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Richard zog das Schwert der Wahrheit, preßte seine Schenkel um den Leib des Pferdes und trieb es zum Galopp an. Seine Muskeln spannten sich. Das Pferd raste die Straße entlang. Er wußte nicht, ob Kahlan oder Zedd ihm folgten. Im Grunde dachte er nicht einmal daran. Er versuchte, die Dunkelheit vor ihm zu durchdringen und zu erkennen, was ihn anfallen könnte. Sein Zorn schwappte über, Ungestüm und Gier brachen vor. Mit zusammengebissenen Zähnen ging er in tödlicher Absicht zum Angriff über. Wegen des Lärms der Hufe seines Pferdes hörte er das Wesen aus dem Wald nicht, aber er wußte, es war da und kam näher.

Dann erblickte er die dunklen Umrisse vor den kaum erkennbaren Schatten der Bäume. Ein Dutzend Meter vor ihm brach es aus dem Wald hinaus auf den Weg. Er hob das Schwert und griff an. In Gedanken malte er sich aus, wie es reagieren würde. Es wartete regungslos.

Im letzten Augenblick erkannte er Chase, der ihn mit erhobenem Arm stoppte, in der Faust die Umrisse einer Keule.

»Freut mich, zu sehen, daß du auf der Hut bist«, meinte der Grenzposten.

»Chase! Du hast mich fast um den Verstand gebracht.«

»Ich hatte mir einen Augenblick lang auch Sorgen gemacht.« Kahlan und Zedd schlossen auf. »Folgt mir, bleibt dicht hinter mir. Richard, du bildest den Schluß. Laß dein Schwert draußen.«

Chase wendete sein Pferd und stob im Galopp davon. Die anderen folgten. Richard wußte nicht, ob sie verfolgt wurden. Chase erweckte nicht den Anschein, als stünde ihnen ein Kampf bevor, andererseits hatte er ihm geraten, sein Schwert gezückt zu lassen. Alle hielten den Kopf gesenkt, für den Fall, daß niedrige Äste in den Weg hingen. Es war gefährlich, die Pferde in der Dunkelheit so rennen zu lassen. Doch das wußte Chase.

Sie kamen zu einer Weggabelung, der ersten seit langer Zeit. Ohne Zögern hielt der Grenzposten nach rechts, fort von der Grenze. Kurz darauf hatten sie den Wald hinter sich, das Mondlicht beschien ein offenes Gelände aus rollenden Hügeln und vereinzelten Bäumen. Nach einer Weile verlangsamte Chase das Tempo und ließ die Pferde im Schritt gehen.

Richard schob das Schwert in die Scheide und ritt zu den anderen. »Und was sollte das?«

Chase hakte die Keule zurück in den Gürtel. »Wesen aus dem Grenzgebiet verfolgen uns. Als sie euch angreifen wollten, bin ich dazwischengegangen und habe ihnen den Appetit verdorben. Einige sind zurück in das Grenzgebiet. Die übrigen verfolgen uns weiter innerhalb der Grenze, wo ich ihnen nicht nachsetzen kann. Deswegen wollte ich nicht, daß ihr zu schnell reitet. Ich hätte im Wald nicht mithalten können, sie hätten mich abgehängt und euch erwischt. Ich habe uns von der Grenze fortgeführt, weil ich ihnen für die Nacht unsere Witterung nehmen wollte. Es ist zu gefährlich, nachts derart dicht an der Grenze zu reiten. Wir werden auf einem der Hügel dort oben unser Lager aufschlagen.« Er sah Richard über die Schulter an. »Übrigens, wieso hast du da hinten angehalten? Ich hatte es euch doch verboten.«

»Ich habe das Geheul gehört und mir Sorgen um dich gemacht. Ich wollte kommen und dir helfen. Zedd und Kahlan haben es mir ausgeredet.« Richard hatte angenommen, Chase würde verärgert reagieren, aber das tat er nicht.

»Danke, aber mach das nicht noch mal. Während du dagestanden und nachgedacht hast, hätten sie dich fast erwischt. Zedd und Kahlan hatten recht. Beim nächsten Mal widersprich ihnen nicht.«

Richard spürte, wie seine Ohren brannten. Er wußte, sie hatten recht. Aber er fühlte sich trotzdem nicht besser, denn er hatte einem Freund nicht helfen dürfen.

»Chase«, fragte Kahlan. »Du hast gesagt, sie hätten einen erwischt. Stimmt das?«

Er betrachtete sie im Mondlicht. »Ja. Einen meiner Männer. Welchen, weiß ich nicht.« Er ritt schweigend weiter.

Sie schlugen ihr Nachtlager auf einem Hügel auf, von dem sie einen ungehinderten Blick auf alles hatten, was sich näherte. Chase und Zedd kümmerten sich um die Pferde, während Richard und Kahlan das Feuer anfachten, Brot, Käse und Trockenfrüchte auspackten und eine einfache Suppe kochten. Sie zog mit ihm los, machte sich zwischen den lichten Bäumen mit ihm auf die Suche nach Feuerholz und half ihm beim Tragen. Er meinte, sie beide wären ein gutes Team. Sie lächelte und wandte ihm dann den Rücken zu. Er faßte sie am Arm und drehte sie um.

