Richard nickte. Alle hingen wieder ihren eigenen Gedanken nach.
»Sie sind hellbraun«, sagte Kahlan leise. Alles drehte sich zu ihr um. Sie saß da und starrte ins Feuer. »Die Herzhunde sind hellbraun, ihr Fell ist kurz, wie auf dem Rücken eines Rehs. Mittlerweile kann man sie überall in den Midlands sehen, da sie mit dem Fall der anderen Grenze aus ihrer Bindung entlassen worden sind. Das Fehlen einer Aufgabe macht sie völlig hemmungslos, jetzt kriechen sie schon bei Tag aus ihren Löchern hervor.«
Die drei Männer saßen regungslos und dachten über ihre Worte nach. Selbst Zedd hatte aufgehört zu essen.
»Großartig«, sagte Richard kaum hörbar. »Und was gibt es sonst noch in den Midlands? Womöglich noch Schlimmeres!«
Es war keine Frage, eher ein verzweifelter Fluch. Das Feuer knackte, wärmte ihre Gesichter.
Kahlans Blick war in die Ferne geschweift. »Darken Rahl«, flüsterte sie.
13
Richard saß gegen einen Fels gelehnt ein Stück vom Lager entfernt, hatte seinen Umhang fest um sich gerafft und hielt Ausschau in Richtung Grenze. Der schwache Wind trug einen eisigen Hauch mit sich. Chase hatte ihm die erste Wache gegeben, Zedd sollte die zweite übernehmen, und der Grenzer selbst die dritte. Kahlan hatte protestiert, als man ihr keine Wache zuteilte, fügte sich am Ende jedoch Chases Wunsch. Das Mondlicht schien über das offene Land zwischen seinem Platz und der Grenze. Es bestand aus ausgedehnten Hügeln, einigen Bäumen und ein paar Bachläufen. Ein gemütlicher Ort, wenn man bedachte, wie nahe er den Grenzwäldern war. Natürlich waren auch die Wälder zu irgendeiner Zeit, bevor Darken Rahl die Kästchen ins Spiel gebracht und mit der Zerstörung der Grenze begonnen hatte, einmal gemütlich gewesen. Chase hatte gemeint, er glaube nicht, die Herzhunde könnten soweit herumstreunen. Für den Fall, daß er sich irrte, hatte Richard die Absicht, sie kommen zu sehen. Er ließ die Hand über den Griff des Schwertes gleiten, ertastete das Wort Wahrheit und fuhr gedankenverloren mit den Fingern über die erhabenen Buchstaben, während er den Nachthimmel absuchte und schwor, sich nicht noch einmal von den Gars überraschen zu lassen. Er war froh, die erste Wache zugeteilt bekommen zu haben, denn er war nicht schläfrig. Erschöpft ja, aber nicht schläfrig. Trotzdem mußte er gähnen.
Die Berge, die einen Teil der Grenze bildeten, lagen entfernt am Rande der Dunkelheit, hinter dem verfilzten Geäst des Waldes, und ragten in die Höhe wie das Rückgrat eines Monsters, das zu groß war, sich zu verstecken. Richard fragte sich, was ihn wohl aus diesem schwarzen Schlund anstarren mochte. Chase hatte gemeint, das Grenzgebirge würde niedriger, sobald sie nach Süden kämen, und sei an ihrem Ziel so gut wie verschwunden. Unerwartet glitt Kahlan, ebenfalls dicht in ihren Umhang gehüllt, in der Dunkelheit leise an seine Seite, und drückte sich wegen der Wärme dicht an ihn heran. Sie sagte nichts, schmiegte sich nur an. Verirrte Strähnen ihres Haares berührten sein Gesicht. Der Griff ihres Messers bohrte sich ihm in die Seite, doch er sagte nichts, aus Angst, sie könne wieder gehen.
»Schlafen die anderen?« fragte er ruhig und warf einen Blick über seine Schulter. Sie nickte. »Woher weißt du das?« Er lächelte. »Zedd schläft mit offenen Augen.«
Sie erwiderte sein Lächeln. »Das tun alle Zauberer.«
»Wirklich? Ich dachte, nur Zedd.«
Er suchte das Tal nach irgendeiner Bewegung ab und spürte dabei ihren Blick. Er sah sie an. »Kannst du nicht schlafen?« Sie war so nah, daß er nur zu flüstern brauchte.
Sie zuckte mit den Achseln. Die leichte Brise wehte ein paar ihrer langen Haare über sein Gesicht. Sie wischte sie fort. Ihr Blick fand seine Augen. »Ich wollte dir sagen, es tut mir leid.«
Er wünschte, sie würde ihren Kopf an seine Schulter legen, doch sie tat es nicht. »Weswegen?«
»Du sollst mir nicht nachreiten. Du sollst nicht meinen, ich wüßte deine Freundschaft nicht zu schätzen. So ist es nicht. Nur, was wir tun, ist wichtiger als ein einzelner Mensch.«
Er hörte sich ihre Entschuldigung an und spürte, was sie ihm sagen wollte. Doch darüber sprachen sie gar nicht. Sie hatte an ganz etwas anderes gedacht, genau wie er. Er sah ihr in die Augen, spürte ihren Atem auf seinem Gesicht.
