Zedd hatte sich bereits über das Huhn hergemacht. In regelmäßigen Abständen warf er einen Knochen über seine Schulter. Nach einer Weile kam ihm der Gedanke, er könnte den anderen ein Stück anbieten. Chase lehnte ab. Er beobachtete unablässig die Umgebung. Der linken Seite des Pfades, zur Grenze hin, schenkte er besonderes Augenmerk. Die beiden anderen nahmen an. An dem Huhn war mehr dran, als Richard gedacht hatte. Als der Pfad breiter wurde, brachte er sein Pferd auf gleiche Höhe mit Kahlans und ritt neben ihr. Sie nahm ihren Umhang ab, da es wärmer geworden war, und lächelte ihn mit diesem besonderen Lächeln an, das sie nie jemand anderem schenkte.
Richard hatte eine Idee. »Zedd, kann ein Zauberer irgend etwas gegen diese Wolke unternehmen?«
Der alte Mann blinzelte nach oben, dann sah er wieder zu Richard hinüber. »Daran habe ich auch schon gedacht. Vielleicht, aber ich will noch ein wenig warten, bis wir weiter von Chase' Familie entfernt sind. Ich möchte die Verfolger nicht auf sie lenken.«
Am späten Nachmittag stießen sie auf ein altes Ehepaar. Waldleute, die Chase kannte. Die vier hielten ihre Pferde an, und der Grenzer sprach mit ihnen. Er saß entspannt auf seinem Roß, das Leder knarzte, und er hörte sich die Gerüchte über die Wesen an, die aus dem Grenzgebiet vordrangen. Richard wußte, das waren mehr als nur Gerüchte. Chase behandelte das Paar wie die meisten Leute mit Respekt, trotzdem hatten sie Angst vor ihm. Er versprach ihnen, sich um die Angelegenheit zu kümmern und riet ihnen, nachts im Haus zu bleiben.
Sie ritten bis lange nach Einbruch der Dunkelheit, bevor sie in einem Fichtenwäldchen ihr Nachtlager aufschlugen. Am nächsten Morgen waren sie schon unterwegs, als der Himmel hinter dem Grenzgebiet gerade erst hell wurde. Stellenweise gab es offene Wiesen, süß duftend in der Sonne. Ihre Reise führte sie nach Süden durch hügeliges Land. Ab und an entfernte sich die Straße von den Bergen der Grenze. Manchmal kamen sie an kleinen Höfen vorbei, deren Besitzer sich davonmachten, sobald sie Chase erblickten.
Das Land wurde weniger vertraut. Richard war nur selten so weit im Süden gewesen. Er hielt Ausschau und merkte sich im Vorbeireiten Orientierungspunkte: Nach einem kalten Mittagessen in der warmen Sonne schwenkten sie die Straße in Richtung der Berge ab, bis sie am Spätnachmittag der Grenze so nahe waren, daß sie immer wieder auf die grauen Skelette von Bäumen stießen, die die Schlingpflanze getötet hatte. Die Sonne erhellte den dichten Tann kaum. Chases Verhalten wurde abweisend, unnachgiebiger. Er beobachtete alles noch sorgfältiger. Mehrere Male stieg er ab, studierte, sein Pferd am Zügel führend, den Boden, las Spuren.
Sie überquerten einen Bach, der aus den Bergen strömte. Das Wasser floß träge dahin, war kalt und voller Schlamm. Chase hielt an, setzte sich und starrte angestrengt in die Schatten. Die anderen warteten, sahen sich an und blickten zur Grenze. Richard erkannte den Verwesungsgeruch wieder, der in der Luft hing: die Schlingpflanze. Der Grenzer führte sie noch ein Stück weiter, dann stieg er ab, ging in die Hocke und begutachtete den Boden. Als er sich erhob, reichte er Zedd die Zügel seines Pferdes. Er drehte sich zu ihnen um und sagte schlicht: »Wartet.« Sie sahen zu, wie er zwischen den Bäumen verschwand, und blieben still sitzen. Kahlans großes Pferd graste und schüttelte dabei Fliegen von seinem Fell.
Chase kehrte zurück, streifte die schwarzen Handschuhe über, und nahm Zedd die Zügel ab. »Ich möchte, daß ihr drei weiterreitet. Wartet nicht auf mich und haltet nicht an. Bleibt auf der Straße.«
»Was ist? Was hast du gefunden?« fragte Richard.
