Richard dachte zurück und versuchte sich an jeden einzelnen Tag zu erinnern. Die meiste Zeit hatte die Ermordung seines Vaters seine Gedanken vernebelt. Es schien so lange her. »Am Abend bevor ich die Schlingpflanze fand, hat es im Ven Forest geregnet. Aber als ich hierherkam, war es bereits wieder aufgeklart. Nein, geregnet hat es nicht. Ich kann mich nicht erinnern, daß es seit der Ermordung meines Vaters bewölkt gewesen wäre. Jedenfalls nicht mehr als ein paar dünne Wolken hoch oben. Wieso?«
»Nun, vielleicht weiß ich dann einen Weg, wie man die Wolke täuschen könnte. Auch wenn ich sie nicht von dir lösen kann. Der Himmel war in der ganzen Zeit klar. Das könnte durchaus Rahls Werk sein. Er hat die anderen Wolken fortgeschafft, damit er diese eine leicht finden kann. Einfach, aber wirksam.«
»Wie hätte er die Wolken fortschaffen können?«
»Er hat sie mit einem Fluch belegt, um die anderen Wolken abzustoßen, und dann hat er sie dir irgendwie angehängt.«
»Warum belegst du sie dann nicht mit einem stärkeren Zauber, um andere Wolken anzulocken? Sie wäre verloren, bevor er etwas merkt, und er könnte sie nicht mehr rechtzeitig finden, um deinen Zauber zu übertreffen. Sollte er einen noch stärkeren Zauber benutzen, um die Wolken zu vertreiben und diese wiederzufinden, wird er nicht herausfinden können, was du getan hast, und der stärkere Zauber, der die Wolken vertreibt, würde die Bindung lösen.«
Zedd sah ihn ungläubig an, zwinkerte mit den Augen. »Donnerwetter, Richard, du hast es verstanden! Mein Junge, ich denke, du würdest einen ausgezeichneten Zauberer abgeben.«
»Nein danke, eine unerfüllbare Aufgabe reicht mir.«
Zedd wich ein wenig zurück und legte die Stirn in Falten, sagte jedoch nichts. Mit seiner dürren Hand griff er unter sein Gewand und zog einen Stein hervor, den er vor ihnen auf den Boden warf. Dann stand er auf und ließ seine Finger in der Luft über dem Stein kreisen, bis, er sich plötzlich in einen großen Felsen verwandelte.
»Zedd! Das ist ja dein Wolkenstein!«
»Genaugenommen, mein Junge, handelt es sich um einen Zaubererfelsen. Mein Vater hat ihn mir vor langer Zeit geschenkt.«
Der Zauberer rührte mit seinen Fingern schneller und schneller, bis Licht hervorbrach, ein Wirbel aus Funken und Farben. Er rührte weiter, mischte und vermengte das Licht. Es gab kein Geräusch, nur den angenehmen Duft eines Frühlingsschauers. Endlich schien der Zauberer zufrieden.
»Stell dich auf den Felsen, mein Junge.«
Anfangs noch unsicher, stieg Richard ins Licht. Es kribbelte und fühlte sich warm an, so als läge man nach dem Schwimmen ohne Kleider in der heißen Sonne. Er genoß das warme Gefühl der Geborgenheit. Er ließ die Hände seitlich davonschweben, bis sie waagerecht in der Luft standen. Er warf den Kopf zurück, atmete tief durch und schloß die Augen. Ein seltsames Gefühl, so als treibe man im Wasser, nur, daß es Licht war. Heiterkeit durchströmte ihn. In Gedanken fühlte er sich treibend und zeitlos verbunden mit allem, was ihn umgab. Er war eins mit den Bäumen, den Vögeln, den Tieren ringsum, dem Wasser, selbst mit der Luft. Er war kein einzelnes Wesen mehr, sondern Teil eines Ganzen. Er sah die Verbindung der Dinge in einem neuen Licht, hielt sich gleichzeitig für unbedeutend und allmächtig. Er sah die Welt mit den Augen aller Wesen ringsum. Eine schockierende, wunderbare Erkenntnis. Er ließ sich in einen Vogel hineintreiben, der über ihren Köpfen flog, sah die Welt durch seine Augen, jagte nach Mäusen, hungrig und bedürftig, betrachtete das Lagerfeuer unten, die schlafenden Menschen.
Richard verstreute sein Wesen in alle vier Winde. Er wurde niemand und jedermann, spürte das brennende Verlangen von allen Geschöpfen, witterte ihre Angst, schmeckte ihre Freude, verstand ihre Bedürfnisse. Dann ließ er alles zu Nichts zusammenschmelzen, bis an dem Ort, an dem er stand, eine Leere vorhanden war, bis er allein im Universum war, das einzig Lebendige, überhaupt das einzig Existierende; er ließ sich vom Licht durchfluten, Licht, das all die anderen hervorbrachte, die eben diesen Fels benutzt hatten, Zedd, sein Vater und die Zauberer vor ihnen, unzählige Jahre lang, Jahrtausende, jeden einzelnen von ihnen. Ihr Geist durchwehte ihn, teilte sich ihm mit, während ihm angesichts des Wunders die Tränen die Wangen hinabliefen.