»Kahlan, hast du jemanden?« Er spürte den Pfeil in seinem Herz, fragen mußte er trotzdem. »Jemanden, der zu Hause auf dich wartet, meine ich. Einen Geliebten?«
Er hielt dem Blick aus ihren grünen Augen lange stand. Sie sah nicht fort, doch ihre Augen füllten sich mit Tränen. Lieber als alles andere hätte er gerne die Arme um sie geschlungen und sie geküßt.
Sie strich ihm sachte mit der Rückseite der Finger übers Gesicht. Und räusperte sich. »So einfach ist das nicht, Richard.«
»Doch, ist es. Entweder du hast jemanden, oder nicht.«
»Ich habe Verpflichtungen.«
Eine Weile schien es, als wolle sie ihm etwas sagen, ihm ihr Geheimnis verraten.
Sie sah im Mondlicht so wunderschön aus, doch war es nicht nur ihr Anblick, es war ihr Inneres, angefangen von ihrer Intelligenz bis hin zu ihrem Mut, ihrem Witz, dem besonderen Lächeln, das sie nur ihm schenkte. Falls es so etwas gäbe, er würde einen Drachen töten, nur um dieses Lächeln zu sehen. Sein Leben lang wollte er keine andere mehr. Lieber verbrächte er den Rest seines Lebens allein als mit einer anderen. Es gab keine andere mehr. Ausgeschlossen.
Er sehnte sich verzweifelt danach, sie an sich zu drücken. Er verlangte nach ihren weichen Lippen. Aber statt dessen beschlich ihn unerklärlicherweise dasselbe Gefühl wie beim Überqueren der Brücke. Das Gefühl einer deutlichen Warnung, deutlicher als sein Verlangen, sie zu küssen. Irgend etwas verriet ihm, daß er eine Brücke zuviel überqueren würde, wenn er es trotzdem tat. Er mußte daran denken, wie die Zauberkraft entflammt war, als sie seine Schwerthand berührt hatte. Bei der Brücke hatte er sich nicht getäuscht, also riß er sich zusammen.
Sie wich seinem Blick aus und sah zu Boden. »Chase meint, die nächsten beiden Tage werden hart. Ich denke, ich schlafe besser ein wenig.«
Er hatte keinen Einfluß darauf, was in ihrem Kopf vorging. Das wußte er. Zwingen konnte er sie nicht. Damit mußte sie allein fertig werden.
»Du hast mir gegenüber auch eine Verpflichtung«, sagte er. Sie sah ihn fragend an und runzelte die Stirn. Er lächelte. »Du hast versprochen, mein Führer zu sein. Ich habe vor, dich beim Wort zu nehmen.«
Sie lächelte und konnte nur nicken. Sie war den Tränen zu nahe, um etwas zu sagen. Sie berührte ihre Fingerspitzen mit dem Mund und legte sie ihm anschließend auf die Wange, dann verschwand sie in der Nacht.
Richard saß in der Dunkelheit und schluckte heftig an dem Kloß in seinem Hals. Lange, nachdem sie gegangen war, spürte er noch die Stelle auf seiner Wange, wo sie ihn berührt hatte. Ihren Kuß.
Die Nacht war so still, und Richard kam sich vor, als sei er der einzig Wache auf der ganzen Welt. Sterne funkelten und sahen aus wie Zedds Zauberstaub, während der Mond stumm auf ihn herabblickte. Nicht einmal die Wölfe heulten in dieser Nacht. Die Einsamkeit drohte ihn zu zerdrücken.
Plötzlich wünschte er sich, irgend etwas würde angreifen, nur damit er auf andere Gedanken kam. Er zog sein Schwert und polierte es, um sich zu beschäftigen, obwohl die Klinge bereits funkelte. Das Schwert gehörte ihm, er konnte es benutzen, wie er es für richtig hielt. Das hatte Zedd ihm gesagt. Ob es Kahlan gefiel oder nicht, er würde es gebrauchen, um sie zu beschützen. Sie wurde gejagt. Was immer an sie heranwollte, mußte erst sein Schwert überwinden. Der Gedanke an ihre Häscher, die Quadrone und Darken Rahl, ließ seinen Zorn aufflammen. Jetzt sollten sie angreifen, damit er der Bedrohung ein Ende bereiten konnte. Er sehnte sich geradezu danach. Sein Herz klopfte. Er biß die Zähne zusammen.