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Richard war fassungslos. »Ich soll einen Freund in den Tod ziehen lassen, wenn ich es verhindern kann?« Das Heulen kam näher.

»Du sollst ihn nicht umsonst sterben lassen.«

Richard starrte seinen alten Freund an. »Aber vielleicht können wir helfen.«

»Vielleicht auch nicht.« Die Pferde stampften nervös mit den Hufen.

»Zedd hat recht«, sagte Kahlan. »Chase hinterherzureiten, beweist keinen Mut. Weiterreiten schon, wenn du ihm helfen willst.«

Richard wußte, sie hatten recht, gab es aber nur widerwillig zu. Er blickte Kahlan verärgert an. »Vielleicht kommst du eines Tages in seine Lage! Was soll ich dann deiner Meinung nach tun?«

Sie sah ihn gelassen an. »Weiterreiten!«

Er funkelte sie wütend an, wußte nicht, was er sagen sollte. Das Kreischen aus dem Wald war immer nähergekommen. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung.

»Richard, Chase macht das ständig, er wird schon zurechtkommen«, versuchte Zedd ihn zu beruhigen. »Ich wäre nicht überrascht, wenn er gerade eine Menge Spaß hat. Und nachher hat er etwas zu erzählen. Du kennst Chase. Vielleicht ist sogar ein Körnchen Wahrheit an seiner Geschichte.«

Richard war böse auf die beiden und auf sich selbst. Er gab seinem Pferd die Sporen und übernahm die Führung. Er wollte nicht mehr reden. Sie überließen ihn seinen Gedanken, ließen sein Pferd vorneweg traben. Es machte ihn wütend, daß Kahlan dachte, er könne sie einfach so alleine lassen. Sie war kein Grenzer. Warum sollten andere sterben, um sie selbst zu retten. Es ergab keinen Sinn. Zumindest wollte er den Sinn nicht sehen.

Er versuchte, nicht auf das Kreischen und Heulen hinten im Wald zu achten. Nach einer Weile entfernten sich die Schreie wieder. Aus dem Wald schien alles Leben gewichen. Es gab weder Vögel noch Kaninchen und nicht einmal Mäuse, nur die verschlungenen Bäume, Gestrüpp und Schatten. Er lauschte aufmerksam, um sich zu vergewissern, daß die beiden anderen folgten. Er wollte sich nicht umdrehen, wollte nicht in ihre Augen blicken müssen. Nach einer Weile hatte das Heulen aufgehört. Er fragte sich, ob dies ein gutes Zeichen war oder nicht.

Er wollte ihnen sagen, es täte ihm leid, er habe lediglich Angst um seinen Freund gehabt, brachte es aber nicht fertig. Er fühlte sich hilflos. Chase würde schon zurechtkommen, redete er sich ein. Er war der Anführer der Grenzposten und kein Narr, außerdem würde er sich auf nichts einlassen, das ihn überforderte. Er fragte sich, ob es überhaupt etwas gab, mit dem Chase nicht zurechtkam. Er fragte sich, ob er es fertigbrachte, Emma zu sagen, ihrem Mann sei etwas zugestoßen.

Er ließ seine Phantasie mit sich durchgehen. Chase ging es gut. Es ging ihm nicht nur gut, sondern er wäre sogar wütend auf Richard, weil er diese Gedanken dachte, ihn anzweifelte.

Der Nachmittag ging zur Neige. Hoffentlich kehrte Chase bald zurück. Richard fragte sich, ob er noch vor Einbruch der Dunkelheit eintreffen würde. Sollten sie ein Nachtlager aufschlagen, wenn nicht? Nein. Chase hatte ihnen verboten, Halt zu machen. Sie mußten weiterreiten, wenn nötig die ganze Nacht, bis er wieder zu ihnen stieß. Es schien, als beugten sich die Berge über sie, bereit, über sie herzufallen. So nahe war er der Grenze noch nie gewesen.

Trotz seiner Sorge um Chase verflog sein Ärger allmählich. Richard drehte sich um und sah zu Kahlan. Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln. Er fühlte sich besser und lächelte zurück. Er versuchte sich vorzustellen, wie die Wälder hier vor dem großen Waldsterben ausgesehen haben mochten. Möglicherweise war es ein wunderbarer Ort gewesen, grün, traulich, sicher. Vielleicht war sein Vater hier auf seinem Weg über die Grenze vorbeigekommen, war mit dem Buch im Gepäck über genau diese Straße zurückgekehrt.

Er fragte sich, ob alle Bäume in der Nähe der anderen Grenze sterben mußten, bevor sie fiel. Vielleicht konnten sie einfach abwarten, bis auch diese fiel, um sie dann einfach zu überqueren. Vielleicht brauchten sie keinen so großen Umweg nach Süden zu machen, zur Königspforte. Aber wie kam er auf den Gedanken, der Weg nach Süden sei ein Umweg? Er kannte sich in den Midlands nicht aus. Warum sollte ein Ort dann besser sein als ein anderer? Das gesuchte Kästchen konnte sich ebensogut im Süden wie auch weiter im Norden befinden.

