Emma lächelte die drei Gäste an. »Mochte jemand etwas zu essen?«
Zedd hob seine Hand. »Nun, ich hätte nichts dagegen…« Richard und Kahlan warfen ihm einen vernichtenden Blick zu. Er sank auf seinen Stuhl zurück. »Nein, danke. Für uns nichts.«
Emma stand hinter Chase und fuhr ihm zärtlich mit den Fingern durch die Haare. Der durchlitt dabei unverhohlene Qualen, konnte die öffentliche Zurschaustellung von Gefühlen kaum ertragen. Schließlich beugte er sich vor und benutzte den Vorwand, Tee einzuschenken, um den Zärtlichkeiten ein Ende zu machen.
Chase legte die Stirn in Falten und schob den Honig über den Tisch. »Richard, solange ich dich kenne, hattest du ein Talent, Arger aus dem Weg zu gehen. In der letzten Zeit jedoch scheinst du ein wenig den Halt zu verlieren.«
Richard wollte gerade antworten, als Lee, eine der Töchter, in der Tür erschien und sich mit den Fäusten den Schlaf aus den Augen rieb. Chase warf ihr einen zornigen Blick zu. Als Antwort zog sie einen Schmollmund.
Chase seufzte. »Du bist bestimmt das häßlichste Kind, das ich je gesehen habe.«
Ihr Schmollmund verzog sich zu einem breiten Grinsen. Lee rannte zu ihm, schlang ihm die Arme ums Bein, legte ihm den Kopf aufs Knie und drückte ihn fest. Er strich ihr durchs Haar.
»Zurück ins Bett, Kleines.«
»Warte«, warf Zedd ein. »Lee, komm her.« Sie lief um den Tisch. »Mein alter Kater hat sich beschwert, daß er keine Kinder als Spielkameraden hat.« Lee riskierte einen Blick auf Kahlans Schoß. »Kennst du vielleicht irgendwelche Kinder, die er besuchen könnte?«
Das Mädchen bekam große Augen. »Er kann doch hierbleiben, Zedd! Bei uns hätte er Spaß!«
»Wirklich? Nun, dann soll er hierbleiben und euch besuchen.«
»Also gut, Lee«, meinte Emma, »und jetzt ab ins Bett mit dir.«
Richard sah auf. »Könntest du mir einen Gefallen tun, Emma? Hast du irgendwelche Kleidung, die du Kahlan borgen könntest?«
Emma betrachtete Kahlan und nahm Maß. »Nun, ihre Schultern sind zu breit für meine Kleider, und ihre Beine zu lang, aber die älteren Mädchen haben Sachen, die, glaube ich, ganz gut passen werden.« Sie lächelte Kahlan freundlich zu und reichte ihr eine Hand. »Komm, meine Liebe, sehen wir, was sich finden läßt.«
Kahlan reichte Lee den Kater und nahm sie bei der Hand. »Hoffentlich macht der Kater keinen Ärger. Er besteht darauf, mit dir in einem Bett zu schlafen.«
»Ach was«, meinte Lee voller Ernst, »das ist schon in Ordnung.«
Die beiden verließen das Zimmer. Emma schloß augenzwinkernd die Tür.
Chase nippte an seinem Tee. »Nun?«
»Nun, du weißt, daß mein Bruder von einer Verschwörung gesprochen hat? Es ist schlimmer als er vermutet.«
»Tatsächlich?« meinte Chase nichtssagend.
Richard zog das Schwert der Wahrheit aus seiner Scheide und legte es zwischen sie auf den Tisch. Die polierte Klinge funkelte. Chase beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und nahm das Schwert in die nach oben offene Hand. Er ließ es in seine Handflächen rollen, betrachtete es von nahem, strich mit dem Finger über das Wort WAHRHEIT auf dem Heft und entlang der Vertiefung zu beiden Seiten der Klinge, probierte ihre Schärfe. Außer einer gewissen Neugier ließ er sich nichts anmerken.
»Nicht ungewöhnlich für ein Schwert, einen Namen zu tragen. Normalerweise wird der Name jedoch in die Klinge graviert. Auf dem Heft habe ich den Namen noch nie gesehen.« Chase wartete auf Antwort.
