leicht. Ich tue es, weil ich weiß, daß euer Kampf ehrlich ist, daß ihr mein Volk vor dem Sturm schützen könnt, der aufzieht. Trotzdem, ihr müßt euch unseren Sitten beugen. Nicht um meinetwillen, sondern aus Respekt vor meinem Volk. Die Menschen erwarten es

Ihr Mund fühlte sich trocken an, sie konnte kaum schlucken. »Ich esse kein Fleisch. Das weißt du von meinem letzten Besuch

»Obwohl du ein Krieger bist, bist du auch eine Frau, es mag dir also verziehen sein. Dazu bin ich ermächtigt. Als Konfessor hast du mit dem anderen nichts zu tun.« Zu weiteren Eingeständnissen war er nicht bereit, das sah man seinen Augen an. »Der Sucher aber doch. Er muß es tun

»Aber…«

»Du hast gesagt, du willst ihn nicht zu deinem Gatten machen. Er will eine Versammlung einberufen, also muß er es tun wie einer von uns

Kahlan fühlte sich in der Falle. Wenn sie ihn jetzt abwies, wäre Richard wütend, und das aus gutem Grund. Sie würden gegen Rahl verlieren. Richard stammte aus dem Westland und kannte daher die Sitten anderer Völker nicht. Vielleicht war er nicht bereit mitzumachen. Möglicherweise wurde er zornig. Das durfte sie nicht wagen. Zuviel stand auf dem Spiel. Der Vogelmann sah sie wartend an.

»Wir werden tun, was euer Gesetz verlangt«, sagte sie und versuchte, sich ihre wirklichen Gefühle nicht anmerken zu lassen.

»Mochtest du nicht wissen, wie der Sucher über diese Dinge denkt?«

Sie sah zur Seite, über die Köpfe der Menge hinweg. »Nein

Er nahm ihr Kinn in die Hand und drehte ihr Gesicht zurück. »Dann bist du dafür verantwortlich, daß er tut, was man von ihm verlangt. Mit deinem Wort

Sie spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. Richard sah hinter dem Vogelmann hervor.

»Kahlan, was ist? Stimmt etwas nicht?«

Sie richtete ihren Blick wieder auf den Vogelmann und nickte. »Nichts. Alles in Ordnung.«

Der Vogelmann ließ ihr Kinn los, wandte sich an sein Volk und blies in die lautlose Pfeife, die er um seinen Hals trug. Er begann, über ihre Geschichte zu sprechen, ihre Sitten, warum sie den Einfluß von Fremden vermieden, wieso sie das Recht hatten, ein stolzes Volk zu sein. Während seiner Ansprache flogen Tauben heran und landeten zwischen den Menschen.

Kahlan hörte zu, ohne etwas zu verstehen. Sie stand regungslos auf der Plattform und fühlte sich wie ein gefangenes Tier. Sie hatte geglaubt, sie könnten die Schlammenschen für sich gewinnen und sich zu einer der ihren ernennen lassen, und hatte dabei vergessen, daß sie diesen Dingen würde zustimmen müssen. Sie hatte geglaubt, es sei eine reine Formalität, bevor Richard um eine Versammlung bitten konnte. Eine solche Entwicklung hatte sie nicht erwartet. Vielleicht brauchte sie ihm nicht alles zu erzählen. Er würde es einfach nicht erfahren. Schließlich sprach nur sie ihre Sprache. Sie würde einfach schweigen. Das wäre nur zu seinem Besten.

Andere Dinge dagegen, dachte sie verzweifelt, wären allerdings nur zu offensichtlich. Sie würden in einer Sprache stattfinden, die er nur zu gut kannte. Sie spürte, wie ihre Ohren rot wurden, fühlte sich, als würde sich ihr der Magen umdrehen.

Richard spürte, daß die Worte des Vogelmannes von Dingen handelten, die er noch nicht zu verstehen brauchte, und bat nicht um eine Übersetzung. Der Vogelmann war am Ende seiner Vorrede angelangt und kam zum wichtigen Teil.

»Als diese zwei uns aufsuchten, waren sie Fremde. In mehrfacher Hinsicht, und durch ihre Taten haben sie bewiesen, daß sie unser Volk mögen und sich seiner würdig erwiesen. Von diesem Tag an sollen Richard mit dem Zorn und Konfessor Kahlan zu den Schlammenschen gehören

Kahlan übersetzte, ließ aber ihren Titel aus. Die Menge johlte. Richard hob lächelnd die Hand, und die Leute jubelten noch mehr. Savidlin versetzte ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Der Vogelmann legte ihr eine Hand auf die Schulter, drückte sie voller Mitgefühl und versuchte, vergessen zu machen, daß er sie zu der Übereinkunft gezwungen hatte. Sie atmete tief durch und fügte sich in das Unvermeidliche. Bald war es ohnehin vorbei, dann waren sie wieder unterwegs, um Rahl aufzuhalten. Das allein zählte. Außerdem hatte ausgerechnet sie keinen Grund, sich deswegen gekränkt zu fühlen.

