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Plötzlich merkte Richard zu seinem Entsetzen, was er beinahe getan hätte. Chase ließ seine Schwerthand los. Zitternd legte Richard sie dem kräftigen Mann auf die Schulter, um sich abzustützen. Er hatte Mühe, wieder zu Atem zu kommen, als sie aus dem grünen Licht traten. Mit einem Gefühl der Erleichterung kehrte er zurück in seine Welt.

Chase beugte sich vor und sah ihm in die Augen. »Alles in Ordnung?«

Richard nickte. Er war zu überwältigt, um etwas zu sagen. Der Anblick seines Vaters hatte seinen verheerenden Kummer aufleben lassen. Er mußte sich konzentrieren, um atmen zu können, auf den Beinen zu bleiben. Sein Hals schmerzte. Fast wäre er erstickt. Er hatte es überhaupt nicht bemerkt.

Eine entsetzliche Angst brachte seine Gedanken zum Rasen, als er merkte, wie dicht er davor gewesen war, durch den Wall in den Tod zu treten. Er war auf diese Begegnung nicht vorbereitet gewesen. Hätte Chase ihn nicht zurückgehalten, wäre er jetzt tot. Er hatte sich der Unterwelt ergeben wollen. Er war sich selber völlig fremd. Wie konnte er gewollt haben, sich der Unterwelt hinzugeben? War er so schwach? So zerbrechlich?

Richard schwirrte vor Schmerz der Kopf. Er wurde das Bild seines Vaters nicht mehr los, der sich verzweifelt nach ihm gesehnt hatte. Es wäre so einfach gewesen. Das Bild verfolgte ihn, ließ nicht locker. Er wollte nicht, daß es verschwand, er wollte zurück. Noch immer spürte er den Sog, trotz seines Widerstandes.

Kahlan erwartete sie am Rand des grünen Lichtscheins. Sie legte ihm schützend den Arm um die Hüfte und zog ihn von Chase fort. Mit der anderen Hand faßte sie sein Kinn, drehte seinen Kopf und zwang ihn, sie anzusehen.

»Richard. Hör zu. Denk an etwas anderes. Lenk dich ab. Du mußt an etwas anderes denken. Erinnere dich an jede Abzweigung auf sämtlichen Pfaden Kernlands. Kannst du das für mich tun? Bitte. Jetzt sofort. Erinnere dich an jede einzelne. Für mich.«

Er nickte und begann, sich die Pfade ins Gedächtnis zu rufen.

Kahlan ging wütend auf Chase los und schlug ihm ins Gesicht, so fest sie konnte.

»Du Bastard!« kreischte sie. »Warum hast du ihm das angetan?« Sie legte ihr ganzes Gewicht hinein und schlug ihn erneut mit solcher Wucht, daß ihr die Haare ins Gesicht flogen. Chase versuchte nicht, sie daran zu hindern. »Das hast du absichtlich getan! Wie konntest du das tun?« Sie holte zum dritten Mal aus, doch diesmal packte er sie am Handgelenk.

»Soll ich es dir verraten, oder willst du weiter auf mich einprügeln?«

Sie riß ihre Hand los, und blickte ihn wutschnaubend an. Einige ihrer Haare klebten ihr schräg übers Gesicht.

»Das Durchschreiten der Königspforte ist gefährlich. Der Durchgang ist nicht gerade, sondern voller Biegungen und Kurven. An manchen Stellen, wo sich die beiden Wälle der Grenze fast berühren, ist sie sehr eng. Ein Schritt nach rechts oder links, und du bist dahin. Du hast die Grenze überquert, Zedd ebenfalls. Ihr beide versteht das. Man sieht sie erst, wenn man sich hineinbegibt, ansonsten weiß man nicht mal, wo sie ist. Ich weiß es nur deswegen, weil ich mein Leben hier draußen verbracht habe. Jetzt ist sie sogar noch gefährlicher, weil sie schwächer wird, und es noch leichter fällt, in sie hineinzulaufen. Wenn Richard auf dem Paß angefallen wird, könnte es sein, daß er in die Unterwelt rennt und es nicht einmal merkt.«

»Das ist keine Entschuldigung! Du hättest ihn warnen können!«

»Ich kenne kein Kind, das gebührenden Respekt vor dem Feuer hätte, wenn es nicht wenigstens einmal die Hand hineingehalten hätte. Das ist immer noch der beste Weg, ansonsten kann man reden, soviel man will. Ohne eine Vorstellung von der Königspforte käme Richard auf der anderen Seite nicht heil heraus. Ja, ich habe ihn absichtlich hineingenommen. Um es ihm zu zeigen. Um ihm das Leben zu retten.«

»Du hättest es ihm sagen können!«

Chase schüttelte den Kopf. »Nein. Er mußte es mit eigenen Augen sehen.«

»Genug!« sagte Richard. Endlich hatte er wieder einen klaren Kopf. Alle drehten sich zu ihm um. »Den Tag will ich noch erleben, an dem mich nicht wenigstens einer von euch fast um den Verstand bringt, auch wenn ihr von ganzem Herzen nur mein Bestes wollt. Im Augenblick haben wir jedoch wichtigere Sorgen. Chase, woher weißt du, daß die Grenze schwächer wird? Was hat sich verändert?«

»Der Wall bröckelt. Man konnte früher nicht durch das Grün in die Finsternis blicken. Auf der anderen Seite war nichts zu erkennen.«

»Chase hat recht«, brachte Zedd vor. »Ich konnte es sogar von hier aus sehen.«

»Wie lange wird es dauern, bis sie zusammenbricht?« fragte Richard den Zauberer.

