Sie schob ihn fort und sah ihm in sein wettergegerbtes Gesicht. »Ich denke, das werde ich tun. Vielen Dank, geehrter Ältester.«
»Wo du gerade dabei bist, ich möchte mich auch entschuldigen.«
Kahlan runzelte die Stirn. »Wofür?«
Er seufzte. »Das Alter, oder ein Ältester zu sein, hindert einen nicht daran, törichte Gedanken mit sich herumzutragen. Ich habe heute auch einen Fehler gemacht. Richard, aber auch meiner Nichte gegenüber. Ich hatte auch kein Recht dazu. Bedanke dich für mich bei ihm, daß er mich daran gehindert hat, jemandem ungefragt etwas aufzubürden.« Er nahm die Pfeife von seinem Hals. »Gib ihm dieses Geschenk, als Dank dafür, daß er mir die Augen geöffnet hat. Möge es ihm gute Dienste leisten. Morgen werde ich ihm zeigen, wie man sie benutzt.«
»Aber du brauchst sie doch, um die Vögel zu rufen.«
Er lächelte. »Ich habe noch andere. Geh jetzt.«
Kahlan nahm die Pfeife in die Hand. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Ich habe in meinem Leben fast nie geweint. Seit die Grenze nach D'Hara gefallen ist, tue ich scheinbar nichts anderes mehr.«
»Das geht uns allen so, Kind. Geh jetzt.«
Sie gab ihm schnell einen Kuß und ging. Sie fand keine Spur von Richard, als sie den weiten Platz absuchte. Wen sie auch fragte, niemand hatte ihn gesehen. Suchend lief sie im Kreis herum. Wo steckte er? Kinder forderten sie zum Mittanzen auf, Leute boten ihr etwas zu essen an, andere wollten sich mit ihr unterhalten. Sie wies sie alle höflich ab. Schließlich bog sie zu Savidlins Haus ab. Dort mußte er wohl sein. Doch das Haus war verlassen. Sie setzte sich auf das Fell und überlegte. Würde er ohne sie aufbrechen? Ihr Herz raste vor Panik. Sie suchte den Boden mit den Augen ab. Nein. Sein Gepäck war noch da, wo sie es hingelegt hatte, als sie den Apfel geholt hatte. Außerdem würde er nicht vor der Versammlung aufbrechen.
Dann dämmerte es ihr. Sie wußte, wo er war. Sie mußte lächeln, nahm einen Apfel aus seinem Gepäck und rannte durch die dunklen Gassen zwischen den Häusern des Dorfes der Schlammenschen zum Haus der Seelen.
Plötzlich schimmerte ein Lichtschein in der Dunkelheit. Ringsum leuchteten die Mauern auf. Erst wußte sie nicht, was es war. Dann blickte sie zwischen den Häusern hindurch und sah das Wetterleuchten. Blitze am Horizont, in allen Richtungen, ringsum. Sie reckten ihre Finger wütend in den Himmel und die schwarzen Wolken, und ließen sie von innen in brodelnden Farben erstrahlen. Es gab keinen Donner. Und dann war es vorbei, und es herrschte wieder Dunkelheit. Hatte dieses Wetter denn nie ein Ende? Würde sie jemals wieder die Sterne sehen, oder die Sonne? Zauberer und ihre Wolken, grübelte sie und schüttelte den Kopf. Sie fragte sich, ob sie Zedd je wiedersehen würde. Wenigstens schützten die Wolken Richard vor Darken Rahl.
Das Haus der Seelen lag im Dunkeln, fernab vom Lärm und Trubel des Festmahls. Vorsichtig drückte Kahlan die Tür auf. Richard saß vor dem Feuer auf dem Boden, das Schwert in der Scheide neben sich. Er drehte sich nicht um, als er das Geräusch hörte.
»Deine Führerin möchte mit dir reden«, sagte sie unterwürfig.
Quietschend schloß sich die Tür hinter ihr, und sie kniete sich hin und hockte sich klopfenden Herzens auf den Fersen neben ihm nieder.
»Und was möchte meine Führerin mir sagen?« Wenigstens lächelt er, dachte sie, ohne es zu wollen.
»Daß sie einen Fehler gemacht hat«, sagte sie leise und bohrte dabei am Zug ihrer Hose, »und daß es ihr leid tut. Sehr, sehr leid. Nicht nur, was sie getan hat, sondern auch, weil sie dir nicht vertraut hat.«
Er hatte die Arme um die Knie geschlungen. Er sah sie an. Der warme, rötliche Schein des Feuers spiegelte sich in seinen gütigen Augen.
»Ich hatte mir eine ganze Rede zurechtgelegt, und jetzt fällt mir kein einziges Wort davon ein. Daran bist du schuld.« Er lächelte.
»Die Entschuldigung ist angenommen.«
Eine Woge der Erleichterung überkam sie. Ihr war, als würde ihr Herz wieder zu einem Ganzen. Sie blickte ihn von unten herauf an. »War die Rede gut?«
Sein Grinsen wurde breiter. »Anfangs schien es so, aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher.«
»Im Reden bist du recht gut. Fast hättest du die Ältesten um den Verstand gebracht, den Vogelmann eingeschlossen.« Sie streckte die Arme aus und hänge ihm die Pfeife um den Hals.
