Richard beugte sich zu Kahlan hinüber. »Ich habe mein Bestes gegeben. Wirklich. Ich begreife es nicht.«
Schmunzelnd nahm sie seine Hand. »Davon bin ich überzeugt.«
Der wolkenverhangene Tag war strahlender als die vorhergehenden gewesen — selbst jetzt noch, als die Dämmerung anbrach, und das hatte ihre Laune erheblich aufgebessert. Größtenteils lag das daran, wie Richard sie behandelte. Er hatte keine Fragen gestellt und ihr Zeit gelassen, sich vom vorigen Abend zu erholen. Er hatte sie einfach in den Arm genommen und in Ruhe gelassen. Obwohl nichts geschehen war, fühlte sie sich ihm näher als je zuvor, gleichzeitig wußte sie, daß dies nichts Gutes verhieß. Es verschlimmerte nur ihr Dilemma. Fast hätte sie gestern abend einen großen Fehler begangen. Den größten Fehler ihres Lebens. Sie war erleichtert, weil er sie noch rechtzeitig daran gehindert hatte. Ein Teil von ihr wünschte jedoch, er hätte es nicht getan.
Als sie an diesem Morgen aufgewacht war, hatte sie nicht gewußt, wie er ihr gegenüber empfand, ob er verletzt war, wütend, oder ob er sie vielleicht haßte. Sie hatte sich zwar die ganze Nacht über mit nackter Brust an ihn geschmiegt, doch als sie sich das Hemd zuknöpfte, hatte sie ihm schamhaft den Rücken zugekehrt und ihm erklärt, daß kein Mensch je einen so geduldigen Freund gehabt hätte. Sie hoffte nur, ihm das eines Tages zurückzahlen zu können.
»Das hast du bereits. Du hast dein ganzes Vertrauen, dein Leben in meine Hände gelegt. Du hast geschworen, mich bei deinem Leben zu verteidigen. Welchen Beweis könnte ich sonst noch wollen?«
Daraufhin hatte sie sich umgedreht, mit Macht dem Wunsch widerstanden, ihn zu küssen, und hatte sich bedankt, daß er sich mit ihr abgab.
»Ich muß allerdings zugeben«, hatte er mit einem Schmunzeln gemeint, »Äpfel werde ich von jetzt an mit anderen Augen betrachten.«
Sie hatte gelacht, teils aus Verlegenheit. Anschließend hatten sie sich lange zusammen darüber amüsiert. Irgendwie war ihr danach besser, und was ein Stachel hätte werden können, war ihr gezogen worden.
Plötzlich hielt Richard an. Sie blieb ebenfalls stehen und betrachtete ihn, während die anderen weitergingen.
»Richard, was ist?«
»Die Sonne.« Er wirkte blaß. »Einen Augenblick lang hatte ich einen Sonnenstrahl auf meinem Gesicht.«
Sie drehte sich nach Westen. »Ich sehe nur Wolken.«
»Aber es stimmt. Eine winzige Öffnung. Jetzt sehe ich sie allerdings auch nicht mehr.«
»Glaubst du, das hat was zu bedeuten?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Aber es ist der erste Riß in den Wolken, den ich gesehen habe, seit Zedd sie dorthingesetzt hat. Vielleicht bedeutet es nichts.«
Sie gingen weiter. Der gespenstische Klang der Boldas schlug ihnen über das windgepeitschte, flache Grasland entgegen. Das Festmahl war noch immer in Gang, wie auch schon die ganze vergangene Nacht. Es würde bis zum Abend dauern, bis die Versammlung vorüber war. Alle waren bester Dinge, bis auf die Kinder, von denen viele übermüdet herumliefen oder zufrieden hier und dort in einer Ecke schliefen.
Die sechs Dorfältesten saßen jetzt ohne ihre Frauen auf der Plattform. Sie aßen ein kleines Mahl, das ihnen von besonderen Frauen serviert wurde: Köchinnen, denen allein es vorbehalten war, das Festmahl der Versammlung vorzubereiten. Kahlan sah zu, wie sie den Ältesten einen Trank einschenkten. Er war rot, anders als alles andere, was man anläßlich des Festmahls trank. Die Augen der sechs waren glasig, abwesend, so als sähen sie Dinge, die andere nicht sahen. Kahlan fröstelte.
Die Seelen ihrer Vorfahren waren bei ihnen.
Der Vogelmann unterhielt sich mit ihnen. Als er mit ihrer Antwort zufrieden war, nickte er, und sie erhoben sich und gingen im Gänsemarsch zum Haus der Seelen. Der Klang der Trommeln und Boldas veränderte sich auf eine Weise, die ihr eine Gänsehaut machte. Der Vogelmann kehrte gemächlich zu ihnen zurück. Seine Augen waren so stechend und intensiv wie immer.
