»Warum suchst du diesen magischen Gegenstand?«
»Um Darken Rahl aufzuhalten!«
»Und wie willst du ihn mit diesem Gegenstand aufhalten, wenn du ihn gefunden hast?«
Richard lehnte sich zurück. Er riß die Augen weit auf. Er begriff. Eine Träne lief seine Wange hinab. »Wenn ich diesen Gegenstand in meinen Besitz bringe und verhindere, daß er ihn bekommt«, flüsterte er, »dann wird er sterben, deswegen. Auf diese Weise werde ich ihn töten.«
»In Wirklichkeit sollen wir euch also helfen, euch gegenseitig umzubringen.« Ihre Stimmen hallten durch die Dunkelheit.
Richard nickte bloß.
»Aus diesem Grund haben wir dir diese Fragen gestellt. Du bittest um Hilfe zum Töten. Findest du es nicht gerecht, daß wir den Menschen kennen sollten, den wir bei seinem Versuch zu töten unterstützen?«
Richards Gesicht war schweißüberströmt. »Ich denke schon.« Er schloß die Augen.
»Warum willst du diesen Mann töten?«
»Aus vielen Gründen.«
»Warum willst du diesen Mann töten?«
»Weil er meinen Vater gefoltert und getötet hat. Weil er viele andere gefoltert und getötet hat. Weil er mich töten wird, wenn ich nicht ihn töte. Weil er noch viele andere foltern und töten wird, wenn ich ihn nicht töte. Es ist der einzige Weg, ihn aufzuhalten. Mit Worten ist er nicht zur Vernunft zu bringen. Ich habe keine Wahl, ich muß ihn töten.«
»Bedenke die nächste Frage sorgfältig. Antworte mit der Wahrheit, oder diese Versammlung ist zu Ende.«
Richard nickte.
»Was ist der wichtigste Grund von allen, weswegen du diesen Mann töten willst?«
Richard senkte den Blick und schloß die Augen. »Weil er«, flüsterte er endlich mit tränenverschmiertem Gesicht, »wenn ich ihn nicht töte, Kahlan umbringen wird.«
Kahlan fühlte sich, als hätte ihr jemand in den Magen geschlagen. Sie brachte es kaum über sich, die Worte zu übersetzen. Richard war entblößt, und das auf mehr als eine Weise. Sie war erbost über die Seelen, die ihm das antaten. Und sie war tief beunruhigt über das, was sie ihm antat. Shar hatte recht gehabt.
»Angenommen, Kahlan spielte keine Rolle, wurdest du diesen Mann trotzdem töten?«
»Auf jeden Fall. Ihr habt mich nach dem vornehmlichen Grund gefragt. Ich habe ihn euch verraten.«
»Welchen magischen Gegenstand suchst du?« wollten sie auf einmal wissen.
»Heißt das, ihr seid mit den Gründen einverstanden, weswegen ich ihn töten will?«
»Nein. Das heißt, wir haben unsere eigenen Grunde, weshalb wir beschlossen haben, deine Frage zu beantworten. Vorausgesetzt, wir können es. Welchen magischen Gegenstand suchst du?«
»Eines der Kästchen der Ordnung.«
Als Kahlan übersetzte, heulten die Seelen gequält auf. »Diese Frage dürfen wir nicht beantworten. Die Kästchen der Ordnung sind bereits im Spiel. Die Versammlung ist vorüber.«
Die Ältesten schlossen die Augen. Richard sprang auf. »Ihr laßt zu, daß Darken Rahl all diese Menschen umbringt, obwohl es in eurer Macht steht, zu helfen?«
»Ja.«
»Ihr laßt zu, daß er eure Nachkommen tötet? Euer Fleisch und Blut? Ihr seid nicht die Seelen der Vorfahren, ihr seid Seelen von Verrätern.«
»Das ist nicht wahr.«
»Dann sagt mir, warum!«
»Das ist nicht erlaubt.«
»Bitte! Laßt uns nicht im Stich. Darf ich euch noch eine Frage stellen?«
»Es ist uns nicht erlaubt, zu enthüllen, wo sich die Kästchen der Ordnung befinden. Das ist verboten. Denke nach und stelle uns eine andere Frage.«
Richard setzte sich und zog die Knie an. Rieb sich die Augen mit den Fingerspitzen. Mit all den auf seinen Körper gemalten Symbolen sah er aus wie ein Wilder. Er legte das Gesicht in die Hände und dachte nach. Sein Kopf fuhr hoch.
