Выбрать главу

Alle lachten. Rachel nicht. Sie wußte, was es hieß, zu frieren und zu hungern.

»Lords und Ladies«, die Königin kicherte, »hatte ich euch nicht königliches Amüsement versprochen? Der Trank der Erleuchtung ermöglicht es uns zu erkennen, welch selbstsüchtiger Narr dieser Mann in Wahrheit ist. Stellt euch nur vor, er glaubt, es sei in Ordnung, am Hunger anderer zu gewinnen. Er will seinen Nutzen über das Leben seiner Mitmenschen stellen. Aus Gier würde er die Hungernden ermorden.«

Alle lachten mit der Königin.

Die Königin schlug mit der Hand auf den Tisch. Teller hüpften und einige Gläser stürzten um, so daß sich rote Flecken auf der weißen Tischdecke ausbreiteten. Alle verstummten, nur der kleine Köter blaffte den Mann an. »Genau dieser Art von Gier wird mit Hilfe der Volksarmee des Friedens ein Ende bereitet werden, sobald sie einrückt, um uns von den Blutsaugern zu befreien, die uns allen das Blut aus den Adern saugen!« Das feiste Gesicht war so rot wie die Flecken auf dem Tischtuch.

Alle johlten und applaudierten lange. Die Königin lehnte sich zurück. Schließlich lächelte sie.

Das Gesicht des Mannes war so gerötet wie ihres. »Es ist doch seltsam. Jetzt, da alle Höfe und die Arbeiter in der Stadt für das Allgemeinwohl arbeiten, gibt es weder genügend Waren wie früher noch genug zu essen.«

Die Königin sprang auf. »Natürlich nicht!« kreischte sie. »Wegen dieses gierigen Packs wie dir!« Sie mußte ein paarmal tief durchatmen, bis ihr Gesicht nicht mehr ganz so rot war, dann wandte sie sich an die Prinzessin. »Violet, Liebes, früher oder später mußt du die Staatsgeschäfte lernen. Du mußt lernen, wie man dem Allgemeinwohl des ganzen Volkes dient, also werde ich diese Angelegenheit in deine Hände legen, damit du Erfahrungen sammeln kannst. Was würdest du mit diesem Verräter an seinen Mitbürgern machen? Entscheide du, Liebes, und es wird geschehen.«

Prinzessin Violet stand auf. Lächelnd sah sie sich um.

»Mein Urteil«, sagte sie, beugte sich ein wenig vor, über den Tisch und betrachtete den großen Mann in Ketten, »mein Urteil lautet, runter mit seinem Kopf!«

Wieder johlten und applaudierten alle. Wachen schleiften den Mann fort, der die Leute mit Beschimpfungen bedachte, die Rachel nicht verstand. Er tat ihr leid — und seine Familie auch.

Nachdem sich die Leute lange unterhalten hatten, beschlossen sie, sich gemeinsam die Enthauptung des Mannes anzusehen. Als die Königin aufbrach und Prinzessin Violet sich zu ihr umdrehte und meinte, es sei Zeit, zu gehen und zuzuschauen, baute Rachel sich mit geballten Fäusten an der Seite vor ihr auf.

»Ihr seid wirklich gemein. Das war wirklich gemein, den Mann köpfen zu lassen.«

Die Prinzessin stemmte die Hände in die Hüften. »Ach, wirklich? Na schön, dann kannst du die Nacht heute im Freien verbringen!«

»Aber Prinzessin Violet, heute nacht ist es draußen so kalt!«

»Während du frierst, kannst du darüber nachdenken, daß du es gewagt hast, mit mir in diesem Ton zu sprechen! Damit du beim nächsten Mal daran denkst, bleibst du auch noch morgen den ganzen Tag und die ganze Nacht draußen!« Ihr Gesicht war fies, genau wie manchmal das der Königin. »Das sollte dir etwas Respekt beibringen.«

Rachel wollte noch etwas sagen, aber dann fiel ihr die Kummerpuppe ein, und sie wollte gehen. Die Prinzessin zeigte auf den Bogen, der zur Tür führte.

»Geh schon. Sofort, ohne Abendessen.« Sie stampfte mit dem Fuß auf.

Rachel sah zu Boden und tat, als wäre sie traurig. »Ja, Prinzessin Violet.« Sie machte einen Knicks.

