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Richard und Zedd teilten sich die Erzählung. Chase sollte alles erfahren. Er sollte begreifen, daß halbherzige Bemühungen keinen Sinn hatten, daß es um Sieg ging oder Tod, und zwar auf Darken Rahls und nicht ihr Betreiben hin. Während sie erzählten, blickte Chase vom einen zum anderen. Er begriff, wie ernst es ihnen war. Als von der Magie der Ordnung die Rede war, wirkte er verbittert. Sie brauchten ihn nicht zu überzeugen; er hatte bereits mehr gesehen, als sie vielleicht je erfahren würden. Er stellte einige Fragen und hörte aufmerksam zu.

Die Geschichte, wie Zedd mit dem Pöbel umgesprungen war, gefiel ihm dagegen. Sein donnerndes Lachen füllte den Raum und ihm kamen die Tränen.

Die Tür ging auf, und Kahlan und Emma traten ins Licht. Kahlan war in feine Waldkleider gehüllt, in dunkelgrüne Hosen mit weitem Gürtel, ein hellbraunes Hemd, einen dunklen Umhang. Dazu trug sie einen guten Rucksack. Stiefel und Hüfttasche waren ihre eigenen. Sie schien wie geschaffen für ein Leben im Wald. Dennoch, ihr Haar, ihr Gesicht, ihr Körper und mehr noch ihre Haltung verrieten, wieviel mehr als das sie war.

Richard stellte sie Chase vor. »Meine Führerin.«

Chase zog die Augenbrauen hoch.

Emma erblickte das Schwert. An ihrem Gesichtsausdruck erkannte Richard, daß sie verstand. Sie stellte sich wieder hinter ihren Gatten, berührte jedoch nicht sein Haar, sondern legte ihm schlicht eine Hand auf die Schulter. Sie wollte in seiner Nähe sein. Dieser nächtliche Besuch bedeutete Ärger. Richard schob das Schwert in die Scheide, und Kahlan setzte sich zu ihm, während er die Erzählung über die Ereignisse der Nacht beendete. Als er fertig war, saßen sie alle einige Minuten schweigend da.

»Wie kann ich dir helfen, Richard?« fragte Chase schließlich.

Richard sprach leise, aber bestimmt. »Verrate mir, wo der Paß ist.«

Chase hob scharf den Blick. »Welcher Paß?«

»Der Paß über die Grenze. Ich weiß, es gibt ihn, nur nicht genau wo, und zum Suchen habe ich keine Zeit.« Richard konnte auf diese Spielereien verzichten und spürte, wie sein Zorn wuchs.

»Wer hat dir das erzählt?«

»Beantworte die Frage, Chase!«

Sein Gegenüber lächelte verhalten. »Unter einer Bedingung: Ihr nehmt mich als Führer.«

Richard mußte an die Kinder denken. Chase war Gefahr gewöhnt, aber dies war etwas anderes. »Das ist nicht nötig.«

Chase warf Richard einen abschätzenden Blick zu. »Für mich schon. Der Ort ist gefährlich. Ihr drei wißt nicht, worauf ihr euch einlaßt. Ich werde euch nicht allein dorthin lassen. Und die Grenze fällt in meine Verantwortung. Wenn du es wissen willst, mußt du mich mitnehmen.«

Alles wartete, während Richard einen Augenblick überlegte. Chase bluffte nicht, und Zeit war kostbar. Richard blieb keine andere Wahl. »Chase, es wäre uns eine Ehre, dich bei uns zu haben.«

»Gut.« Er schlug mit der Hand auf den Tisch. »Der Paß wird Königspforte genannt. Er befindet sich in einer üblen Gegend mit dem Namen Southhaven. Zu Pferd vier, vielleicht fünf Tage, wenn wir den Händlerpfad nehmen. Du hast es eilig, also wirst du ihn nehmen wollen. In wenigen Stunden wird es hell. Ihr drei schlaft jetzt etwas. Emma und ich werden Vorräte zusammenpacken.«

12

Er schien gerade erst eingeschlafen zu sein, als Emma ihn weckte und zum Frühstück hinunterholte. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und im Haus regte sich noch nichts, aber die Hähne begrüßten das Heraufziehen des neuen Tages bereits mit lautem Krähen. Der Geruch von Essen machte ihn sofort hungrig. Emma, die nicht mehr ganz so strahlend lächelte wie am vergangenen Abend, tischte ein opulentes Frühstück auf und sagte, Chase hätte bereits gegessen und bepacke die Pferde. Richard hatte Kahlan in ihrem ungewöhnlichen Kleid bezaubernd gefunden, doch ihre neue Kleidung änderte daran nicht das geringste. Während Kahlan und Emma über Kinder sprachen, und Zedd ein Kompliment über das Essen nach dem anderen von sich gab, nahm Richard in Gedanken die bevorstehende Aufgabe in Angriff.

