Richard brach erschöpft und unter Schmerzen zusammen. In die Striemen auf seinem Rücken hatte sich Schmutz und Schotter gerieben, und die Schmerzen in seiner linken Seite fraßen sich mit jedem Atemzug in ihn hinein. Er wollte nur daliegen, sonst nichts. Das Schwert lag immer noch in seiner Hand. Er ließ sich von der Kraft durchfluten, von ihr aufrichten. Der Zorn sollte ihn von den Schmerzen ablenken.
Mit seiner rauhen Zunge leckte ihm der Kater das Gesicht und drückte seinen Kopf gegen Richards Wange. »Danke, Kater«, brachte er hervor. Über ihm tauchten Zedd und Kahlan auf. Die beiden beugten sich über ihn, nahmen seine Arme und halfen ihm auf.
»Nein! So tut ihr mir weh. Laßt mich allein aufstehen.«
»Was ist?« fragte Zedd.
»Der Gar hat mich in die linke Seite getreten. Es tut weh.«
»Laß mich mal sehen.« Der alte Mann bückte sich und betastete vorsichtig Richards Rippen. Richard zuckte vor Schmerzen zusammen. »Nun, ich sehe keine hervorstehenden Knochen, so schlimm kann es nicht sein.«
Richard versuchte, nicht zu lachen, denn er ahnte den Schmerz. Er hatte recht. »Zedd, das war kein Trick. Diesmal war es Zauberei.«
»Diesmal war es Zauberei«, bestätigte der Zauberer. »Aber möglicherweise hat Darken Rahl es auch gesehen, wenn er hingeschaut hat. Wir müssen fort von hier. Lieg still und laß mich sehen, ob ich helfen kann.«
Kahlan kniete an seiner anderen Seite und hielt ihre Hand über seine, über jene Hand, die das Schwert, die Zauberkraft hielt. Als sie seine Hand berührte, spürte er eine Woge von Kraft aus dem Schwert, die ihn auffahren ließ und ihm fast den Atem raubte. Irgendwie hatte er das Gefühl, die Magie wolle ihn warnen und versuche, ihn zu beschützen.
Kahlan lächelte ihn an. Sie hatte nichts bemerkt.
Zedd legte eine Hand auf Richards Rippen und einen Finger unter sein Kinn, während er mit leiser, ruhiger Stimme auf ihn einsprach. Richard überließ Kahlan das Schwert und hörte Zedd zu. Sein alter Freund erklärte ihm, drei seiner Rippen seien verletzt, und er wolle sie in Zauberkraft hüllen, um sie zu stärken und zu schützen, bis sie verheilt wären. Er fuhr in seiner ganz eigenen Art fort und erzählte Richard, wie die Schmerzen gelindert werden, ohne jedoch ganz zu verschwinden, bis die Rippen wieder in Ordnung sein würden. Er sagte noch mehr, doch die Worte schienen irgendwie keine Rolle zu spielen. Als Zedd schließlich fertig war, fühlte sich Richard, als erwache er aus tiefem Schlaf.
Er setzte sich auf. Der Schmerz hatte stark nachgelassen. Er dankte dem Alten und stand auf. Er steckte das Schwert ein, hob den Kater hoch und bedankte sich noch einmal. Dann gab er Kahlan den Kater, damit sie ihn hielt, während er nach seinem Rucksack suchte. Er fand ihn am Wegesrand, wo er während des Kampfes gelandet war. Die Striemen auf seinem Rücken waren schmerzhaft; aber darum wollte er sich kümmern, wenn sie am Ziel ihres Weges waren. Als die beiden anderen wegsahen, nahm er den Zahn von seinem Hals und steckte ihn in die Tasche.
Richard fragte die beiden anderen, ob sie verletzt seien. Zedd schien die Frage zu beleidigen. Er versicherte, er sei nicht so gebrechlich, wie er aussehe. Kahlan meinte, es ginge ihr gut, und das hätte sie ihm zu verdanken. Richard meinte, nie mit ihr um die Wette Steine schmeißen zu wollen. Sie strahlte ihn an und packte den Kater in seinen Rucksack. Er sah, wie sie den Umhang aufhob und sich um die Schultern legte, und mußte daran denken, wie die Zauberkraft des Schwertes reagiert hatte, als sie seine Hand berührte.
»Wir brechen besser auf«, erinnerte Zedd sie.
