Der Pfad war gut begehbar, fast eine Straße, und die Dreiergruppe eine Seite an Seite, Richard in der Mitte, Zedd zu seiner Linken, Kahlan zu seiner Rechten. Der Kater steckte seinen Kopf aus Richards Rucksack heraus und sah sich um. Diese Art zu reisen hatte er schon als kleines Kätzchen genossen. Der Mond war hell und beleuchtete den Weg. Richard entdeckte einige vor dem Nachthimmel aufragende Launenfichten, aber anhalten kam nicht in Frage. Sie mußten fort von hier. Es war kalt, doch weil sie so schnell gingen, wurde ihm bald warm. Kahlan zog ihren Umhang fest um sich.
Nach ungefähr einer halben Stunde ließ Zedd sie anhalten. Er griff in sein Gewand und holte eine kleine Handvoll Pulver hervor. Er warf es nach hinten auf den Pfad, den sie gekommen waren. Silbrige Funken stoben aus seiner Hand und folgten ihrem Pfad zurück in die Dunkelheit. Leise klingelnd verschwanden sie um eine Biegung.
Richard wollte zurück. »Was war das?«
»Nur ein wenig Zauberstaub. Er wird unsere Spur verdecken, damit Rahl nicht weiß, wo wir entlanggegangen sind.«
»Er kann uns immer noch mit der Wolke verfolgen.«
»Ja, aber die verrät ihm nur grob die Gegend. Solange wir uns bewegen, wird sie ihm wenig nutzen. Nur wenn man irgendwo bleibt, wie du in meinem Haus, kann er einen jagen.«
Sie liefen weiter Richtung Süden. Der Pfad führte sie durch süß duftende Fichten und höher hinauf in das hügelige Land. Auf einer Anhöhe ließ sie ein Donner hinter ihnen plötzlich herumfahren. Hinter dem weiten Dunkel des Waldes sahen sie in der Ferne eine gewaltige Feuersäule gen Himmel schießen, rotes und gelbes Licht erhellte die Dunkelheit.
»Das ist mein Haus. Darken Rahl ist dort.« Zedd lächelte. »Sieht aus, als sei er verärgert.«
Kahlan berührte ihn an der Schulter. »Tut mir leid, Zedd.«
»Laß nur, meine Liebe. Es ist bloß ein altes Haus. Das hätten wir sein können.«
Kahlan drehte sich zu Richard, als sie weitergingen. »Weißt du, wohin wir gehen?«
Plötzlich wurde Richard klar, daß er es tatsächlich wußte. »Ja.« Er lächelte innerlich, war froh, die Wahrheit auszusprechen.
Die drei Gestalten flohen in die dunklen Schatten des Pfades, hinein in die Nacht.
Hoch über ihren Köpfen sahen zwei riesige, geflügelte Monster mit grün glühenden Augen zu. Sie warfen sich in einen steilen, geräuschlosen Sturzflug. Die Flügel des Tempos wegen eingezogen, stürzten sie hinab auf ihre Opfer.
11
Der Kater war es, der ihn rettete. Er jaulte und sprang vor Entsetzen über Richards Kopf. Er mußte sich ducken. Nicht tief genug, daß der Gar ihn verfehlte, doch ausreichend, daß er nicht die volle Wucht abbekam. Trotzdem rissen die Krallen schmerzhaft über seinen Rücken und stießen ihn, alle viere von sich gestreckt, mit dem Gesicht nach unten in den Staub. Die Luft wurde ihm geräuschvoll aus den Lungen gepreßt. Bevor er Atem schöpfen konnte, stürzte sich der Gar auf seinen Rücken. Sein Gewicht hinderte ihn daran, Luft zu holen oder nach seinem Schwert zu greifen. Vor seinem Sturz hatte er gesehen, wie Zedd von einem zweiten Gar, der den alten Zauberer jetzt durchs Unterholz brechend verfolgte, zwischen die Bäume geschleudert wurde.
Richard machte sich auf die Krallen gefaßt, die folgen würden. Bevor der Gar ihn aufreißen konnte, bewarf Kahlan ihn mit Steinen vom Wegesrand her. Sie prallten harmlos vom Schädel des Monsters ab, aber es wurde für einen Augenblick abgelenkt. Der Gar röhrte mit klaffendem Maul, schien die Nachtluft mit dem Geräusch zerteilen zu wollen und nagelte Richard wie eine Maus unter der Pfote einer Katze am Erdboden fest. Richard versuchte, sich mit aller Kraft aufzurichten, seine Lungen rangen nach Luft. Blutmücken zerstachen ihm den Hals. Er griff hinter sich, riß im Versuch, den mächtigen Arm von seinem Rücken zu zerren, büschelweise Fell heraus. Nach der Größe zu urteilen, mußte es ein kurzschwänziger Gar sein. Er war viel größer als der Langschwänzige, den er auf dem Weg zu Zedd gesehen hatte. Das Schwert lag unter ihm, bohrte sich schmerzhaft in seinen Unterleib. Er kam nicht dran. Seine Halsadern schienen zu bersten.