Mit gesenktem Kopf ging sie durch den Bogen und den breiten Flur entlang mit all den Teppichen an den Wänden. Sie sah sich die Bilder auf den Teppichen gerne an, doch diesmal hielt sie den Kopf gesenkt, für den Fall, daß die Prinzessin sie beobachtete. Sie wollte ihr nicht zeigen, wie glücklich sie war, rausgeschmissen worden zu sein. Wachen in glänzenden Brustpanzern mit Schwertern und Lanzen öffneten die riesigen, hohen Eisentore ohne ein Wort. Sie sagten nie etwas zu ihr, wenn sie sie hinausoder hereinließen. Sie wußten, sie war die Gespielin der Prinzessin, ein Niemand.

Als sie draußen war, versuchte sie, nicht allzuschnell zu gehen — falls jemand sie beobachtete. Der Stein unter ihren nackten Füßen war kalt wie Eis. Vorsichtig, beide Hände unter die Achseln geklemmt, um die Finger warm zu halten, stieg sie die breiten Stufen und Terrassen hinab, eine nach der anderen, um nicht hinzufallen, und erreichte schließlich den gepflasterten Weg am unteren Ende. Draußen patrouillierten weitere Wachen, doch die beachteten sie nicht. Je näher sie den Gärten kam, desto schneller lief sie.

Auf dem Hauptweg im Garten wurde Rachel langsamer und wartete, bis die Wachen ihr den Rücken zukehrten. Die Kummerpuppe war genau da, wo Giller gesagt hatte. Sie steckte den Feuerstab ein und drückte die Puppe, so fest sie konnte, bevor sie sie hinter ihrem Rücken versteckte. Ganz leise sagte sie ihr, sie solle still sein. Sie konnte es nicht erwarten, zu ihrer Launenfichte zu kommen, damit sie der Puppe erzählen konnte, wie gemein Prinzessin Violet war, weil sie den Mann hatte enthaupten lassen. Sie sah sich in der Dunkelheit um. Niemand beobachtete sie, niemand war in Sicht, der ihr die Puppe wegnehmen wollte. An der Außenmauer patrouillierten weitere Männer auf den Wehrgängen, und am Tor standen die Wachen der Königin steif in ihren reich verzierten Uniformen, ärmellosen, roten Hemden über ihrem Panzer, mit einem schwarzen Wolfskopf, dem Wahrzeichen der Königin, in der Mitte. Sie interessierten sich nicht einmal für das, was sie hinter dem Rücken hatte, als sie den schweren Eisenriegel anhoben und zwei von ihnen die ächzende Tür für sie aufzogen. Als sie hörte, wie der Riegel wieder an seinen Platz fiel und sie sah, daß ihr die Wachen auf der Mauer den Rücken zukehrten, da endlich fing sie strahlend an zu rennen. Es war ein weiter Weg.

Aus einem hohen, finsteren Turm sah er zu, wie sie ging. Er sah, wie sie durch die schwere Bewachung gelangte, ohne auch nur den geringsten Verdacht, das geringste Interesse zu erwecken. Wie ein Atemzug zwischen Reíßzähnen. Hinaus durch das Gartentor der Außenmauer, die zu allem entschlossene Armeen draußen und Verräter drinnen hielt, weiter über die Brücke, auf der Hunderte von Feinden in der Schlacht gefallen waren, ohne sie einnehmen zu können, sah er zu, wie sie über die Felder lief, barfuß, unbewaffnet, unschuldig, hinein in den Wald. Zu ihrem Versteck.

Rasend vor Wut klatschte Zedd seine Hände gegen die kalte Metallplatte. Die massive Steintür schloß sich langsam mit einem Knirschen. Auf dem Weg zu der niedrigen Mauer mußte er über die Leichen der D'Haraposten steigen. Seine Finger legten sich auf den vertrauten, glatten Stein. Er beugte sich vor und blickte unten auf die schlafende Stadt.

Von dieser hohen Mauer an der Bergflanke aus betrachtet, sah die Stadt durchaus friedlich aus. Er war jedoch bereits durch die Straßen geschlichen und hatte überall die Truppen gesehen. Truppen, die um den Preis vieler Menschenleben hier waren, auf beiden Seiten.

Aber das war nicht das Schlimmste.

Darken Rahl mußte hier gewesen sein. Zedd trommelte mit der Faust auf den Stein. Darken Rahl muß es gewesen sein, der sie eingenommen hatte.

Das feine Netz aus Schutzschirmen hätte halten müssen, aber das hatte es nicht. Er war zu viele Jahre fort gewesen. Und ein Narr. »Nichts ist jemals einfach«, flüsterte der Zauberer.