»Noch etwas«, fuhr der Vogelmann fort. »Diese beiden wurden nicht als Schlammenschen geboren. Kahlan wurde als Konfessor geboren, es war eine Frage des Blutes, nicht der persönlichen Entscheidung. Richard mit dem Zorn ist ein Kind des Westlands jenseits der Grenze und einer Lebensweise, die für uns ein Rätsel darstellt. Beide haben zugestimmt, Schlammenschen zu werden und vom heutigen Tage an unsere Gesetze und Sitten zu achten, doch müssen wir anerkennen, wie rätselhaft sie ihnen vielleicht manchmal erscheinen. Wir müssen Geduld mit ihnen haben und begreifen, daß sie zum ersten Mal versuchen, Schlammenschen zu sein. Wir haben unser ganzes Leben als Schlammenschen gelebt, doch für sie ist dies ihr erster Tag. Sie sind für uns wie neugeborene Kinder. Bringt für sie das gleiche Verständnis auf wie für Neugeborene, und sie werden ihr Bestes geben

Dies wurde überall in der Menge besprochen, und Köpfe nickten.

Man hielt den Vogelmann für weise. Kahlan stieß einen Seufzer aus. Der Vogelmann hatte sich selbst und den beiden ein klein wenig Spielraum gelassen, für den Fall, daß etwas schiefging. Er war tatsächlich weise. Er drückte ihre Schulter noch einmal, und sie legte ihre Hand auf seine und erwiderte den Druck voller Anerkennung.

Richard verschwendete keinen Augenblick. Er wandte sich an die Dorfältesten.

»Ich fühle mich geehrt, zu den Schlammenschen zu gehören. Wo immer mich meine Reisen hinführen, werde ich die Ehre eures Volkes verteidigen, damit ihr stolz auf mich sein könnt. Im Augenblick jedoch ist euer Volk in Gefahr. Ich brauche Hilfe, um es beschützen zu können. Ich bitte um einen Rat der Propheten. Ich bitte um eine Versammlung.«

Kahlan übersetzte, und die Ältesten gaben einmütig nickend ihr Einverständnis.

»Es sei dir gewährt«, sagte der Vogelmann. »Die Vorbereitung für die Versammlung wird drei Tage in Anspruch nehmen

»Geehrter Ältester«, sagte Richard, der sich nur mit Mühe beherrschen konnte. »Die Gefahr ist groß. Ich achte eure Sitten. Doch gibt es keine Möglichkeit, sie schneller einzuberufen? Das Überleben eures Volkes hängt davon ab.«

Der Vogelmann atmete tief durch, sein langes Silberhaar spiegelte das trübe Licht. »Unter diesen besonderen Umständen werden wir alles tun, um euch zu helfen. Heute abend werden wir das Festmahl abhalten, und morgen abend die Versammlung. Schneller geht es einfach nicht. Es müssen Vorbereitungen getroffen werden, damit die Ältesten die Kluft zu den Seelen überbrücken können

Richard atmete tief durch. »Also dann morgen abend.«

Der Vogelmann blies erneut auf der Pfeife, und die Tauben stiegen in den Himmel. Kahlan hatte das Gefühl, als bekämen ihre Hoffnungen, so töricht und unwahrscheinlich sie gewesen waren, mit ihnen Flügel.

Die Vorbereitungen wurden rasch in Angriff genommen. Savidlin nahm Richard mit in sein Haus, um seine Schnittwunden zu versorgen, und der Vogelmann brachte Kahlan zum Heiler, wo ihre Wunde genäht werden sollte. Der Verband war vollkommen durchgeblutet, und der Schnitt tat ernstlich weh. Der Vogelmann führte sie durch die engen Gassen, den Arm schützend um ihre Schulter gelegt. Sie war dankbar, daß er nicht vom Festmahl sprach.

Er gab seine Anweisungen zu Kahlans Versorgung, als wäre sie seine Tochter, und überließ sie einer gebeugten Frau namens Nissel. Nissel lächelte selten, und wenn, dann zu den seltsamsten Gelegenheiten und gab bis auf Anweisungen wenig von sich. Stell dich dorthin, halte den Arm hoch, nimm ihn runter, atme, halte die Luft an, trink dies, leg dich hierhin, sage das Candra auf. Kahlan wußte nicht, was das Candra war. Nissel zuckte mit den Achseln und ließ sie statt dessen flache Steine auf dem Nabel balancieren, während sie die Wunde untersuchte. Wenn es schmerzte und die Steine zu rutschen begannen, ermahnte sie Kahlan, sich mehr Mühe zu geben, um die Steine im Gleichgewicht zu halten. Man verabreichte ihr bitter schmeckende Blätter, die sie kauen sollte, während Nissel ihr die Kleider auszog und sie badete.