Richard wurde schwarz vor Augen. Das Gellen und Röhren des Gars wurde schwächer, während er sich weiter abmühte. Kahlan geriet dem Untier zu nahe. Mit beängstigender Geschwindigkeit holte der Gar aus und packte sie am Haar. Dabei mußte das Monster sein Gewicht so weit verlagern, daß Richard verzweifelt nach Luft schnappen konnte, doch bewegen konnte er sich immer noch nicht. Kahlan schrie auf.
Aus dem Nichts sprang der Kater, ein wütendes Fellknäuel aus Fängen und Krallen, dem Gar ins Gesicht. Jaulend schlug der Kater dem Gar die Krallen wild in die Augen. Im einen Arm Kahlan haltend, hob er den anderen, um den Kater fortzuwischen.
In diesem Augenblick rollte Richard zur Seite, sprang auf die Füße und zog sein Schwert. Kahlan schrie auf. Richard holte wie rasend aus und schlug den Arm, der sie hielt, durch. Sie torkelte zurück und war frei. Aufheulend verpaßte ihm der Gar eine Rückhand, bevor er das Schwert hochreißen konnte. Der gewaltige Hieb warf ihn rücklings durch die Luft. Er landete auf dem Rücken.
Richard setzte sich auf. Alles drehte sich und schwankte. Das Schwert war verschwunden, lag irgendwo im Gestrüpp. Der Gar stand in der Mitte des Pfades, heulte vor Wut und Schmerz, während das Blut aus dem Stumpf schoß. Mit grün funkelnden Augen suchte er das Ziel seines Hasses. Die Augen erfaßten Richard. Kahlan war nirgendwo zu sehen.
Ein Stück weiter rechts, zwischen den Bäumen, leuchtete plötzlich ein blendender Blitz auf und erhellte alles mit grellem, weißem Licht. Das brutale Geräusch einer Explosion dröhnte ihm qualvoll in den Ohren. Der Druck des Knalls riß ihn von den Beinen, schleuderte ihn gegen einen Baum und holte den Gar von den Füßen. Feuerwolken quollen zwischen den Bäumen hervor. Riesige Splitter und andere Trümmer zischten rauchend vorbei.
Der Gar rappelte sich heulend auf. Richard suchte hektisch nach dem Schwert. Verzweifelt tastete er den Boden ab, vom Blitz der Explosion geblendet. Er konnte den Gar gerade noch kommen sehen.
Sein Zorn flammte auf. Er spürte die Kraft des Schwertes, das seinen Meister herbeizurufen schien. Er gierte danach. Dort mußte es liegen, auf der anderen Seite des Pfades. Er war so sicher, als könnte er es sehen. Er wußte genau, wo es lag. Fast so, als könnte er es berühren. Er kroch über den Pfad.
Auf halbem Weg verpaßte ihm der Gar einen harten Tritt. Er sah Dinge vorbeihuschen, ohne zu begreifen, was sie darstellten. Sicher war nur eins: jeder Atemzug rief einen heftigen Schmerz in seiner linken Seite hervor. Er hatte keine Ahnung, wo der Pfad sein mochte, oben oder unten, rechts oder links. Blutmücken schwirrten vor seinem Gesicht herum. Er fand keinen Halt. Doch wo das Schwert der Wahrheit lag, wußte er.
Er stürzte sich darauf.
Einen Augenblick lang berührte er es mit den Fingern. Einen Augenblick lang glaubte er Zedd zu sehen. Dann hatte ihn der Gar. Er packte ihn mit seiner Rechten und hüllte seine ekelhaften, warmen Flügel um ihn, drückte ihn fest an sich, bis seine Beine in der Luft zappelten. Der stechende Schmerz in seiner linken Brust ließ ihn aufschreien. Ein grünfunkelnder Blick brannte sich in seine Augen, das riesige Maul klappte auf und zeigte ihm sein Schicksal. Der gewaltige Rachen öffnete sich für ihn, hauchte ihm den fauligen Atem ins Gesicht, der schwarze Schlund wartete. Feuchte Reißzähne glänzten im Mondschein.
Mit all seiner Kraft trat Richard dem Gar mit dem Stiefel in den Stumpf seines Armes. Der warf den Kopf zurück, heulte vor Schmerz auf und ließ ihn fallen.
Zedd tauchte am Waldrand auf, fünf Meter hinter dem Gar. Richard ging in die Knie und griff nach dem Schwert. Zedd warf die Hände nach vorn, die Finger ausgestreckt. Feuer, Zaubererfeuer, schoß aus seinen Fingern und kreischte durch die Luft. Das Feuer wuchs und kugelte sich, erhellte im Vorbeiziehen alles ringsum, wurde zu einem blaugelben Ball aus flüssigen Flammen, die jaulend und sich ausbreitend zum Angriff übergingen. Ein lebendiges Wesen. Mit dumpfem Schlag trafen sie den Gar im Rücken und verwandelten das Monster in eine schwarze Silhouette. Innerhalb eines Atemzugs überspülten die blaugelben Flammen den Gar, hüllten ihn ein, brandeten durch ihn hindurch. Blutmücken verglühten zu Nichts. Flammen zischten und züngelten überall auf dem Wesen und fraßen es auf. Der Gar verschwand in blauer Feuerglut und war nicht mehr. Das Feuer bildete kurz einen Wirbel, dann war es ebenfalls verschwunden. Der Geruch nach verbranntem Fell und ein nebliger Rauch hingen in der Luft. Die Nacht war plötzlich still.