»Ihr könnte mir nicht sagen, wo die Kästchen sind. Gibt es noch andere Einschränkungen?«
»Ja.«
»Wie viele Kästchen hat Rahl bereits?«
»Zwei.«
Er betrachtete die Ältesten ruhig. »Ihr habt damit gerade enthüllt, wo zwei der Kästchen sich befinden. Das ist verboten«, erinnerte er sie. »Oder handelt es sich vielleicht um eine Art Grauzone des Vorsatzes?«
Schweigen.
»Dieses Wissen unterliegt keinen Einschränkungen. Deine Frage?«
Richard beugte sich vor wie ein Spürhund, der eine Fährte wittert. »Könnt ihr mir verraten, wer weiß, wo sich das letzte Kästchen befindet?«
Kahlan vermutete, daß Richard die Antwort auf die Frage bereits wußte. Sie kannte seine Art, das Pferd von hinten aufzuzäumen.
»Wir kennen den Namen dessen, der das Kästchen besitzt, sowie auch die Namen verschiedener anderer ganz in seiner Nähe, können sie dir aber nicht nennen, weil es das gleiche wäre, wie dir zu sagen, wo es ist. Das ist verboten.«
»Könnt ihr mir dann den Namen einer Person außer Rahl nennen, der das letzte Kästchen nicht in seinem Besitz hat, aber weiß, wo es ist?«
»Es gibt jemanden, den wir dir nennen können. Sie weiß, wo sich das Kästchen befindet. Das ist erlaubt. Es läge an dir und nicht an uns, dir das entsprechende Wissen zu verschaffen.«
»Das wäre dann meine Frage. Wer ist es? Nennt sie mir.«
Als sie den Namen aussprachen, fuhr Kahlan erschrocken zusammen. Sie übersetzte nicht. Die Ältesten erzitterten bereits bei der bloßen Nennung des Namens.
»Wer ist es? Wie heißt sie?« wollte Richard von ihr wissen.
Kahlan sah ihn an.
»Wir sind so gut wie tot«, flüsterte sie.
»Wieso? Wer ist es denn?«
Kahlan ließ sich mutlos zurücksinken. »Es ist die Hexe Shota.«
»Und du weißt, wo sie sich aufhält?«
Kahlan nickte mit vor Entsetzen gerunzelter Stirn. »In der Weite Agaden.« Sie hauchte den Namen, als sei seine Erwähnung bereits reines Gift. »Nach Agaden würde sich nicht einmal ein Zauberer trauen.«
Richard betrachtete ihr entsetztes Gesicht, betrachtete die Ältesten, die sich schüttelten.
»Dann müssen wir eben nach Agaden gehen, zu dieser Hexe Shota«, sagte er sachlich, »und herausfinden, wo sich das Kästchen befindet.«
»Möge das Schicksal dir wohlgesonnen sein«, sagten die Seelen durch den Vogelmann. »Das Leben unserer Nachfahren liegt in deiner Hand.«
»Vielen Dank für eure Hilfe, geehrte Vorfahren«, sagte Richard.
»Ich werde mein Bestes tun, um Darken Rahl aufzuhalten. Und eurem Volk zu helfen.«
»Gebrauche deinen Kopf. Das tut Darken Rahl auch. Wenn du dich auf seine Art einläßt, wirst du verlieren. Leicht wird es nicht werden. Du wirst leiden müssen, wie auch unser Volk und andere Völker, bevor du auch nur die Gelegenheit bekommst, zu siegen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wirst du trotzdem scheitern. Hör auf unsere Warnung, Richard mit dem Zorn.«
»Ich werde nichts von dem vergessen, was ihr gesagt habt, und gelobe, mein Bestes zu geben.«
»Dann werden wir dein Gelöbnis auf seine Echtheit hin überprüfen. Es gibt noch etwas, was wir dir sagen möchten.« Sie schwiegen einen Augenblick lang. »Darken Rahl ist hier. Er sucht nach dir.«
Kahlan übersetzte hastig und sprang auf. Richard stand sofort neben ihr.
»Was? Er ist hier, in diesem Augenblick? Wo steckt er, was tut er gerade?«
»Er befindet sich mitten im Dorf und bringt Menschen um.«
Eine Woge von Angst tobte durch Kahlan. Richard trat einen Schritt vor. »Ich muß hier raus. Ich muß mein Schwert holen. Ich versuche, ihn aufzuhalten!«
»Wie du willst. Aber hör uns zuerst an. Setz dich«, befahlen sie.
Richard und Kahlan ließen sich zurücksinken, sahen sich mit großen Augen an, faßten sich an den Händen. »Macht schon«, drängte Richard.