Plötzlich verdunkelte sich der Raum. Chase' Gestalt füllte den Türrahmen. Kahlan erschrak, als sie ihn sah. Er trug ein Kettenhemd über einem hellbraunen Gewand, derbe, schwarze Hosen, Stiefel und einen schwarzen Gürtel mit einer großen Silberschnalle, die mit dem Wappen der Grenzposten verziert war. Er hatte so viele Waffen bei sich, daß er eine kleine Armee hätte ausrüsten können. Bei einem gewöhnlichen Mann hätte das lächerlich gewirkt, bei Chase wirkte es furchterregend. Er war ein Bild offenkundiger Bedrohung. Chase wählte meist zwischen zwei Gesichtsausdrücken. Entweder setzte er eine Miene geheuchelten Desinteresses auf, oder aber er sah so aus, als wollte er sich ins Schlachtgetümmel stürzen. Heute hatte er sich für die zweite Miene entschieden.

Sie waren schon auf dem Weg nach draußen, als Emma Zedd ein Bündel reichte. »Gebratenes Huhn«, sagte sie. Er strahlte sie an und gab ihr einen Kuß auf die Stirn. Dann umarmte Kahlan Emma und versprach, die Kleider zurückzubringen. Richard beugte sich vor und drückte Emma ebenfalls herzlich an sich. »Seid vorsichtig«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Ihrem Gatten gab sie einen Kuß auf die Wange, den der großzügig über sich ergehen ließ.

Chase gab Kahlan ein langes, in einer Scheide steckendes Messer und trug ihr auf, es immer zu tragen. Richard fragte, ob er sich ebenfalls ein Messer ausleihen könne, da er seins zu Hause gelassen habe. Geschickt tastete sich Chase durch das Gewirr, zog ein Messer heraus und reichte es Richard.

Kahlan betrachtete die Waffen. »Meinst du, die brauchst du alle?«

Er lächelte sie schief an. »Wenn ich sie nicht mitnähme, ganz bestimmt.«

Die kleine Gruppe, geführt von Chase, dann Zedd, Kahlan und schließlich Richard als Nachhut, schlug auf dem Weg durch die Wälder Kernlands ein angenehmes Tempo an. Es war ein strahlender Herbstmorgen, und leichter Frost hing in der Luft. Ein Habicht kreiste in der Luft über ihren Köpfen. Am Anfang einer Reise ein Zeichen der Warnung. Im stillen hielt Richard das Zeichen für völlig überflüssig. Am späten Vormittag verließen sie das Kernlandtal und erreichten den oberen Ven Forest, stießen unterhalb des Trunt Lake auf den Händlerpfad und bogen nach Süden ab. Die Schlangenwolke verfolgte sie gemächlich. Richard war froh, sie von Chases Haus und seinen Kindern fortzuführen. Er machte sich lediglich Sorgen, weil sie für die Überquerung der Grenze so weit nach Süden reiten mußten. Zeit war kostbar. Chase war jedoch der Ansicht, es gäbe keinen anderen Paß.

Der Laubwald wich einem uralten Fichtenbestand. Der Pfad wurde zwischen den Bäumen zu einem regelrechten Hohlweg. Die Stämme ragten zu schwindelerregender Höhe auf, bevor sich die Äste verzweigten, und Richard kam sich im Schatten der alten Bäume winzig vor. Reisen hatte ihm immer gefallen. Er war oft unterwegs. Und jetzt passierten sie vertraute Orte, die der Reise alles Ungewöhnliche zu nehmen schienen. Und dennoch war diese Reise anders. Sie gelangten an Orte, an denen er noch nie gewesen war. Gefährliche Orte. Chase war besorgt und hatte sie gewarnt. Das allein gab Richard zu denken. Chase machte sich nicht grundlos Sorgen. Eher viel zu selten, wie Richard fand.

Richard beobachtete die drei anderen während des Ritts: Chase, ein schwarzer Umhang auf einem Pferd, bis an die Zähne bewaffnet, gefürchtet sowohl von denen, die er beschützte, wie von denen, die er jagte, doch seltsamerweise nicht von Kindern; der kleine, schmächtige Kerl von einem Zauberer, der dürre Zedd, bescheiden und kaum mehr als ein Lächeln, weißes Haar und seine schlichte Kleidung, zufrieden, nicht mehr als ein Bündel mit gebratenem Huhn bei sich zu haben, gleichzeitig jedoch Herrscher über das Feuer des Zauberers und wer weiß was noch; und Kahlan, mutig, entschlossen, Hüterin irgendeiner geheimen Kraft, entsandt, einen Zauberer zu erpressen, damit er den Sucher benennt. Alle drei waren seine Freunde, und trotzdem löste jeder auf seine Weise Unbehagen in ihm aus. Er fragte sich, wer gefährlicher war. Sie folgten ihm, ohne zu fragen, aber gleichzeitig führten sie ihn auch. Alle drei hatten geschworen, den Sucher mit ihrem Leben zu schützen. Und dennoch war die kleine Gruppe, jeder für sich oder alle zusammen, Darken Rahl keinesfalls ebenbürtig. Alles erschien so hoffnungslos.