»Darken Rahl will dich. Dein Schwert kann ihn nicht töten. Heute abend ist das Übergewicht der Macht auf seiner Seite. Du hast keine Chance. Keine. Um zu gewinnen, mußt du das Gleichgewicht der Macht verschieben, und das kannst du heute abend nicht. Die Menschen, die er heute abend tötet, werden sterben, ob du gegen ihn kämpfst oder nicht. Gehst du trotzdem hinaus, werden am Ende noch mehr sterben. Viel mehr. Wenn du Erfolg haben willst, mußt du den Mut aufbringen, diese Menschen heute abend sterben zu lassen. Du mußt dich selber retten, damit du bei anderer Gelegenheit kämpfen kannst. Diese Qual mußt du ertragen. Dem Kopf muß über dem Schwert stehen, wenn du eine Chance haben willst, zu gewinnen.«
»Aber früher oder später muß ich hier raus!«
»Darken Rahl hat viele finstere Alptraume freigesetzt. Er muß viele Dinge abwägen, darunter auch seine Zeit. Er hat nicht die Zeit, die ganze Nacht zu warten. Er ist aus gutem Grund sehr zuversichtlich, dich jederzeit, wann immer er will, auslöschen zu können. Er hat keinen Grund zu warten. Er wird bald verschwunden sein, um sich anderen finsteren Machenschaften zu widmen, und wird sich an einem anderen Tag um dich kümmern. Die Symbole auf dir öffnen uns die Augen für dich, daher können wir dich erkennen. Ihm schließen sie die Augen für dich, er kann dich nicht sehen. Es sei denn, du ziehst dein Schwert. Das kann er sehen, und dann hat er dich. Solange die Symbole auf dir bleiben und der Zauber des Schwertes in der Scheide steckt, kann er dich auf dem Gebiet der Schlammenschen unmöglich finden.«
»Aber ich kann doch nicht hierbleiben!«
»Du mußt, wenn du ihn aufhalten willst. Sobald du unser Gebiet verlaßt, verlieren die Symbole ihre Kraft, und er kann dich wieder sehen.«
Richards Atem ging schwer, er stand kurz vor der Panik. Seine Hände zitterten. Kahlan sah ihm am Gesicht an, wie sehr er drauf und dran war, die Warnung in den Wind zu schlagen, hinauszugehen und loszuschlagen.
»Die Entscheidung liegt bei dir«, sagten die Seelen. »Entweder du wartest hier, während er einige unserer Leute umbringt, und begibst dich, sobald er wieder verschwunden ist, auf die Suche nach dem Kästchen und tötest ihn. Oder du gehst jetzt hinaus und erreichst nichts.«
Richard preßte die Augen zusammen und mußte schlucken. Er rang nach Atem.
»Ich warte«, meinte er so schwach, daß sie ihn kaum verstand.
Kahlan schlang ihm die Arme um den Hals und schmiegte ihren Kopf an ihn. Sie mußten beide weinen. Der Ring der Dorfältesten begann wieder zu kreisen.
Das war das Letzte, an was sie sich erinnerte, bis der Vogelmann sie wachrüttelte. Sie fühlte sich, als erwachte sie aus einem Alptraum: die Worte der Seelen, die Ermordung der Schlammenschen, daß sie in die Weite Agaden zu Shota ziehen mußten, um das Kastchen zu finden. Der Gedanke an die Hexe ließ sie innerlich zusammenzucken. Die anderen Ältesten standen über sie gebeugt und halfen ihnen auf die Beine. Alle machten grimmige Gesichter. Die Tranen standen ihr wieder in den Augen. Sie unterdruckte sie.
Der Vogelmann stieß die Tür auf. Die Nachtluft draußen war kalt, der Sternenhimmel klar.
Die Wolken waren verschwunden. Sogar die Schlangenwolke.
Bis Tagesanbruch war es weniger als eine halbe Stunde, und bereits jetzt hatte der Himmel im Osten einen Hauch von Farbe. Ein Jäger mit ernstem Gesicht reichte ihnen die Kleider und Richard sein Schwert. Sie zogen sich wortlos an und gingen nach draußen.
Eine Phalanx aus Jägern und Bogenschützen hatte sich zum Schutz um das Haus der Seelen gestellt. Viele von ihnen waren blutverschmiert. Richard drängte sich vor den Vogelmann.
»Sagt mir, was geschehen ist«, sagte er mit ruhiger Stimme.
Ein Speerträger trat vor. Kahlan blieb an Richards Seite, um zu übersetzen. Dem Mann stand die Wut ins Gesicht geschrieben.