Er löste seine Hände und betastete sie. »Wozu soll das gut sein?«
»Ein Geschenk des Vogelmannes, als Entschuldigung, weil er dich zu etwas zwingen wollte. Er meinte, er hätte kein Recht dazu, und möchte dir mit diesem Geschenk dafür danken, daß du ihm die Augen des Herzens geöffnet hast. Morgen will er dir zeigen, wie man sie benutzt.« Kahlan drehte sich um und setzte sich ihm gegenüber mit dem Rücken zum Feuer, ganz dicht bei ihm. Die Nacht war warm. Richard glänzte in der Hitze vor Schweiß. Die Symbole auf seiner Brust und seinen Oberarmen verliehen ihm etwas Wildes, Unbändiges. »Wie du den Menschen die Augen öffnest«, sagte sie ehrfürchtig. »Ich glaube, das war Magie.«
»Vielleicht. Zedd hat gesagt, manchmal sei ein Trick die beste Magie.«
Der Klang seiner Stimme brachte etwas ganz tief in ihrem Innern zum Klingen. Sie fühlte sich schwach. »Und Adie meinte, du besäßest die Magie der Zunge«, flüsterte sie.
Er sah sie aus seinen grauen Augen durchdringend an, erdrückte sie mit seiner Macht. Ihr Atem ging schneller. Die quälenden Klänge der Boldas wurden aus der Ferne hereingetragen und vermischten sich mit dem Knistern des Feuers, mit seinem Atem. Nie hatte sie sich so geborgen gefühlt, so entspannt und gleichzeitig so aufgeregt. Es war verwirrend. Ihr Blick wanderte von seinen Augen zu anderen Stellen seines Gesichts, der Form seiner Nase, seinen Wangenknochen, seinem Kinn. Ihr Blick heftete sich auf seine Lippen. Plötzlich wurde ihr bewußt, wie heiß es im Haus der Seelen war. Ihr wurde schwindlig.
Ohne den Blick von ihm zu wenden, nahm sie den Apfel aus ihrer Tasche und biß langsam genußvoll in das saftige Fleisch. Sein eiserner Blick geriet keinen Augenblick ins Schwanken. Einer Eingebung folgend, hielt sie ihm plötzlich den Apfel hin und hielt ihn fest, als er ein großes, saftiges Stück herausbiß. Wenn er sie nur ebenso mit seinen Lippen berühren könnte.
Warum eigentlich nicht? Sollte sie auf dieser Suche sterben, ohne je die Gelegenheit erhalten zu haben, zur Frau zu werden? Durfte sie nur als Kriegerin auftreten? Um für jedermanns Glück zu kämpfen, nur nicht für ihr eigenes? Selbst in den besten Zeiten starben Sucher viel zu schnell, und diese Zeiten waren alles andere als gut.
Dies war das Ende aller Zeit.
Der Gedanke, er könnte sterben, war qualvoll.
Sie blickte ihm in die Augen und preßte den Apfel fester gegen seine Zähne. Selbst, wenn sie ihn erwählte, überlegte sie, könnte er immer noch an ihrer Seite weiterkämpfen, vielleicht sogar noch entschlossener als jetzt. Aus anderen Gründen vielleicht, doch ebenso tödlich, vielleicht sogar noch tödlicher. Er würde sich jedoch verändern, er wäre nicht mehr der Gleiche wie jetzt. Diese Person würde für immer verschwunden sein.
Aber wenigstens würde er ihr gehören. Sie sehnte sich so sehr nach ihm, auf eine Art, wie sie noch nie etwas gewollt hatte, auf eine Art, die quälend war. Sollten sie beide sterben, ohne die Chance gehabt zu haben, zu leben? Die Sehnsucht nach ihm wurde zu einer prickelnden Schwäche.
Sie nahm ihm neckisch den Apfel vom Mund. Der Saft rann ihm übers Kinn. Langsam und voller Bedacht beugte sie sich vor und leckte ihm den süßen Saft vom Kinn. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt, sie atmete seinen schnellen, warmen Atem. Sie war so nah, daß sie seine Augen kaum noch klar erkennen konnte. Sie mußte schlucken.
Jegliche Vernunft verschwand und wurde durch Empfindungen ersetzt, die sie erwartungsvoll hinhielten und mit heißem Verlangen packten.
Sie ließ den Apfel fallen und berührte mit ihren nassen Fingern seine Lippen. Sie befeuchtete sich die Oberlippe und sah, wie er jeden ihrer Finger nacheinander in den Mund gleiten ließ und den Saft ableckte. Das Gefühl im Inneren seines Mundes, warm und feucht, ließ sie erschaudern. Ohne es zu wollen, stöhnte sie leise. Ihr Herz schlug wie wild. Ihre Brust hob sich. Mit den nassen Fingern fuhr sie ihm übers Kinn, den Hals, bis auf seine Brust und ließ sie leise über die aufgemalten Symbole gleiten, spürte ihnen mit den Fingern nach, ertastete seine Erhebungen und Senken.