Der Wald wurde dunkler. Richard hatte die Sonne schon seit ein paar Stunden nicht mehr gesehen, doch bestand kein Zweifel daran, daß sie unterging. Der Gedanke, nachts durch diesen Wald zu reiten, behagte ihm überhaupt nicht, aber hier zu übernachten schien noch übler. Er vergewisserte sich, daß die beiden anderen dicht auf seinen Fersen blieben.

Das Geräusch fließenden Wassers drang schwach durch die Stille des Abends, und ein kurzes Stück später stießen sie auf einen kleinen Fluß, über den eine Holzbrücke führte. Sie wollten gerade hinüber, als Richard hielt. Die Brücke gefiel ihm nicht. Irgend etwas stimmte da nicht. Er führte sein Pferd die Böschung hinab und warf einen Blick darunter. Die Stützbalken waren mit Hilfe von Eisenringen in Granitblöcken verankert. Die Bolzen fehlten.

»Jemand hat sich an der Brücke zu schaffen gemacht. Sie trägt einen Mann, aber kein Pferd. Sieht aus, als würden wir naß werden.«

Zedd zog ein mürrisches Gesicht. »Will ich aber nicht.«

»Na schön. Hast du eine bessere Idee?« wollte Richard wissen.

»Ja«, verkündete Zedd. »Ihr zwei geht hinüber, während ich die Brücke stütze.« Richard sah ihn an, als hätte der Zauberer den Verstand verloren. »Macht schon, es wird gehen.«

Zedd richtete sich im Sattel auf, streckte die Arme mit den Handflächen nach oben zur Seite, warf den Kopf zurück, holte tief Luft und schloß die Augen. Widerstrebend und vorsichtig überquerten die beiden die Brücke. Auf der anderen Seite wendeten sie ihre Pferde und sahen sich um. Das Pferd des Zauberers trat freiwillig auf die Brücke, während Zedd weiter die Arme ausstreckte, den Kopf in den Nacken warf und die Augen geschlossen hielt. Als er bei den beiden angekommen war, senkte er die Arme und sah sie an. Richard und Kahlan waren verblüfft.

»Vielleicht habe ich mich geirrt«, meinte Richard. »Vielleicht trägt die Brücke doch das Gewicht.«

Zedd grinste. »Vielleicht.« Er schnippte mit den Fingern, ohne sich umzusehen. Die Brücke stürzte krachend ins Wasser. Die Balken ächzten, als sie von der Strömung auseinandergezerrt und den reißenden Sturzbach hinuntergespült wurden. »Vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall konnte ich sie nicht so lassen. Jemand hätte kommen und sich verletzen können.«

Richard schüttelte den Kopf. »Eines Tages, mein Freund, werden wir uns zusammensetzen und lange miteinander reden.« Er riß sein Pferd herum und ritt weiter. Zedd warf Kahlan achselzuckend einen Blick zu. Sie zwinkerte ihm mit einem Lächeln zu, machte kehrt und folgte Richard.

Sie folgten weiter dem unheimlichen Pfad und behielten den Wald im Auge. Richard fragte sich, was Zedd sonst noch alles konnte. Mit zunehmender Dunkelheit überließ er seinem Pferd die Führung und fragte sich, wie lange diese tote Welt noch weitergehen mochte, oder ob die Straße sie je wieder hinausführen würde. Nachts erwachte die Gegend zum Leben. Seltsame Rufe und scharrende Geräusche. Sein Pferd scheute vor Dingen, die niemand sah. Er tätschelte ihm beruhigend den Hals und suchte den Himmel nach Gars ab. Es war aussichtslos. Der Himmel war nirgends zu erkennen. Sollten tatsächlich Gars auftauchen, es würde ihnen schwerfallen, sie zu überraschen. Der Baldachin aus toten Zweigen und Geäst verhinderte jede geräuschlose Annäherung. Vielleicht stellten die Wesen in den Bäumen eine noch größere Bedrohung als die Gars dar. Er wußte nichts über sie und war nicht sicher, ob er das überhaupt wollte. Sein Herz klopfte heftig.

Nach ungefähr einer Stunde hörte er weit links von ihnen, wie etwas durchs Unterholz brach. Er spornte sein Pferd zu einem leichten Trab an und vergewisserte sich, daß Kahlan und Zedd hinter ihm blieben. Was es auch war, es blieb auf gleicher Höhe. Jemand wollte ihnen den Weg abschneiden. Vielleicht war es Chase. Vielleicht aber auch nicht.