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Das Bad war für sie besser als die Blätter. Sie konnte sich an kein Bad erinnern, das ihr je so gut getan hätte. Sie versuchte, ihre Niedergeschlagenheit mit dem Schlamm abzustreifen. Sie gab sich alle Mühe. Während man sie einweichen ließ, wusch Nissel ihre Kleider und hängte sie ans Feuer, wo ein kleiner Topf mit bräunlicher, nach Fichtenharz riechender Paste köchelte. Nissel trocknete Kahlan ab, hüllte sie in warme Felle und setzte sie auf eine in die Wand neben der erhöhten Feuerstelle eingelassene Bank. Der Geschmack der Blätter wurde besser, je länger sie sie kaute. Ihr Kopf begann sich zu drehen.

»Nissel, zu was sind die Blätter gut?«

Nissel ließ von Kahlans Hemd ab, das sie begutachtet hatte und sehr seltsam fand. »Sie werden dich entspannen, damit du nicht spürst, was ich mache. Kau weiter und sorge dich nicht, mein Kind. Du wirst so entspannt sein und nicht spüren, wenn ich dich nähe

Kahlan spie die Blätter sofort aus. Die alte Frau betrachtete sie auf dem Boden, sah Kahlan an und zog eine Braue hoch.

»Nissel, ich bin Konfessor. Wenn ich mich auf diese Weise entspanne, kann ich vielleicht meine Kraft nicht zurückhalten. Wenn du mich berührst, könnte ich sie freisetzen, ohne es zu wollen

Nissel runzelte neugierig die Stirn. »Aber du wirst schlafen, mein Kind. Dann bist du entspannt

»Das ist etwas anderes. Ich habe von Geburt an geschlafen, bevor die Kraft in mir heranwuchs. Wenn ich auf eine Weise, die ich nicht kenne, zu sehr entspanne oder abgelenkt werde, könnte ich dich damit berühren, ohne es zu wollen

Nissel nickte vorwurfsvoll. Dann runzelte sie die Stirn. Sie beugte sich vor. »Wie willst du dann…«

Kahlan sah sie ausdruckslos an, sagte nichts und doch alles.

Plötzlich erhellte sich Nissels Gesicht. Sie richtete sich auf. »Oh, jetzt verstehe ich

Sie strich Kahlan mitfühlend übers Haar, verschwand in der gegenüberliegenden Ecke und kam mit einem Stück Leder in der Hand zurückgeschlurft. »Klemm dir das zwischen die Zähne.« Sie tätschelte Kahlans gesunde Schulter. »Solltest du dich jemals wieder verletzen, laß dich auf jeden Fall zu Nissel bringen. Ich werde mich an dich erinnern und weiß, was ich nicht tun darf. Als Heiler ist es manchmal wichtiger zu wissen, was man nicht tun darf. Als Konfessor vielleicht auch, ja?«

Kahlan nickte mit einem Lächeln. »Und nun, mein Kind, mache mir einen Zahnabdruck in dieses Stück Leder

Als sie fertig war, wischte Nissel Kahlan den Schweiß mit einem feuchten Tuch vom Gesicht. Kahlan war schwindlig und übel, sie konnte nicht einmal aufrecht sitzen. Nissel bestand darauf, daß sie liegenblieb, während sie die braune Paste verabreichte und den Arm mit sauberen Bandagen umwickelte.

»Du solltest eine Weile schlafen. Ich wecke dich vor dem Festmahl

Kahlan legte der alten Frau die Hand auf den Arm und zwang sich zu einem Lächeln. »Danke, Nissel

Sie wachte auf, als sie spürte, wie jemand ihr Haar bürstete. Es war getrocknet, während sie schlief. Nissel lächelte sie an.

»Es wird dir schwerfallen, deine hübschen Haare zu bürsten, bis dein Arm besser ist. Es gibt nicht viele, die mit solchem Haar beschenkt werden. Ich dachte, du möchtest es vielleicht vor dem Festmahl gebürstet bekommen. Es fängt bald an. Draußen wartet ein gutaussehender junger Mann

Kahlan setzte sich auf. »Wie lange wartet er schon da?«

»Fast die ganze Zeit. Ich habe versucht, ihn mit einem Besen zu verscheuchen.« Nissel runzelte die Stirn. »Aber er wollte nicht gehen. Er ist ziemlich hartnäckig, ja?«

»Ja.« Kahlan schmunzelte.