»Der rote Dämon ist aus dem Himmel herabgestiegen. Er trug einen Mann. Er wollte dich.« Mit einem Funkeln in den Augen druckte er Richard die Speerspitze vor die Brust. Mit versteinerter Miene legte der Vogelmann seine Hand auf den Speer und druckte die Spitze fort von Richard. »Als er nur deine Kleider fand, hat er begonnen, Menschen umzubringen. Kinder!« Seine Brust hob sich vor Zorn. »Unsere Pfeile konnten ihm nichts anhaben. Unsere Speere konnten ihm nichts anhaben. Und unsere Hände ebensowenig. Viele von denen, die es versucht haben, wurden von magischem Feuer vernichtet. Dann wurde er noch wütender, als er sah, daß wir Feuer benutzen. Er hat sie alle gelöscht. Anschließend bestieg er wieder den roten Dämon und drohte damit, alle Kinder im Dorf zu töten, sollten wir wieder ein Feuer entzünden. Mittels Zauberkraft ließ er Siddin durch die Lüfte schweben und klemmte ihn sich unter den Arm. Als Geschenk für einen Freund, wie er sagte. Und dann flog er fort. Und wo waren du und dein Schwert?«
Savidlin hatte Tränen in den Augen. Kahlan preßte gegen den reißenden Schmerz in ihrem Herzen die Hand an die Brust. Sie wußte, für wen das Geschenk bestimmt war.
Der Mann spuckte Richard an. Savidlin wollte auf ihn losgehen, doch Richard hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.
»Ich habe die Stimmen der Seelen eurer Vorfahren gehört«, erklärte Savidlin. »Er kann nichts dafür!«
Kahlan legte den Arm um Savidlin und tröstete ihn. »Sei stark. Wir haben ihn einmal gerettet, als er verloren schien. Wir werden ihn wieder retten.«
Er nickte tapfer. Sie zog sich zurück. Richard erkundigte sich leise, was sie Savidlin erzählt hatte.
»Eine Lüge«, antwortete sie. »Um seinen Schmerz zu lindern.«
Richard nickte. Er hatte verstanden. Er wandte sich an den Mann mit dem Speer.
»Zeige mir die Toten«, sagte er emotionslos.
»Wozu?« wollte der Mann wissen.
»Damit ich nie vergesse, warum ich den töten werde, der dies getan hat.«
Der Mann sah kurz wütend zu den Ältesten hinüber, dann führte er sie alle in die Mitte des Dorfes. Kahlan setzte ihren leeren Gesichtsausdruck auf. Sie hatte solche Anblicke bereits viel zu oft gesehen, in anderen Dörfern, an anderen Orten. Wie erwartet war es das gleiche wie immer. Aufgereiht vor einer Wand lagen die zerfetzten und zerstückelten Leichen von Kindern, die verkohlten Leichen der Männer, die toten Frauen, einige ohne Arme, ohne Kiefer. Die Nichte des Vogelmannes war unter ihnen. Richard zeigte keine Regung, als er durch das Chaos aus kreischenden und klagenden Menschen schritt, vorbei an den Toten, die er betrachtete wie die Ruhe im Auge eines Wirbelsturmes. Oder ein Blitz kurz vor dem Einschlag, dachte Kahlan.
»Sieh an, was du uns beschert hast«, zischte der Mann. »Das ist deine Schuld!«
Richard sah, wie einige nickten, und blickte dem Mann mit dem Speer in die Augen. Seine Stimme war sanft.
»Gib mir ruhig die Schuld, wenn dieser Gedanke deinen Schmerz lindert. Ich ziehe es vor, die Schuld dem zu geben, an dessen Händen noch das Blut klebt.« Er sprach zum Vogelmann und den anderen Dorfältesten. »Benutzt kein Feuer, bis das hier vorbei ist. Das würde ihn nur zu weiterem Gemetzel reizen. Ich schwöre, ich werde diesen Mann aufhalten oder bei dem Versuch ums Leben kommen. Vielen Dank für eure Hilfe, meine Freunde.«
Er warf Kahlan einen stechenden Blick zu. In seinen Augen spiegelte sich die Wut über das gerade Gesehene. Er biß die Zähne zusammen. »Suchen wir diese Hexe.«
Sie hatten keine Wahl. Aber sie hatte schon von Shota gehört.
Sie würden sterben.
Ebensogut konnten sie Darken Rahl bitten, ihnen zu sagen, wo das Kästchen zu finden war.
Kahlan ging zum Vogelmann und schlang ihm plötzlich die Arme um den Hals.
»Vergiß mich nicht«, flüsterte sie.
Als sie sich trennten, ließ der Vogelmann den Blick über die Menge schweifen. Er wirkte abgespannt. »Die beiden brauchen jemanden, der sie sicher an den Rand unseres Gebietes bringt.«