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Savidlin trat sofort vor. Ohne Zögern stellte sich eine Gruppe von zehn seiner besten Jäger hinter ihn.

29

Plötzlich drehte sich Prinzessin Violet um und schlug Rachel ins Gesicht. Natürlich hatte Rachel nichts falsch gemacht. Es gefiel der Prinzessin einfach, sie zu schlagen, wenn sie es am wenigsten erwartete. Sie fand das komisch. Rachel versuchte nicht zu verbergen, wie weh es tat; war der Schmerz nicht groß genug, würde die Prinzessin noch einmal zuschlagen. Rachel legte die Hand auf die brennende Stelle, ihre Oberlippe zitterte, Tränen traten ihr in die Augen. Doch sie sagte nichts.

Prinzessin Violet wandte sich wieder der glänzenden, polierten Wand aus winzigen Holzschubladen zu, schob ihren dicklichen Finger durch einen Goldring, riß die nächste Lade auf und zog ein funkelndes, mit großen, blauen Steinen besetztes Silbergeschmeide hervor.

»Das hier ist hübsch. Halte mir die Haare hoch.«

Sie stellte sich vor den hohen, holzgerahmten Spiegel und bewunderte sich, während sie den Verschluß hinter ihrem feisten Hals einhakte und Rachel ihr stumpfes, langes, braunes Haar zur Seite hielt. Rachel betrachtete sich im Spiegel und untersuchte den roten Fleck auf ihrem Gesicht. Sie fand ihr Bild im Spiegel widerwärtig, haßte ihr Haar, das die Prinzessin ständig stutzte. Natürlich war ihr nicht gestattet, die Haare wachsen zu lassen, sie war schließlich ein Niemand. Doch wie gerne hätte sie es sich wenigstens gleichmäßig geschnitten. Zwar trug fast jeder das Haar kurz geschoren, aber wenigstens gleichmäßig. Die Prinzessin liebte es, ihr die Haare zu schneiden und sie völlig zu verfransen. Prinzessin Violet fand es schön, wenn andere Rachel häßlich fanden.

Rachel verlagerte das Gewicht auf den anderen Fuß und bewegte den Knöchel, um die Steifheit zu vertreiben. Sie hatten den gesamten Nachmittag im Juwelenzimmer der Königin verbracht. Die Prinzessin hatte ein Schmuckstück nach dem anderen anprobiert und sich dann vor dem großen Spiegel geziert hin und her gedreht. Es war ihre Lieblingsbeschäftigung, den Schmuck der Königin anzuprobieren und sich dann im Spiegel zu bewundern. Als ihre Gespielin war Rachel gezwungen, ihr Gesellschaft zu leisten, damit sich die Prinzessin auch ganz bestimmt amüsierte. Dutzende winziger Laden standen offen, einige mehr, andere weniger. Halsketten und Armreifen hingen halb heraus wie glitzernde Zungen. Weitere lagen auf dem Boden zwischen Broschen, Diademen und Ringen verstreut.

Die Prinzessin rümpfte die Nase und zeigte auf einen Ring mit einem blauen Stein, der auf dem Boden lag. »Gib mir den da.«

Rachel schob ihn über den Finger, den sie ihr vors Gesicht hielt, anschließend betrachtete sich die Prinzessin im Spiegel und drehte die Hand mal hier-, mal dorthin. Sie strich mit der Hand über das hübsche hellblaue Seidenkleid und bewunderte den Ring. Mit einem langen, gelangweilten Seufzer schritt sie hinüber zu dem ausgefallenen weißen Marmorpodest, das allein in der gegenüberliegenden Ecke des Juwelenzimmers stand, und betrachtete das Lieblingsobjekt ihrer Mutter, um das sie zu jeder Gelegenheit herumscharwenzelte.

Prinzessin Violet streckte die dicklichen Finger aus und nahm das mit Gold und Juwelen überzogene Kästchen von seinem Ehrenplatz.

»Prinzessin Violet!« platzte Rachel heraus, bevor sie Zeit hatte, nachzudenken. »Eure Mutter hat gesagt, das dürft Ihr auf keinen Fall anfassen!«

Die Prinzessin setzte eine Unschuldsmiene auf, drehte sich um und schmiß ihr das Kästchen zu. Rachel stockte der Atem. Sie fing das Kästchen, aus Angst, es könnte gegen die Wand prallen. Entsetzt hielt sie es in den Händen und setzte es ab wie ein glühendes Stück Kohle. Sie wich zurück, aus Angst, man könnte sie allein deswegen züchtigen, weil sie in der Nähe des Schatzkästchens der Königin gesehen worden war.

»Was soll die Aufregung?« fuhr Prinzessin Violet sie an. »Magie verhindert, daß es aus diesem Raum entfernt werden kann. Das klaut doch keiner.«

Von der Magie wußte Rachel nichts, sie wußte nur, daß sie nicht in der Nähe des Kästchens der Königin erwischt werden wollte.