»Kahlan, wärst du es gewesen, ich wäre losgeritten«, sagte er, und meinte mehr, als die Worte sagten.

Sie sah ihm in die Augen. »Bitte, Richard. Das darfst du nicht einmal denken.« Sachte zog sie ihren Arm zurück und ging zurück ins Lager.

Als die anderen nach der Versorgung der Pferde in den Feuerschein traten, sah Richard, daß die Scheide über Chases Schulter leer war und das Kurzschwert fehlte. Einige seiner Streitäxte und mehrere Langmesser fehlten ebenfalls. Dennoch war er jetzt keinesfalls hilflos, eher alles andere als das.

Die Keule an seinem Gürtel war von oben bis unten mit Blut verschmiert, seine Handschuhe damit durchtränkt, und er war überall damit bespritzt. Kommentarlos zog er ein Messer, hebelte einen zehn Zentimeter langen Zahn aus der Keule, der zwischen zwei der Klingen klemmte, und warf den Hauer über seine Schulter in die Dunkelheit. Nachdem er sich das Blut von Händen und Gesicht gewaschen hatte, setzte er sich zu den anderen ans Feuer.

Richard warf einen Ast ins Feuer. »Chase, was waren das für Kreaturen, die hinter uns her waren? Und wie ist es möglich, daß irgend etwas die Grenze nach Belieben verlassen kann?«

Chase nahm einen Laib Brot und brach ein großes Stück ab. Er sah Richard in die Augen. »Man nennt sie Herzhunde. Sie sind etwa doppelt so groß wie Wölfe, haben eine riesige Brust, die Köpfe sind eher flach, ihre Schnauze ist voller scharfer Zähne. Ziemlich wild. Ich bin nicht sicher, welche Farbe sie haben. Sie gehen nur nachts auf Jagd, wenigstens bis heute. Aber im Wald war es zu dunkel, um etwas zu erkennen, außerdem war ich beschäftigt. Es waren mehr, als ich je zuvor gesehen habe.«

»Warum werden sie Herzhunde genannt?«

Chase kaute ein Stück Brot und warf ihm einen stechenden Blick zu. »Da gehen die Meinungen auseinander. Herzhunde haben große, runde Ohren, ein sehr gutes Gehör. Manche behaupten, sie könnten jemanden an seinem Herzschlag erkennen.« Richard riß die Augen auf. »Andere meinen, sie heißen so, weil sie auf diese Weise töten. Sie springen dir auf die Brust. Die meisten Raubtiere gehen einem an die Kehle, die Herzhunde nicht. Sie gehen dir direkt ans Herz, und ihre Zähne sind groß genug dafür. Es ist auch das erste, was sie fressen. Ist es mehr als einer, streiten sie sich darum.«

Zedd schöpfte sich einen Teller Suppe und reichte Kahlan die Kelle.

Richard war der Appetit vergangen, trotzdem mußte er fragen. »Und was meinst du?«

Chase zuckte mit den Achseln. »Na ja, ich habe in der Nähe der Grenze im Dunkeln nie solange still gesessen, bis ich wußte, ob sie meinen Herzschlag hören.« Er nahm noch einen Bissen von dem Brot und sah sich beim Kauen auf die Brust. Er zog den schweren Kettenpanzer aus. In den Ketten waren zwei lange, ausgefranste Risse. In den verdrehten Gliedern klemmten Splitter eines gelben Gebisses. Das Lederhemd darunter war mit Hundeblut durchtränkt. »Dem hier ist die Klinge meines Kurzschwerts in der Brust abgebrochen, und dabei saß ich immer noch auf meinem Pferd.« Er sah zu Richard hinüber und zog eine Augenbraue hoch. »Beantwortet das deine Frage?«

Richard bekam eine Gänsehaut. »Und wieso können sie nach Belieben die Grenze überschreiten?«

Chase nahm Kahlan den Teller Suppe aus der Hand. »Das hat etwas mit dem Zauber der Grenze zu tun. Sie wurden zusammen mit ihr geschaffen. Sie sind sozusagen die Wachhunde der Grenze. Sie können sie verlassen und wieder zurück. Die Grenze hat keinen Einfluß mehr auf sie. Trotzdem sind sie an sie gebunden, weit können sie sich nicht von ihr entfernen. Als die Grenze schwächer wurde, konnten sie in immer größerem Umkreis jagen. Das macht das Reisen auf dem Händlerpfad gefährlich, aber jeder andere Weg nach Kings' Port würde mindestens eine Woche länger dauern. Die Abkürzung, die wir genommen haben, ist die einzige, die sich von der Grenze entfernt, bis wir Southhaven erreichen. Ich wußte, daß ich zu euch stoßen mußte, bevor ihr sie passiert hattet, sonst hätten wir die Nacht dort verbringen müssen, zusammen mit den Hunden. Morgen, bei Tageslicht, wenn es sicherer ist, zeige ich euch, wie die Grenze immer schwächer wird.«