»Es ist soweit«, meinte er zu ihr. »Richard und ich müssen jetzt gehen.«
»Was soll das beißen, ›Richard und ich‹? Ich komme mit.«
»Ausgeschlossen.«
»Ich bin die Führerin des Suchers. Ich werde zum Übersetzen gebraucht.«
Der Vogelmann blickte sich verlegen um. »Aber eine Versammlung besteht nur aus Männern«, wiederholte er. Offenbar fiel ihm nichts Besseres ein.
Sie verschränkte die Arme. »Nun, bei dieser wird eine Frau dabeisein.«
Richards Blick ging zwischen ihr und dem Vogelmann hin und her. An ihrer Stimme merkte er, daß etwas in der Luft lag, beschloß aber, sich nicht einzumischen. Der Vogelmann beugte sich ein wenig näher zu ihr, senkte die Stimme.
»Wenn wir die Seelen treffen, müssen wir so sein wie sie.«
Sie kniff die Augen zusammen. »Soll das heißen, wir dürfen keine Kleidertragen?«
Er atmete durch und nickte. »Und man muß mit Schlamm bedeckt sein.«
»Also schön«, sagte sie. »Ich habe nichts dagegen.«
Er lehnte sich ein Stück zurück. »Und was ist mit dem Sucher? Vielleicht möchtest du ihn fragen, was er davon hält?«
Sie wich seinem Blick eine ganze Weile nicht aus, dann wandte sie sich an Richard. »Ich muß dir etwas erklären. Wenn jemand eine Versammlung einberuft, werden ihm manchmal durch die Ältesten Fragen der Seelen gestellt, um sicherzustellen, daß er in nobler Absicht handelt. Sollten die Seelenvorfahren eine Antwort für unehrenhaft oder unehrlich halten, könnten sie dich töten. Nicht die Ältesten, die Seelen.«
»Ich habe das Schwert«, erinnerte er sie.
»Nein, hast du nicht. Wenn du eine Versammlung willst, mußt du es machen wie die Ältesten und darfst den Seelen nur mit dir selbst gegenübertreten. Du darfst weder Schwert noch Kleider tragen, und du mußt mit Schlamm bemalt sein.« Sie holte Luft und warf eine Haarsträhne über die Schulter. »Wenn ich nicht dabei bin, um zu übersetzen, könntest du getötet werden, weil du eine Frage nicht beantwortest, die du einfach nicht verstanden hast. Ich muß zum Übersetzen dabei sein. Auch ich darf keine Kleider tragen. Der Vogelmann ist verstimmt und möchte wissen, was du davon hältst. Er hofft darauf, du würdest es mir verbieten.«
Richard verschränkte die Arme und musterte sie. »Ich denke, du bist so oder so entschlossen, die Kleider im Haus der Seelen abzulegen.«
Er fing an zu lächeln, und seine Augen funkelten. Kahlan mußte sich auf die Lippe beißen, um nicht loszuprusten. Der Vogelmann blickte verwirrt von einem zum anderen.
»Richard!« Sie hob warnend die Stimme. »Die Sache ist ernst. Und mach dir nicht zu viele Hoffnungen. Es wird dunkel sein.« Trotzdem konnte sie sich das Lachen kaum verkneifen.
Richard wandte sich mit wieder ernstem Gesicht an den Vogelmann. »Ich habe die Versammlung einberufen. Ich brauche Kahlan dabei.«
Sie sah förmlich, wie er beim Übersetzen zusammenzuckte. »Ihr zwei habt meine Geduld auf die Probe gestellt, seit ihr hier seid.« Er seufzte laut. »Warum sollte sich das ausgerechnet jetzt ändern? Gehen wir.«
Kahlan und Richard gingen nebeneinander und folgten dem Vogelmann, der sie durch die dunklen Gassen des Dorfes führte, mehrmals rechts, dann wieder links abbog. Kahlan war sehr viel nervöser, als sie es sich anmerken ließ. Auch wenn sie dafür nackt unter acht Männern sitzen mußte, sie wollte Richard auf keinen Fall allein in die Versammlung gehen lassen. Dies war nicht der rechte Zeitpunkt, alles aus den Händen gleiten zu lassen, dafür hatten sie zu hart gearbeitet. Die Zeit war zu knapp.
Sie setzte ihre Konfessormiene auf.
Als sie das Haus der Seelen erreicht hatten, führte der Vogelmann sie durch einen schmalen Durchgang in ein kleines Gebäude gleich nebenan. Die anderen Ältesten waren bereits da, saßen im Schneidersitz auf dem Boden und starrten geistesabwesend ins Leere. Sie lächelte Savidlin an, doch der reagierte nicht. Der Vogelmann nahm eine kleine Bank und zwei Tontöpfe zur Hand.