»Du hast das Schwert schon einmal gesehen, Chase«, erinnerte ihn Richard. »Du weißt, um was es sich handelt.«
»Stimmt. Aber nicht von so nah.« Er hob den Kopf. Seine Augen waren dunkel und stechend. »Das Entscheidende ist, was tust du damit, Richard?«
Richard erwiderte den Blick mit gleicher Eindringlichkeit. »Ein großer und nobler Zauberer hat es mir gegeben.«
Chase runzelte die Stirn und fragte Zedd sachlich: »Welche Rolle spielst du dabei, Zedd?«
Zedd beugte sich vor, die dünnen Lippen zu einem kleinen Lächeln verzogen. »Ich war es, der es ihm gegeben hat.«
Chase lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, schüttelte langsam den Kopf. »Gelobt seien die Seelen«, flüsterte er. »Ein echter Sucher. Endlich.«
»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte Richard. »Ich muß einige Dinge über die Grenze wissen.«
Chase stieß einen tiefen Seufzer aus, stand auf und ging zum Kamin. Er stützte seinen Arm auf den Sims und starrte in die Flammen. Die beiden anderen warteten, während der kräftige Mann auf der Suche nach den richtigen Worten am derben Holz des Simses bohrte.
»Richard, ist dir klar, worin meine Aufgabe besteht?«
Richard zuckte mit den Achseln. »Die Leute zu ihrem eigenen Besten von der Grenze fern zu halten.«
Chase schüttelte den Kopf. »Weißt du, wie man Wölfe los wird?«
»Man zieht los und jagt sie, nehme ich an.«
Wiederum schüttelte der Grenzposten seinen Kopf. »Damit erwischt man vielleicht ein paar, aber es würden immer weitere geboren, und am Ende wären es genauso viele wie zuvor. Wenn du Wölfe wirklich loswerden willst, mußt du Jagd auf ihre Nahrung machen. Du fängst Kaninchen, sozusagen. Das ist einfacher. Gibt es weniger Nahrung, werden weniger Jungtiere geboren. Am Ende hast du weniger Wölfe. Genau das tue ich. Ich mache Jagd auf Kaninchen.«
Richard spürte, wie ihn eine Woge der Angst durchflutete.
»Die meisten Leute verstehen weder die Grenze noch unsere Aufgabe. Sie glauben, wir sind irgendeine dämliche Truppe, die für die Einhaltung bestimmter Gesetze sorgen soll. Viele fürchten sich vor der Grenze, meist ältere Menschen. Wieder andere glauben zu wissen, was für sie am besten ist und gehen dorthin, um zu wildern. Sie haben keine Angst vor der Grenze, also machen wir ihnen wenigstens angst vor den Posten. Das ist für sie etwas Wirkliches. Wir sorgen dafür, daß es so bleibt. Es gefällt ihnen nicht, aber aus Angst vor uns bleiben sie fort. Ein paar betrachten es als Spiel. Sie wollen herausfinden, ob sie damit durchkommen. Wir fangen wohl kaum alle. Genaugenommen ist es uns egal. Aber uns ist nicht egal, ob wir genügend fangen, damit die Wölfe an der Grenze nicht ausreichend Kaninchen haben, um immer stärker zu werden.
Wir schützen die Leute, aber nicht indem wir sie daran hindern, ins Grenzgebiet zu gehen. Wer so dumm ist, dem können wir auch nicht mehr helfen. Unsere Aufgabe ist es, die Mehrheit von der Grenze fernzuhalten, und dafür zu sorgen, daß sie selbst undurchlässig bleibt, damit die Wesen innerhalb des Gebietes nicht herauskommen und sich über alle anderen hermachen. Sämtliche Posten haben Wesen gesehen, die sich hatten befreien können. Wir verstehen das, andere nicht. In der letzten Zeit konnten sich immer mehr Wesen befreien. Die Regierung deines Bruders bezahlt uns vielleicht, aber begreifen tut sie fast nichts. Unsere Loyalität gilt weder ihr noch irgendwelchen Gesetzen. Unsere einzige Pflicht ist es, die Menschen vor den Wesen aus der Finsternis zu schützen. Wir betrachten uns als unabhängig. Befehle nehmen wir nur entgegen, wenn sie uns nicht an unserer Arbeit hindern. Dadurch bleibt alles im freundlichen Rahmen. Doch wenn die Zeit kommt, werden wir nur noch unsere eigenen Ziele verfolgen und unseren eigenen Befehlen gehorchen.«
Er setzte sich wieder an den Tisch und stützte die Ellenbogen auf. »Letzten Endes gibt es nur einen, dessen Befehlen wir gehorchen werden, weil unsere Sache ein Teil seiner größeren Sache ist. Und dieser eine ist der echte Sucher.« Er ergriff das Schwert mit seinen großen Händen, blickte Richard in die Augen und hielt es ihm hin. »Mein Leben und meine Loyalität gehören dem Sucher.«
Richard lehnte sich bewegt zurück. »Ich danke dir, Chase.« Er sah kurz zum Zauberer hinüber, dann wieder zum Grenzposten. »Wir werden dir jetzt erzählen, was bisher geschehen ist, und dann sage ich dir, was ich tun möchte.«