Nach ungefähr einer Meile kreuzten sich verschiedene kleinere Pfade. Richard führte sie den gesuchten Weg hinab. Der Zauberer verstreute noch etwas von seinem Zauberstaub und verwischte so ihre Spur. Ihr Pfad war jetzt schmaler. Richard ging voraus, Kahlan in der Mitte, und Zedd bildete den Schluß. Alle drei hielten beim Gehen ein waches Auge auf den Himmel. Obwohl es unbequem war, lief Richard mit der Hand am Schwertgriff.
Schatten huschten im Mondlicht über die schwere Eichentür und ihre Angeln aus Bandeisen, sobald der Wind die Äste dicht an das Haus neigte. Kahlan und Zedd wollten nicht über den spitzenbewehrten Zaun klettern, daher hatte Richard sie auf der anderen Seite warten lassen. Er hatte gerade die Hand gehoben, um an die Tür zu klopfen, als eine große Faust seine Haare packte, und ein Messer gegen seine Kehle gedrückt wurde. Er erstarrte.
»Chase?« flüsterte er hoffnungsvoll.
Die Hand ließ sein Haar los. »Richard! Was schleichst du denn mitten in der Nacht herum? Du solltest nicht so dumm sein, dich an mein Haus heranzuschleichen.«
»Ich habe mich nicht angeschlichen. Ich wollte nur nicht das ganze Haus aufwecken.«
»Du bist ja voller Blut. Wieviel davon ist deins?«
»Das meiste, wie ich leider gestehen muß. Chase, geh und schließ dein Tor auf. Draußen warten Kahlan und Zedd. Wir brauchen dich.«
Chase trat mit seinen nackten Füßen in irgend etwas hinein, schloß fluchend das Tor auf und führte alle ins Haus.
Emma Brandstone, Chases Frau, war eine nette, freundliche Frau, die immer ein Lächeln in ihrem strahlenden Gesicht hatte. Emma wäre lieber gestorben, als zu glauben, sie hätte jemandem angst gemacht, während für Chase ohne letzteres ein Tag nicht gut gelaufen war. In einer Hinsicht war Emma jedoch genau wie Chase. Nichts schien sie je zu überraschen oder durcheinanderzubringen. Ihre Gelassenheit zu dieser späten Stunde war typisch. Sie stand da in ihrem langen, weißen Kleid, ihr strähnig graues Haar zurückgebunden, und setzte Tee auf, während die anderen am Tisch Platz nahmen. Sie lächelte, als wäre es normal, mitten in der Nacht blutverschmierte Gäste zu empfangen. Bei Chase war es das gelegentlich sogar.
Richard hängte seinen Rucksack über seine Stuhllehne, nahm den Kater heraus und reichte ihn Kahlan. Sie setzte ihn auf ihren Schoß. Er begann sofort zu schnurren, als sie ihm den Rücken kraulte. Zedd setzte sich auf die andere Seite. Chase zog ein Hemd über seinen kräftigen Körper und zündete mehrere Lampen an, die an schweren Eichenbalken hingen. Chase hatte die Bäume selbst gefällt, die Balken herausgeschlagen und sie selber eingesetzt. In den einen waren die Namen der Kinder eingeschnitzt. Hinter seinem Stuhl befand sich eine Feuerstelle aus Steinen, die er im Laufe der Jahre auf seinen Reisen gesammelt hatte. Jeder war einzigartig in Form, Farbe und Beschaffenheit. Jedem, der zuhörte, erzählte Chase, woher die einzelnen Steine stammten und welchen Schwierigkeiten er beim Sammeln begegnet war. Eine einfache Holzschale mit Äpfeln stand mitten auf dem groben Fichtentisch.
Emma nahm die Schale mit Äpfeln vom Tisch und stellte statt dessen eine Kanne mit Tee und einen Topf mit Honig darauf, dann verteilte sie Becher. Sie sagte Richard, er solle sein Hemd ausziehen und seinen Stuhl herumdrehen, damit sie seine Wunden säubern konnte, eine Aufgabe, die ihr nicht unvertraut war. Mit einer harten Bürste und heißem Seifenwasser schrubbte sie seinen Rücken, als reinige sie einen verkrusteten Kessel.
Richard biß die Zähne zusammen, während sie ihn bearbeitete. Sie entschuldigte sich bei ihm für die Schmerzen, die sie ihm bereitete, meinte aber, sie müsse sämtlichen Schmutz entfernen, sonst wäre es hinterher noch schlimmer. Als sie fertig war, tupfte sie ihm den Rücken mit einem Handtuch trocken und trug eine kühlende Salbe auf, während Chase ihm ein sauberes Hemd besorgte. Richard war glücklich, das Hemd überstreifen zu können, bot es doch wenigstens symbolischen Schutz vor ihrer weiteren Pflege.