»Ich gehe runter in den Speisesaal«, sagte die Prinzessin und reckte die Nase in die Höhe. »Ich will sehen, wie die Gäste eintreffen und auf das Abendessen warten. Räum hier auf, und dann geh in die Küche und sag den Köchen, daß ich meinen Braten nicht zäh wie Leder wünsche wie beim letzten Mal, oder ich sage meiner Mutter, sie soll sie auspeitschen lassen.«

»Natürlich, Prinzessin Violet.« Rachel machte einen Knicks.

Die Prinzessin hielt die Nase in die Höhe gereckt. »Und weiter?«

»Und … vielen Dank, Prinzessin Violet, daß Ihr mich mitgenommen habt und ich sehen durfte, wie hübsch Ihr mit dem Schmuck ausschaut.«

»Nun, das ist das mindeste, was ich tun kann. Du mußt es doch leid sein, dein häßliches Gesicht im Spiegel anzustieren. Meine Mutter sagt immer, wir müssen nett sein zu den weniger Glücklichen.« Sie griff in ihre Tasche und holte etwas heraus. »Hier. Nimm den Schlüssel und schließ die Tür ab, wenn du mit dem Aufräumen fertig bist.«

Rachel machte wieder einen Knicks. »Ja, Prinzessin Violet.«

Während sich der Schlüssel noch in ihre ausgestreckte Hand senkte, flog die andere Hand der Prinzessin aus dem Nichts und schlug Rachel unerwartet hart ins Gesicht. Wie gelähmt stand sie da, während Prinzessin Violet das Zimmer verließ und dabei schrill und verächtlich lachte. Prinzessin Violets Lachen schmerzte fast so wie die Ohrfeige.

Tränen kullerten ihr aus den Augen, während sie auf Händen und Knien über den Boden kroch und ganze Hände voller Ringe vom Teppich klaubte. Sie hielt kurz inne, setzte sich auf und berührte mit den Fingerspitzen vorsichtig die Stelle, wo sie geschlagen worden war. Es tat höllisch weh.

Rachel vermied es, in der Nähe des Kästchens der Königin zu arbeiten, betrachtete es aus den Augenwinkeln, hatte Angst, es zu berühren und wußte doch, daß sie es mußte. Sie mußte es zurückstellen. Sie ließ sich Zeit, legte den Schmuck sorgfältig an seinen Platz zurück, drückte die Laden bedachtsam zu und hoffte, nie zum Ende zu kommen, damit sie das Kästchen nicht aufzuheben brauchte, der Königin ein und alles in dieser Welt. Die Königin wäre alles andere als amüsiert, wenn sie erfuhr, daß irgendein Niemand es berührt hatte. Rachel wußte, die Königin ließ ständig jemandem den Kopf abschlagen. Manchmal zwang die Prinzessin Rachel mitzugehen und zuzuschauen, doch Rachel schloß immer die Augen. Die Prinzessin nicht.

Als aller Schmuck verstaut war, die letzte Lade geschlossen, riskierte sie aus den Augenwinkeln einen Blick auf das am Boden liegende Kästchen. Sie fühlte sich von ihm beobachtet, so als könne es sie bei der Königin verpetzen. Schließlich hockte sie nieder und packte es mit aufgerissenen Augen. Die Arme von sich gestreckt, schob sie die Füße vorsichtig über die Teppichkanten, aus Angst, sie könnte es irgendwie fallen lassen. Sie stellte das Kästchen so langsam es ging an seinen Ort zurück, vorsichtig, ganz vorsichtig, so als fürchtete sie, ein Stein oder sonst was könnte herausfallen. Dann zog sie schnell die Finger zurück und war erleichtert.

Das erste was sie sah, als sie sich umdrehte, war der Saum eines silbernen Umhanges, der den Boden berührte. Die Luft blieb ihr weg. Sie hatte keine Schritte gehört. Langsam, fast widerwillig, hob sie den Blick bis zu den Händen, dann weiter bis zu dem langen, weißen, spitzen Bart, dem knochigen Gesicht, der Hakennase, dem kahlen Schädel und den finsteren Augen, die auf ihr entsetztes Gesicht herabblickten.

Der Zauberer.

»Zauberer Giller«, greinte sie in der sicheren Erwartung, jeden Augenblick totgeschlagen zu werden. »Ich wollte es nur zurückstellen. Ich schwöre es. Bitte, bitte, töte mich nicht.« Sie verzog vor Anstrengung das Gesicht, wollte zurückweichen, doch ihre Füße weigerten sich. »Bitte.« Sie stopfte sich den Saum ihres Kleides in den Mund und kaute jammernd darauf herum.