Chase drehte sich um und warf ihm einen finsteren Blick zu. »Die Wölfe haben ein Tier geschlagen. Ich werde die Reste vergraben und anschließend das Land zwischen euch dreien und der Grenze durchstreifen. Ich muß etwas überprüfen. Denkt daran, was ich gesagt habe. Haltet nicht an. Laßt eure Pferde nicht galoppieren, aber legt ein gutes Tempo vor und haltet die Augen offen. Kommt bloß nicht auf die Idee, umzukehren und nach mir zu suchen, falls ihr glaubt, ich sei schon zu lange fort. Ich weiß, was ich tue. Ihr würdet mich ohnehin nicht finden. Sobald ich kann, bin ich wieder bei euch. Bis dahin reitet ihr weiter. Und bleibt auf der Straße.«
Er stieg auf, riß sein Pferd herum und gab ihm die Sporen. Die Hufe warfen Klumpen feuchter Erde auf. »Reitet los!« rief Chase über die Schulter. Als er zwischen den Bäumen verschwand, sah Richard, wie er nach einem über seine Schulter geschnallten Kurzschwert griff. Er wußte, daß Chase log. Er hatte nicht vor, irgend etwas zu begraben. Richard gefiel der Gedanke nicht, seinen Freund so allein losreiten zu lassen, andererseits verbrachte Chase den größten Teil seines Lebens hier draußen an der Grenze und wußte, was er zu tun hatte und wie man sich schützen konnte. Richard blieb nichts anderes übrig, als sich auf sein Urteil zu verlassen.
»Ihr habt gehört, was er gesagt hat«, sagte der Sucher, »brechen wir auf.«
Die drei durchritten die Grenzwälder. Die nackten Felsen wurden größer und zwangen ihren Pfad mal hier-, mal dorthin. Die Bäume wurden stämmiger und höher und verbannten fast das ganze Sonnenlicht aus dem stillen Wald. Die Straße verwandelte sich in einen Tunnel durch das Dickicht. Richard gefiel nicht, wie nahe alles zu rücken schien. Er behielt die tiefe Schatten zu ihrer Linken im Auge, während sie eilig weiterritten. Zweige hingen über den Weg, und sie mußten sich beim Hindurchreiten ducken. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Chase durch einen derart dichten Wald reiten konnte. Als der Weg breit genug war, ritt Richard an Kahlans Linke, um sich zwischen sie und die Grenze schieben. Er hielt die Zügel mit links, um die Schwerthand frei zu haben. Sie hielt den Umhang eng um sich gerafft. Er sah trotzdem, daß sie eine Hand immer am Messer hatte.
Von links, noch weit entfernt, näherte sich heulend ein Rudel wolfsähnlicher Tiere — nur waren es keine Wölfe. Es waren irgendwelche Untiere aus dem Grenzgebiet.
Die drei rissen die Köpfe in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Die Pferde begannen zu scheuen und wollten fliehen. Sie mußten die Zügel raffen und ihnen gleichzeitig genügend Spielraum zum Traben lassen. Richard wußte, wie den Pferden zumute war. Er verspürte den Drang, sie laufen zu lassen, aber genau das hatte Chase ausdrücklich untersagt. Er muß einen Grund dafür gehabt haben, also hielt er sie zurück. Dann mischten sich Schreie unter das Geheul, die einem das Blut gerinnen und die Nackenhaare sich sträuben ließen. Es wurde schwieriger, sich zusammenzureißen und die Pferde zu zügeln. Das Gekreische bestand aus wilden, mordlustigen Schreien, gierig, verzweifelt. Die drei ritten fast eine Stunde im Trab, doch die Schreie schienen ihnen zu folgen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als weiterzureiten, und sich dabei das Geheul der wilden Ungetüme aus dem Grenzgebiet anzuhören.
Als er es nicht mehr aushielt, brachte Richard sein Pferd zum Stehen und blickte in den Wald. Chase war dort alleine mit diesen Viechern. Er konnte seinen Freund nicht länger damit alleine lassen, er mußte helfen.
Zedd drehte sich um. »Wir müssen weiterreiten, Richard.«
»Vielleicht steckt er in Schwierigkeiten. Wir dürfen ihn nicht im Stich lassen.«
»Das ist seine Aufgabe. Überlaß das ihm.«
»Im Augenblick soll er nicht den Grenzposten spielen, sondern uns zum Paß bringen!«
Der Zauberer kam zurückgeritten und redete leise auf ihn ein. »Genau das tut er gerade, Richard. Er hat geschworen, dich mit seinem Leben zu schützen. Und genau das tut er jetzt. Er sorgt dafür, daß du zum Paß kommst. Das mußt du einfach in deinen Kopf kriegen. Was du tust, ist wichtiger als das Leben eines einzelnen Mannes. Chase weiß das. Deswegen sollst du nicht umkehren und nach ihm suchen.«