Zedds Hände schnellten vor und verteilten magischen Staub. Er fuhr flüssig blinkend um Richard herum, bis der in der Mitte des Wirbels stand. Das Glitzern kreiste immer enger, bis es sich auf seiner Brust sammelte. Mit einem klingenden Geräusch, wie von einem Kristallüster im Wind, stieg es empor in den Himmel wie ein Drachen an einer Leine, nahm dabei das Geräusch mit sich, höher und höher, bis es die Wolke erreicht hatte. Die Wolke sog den magischen Staub in sich auf und wurde von innen in wilden Farben erleuchtet. Ringsum am Horizont kam Wetterleuchten auf, gezackte Blitze zuckten ungehemmt und erwartungsvoll mal hierhin, mal dorthin.
Urplötzlich hörte das Wetterleuchten auf, das Leuchten in der Wolke wurde schwächer und verschwand, und das Licht aus dem Felsen des Zauberers wurde nach innen gesogen, bis es erloschen war. Plötzlich herrschte Stille. Richard war wieder da. Er stand auf einem einfachen Stein. Mit aufgerissenen Augen sah er zu Zedd hinüber, der ihn anlächelte.
»Zedd«, sagte er tonlos, »jetzt weiß ich, warum du ständig auf diesem Felsen stehst. In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts Ähnliches gefühlt. Ich hatte ja keine Ahnung.«
Zedd lächelte wissend. »Du bist ein Naturtalent, mein Junge. Du hast deine Arme genau richtig gehalten, dein Kopf hatte die richtige Neigung, sogar den Rücken hast du richtig gekrümmt. Du hast dich hineingestürzt wie ein Entenküken in den Teich. Du hast alles, was ein guter Zauberer braucht.« Er beugte sich in bester Laune vor. »Jetzt stell dir vor, wie es ist, wenn man nackt ist.«
»Das macht etwas aus?« fragte Richard verwundert.
»Natürlich. Die Kleider stören.« Zedd legte Richard den Arm um die Schulter. »Eines Tages werde ich dich es ausprobieren lassen.«
»Zedd, warum hast du mich das tun lassen? Es war überflüssig. Du hättest es selber tun können.«
»Wie fühlst du dich jetzt?«
»Ich weiß nicht. Anders. Entspannt. Mein Kopf ist klarer. Nicht mehr so angespannt, nicht mehr so niedergeschlagen.«
»Genau deswegen, mein Freund. Weil du es gebraucht hast. Du hast einen harten Tag hinter dir. Ich kann dir deine Last nicht abnehmen, aber ich kann dafür sorgen, daß du dich besser fühlst.«
»Danke, Zedd.«
»Schlaf jetzt etwas. Ich bin mit der Wache dran.« Er zwinkerte Richard zu. »Solltest du dich jemals anders entscheiden und Zauberer werden wollen, würde ich dich voller Stolz in die Bruderschaft aufnehmen.«
Zedd hob die Hand. Aus der Dunkelheit kam das Stück Käse herangeschwebt, das er fortgeworfen hatte.
14
Chase zügelte sein Pferd. »Hier. Der Platz ist gut.« Er führte die übrigen drei vom Pfad herunter, durch einen ausgedehnten, mit toten Fichten bestandenen Wald; die silbergrauen Skelette der Bäume waren bis auf ein paar Äste und gelegentlichen, mattgrünen Moosbewuchs kahl. Der weiche Grund war mit den Leichen verwesender Falter bedeckt. Braunes Sumpfgras, dessen breite, flache Blätter von früheren Stürmen kreuz und quer auf den Boden gedrückt worden waren, sah aus wie ein Meer ineinander verflochtener, toter Schlangen. Die Pferde suchten sich vorsichtig ihren Weg durch das Gewirr. Die Luft war warm, schwer von Feuchtigkeit, trug den fauligen Geruch der Verwesung. Eine Moskitowolke folgte ihnen. Das einzig Lebendige hier, soweit Richard es beurteilen konnte. So offen das Gelände auch war, der Himmel bot wenig Helligkeit, da eine dichte Wolkendecke drückend tief über dem Boden hing. Nebelfetzen zogen zwischen den Silberdornen der stehengebliebenen Bäume hindurch und machten sie feucht und glitschig.
Chase ritt voran, es folgten Zedd, Kahlan und zum Schluß Richard, und der Grenzer hielt ein Auge auf sie, während sie ihrem verschlungenen Weg folgten. Die Sicht war auf wenige Dutzend Meter beschränkt. Richard hielt die Augen offen, obwohl Chase einen unbesorgten Eindruck machte. Hier konnte sich alles dicht heranschleichen, bevor man es merkte. Alle vier hatten mit den Moskitos zu kämpfen und sich bis auf Zedd dicht in ihre Umhänge gehüllt. Zedd verzichtete auf einen Umhang, tat sich an den Resten des Mittagessens gütlich und schaute sich um, als sei er auf einer Vergnügungsreise. Richard hatte einen ausgezeichneten Orientierungssinn, trotzdem war er froh, daß sie Chase als Führer hatten. Hier im Sumpf sah alles gleich aus, und aus Erfahrung wußte er, wie leicht es war, sich zu verlaufen.