Nissel half ihr dabei, frische Kleider anzuziehen. Ihr Arm tat nicht mehr so sehr weh. Vermutlich die braune Paste. Richard lehnte voller Ungeduld draußen an der Hauswand und stand sofort auf, als sie herauskam. Er hatte gebadet und sah sauber und frisch aus, der Schlamm war völlig verschwunden, und er trug eine einfache Wildlederhose, eine Jacke und natürlich sein Schwert. Nissel hatte recht, er sah wirklich gut aus.

»Wie fühlst du dich? Wie geht es deinem Arm? Alles in Ordnung?«

»Mir geht's gut.« Sie lächelte. »Nissel hat mich gesundgepflegt.«

Richard gab der alten Frau einen Kuß auf die Stirn. »Ich danke dir, Nissel. Der Besen sei dir verziehen.«

Nissel schmunzelte, als sie die Übersetzung hörte, beugte sich vor und sah ihn so durchdringend an, daß ihm unbehaglich wurde.

»Soll ich ihm einen Trank geben«, fragte Nissel und drehte sich zu Kahlan um, »für sein Stehvermögen

»Nein.« Kahlan wurde böse. »Ich bin sicher, er kommt auch so durchaus zurecht

27

Gelächter und der Klang von Trommeln klangen ihnen aus der Dorfmitte entgegen, als Kahlan und Richard durch das Gewirr der dunklen Häuser spazierten. Der schwarze Himmel hob sich seinen Regen für später auf, und mit der feuchtwarmen Luft gelangte der Duft der feuchten Gräser ringsum ins Dorf. Die Plattformen der Pfahlkonstruktionen wurden von Fackeln beleuchtet, und die über die freie Fläche verteilten großen Feuer knisterten und knackten und warfen zuckende Schatten. Kahlan wußte, wieviel Arbeit es bereitete, das Holz für Kochstellen und Brennöfen herbeizuschaffen. Man hatte die meisten Feuer klein gehalten. Dies war ein Luxus, den die Schlammenschen nur selten genossen. Von den Kochstellen wehten mit der Nachtluft wundervolle Düfte herüber, doch ihren Appetit entfachten sie nicht. Überall eilten Frauen in ihren buntesten Kleidern mit ihren Töchtern an der Seite umher, kümmerten sich um dies und jenes und sorgten dafür, daß alles gut lief. Die Männer trugen ihre besten Felle, die für besondere Anlässe; rituelle Dolche hingen an ihren Hüften, und ihr Haar hatten sie auf traditionelle Weise mit klebrigem Schlamm glatt gelegt. Überall wurde gekocht, während die Menschen vorbeischlenderten, die Speisen kosteten, sich unterhielten und Geschichten erzählten. Die meisten, so schien es, aßen entweder, oder sie kochten. Überall liefen lachende und spielende Kinder herum, überschäumend vor Aufregung angesichts des unerwarteten Ereignisses, der späten Stunde und der Versammlung im Feuerschein.

Unter den Grasdächern hockten Musiker, die ihre Trommeln bearbeiteten und mit schaufelähnlichen Schlegeln über geriffelte Boldas, lange glockenförmige Röhren, schabten. Die gespenstischen Klänge wurden weit in die Steppe hinausgetragen. Die Musik sollte die Seelen der Vorfahren zum Festmahl rufen. Auf der gegenüberliegenden Seite der freien Fläche saßen andere Musiker, deren Klänge sich manchmal mit denen der anderen Gruppe vermischten, manchmal von ihnen abhoben, und die sich gegenseitig in quälenden und manchmal wilden Rhythmen und Schlägen antworteten. Männer in Kostümen, einige als Tiere verkleidet, andere stilisiert als Jäger bemalt, stellten springend und tanzend Szenen aus den Legenden der Schlammenschen dar. Ausgelassene Kinder umringten die Tänzer, äfften sie nach und stampften mit den Füßen im Rhythmus der Trommler. Junge Pärchen, die sich in die dunkleren Ecken zurückgezogen hatten, verfolgten die Vorgänge eng umschlungen. Kahlan hatte sich nie so einsam gefühlt.