Zedd zuckte mit den Achseln. »Schwer zu sagen.«

»Dann rate!« fuhr Richard ihn an. »Gib mir irgendeine Vorstellung. So gut es geht.«

»Sie wird wenigstens noch zwei Wochen halten. Aber nicht länger als sechs oder sieben.«

Richard dachte einen Augenblick lang nach. »Kannst du deinen Zauber benutzen, um sie zu stabilisieren?«

»Über diese Art von Macht verfüge ich nicht.«

»Chase, weißt du, ob Darken Rahl die Königspforte kennt?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Nun, ist jemand über den Paß gekommen?«

Chase überlegte. »Ich glaube nicht.«

»Ich bezweifle es«, meinte Zedd. »Rahl kann durch die Unterwelt reisen, er braucht den Paß gar nicht. Außerdem bringt er die Grenze ohnehin zum Einsturz. Ich glaube, er wird sich kaum um einen kleinen Paß scheren.«

»Sich um etwas scheren ist etwas anderes, als von etwas wissen«, sagte Richard. »Ich glaube, wir sollten nicht hier rumstehen. Außerdem macht mir Sorge, er könnte wissen, wohin wir gehen.«

Kahlan wischte sich das Haar aus dem Gesicht. »Was meinst du damit?«

Richard sah sie verständnisvoll an. »Meinst du, du hast deine Schwester und deine Mutter gesehen, als du dort drinnen warst?«

»Ich glaube schon. Bist du anderer Ansicht?«

»Ich glaube, es war nicht mein Vater.« Er sah zum Zauberer hinüber. »Was meinst du?«

»Unmöglich zu sagen. Kein Mensch weiß wirklich etwas über die Unterwelt.«

»Darken Rahl schon«, meinte Richard bitter. »Mein Vater würde mich nicht auf diese Weise holen wollen. Aber Darken Rahl. Meine Augen sagen mir etwas anderes. Aber vermutlich waren es doch Darken Rahls Jünger, die nach mir gegriffen haben. Du hast gesagt, wir könnten nicht durch die Grenze, weil sie nur darauf warten. So wollen sie uns kriegen. Ich denke, was ich gesehen habe, waren seine Gefolgsleute aus der Unterwelt. Sie wissen genau, wo ich den Wall berührt habe. Wenn ich mich nicht irre, wird Darken Rahl also bald wissen, wo wir uns befinden. Ich möchte nicht hierbleiben, um herauszufinden, ob ich recht habe.«

»Richard hat recht«, meinte Chase. »Und wir müssen vor Einbruch der Nacht den Skowsumpf erreichen, bevor die Herzhunde ausbrechen. Das ist der einzige sichere Ort zwischen hier und Southhaven. Southhaven werden wir vor morgen abend erreicht haben. Dort sind wir vor den Hunden sicher. Und übermorgen werden wir eine Freundin von mir aufsuchen, Adie, die Knochenfrau. Sie lebt in der Nähe des Passes. Um hindurchzukommen brauchen wir ihre Hilfe. Heute abend jedoch ist der Sumpf unsere einzige Chance.«

Richard wollte gerade fragen, was eine Knochenfrau ist und wieso sie ihre Hilfe zum Überqueren der Grenze brauchten, da schlug aus der Luft ein dunkler Schatten wie eine Peitsche zu und traf Chase mit solcher Wucht, daß er über mehrere gefällte Bäume hinweggeschleudert wurde. In erschreckendem Tempo wickelte sich die schwarze Gestalt peitschengleich um Kahlans Beine und riß ihr die Füße weg. Sie schrie Richards Namen. Er warf sich auf sie, versuchte, nach ihr zu greifen. Sie packten sich an den Handgelenken. Zusammen wurden sie über den Boden Richtung Grenze geschleift.

Zedd schleuderte aus seinen Fingern Feuer über ihre Köpfe hinweg. Er schoß kreischend vorbei und war verschwunden. Ein weiterer Tentakel hieb schnell wie das Licht auf den Zauberer ein und schleuderte den alten Mann durch die Luft. Richard hakte sich mit einem Fuß am Ast eines Stammes fest. Faulig wie das Holz war, brach er von dem Stumpf ab. Er warf sich herum und versuchte, die Hacken in den Boden zu stemmen. Seine Stiefel glitten auf dem feuchten Sumpffarn aus. Er rammte die Hacken in die Erde, doch er war nicht kräftig genug, zu verhindern, daß die beiden über den Boden geschleift wurden. Er mußte seine Hände freibekommen.